10 Mai 2019, 11:50
„2000 Jahre Kirchengeschichte – 2000 Jahre Kampf um den Leib“
 
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„Immer wurde um die Leiblichkeit gerungen. Und zwar in dreifacher Hinsicht: um den Leib des Herrn, um den Leib der Kirche und um den Leib des Menschen überhaupt.“ Predigt von Weihbischof Dominik Schwaderlapp

Köln (kath.net) kath.net dokumentiert die Predigt von Weihbischof Dominik Schwaderlapp zum Weißen Sonntag am 28.4.2019 im Hohen Dom zu Köln in voller Länge und dankt für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung.

Veni, sancte spiritus!
I.
Liebe Schwestern und Brüder!
„Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht“ (Joh 20,25). So sehr der Apostel Thomas für diesen Zweifel vom Herrn getadelt wird, so hat er doch auch gewissermaßen „ins Schwarze“ getroffen. Denn Thomas nennt hier Kriterien einer wahrhaftigen Auferstehung. Es geht um Auferstehung von Leib und Seele. Der Auferstandene muss sichtbar und berührbar sein. Und der Leib des Auferstandenen muss der Leib des zuvor Gekreuzigten und Gestorbenen sein. Ausweis dafür sind seine Wundmale.

Der Zweifel des Apostel Thomas definiert klar und unzweideutig: Kein Ostern ohne leeres Grab! Auferstehung ohne Leib ist unmöglich! Der Leib selbst wird zum Ausweis der Wahrhaftigkeit der Auferstehung!

Der heilige Papst Johannes Paul II. hat sich intensiv mit der Bedeutung des menschlichen Leibes befasst, und er kommt zu der Erkenntnis: „Der Leib, und nur er, kann das Unsichtbare sichtbar machen: das Geistliche und das Göttliche“ (Johannes Paul II., Katechese19,4).
Der Apostel Thomas hat in seinem Herzen um die Leiblichkeit der Auferstehung gerungen und gekämpft. Erst die Begegnung mit dem Auferstandenen konnte seinen Zweifel besiegen.

In Thomas hat ein Kampf begonnen, der bis heute nicht endet. Ja, man könnte sogar die 2000 Jahre Kirchengeschichte mit dem Titel überschreiben: „2000 Jahre Kampf um den Leib!“ Immer wurde um die Leiblichkeit gerungen. Und zwar in dreifacher Hinsicht: um den Leib des Herrn, um den Leib der Kirche und um den Leib des Menschen überhaupt.

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KiN AT Rosenkranz


II.

1. Der Kampf um den Leib des Herrn

„Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ (Joh 1,14). Diese Botschaft unseres Glaubens ist der Skandal des Christentums schlechthin. Gott: Reiner Geist, Schöpfer der Welt, ewig und allmächtig, er soll sich in die Niedrigkeit eines Menschen begeben, der zeitlich begrenzt ist, „erdhaft“, ausgestattet mit einem Leib? Sind das nicht unüberbrückbare Gegensätze, die nicht zusammenfinden können. Das griechische Denken war zur Zeit Jesu sehr dualistisch geprägt. Es lässt sich gut in dem Satz zusammenfassen: „Der Leib ist das Grab der Seele.“ Für dieses Denken konnte Erlösung nur bedeuten: Befreiung vom Leib, von dieser sterblichen Hülle, die einengt und nach unten zieht. Ein Gott der Mensch wird: Undenkbar! Vor diesem Hintergrund schreibt der Apostel Paulus, dass die Botschaft vom Kreuz „für die Heiden eine Torheit“ (1Kor 1,23) ist.

Die Botschaft von Gott in Fleisch und Blut war insbesondere in den ersten Jahrhunderten der neuralgische Punkt der Diskussionen und Auseinandersetzungen, der innerkirchlichen Kämpfe und des Ringens. Da gab es die Doketen, die wohl glaubten, dass Jesus wahrer Gott ist, aber er habe nur einen Scheinleib gehabt. Er sei gar nicht wirklich Mensch gewesen. Den entgegengesetzten Irrtum vertraten die Arianer: Jesus Christus war Gott ähnlich, aber nicht Gott gleich. Da gab es die Monophysiten. Sie behaupteten, dass die Menschheit in der Gottheit Jesu aufgegangen ist, er nur eine „Physis“, eine Natur habe. Da gab es die Nestorianer. Sie erkannten an, dass Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist, vertraten aber die Meinung, beide Naturen seien wie durch eine Art „chinesische Mauer“ voneinander getrennt.
All diese Irrtümer versuchten das Geheimnis von Gott in Fleisch und Blut zu umgehen, es aufzulösen, sozusagen Gott vom Menschen fernzuhalten. Sie wollten das Geheimnis der Menschwerdung, das unseren Horizont und unser Denken unendlich übersteigt, einpassen in unser kleines menschliches Denken. Doch Gott ist eben größer!

Und heute? Sind wir nicht auch in der Gefahr dieses große Geheimnis in unserem Denken aufzulösen? Allzu oft wird Jesus Christus als vorbildlicher, exemplarischer Mensch betrachtet, aber eben nur als Mensch, der am Ende dann auch am Kreuz gescheitert ist. Wenn Jesus aber nur ein Mensch war, dann sind auch seine Worte zeitbedingt und für uns nicht mehr verbindlich. Wenn er nur ein Mensch war, wie kann er dann wirklich den Tod besiegt haben und die Sünde und die Hartherzigkeit des Menschen?

„Das Wort ist Fleisch geworden“, Gott in Fleisch und Blut. Daran hängt das gesamte Christentum. Deshalb bekennen wir ja auch im großen Glaubensbekenntnis: „Wahrer Gott vom wahren Gott (…) eines Wesens mit dem Vater.“ Halten wir an diesem Bekenntnis fest! Es ist das Bekenntnis zum Evangelium. Das Bekenntnis zu Christus. Lassen wir nicht zu, dass es vom jeweiligen Zeitgeist vereinnahmt wird!

2. Kampf um den „Leib“ der Kirche

Was soll das bedeuten? Sendung der Kirche ist es, Christus bis an die Grenzen der Erde zu bringen, Ihn überall sichtbar, hörbar und berührbar zu machen. Das II. Vatikanische Konzil beschäftigt sich mit dieser Sendung der Kirche und beschreibt, dass die Kirche in gewisser Weise Christus, dem Gottes- und Menschensohn, ähnlich ist. Denn in Christus wurde Gott durch die menschliche Natur seines Sohnes sichtbar, hörbar und berührbar. Die Menschheit Jesu diente der Gottheit als „Instrumentum salutis“, als Instrument des Heiles. Ganz ähnlich dient auch das sichtbare, hörbare, berührbare, greifbare Gefüge der Kirche Gott als „Instrumentum salutis“ (vgl. Lumen gentium 8). Alles Sichtbare, Leibliche in der Kirche ist daher nicht Verpackung (und damit am Ende Müll), sondern steht ganz im Dienst des unsichtbaren Gottes, der gerade dadurch sichtbar werden will. Der Papst macht den Petrus sichtbar, dem Christus anvertraut hat, Fels seiner Kirche zu sein.

Ein Priester ist nicht Vertreter der Gemeinde vor Gott, sondern soll Christus, das Haupt seiner Kirche, sichtbar machen. Ihm darf der Priester bei den Sakramenten Hand und Stimme leihen. Doch nicht nur das: Durch sein ganzes Leben soll der Priester Christus sichtbar und berührbar machen.

Deshalb ist ja auch sexueller Missbrauch durch Priester schlimmer als bei anderen Personen. Denn hier wird Sinn und Sendung des Priestertums ins Gegenteil gekehrt, ja zerstört. Soll der Priester gemäß seiner Sendung die liebende Zuwendung Christi zu den Menschen darstellen, so geschieht im Missbrauch das Gegenteil. Verletzung bis hin zur seelischen Zerstörung von Menschen!

Die Sichtbarmachung des Unsichtbaren, sie verdichtet sich in den Sakramenten. In jedem Sakrament begegnet uns Christus. Wenn ein Kind getauft wird, dann ist Christus es, der tauft. Wenn jemand die Worte im Beichtstuhl hört „Ich spreche dich los“, so ist es Christus, der diese Worte spricht, und der Priester leiht ihm nur Mund und Stimme. „Gipfel, Quelle und Höhepunkt“ dieser Christusbegegnung ist die hl. Eucharistie. Hier feiern wir kein Symbol, nicht irgendein Zeichen. Hier feiern wir lebendige Wirklichkeit. „Das ist mein Leib, das ist mein Blut!“ In dem Christus diese Worte durch den Priester spricht, geschieht Wandlung. Wir begegnen dem Auferstandenen in den Gestalten von Brot und Wein. Der Herr löst damit ein, was er versprochen hat: „Ich bin mit Euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20) - geistig und leiblich.

Wenn wir daher die Liturgie feiern - wie zum Beispiel hier im Dom mit wunderbarer Musik, mit Messdienern, Weihrauch und all dem, was dazu gehört - so ist das nicht einfach Verpackung, sondern die Zeremonie soll das Unsichtbare sichtbar machen. Die Liturgie will uns wachrütteln für das Geheimnis, das sich auf dem Altar vollzieht.

Werfen wir einen Blick in unsere Lebenswirklichkeit, in die Wirklichkeit des Glaubens heute in unserer Heimat. Viele Getaufte wenden dieser leib-seelischen Begegnung mit Christus den Rücken zu.

Viele Menschen wenden sich von Eucharistie und Bußsakrament ab oder vergessen diese Sakramente einfach. Dann geschieht das, was alte menschliche Weisheit ist: „Aus dem Auge, aus dem Sinn.“ Der Glaube verdünnt sich, verflüchtigt sich, löst sich ganz allmählich auf. Oftmals kommt es gar nicht zu einer wirklichen Entscheidung gegen Christus. Er kommt einfach nicht mehr vor und gerät in Vergessenheit.

Christus sehnt sich nach uns! Lassen wir Christus mit dieser Sehnsucht nicht allein! Lassen wir aber auch nicht zu, dass unsere Sehnsucht nach Liebe, die Gott allein stillen kann, in unserem Herzen verkümmert! Suchen wir die Begegnung mit Christus! Und suchen wir ihn dort, wo wir ihm nicht besser begegnen können, in den Sakramenten!

3. Der Kampf um die Würde des Leibes

Der Kampf um den Leib des Herrn und um den Leib der Kirche, er setzt sich fort im Kampf um den Leib des Menschen überhaupt: im Kampf um die Würde des menschlichen Leibes. Paulus schreibt an die Korinther: „Wisst Ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt?“ (1Kor 6,19).

Christus hat menschlichen Leib angenommen, er ist einen menschlichen Tod gestorben. Er ist mit Leib und Seele auferstanden! Das gibt unserem Leib - jedem einzelnen menschlichen Leib - eine einzigartige göttliche Würde. Christliches Bekenntnis ist daher immer Bekenntnis zur Würde des menschlichen Leibes.

Der Leib ist so etwas wie das Instrument der Seele. Er macht hörbar, was in unserer Seele vorgeht. Wenn Sie einen Menschen freundlich anlächeln, dann ist das nicht irgendwas Äußeres, sondern praktizierte Nächstenliebe. Und wenn Eheleute miteinander Zärtlichkeiten austauschen, dann ist das nicht nur etwas Äußeres, nicht nur ein Zeichen von Liebe, sondern verwirklichte Liebe.

Allerdings – und das ist die Kehrseite der Medaille – gilt dies auch für das Gegenteil von Liebe. Alle Formen der Lieblosigkeit bringt der Leib in besonders schmerzlicher Weise zum Klingen. Macht der Judaskuss den Verrat des Jüngers nicht besonders bitter? Und um ein ganz drastisches Beispiel zu nehmen: Gibt es etwas Verletzenderes in einer Ehe als der leiblich vollzogene Ehebruch? Der Leib ist Instrument der Seele, dazu da, die Liebe zum Klingen zu bringen. Aber er kann auch das Gegenteil.

Der neuralgische Punkt des Kampfes um die Würde des menschlichen Leibes in allen Jahrhunderten ist immer wieder die Sexualität, jene große Gabe Gottes, die uns geschenkt ist, um Liebe und Leben zu stiften. Wenn wir in die Geschichte schauen, dann gab und gibt es immer zwei große Versuchungen von Leibfeindlichkeit, die sich der Sexualität bemächtigen wollen.

Da gab es den Rigorismus: Alles Leibliche - und damit auch die Sexualität - ist vom Bösen. Ein Echo dieses Rigorismus findet sich in der Prüderie. Sie war bis etwa Mitte des letzten Jahrhunderts sehr verbreitet. Das Thema Sexualität wurde geradezu tabuisiert.

Und da gibt es das Gegenteil, nämlich den Libertinismus. Auch er ist nicht weniger leibfeindlich. Der Leib ist für den Menschen belanglos. Auf seinen Geist, seine Gesinnung kommt es an. Wenn aber der Leib belanglos ist, dann ist auch belanglos, was ich mit ihm tue, folglich auch, wie ich meine Sexualität lebe. Das Ergebnis: eine vollkommene Banalisierung der Sexualität.

Wie steht es darum heute? Erleben wir nicht gerade diese Weise der Leibfeindlichkeit: die Banalisierung des Leibes? Zunächst ist die Sexualität von der Fruchtbarkeit abgekoppelt worden und später dann von der Liebe. Abgekoppelt von diesen Zielen mutiert die Sexualität zur Ware. Menschen werden zum Konsumartikel, degradieren einander zum Instrument der Befriedigung.

Das entspricht nicht der Würde des Leibes, die uns geschenkt ist. Katholische Sexualmoral - so angefochten sie immer ist - ist ein Bekenntnis zur Würde des Leibes, keine Spielverderber-Moral. Es geht um den Weg zu Glück und Erfüllung, zu wirklicher Liebe. Denn nur, was ich schätze, das schütze ich! Was banal ist, das ist egal! Aber der Mensch hat mit Leib und Seele göttliche Würde, weil Christus mit Leib und Seele auferstanden ist!

III.

Am Ende hat es Thomas im Glauben begriffen. Gott ist - in Fleisch und Blut - Mensch geworden, gekreuzigt worden und - in Fleisch und Blut - auferstanden. Die Leiblichkeit Jesu setzt sich fort in der leiblich sichtbaren Kirche und schenkt dem menschlichen Leib eine neue Würde.

Dieses Geheimnis war immer buchstäblich umstritten und umkämpft. Und das wird so bleiben bis der Herr wiederkommt – und damit bin ich kein Prophet! Aber haben wir keine Angst davor! Christus ist mit Fleisch und Blut auferstanden und er bleibt auferstanden. Niemand kann ihn mehr unter die Erde bringen. Und er ruft uns zu: „Habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.“ (Joh 16,33).

Gehen wir mit Thomas vor dem Herrn voller Vertrauen und Dankbarkeit auf die Knie und beten wir mit ihm: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28).
Amen

+Dominikus Schwaderlapp
Köln, 28. April 2019

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