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08 November 2018, 13:00
Das Zeugnis, das empörte Raunen und eine Frage

Franziskus in Santa Marta: das Zeugnis bricht die Gewohnheiten und führt zur Erfahrung der Barmherzigkeit. Der Diktator bemächtigt sich der Kommunikationsmittel, um seine Gegner herabzusetzen. Von Armin Schwibach
Rom (kath.net/as) Das Zeugnis, das empörte Raunen und die Frage. Dies sind die drei Worte, auf die sich Papst Franziskus in der Predigt bei der heiligen Messe in der Kapelle des vatikanischen Gästehauses „Domus Sanctae Marthae“ am Donnerstag der 31. Woche im Jahreskreis konzentrierte. Dabei ging der Papst vom Tagesevangelium aus (Lk 15,1-10), das mit dem Zeugnis beginnt, das Jesus gibt: Zöllner und Sünder nähern sich ihm, um ihm zuzuhören, und er, so die Empörung der Schriftgelehrten und Pharisäer, isst mit ihnen.

Zuerst das Zeugnis Jesu: „etwas Neues für diese Zeit“, stellte Franziskus fest, „weil es dich unrein machtet, denn wenn du zu den Sündern gingst, war es, als berührst du einen Aussätzigen“. Aus diesem Grund hätten sich die Gesetzeslehrer entfernt. Der Papst merkte an, dass „das Zeugnis nie in der Geschichte für die Zeugen – viele Male bezahlen sie mit dem Martyrium – noch für die Mächtigen eine bequeme Sache war“:

„Zeugnis heißt, mit einer Gewohnheit, mit einer Art zu sein zu brechen... Zu etwas besserem umzubrechen, sie zu ändern. Deshalb geht die Kirche durch das Zeugnis voran. Was anzieht, ist das Zeugnis, es sind nicht die Worte, die zwar helfen, sondern das Zeugnis ist es, das anzieht und die Kirche wachsen lässt. Und Jesus gibt Zeugnis. Es ist etwas Neues, aber nicht ganz neu, weil Gottes Barmherzigkeit auch im Alten Testament gegeben war. Sie haben nie verstanden – diese Gesetzeslehrer – was es bedeutete: ‚Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer’. Sie lasen es, aber sie verstanden nicht, was Barmherzigkeit war. Und Jesus verkündet mit seinen Handlungsweisen diese Barmherzigkeit durch das Zeugnis“.

Das Zeugnis „bricht immer mit einer Gewohnheit und setzte dich auch einer Gefahr aus“. „Das Zeugnis Jesu bewirkt in der Tat das empörte Raunen. Die Pharisäer, die Schriftgelehrten, die Gesetzeslehrer sagten: ‚Er empfängt Sünder und isst mit ihnen’. Sie sagten nicht: ‚Da schau an, dieser Mann scheint gut zu sein, da er versucht, die Sünder zu bekehren’“, so Franziskus. Es sei dies eine Einstellung, die darin bestehe, immer „den negativen Kommentar zu machen, um das Zeugnis zu zerstören“.

„Diese Sünde des empörten Raunens ist alltäglich, sowohl im Kleinen als auch im Großen“, merkte Franziskus erneut an und unterstrich, dass man in seinem eigenen Leben gerne empört munkle, „weil wir das und das andere nicht mögen“, und statt zu reden oder zu versuchen, eine Konfliktsituation zu lösen, redete man mit leiser Stimme weiter, weil da nicht der Mut gegeben sei, klar zu sprechen.

Dies geschehe auch „in kleinen Gesellschaften“, „in der Pfarrei". „Wie viel wird doch in den Pfarreien gemunkelt! Bei so vielen Dingen“, so der Papst, der hervorhob: „wenn es ein Zeugnis gibt, das mir nicht passt, oder eine Person, die ich nicht mag, entfesselt sich sofort das Gemunkel“:

„Und im Bistum? Die ‚intradiözesanen’ Kämpfe ... Die inneren Kämpfe der Bistümer; ihr kennt das. Und auch in der Politik. Und das ist hässlich. Wenn eine Regierung nicht ehrlich ist, versucht sie, die Gegner mit Gemunkel zu beschmutzen. Es mag sich auch um Diffamierung, um Verleumdung handeln – sie versucht das immer. Und ihr, die ihr die diktatorische Regierungen gut kennt, weil ihr das erlebt habt: was macht eine diktatorische Regierung? Sie nimmt die Kommunikationsmittel mit einem Gesetz in die Hand und beginnt, von dort aus zu munkeln, sie beginnt, alle, die eine Gefahr für die Regierung darstellen, herabzusetzen. Das Munkeln ist unser tägliches Brot sowohl auf persönlicher, familiärer Ebene, auf der Ebene der Pfarrei, des Bistums, der Gesellschaft...“.

Es handle sich um „ein Schlupfloch, um nicht auf die Realität zublicken, um nicht zu erlauben, dass die Leute denken“. Jesus wisse dies, aber er sei gut, und „anstatt sie für das Murmeln zu verurteilen“, stelle er eine Frage. Er verwende dieselbe Methode wie sie, das heißt die Methode des Fragens. Sie täten dies, um Jesus auf die Probe zu stellen, „mit schlechten Absichten“, „um ihn fallen zu lassen“: zum Beispiel mit Fragen zu Steuern, die an das Römische Reich zu zahlen seien, oder in Bezug auf die Entlassung der Frau aus der Ehe.

Jesus wende dieselbe Methode an, „aber dann werden wir den Unterschied sehen“. Jesus sage ihnen: „Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?“. Und „das Normale wäre, dass sie verstehen“, dagegen rechneten sie: „Ich habe neunundneunzig, eines ist verlorengegangen, die Sonne beginnt unterzugehen, es ist dunkel“:

„‚Lassen wir das Schaf sein und in der Gewinn-Verlust-Bilanz wird sich das ausgleichen, und retten wir diese’. Das ist die pharisäische Logik. Dies ist die Logik der Gesetzeslehrer. ‚Wer von euch?’, und sie wählen das Gegenteil von dem, was Jesus wählt. Aus diesem Grund gehen sie nicht, um mit den Sündern zu reden, sie gehen nicht zu den Zöllnern, sie gehen nicht, denn: ‚Es ist besser, sich nicht mit diesen Leuten schmutzig zu machen. Wir bewahren die Unsrigen’. Jesus ist intelligent, wenn er ihnen die Frage stellt: er lässt sich auf ihre Kasuistik ein, doch er lässt sie in eine anderen Position geraten als die, die richtig ist. ‚Wer von euch?’. Und niemand sagt ‚Ja, das stimmt’, sondern alle sagen: ‚Nein, nein, ich würde das nicht tun’. Und daher sind sie unfähig, zu vergeben, barmherzig zu sein, zu empfangen“.

Abschließend rief der Papst erneut die drei Worte in Erinnerung, entlang derer er seine Betrachtungen formuliert hatte: „das Zeugnis, das die Kirche kennenlernen lässt“, „das Gemunkel und empörte Raunen“, das „wie eine Bewachung meines Inneren ist, damit das Zeugnis mich nicht verletzt“, und „die Frage“ Jesu.

Franziskus erinnerte auch an ein weiteres Wort: die Freude, das Fest, das diese Leute nicht kennten: „alle, die dem Weg der Gesetzeslehrer folgen, kennen die Freude des Evangeliums nicht“, betonte der Papst: „Möge der Herr uns diese Logik des Evangeliums verstehen lassen, die der Logik der Welt entgegensteht“.

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