17 April 2019, 06:00
Erinnerungen an Notre Dame
 
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"Als ich in Paris lebte, war ich fast täglich in Notre Dame, wenigstens für ein kurzes Gebet und gelegentlich zur Beichte. Schönheit, Geheimnis, Güte, Liebe, Freude – all dies wurde mir hier in besonderer Weise nahe gebracht." Von Claudia Sperlich

Paris (kath.net/Blog "Katholisch? Logisch!"/cs) 1984, als 22jährige Neugetaufte, zog ich für neun Monate nach Paris. Ich lernte die Kirche, in die ich gerade aufgenommen worden war, dort kennen (und sollte mich bei meiner Rückkehr sehr wundern, wie bürokratisch sie hierzulande sein kann). In Notre Dame war ich fast täglich wenigstens für ein kurzes Gebet und gelegentlich zur Beichte. Schönheit, Geheimnis, Güte, Liebe, Freude – all dies wurde mir hier in besonderer Weise näher gebracht als ich es je erwartet hatte (und dabei bin ich ja keinesfalls kunst- und kulturfern aufgewachsen).

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Bald sang ich dort auch im Chor. Wir sangen immer bei der Vorabendmesse. Es war ein kleiner Chor mit Sängern aus verschiedenen Ländern und Kontinenten, trotz der großartigen Kathedrale kein besonders großartiger Chor, aber auch kein ganz schlechter.

Der Chorleiter liebte deutsche Musik und ließ uns vieles in Originaltexten singen, wobei ein Glück war, daß es noch mehrere Deutsche im Chor gab, die für richtige Aussprache sorgten. Zu meinen lustigsten Erinnerungen gehört des Chorleiters seelenvolle Ansage beim Einstudieren des Engelterzetts von Mendelssohn-Bartholdy: „C’est allemand, ça se prononce comme ça¹: Äbe deine AAugen aauf zu den Bäärgen von wälschen dier Ielfe kommt.“ (Man verzeihe mir meinen leisen Spott, der gute Mann hat mir viel über deutsche Musik aus Barock und Romantik beigebracht, und ich bin ihm dankbar dafür.)

Zu Ostern – das heißt, lange davor – probten wir das Halleluja von Händel. Das hatte zur Folge, daß ich wochenlang morgens früh aufwachte und noch aus meinem letzten Traum im Ohr hatte: Haaa-lle-luu-ja! Haaa-lle-luu-ja! Halleluja! Halleluja! Halle-e-e-lu-jaaa! Da blieb es dann den Tag lang. In der Osternacht war die riesige Kathedrale voll, und das Halleluja war der Schlußchoral.

Nun ist Karwoche, und das Halleluja wird nicht angestimmt. Dennoch kommen wir auch in der Karwoche dem Aufruf „hallelu-ja“, zu Deutsch: „Lobt Gott“, in jeder Messe nach, selbst in einem Requiem wird ja Gott gelobt dadurch, daß man sich vertrauensvoll an Ihn wendet.

Damals war Kardinal Jean-Marie Lustiger Erzbischof von Paris. Ich durfte ihn mehrmals als Zelebranten erleben. Damals war ich noch nicht besonders gefestigt und hatte ziemlich alberne Ideen von einer Kirche, die schon noch dahin gedeihen wird, Frauen zu weihen. Entsprechend fremd war mir vieles, was dieser tiefgläubige Mann sagte und schrieb. Das änderte aber nichts daran, daß er tiefen Eindruck auf mich machte als Zelebrant, und daß ich einmal, als er in einer Prozession direkt an mir vorbeiging und den Segen erteilte, vor Ehrfurcht fast im Boden versank. Ich bin heute recht sicher, daß zu meinem geistlichen Wachstum auch Kardinal Lustiger – die meiste Zeit vom Himmel aus – beigetragen hat.

Die Türme von Notre Dame waren mir Wegweiser und freundliche Mahner, die Fensterrosetten mit ihrem mystischen Blau waren mir wie das sanfte freundliche Auge Gottes, das mich sieht und bewacht und anstrahlt. Nun gibt es diese Fensterrosetten nicht mehr [edit: – so dachte ich, aber die größte Fensterrose blieb erhalten!]. Der filigrane Spitzturm ist gefallen. Auch wenn Notre Dame wieder aufgebaut wird, wird es nie mehr so sein wie früher.

Dennoch werden wir zu Ostern das Halleluja anstimmen. Ich hoffe von Herzen, auch die Sänger von Notre Dame werden das tun – wo auch immer.

Notre Dame/Paris - Erste Blicke nach dem Feuer - Unersetzliche Dornenkrone Jesu gerettet - Berühmte Orgel möglicherweise nicht irreparabel beschädigt




Notre Dame/Paris - Kurzer Blick in die Geschichte (engl.)




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