15 März 2004, 19:42
Gibsons unbequeme Klarheit
 
Legionaere
 
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Hier die "Passion Christi" – dort der Glaube an den Kuschelgott
Ein Kommentar des Protestanten Uwe Siemon-Netto

Zwei Milliarden Menschen glauben, daß Jesus für ihre Sünden gekreuzigt worden ist. Nichts anderes hat Mel Gibson in seinem Film „Die Passion Christi“ dargestellt – mit einer brutalen Deutlichkeit, die in unserer Ära des Plapperns und Mümmelns manchen tüchtig nervös macht. Im deutschsprachigen Raum weiß man nicht, worüber man sich im Zusammenhang mit diesem Streifen mehr empören soll – über die gehässigen Unterstellungen von Nichtchristen, die unsere Medien dominieren, oder die Spitzfindigkeiten, mit denen Kirchenleute an Gibsons Werk herumkritteln? Gibson verbreite „Antisemitismus unter dem Deckmantel eines Films“, behauptete zum Beispiel der Ex-Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, in der Bild-Zeitung. Das ist unwahr. Gibson hat von der ersten Szene an deutlich gemacht, wer an Christi Leid schuld ist – nicht „die Juden“, sondern „unsere Missetat … unsere Sünde” (Jesaja 53,6). So unmißverständlich steht’s in der ersten Szene auf der Leinwand; aber bei den katechetischen Analphabeten unserer gackernden Talkshow-Elite fällt der Groschen immer noch nicht. In schauerlicher Weise zeigt sich hier wieder, daß der Glaube, der seit fast 2.000 Jahren überragende Gestalten wie St. Augustin, Thomas von Aquin, Luther, Calvin, Wesley, Michelangelo, Dürer und Bach angetrieben hat, in unseren Landen verächtlich gemacht werden darf wie keine andere Religion oder Weltanschauung. Noch schlimmer ist, daß sich Berufschristen an diesem Geschäft beteiligen.

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Ein ekelhafter Kommentar

Zwei Wiener Theologen, der Oberkirchenrat Michael Bünker und der reformierte Landessuperintendent Peter Karner, begaben sich sogar in die Untiefen des Schmuddelsexes, um Gibson zu verunglimpfen: Sein Film verherrliche Gewalt „auf sadomasochistische Weise”, lautete ihr ekelhafter Kommentar. Selbst der oberste Katholik in Deutschland, Karl Kardinal Lehmann, Gibsons Glaubensbruder, konnte sich’s nicht verkneifen, auf die Gefahr „antisemitischer Unterstützung“ in der „Passion Christi“ hinzuweisen – einer dezidiert nicht vorhandenen Gefahr, wie prominente US-Rabbiner betont haben.

Da kann man als Protestant fast stolz sein, daß wenigstens einer von uns, der stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende Christoph Kähler (Eisenach), Gibsons Werk als „stark“ erkannt hat; man fühlt sich hier an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern erinnert. Die EKD hingegen eierte herum: Man solle den Film „weder empfehlen noch skandalisieren”. Hatte da nicht einer einmal gesagt: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein”? Gewiß, man kann sich ehrlich darüber streiten, ob Gibson zu realistisch war. Zwar sehen wir im Fernsehen, welchen Horror das manifest Böse am 11. September 2001 in New York oder am 11. März 2004 in Madrid angerichtet hat. Aber das blutige Leiden des fleischgewordenen Gottes – nein, das darf man doch soooo nicht auf die Leinwand projizieren! Nur noch Blinden und Tauben kann heute entgehen, wie recht der Theologe Helmut Thielicke hatte, als er im Zweiten Weltkrieg schrieb, daß „ein Schuldverhängnis über der Welt brütet, ihren Kontinenten und Meeren“. Hier hilft kein postmoderner Kuschelgott, sondern nur der Glaube an das Leiden und die Auferstehung Christi. Daran hat uns Gibson dankenswerterweise erinnert. (Der Autor, Dr. Uwe Siemon-Netto (Washington), ist lutherischer Theologe und Journalist) (idea)

Foto: (c) ICON-Production

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