09 Januar 2019, 11:00
„Die Bibel ist Gottes Wort und nicht bloß schöne antike Literatur“
 
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„Immer wieder erlebe ich, dass der befreiende und frohmachende Grundton der Bibel mich mitten ins Herz trifft.“ Monatskolumne von Claudia Sperlich

Berlin (kath.net/cs) Bei meinem Bekehrungserlebnis in meinem 22. Lebensjahr spielte der 121. Psalm eine besondere Rolle. „Ich erhebe meine Augen zu den Bergen: Woher kommt mir Hilfe?“ - diese Worte haben sich mir eingeprägt, seit ich in 1500 Metern Höhe, in den Schweizer Alpen, begriff, daß die Bibel Gottes Wort ist und nicht bloß schöne antike Literatur, auf gleiche Weise interessant wie Ilias und Odyssee.

Als ich nicht lange nach meiner Taufe in einem Chor Felix Mendelssohn-Bartholdys hinreißend schönes Engelterzett probte, ging mir das besonders nahe – und zugleich sprach es meinen Sinn für Humor an, als der französische Chorleiter demonstrieren wollte, wie man den Text ausspricht. „Äbe deine Augen auf zu den Bährgen, von welschen dir Iehlfe kommt“ - unvergesslich! Ich habe seitdem noch manchmal die Erfahrung gemacht, dass man Bibeltexte zugleich ganz ernst nehmen und darüber lachen kann; das war mir in meiner ersten Zeit als Christin mit 22 Jahren noch neu. (Ich spreche nicht von billiger Verspottung, sondern von einem gläubigen Humor, der auch über das ganz Ernstgenommene scherzen kann. Manchmal habe ich den Eindruck, dieser Humor fehlt vielen Christen.)

Ich habe als Neugetaufte sehr viel in der Bibel gelesen. Das war zunächst die ganze Bibel von vorn bis hinten, dann immer wieder Teile der Evangelien und der Pentateuch, und auf den Rat eines Priesters („Lesen Sie die, die ist spannend wie ein Krimi!“) die Apostelgeschichte. Zeitweise habe ich mir eigene Lesepläne gemacht, habe die Propheten Tag für Tag kapitelweise gelesen, ebenso die Psalmen. Ich bin dabei immer wieder auf Sätze gestoßen, die mich zuinnerst berühren. Heute kann ich sagen: Als noch neue, ungefestigte und ziemlich hochnäsige Christin (und leider noch eine ganze Weile später) bezog ich die Verse, in denen es um die göttliche Gerechtigkeit, das Endgericht und ähnlich hartes Brot geht, gern auf „die anderen“ – oder blendete sie aus. Inzwischen bin ich so weit, wenigstens meistens in Erwägung zu ziehen, dass ich persönlich gemeint bin. Meistens kann ich das mit froher Zuversicht tun, manchmal auch mit einer Art heilsamer Furcht.

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Seit einigen Jahren ist meine Bibellektüre ziemlich eingeschränkt – ich höre die Lesungen in der täglichen Messe und bete lesend das Stundengebet. Ab und zu – zu selten! – nehme ich mir ein längeres Stück vor; ich hoffe, wieder zu größerem Eifer in der Bibellektüre zu kommen.

Sehr großen Gewinn ziehe ich aus dem Bibelteilen einmal im Monat in unserer Gemeinde. Dabei nehmen wir uns einen kurzen Text vor, bislang immer das Evangelium vom kommenden Sonntag. Nach einem kurzen Gebet am Anfang lesen wir reihum jeder ein oder zwei Sätze. Dann liest einer noch einmal die ganze Perikope vor, eventuell ein anderer noch einmal. In der Stille denkt dann jeder darüber nach. Anschließend sagt jeder ein Wort oder einen Satz, der ihm besonderen Eindruck gemacht hat. Dann hat jeder die Möglichkeit, seine Auswahl zu begründen, zu sagen, was er genau hierzu denkt oder sich fragt. Hierbei gibt es kein Richtig oder Falsch – und gerade dadurch habe ich auch einiges über gutes Zuhören und über verschiedene Möglichkeiten der Auslegung gelernt. Am Ende beten wir das Vaterunser und das Ave. Ich bin noch nie ohne Gewinn vom Bibelteilen gekommen, weil ein verhältnismäßig kurzer biblischer Text so von vielen Seiten in Augenschein genommen wird.

Seit langem bin ich als Lektorin tätig. Hierbei versuche ich schon beim Proben, die Lesung zu verstehen, mir Gottes Wort gewissermaßen einzuverleiben. Zugleich muss ich natürlich deutlich und mit guter Betonung lesen. Manchmal besuche ich einen Lektorenkurs, in dem ich mein Wissen um Sprachtechnik und Betonung auffrische. Nach einem solchen Kurs entstand mein Lektorensonett:

Gib Raum dem Klang. Du führst und du umschließt
Den Atem und die Stimme. Halt sie rein.
Umschließen, führen lasse dich allein
Von dem, der Geistesgaben in dich gießt.

Ganz ohne Mühe sprich, als sei allein
Der Herr dein Hörer, wenn Sein Wort du liest.
Vertrau dem Wort, das dich aus Ihm durchfließt.
Du sollst ein Diener und ein Segen sein.

Sei frei von Druck und Angst. Bist nicht gezwungen -
Ein großer, guter Herr hat dich gedungen.
Sei frei von Stolz. Du bist beschenkter Sünder.

Steh aufrecht, flammend, wie die Altarkerzen.
Lies nur aus Liebe. Lies aus vollem Herzen
Und sei der frohen Botschaft froher Künder.

Das Stundengebet ist mir wichtig; im Idealfall bete ich Laudes, Sext, Vesper und Komplet. Das bedeutet – neben einem Akt der Treue zu Gott und Seiner Kirche – eine immer größere Vertrautheit mit Psalmen, Kurzlesungen, an Bibelverse anlehnenden Antiphonen und Responsorien. Das bedeutet auch ein wachsendes Bewusstsein für das stellvertretende Gebet. Wenn ich zum Beispiel gerade von der Beichte kommend und im Zustand der Gnade den 51. Psalm bete, oder wenn ich in für mich einfach nur glücklicher Zeit Psalmen bete, die von Verfolgung und Krankheit handeln, dann kann ich das als Fürbitte tun und in Stellvertretung für die Armen, Kranken, Schuldigen, Verfolgten, die selbst nicht beten können. Manchmal bete ich auch in einer menschlich schwierigen Zeit „Wie zahlreich sind meine Bedränger“ und denke kurz „Ganz so schlimm ist es ja auch wieder nicht“. Und schon gelange ich gedanklich wieder zum Fürbittgebet: Ja, ich bin nicht sonderlich schwer bedrängt – aber viele andere sind es, für die ich diesen Psalm beten kann.

Es gibt Bibelstellen, mit denen ich meine großen Probleme habe. Über sie spreche ich mit meinem Beichtvater, manchmal auch mit katholischen Freunden. Bei manchen Stellen, die mit Gewalt oder mit Krankheit als Gottesstrafe zu tun haben, frage ich mich schon: Kann ich danach von ganzem Herzen „Wort des lebendigen Gottes“ sagen? Hier ist mein Vertrauen gefragt; ich lerne mehr und mehr, zu vertrauen, dass auch die schwierigen Bibelstellen Gottes Wort sind und bei Ihm einen menschenfreundlichen Sinn haben. Wenn ich annehme, dass die Liebe Gottes größer ist als unsere Vernunft, dann kann ich auch annehmen, dass ein mir anstößig scheinendes Wort der Bibel gut und wahr ist. Mit dieser Einstellung hat sich mir schon manche schwierige Bibelstelle wenigstens ansatzweise erschlossen.

Immer wieder erlebe ich, dass der befreiende und frohmachende Grundton der Bibel mich mitten ins Herz trifft. Es kann vorkommen, dass ich mit einer ganzen Last von schlechter Laune, Angst und persönlichen Problemen in die Kirche gehe und sie verlasse mit einem breiten Lächeln und der Zuversicht, dass Gott alles gut machen wird – nur weil ich in der Lesung oder im Evangelium gehört habe, dass Leben trotz Schuld und Not und Unwägbarkeit gelingen kann, dass es Treue, Liebe, Güte und Freude ganz einfach gibt und dass Gott stärker ist als der Teufel.

Wenn ich einen kirchlichen Vollzug nicht verstehe, hilft es mir, nach seinen biblischen Begründungen zu forschen. Ich kann zum Beispiel fragen: Warum haben wir so eine ausdifferenzierte Kleiderordnung bei den Geistlichen, warum so große Pracht in den Kirchen? Dann kann ich im Alten Testament ausführliche Beschreibungen vom Tempelbau und von Priestergewändern finden, und ich begreife, dass die ganze verschwenderische Pracht ausschließlich zur Ehre Gottes bestimmt ist. Und dann begreife ich auch mehr und mehr die feierliche und frohe Schönheit der Liturgie, auch wenn hier vieles eingeflossen ist, was nicht in der Bibel steht, sondern im bibelorientierten und zugleich den Menschen ihrer Zeit zugewandten Dichten und Denken des Hochmittelalters begründet ist.

Durch die Bibel weiß ich um die Kirche und die Sakramente. Weil ich weiß, dass und in welcher Weise sie dort erwähnt sind, kann ich an ihre Autorität und ihre Wirksamkeit glauben. Die Bibel als Wort Gottes, die Kirche als Seine mystische Braut und die Sakramente als Zeichen Seines Heils gehören zusammen; wenn ich „Jesus ja, Kirche nein“ sage, dann sage ich „Jesus ja, aber auf keinen Fall Sein Wort von der Gründung der Kirche auf den Fels Petrus – das hat Er wohl nicht so gemeint“. Durch Jesu Wort „Dies ist mein Leib“ weiß ich, daß die geweihte Hostie Sein Leib ist und daß es keine hysterische Einbildung ist, wenn ich beim Anblick des Eucharistischen Herrn mein Herz spüre.

Durch Sein Wort sagt Gott mir immer wieder neu: „Ich bin da. Fürchte dich nicht.“

kath.net-Buchtipp
Die Befreier
13 Geschichten von Verwandten, Nachbarn und anderen Dämonen
Von Claudia Sperlich
Taschenbuch, 108 Seiten
2017 Tredition
ISBN 9783743908666
Preis Österreich: 8.30 EUR

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♫ Regensburger Domspatzen haben 2007 in der Sixtina vor Papst Benedikt XVI. gesungen: ´Denn er hat seinen Engeln befohlen, zu wachen über dir´


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