24 August 2018, 12:00
Ein Hotel und ein Leben
 
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BeneDicta am Freitag von Gudrun Trausmuth über "Drei Tage in Qiberon" - Ein wunderbarer Film, der uns in seiner Tragik auch daran erinnert, dass wir zum Gebet für die Verstorbenen aufgerufen sind.

Linz (kath.net)
Sommer, das ist auch die Zeit des Lebens im Hotel. Das Hotelleben hat ein reizvolles Geheimnis, um das auch der Film und die Literatur wissen. Prototypisch Joseph Roths genialer Roman „Hotel Savoy“, wo ein heruntergekommenes Hotel sich als Kosmos menschlicher Schicksale und Wartesaal der Hoffnungen präsentiert, geheimnisvoll und tiefgründig auch die Semantik des Kurhotels in Thomas Manns „Der Zauberberg“ - es gäbe viele andere Beispiele. Seit Jahren in meiner Film- und Lektüreauswahl besonders dankbar für Zurufe von Freunden, habe ich kürzlich, einer ebensolchen Anregung folgend, einen besonderen Hotel-Film entdeckt:
Der Schwarz-Weiß- Film „Drei Tage in Quiberon“ (von Emily Atef, 2018) erzählt nach einer wahren Begebenheit von drei Tagen, in denen Romy Schneider 1981 im Kurhotel in der Bretagne von ihrer Freundin Hilde, dem Photographen Robert Lebeck und dem Sternreporter Michael Jürgs besucht wird. Romy, 42jährig, ist – wie sie im Interview selbst sagt - eine unglückliche Frau, gezeichnet von Schicksalsschlägen, zu viel Alkohol und Tabletten. Ungebrochen aber ihre große Strahlkraft und ihre unbändige Sehnsucht nach Leben.

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Hier, zwischen kargen und zugleich starken und inspirierenden bretonischen Felsen, soll sie sich für ihren nächsten (und rückblickend letzten) Film „Die Spaziergängerin von Sanssouci“ vorbereiten. Getrieben von ihren finanziellen Sorgen und der Sucht, via Arbeit ihr persönliches Elend zu verdrängen, zeigt sich eine immer wieder verzweifelnde Romy, verfolgt von der Vergangenheit und aktuell gepeinigt vom Gefühl, ihren Kindern nicht Genüge zu tun, sie zu verlieren. Im Wechsel damit tritt großartig die Diva hervor, die weiß, wie sie die Journalisten fesseln kann, die verzaubert, verführt. Eine Verworfene, Verlebte und Verletzte. Und dennoch, man erliegt beim Sehen des Filmes immer wieder Romy’s (Marie Bäumler) Charme, genießt es geradezu mit, wenn sie in einer Hafenkneipe, alle Vorgaben der Kur beim Champagner vergisst und mit einem dichtenden Clochard das Tanzbein schwingt.

Wohl deshalb, weil Romy in einer enormen Spannung zwischen Exzess, aber eben auch tiefstem Leid gezeigt wird, besitzt dieses filmische Porträt eine große Schönheit. Immer wieder wird das Gesicht der Protagonistin ganz nahe herangeholt, gleichsam studiert, wird darin gelesen, wird sein Strahlen und seine klassische Landschaft ebenso meditiert, wie sein Altern und sein Abgrund.

„Drei Tage in Quiberon“ ist auch ein Hotel-Film von großartiger Ästhetik. Klassische Topoi der Hotel-Szenerie werden in epischer Leichtigkeit zitiert: wie in vielen anderen Hotel-Filmen, wird auch hier ein Koffer in der Absicht plötzlicher, enttäuschter Abreise auf das Bett gewuchtet - um die Intention dann wieder zu revidieren. Oder der typische Filmblick aus dem Zimmer hinaus: flankiert von zart wehenden Gardinen, die im Wind wehen, wird der Horizont auf das brausende Meer hinaus geweitet. Die unverbindliche Hotelbar, an der man sich ungebunden, doch nie allein fühlt, wird zum glücklichen Ort eines Wiedersehens, das Bett zum Ort ungeschminkter Verzweiflung - wie zu jenem einer geliehenen, vorübergehenden Geborgenheit.

In „Drei Tage in Quiberon“ ist das Hotel Versuch der Distanzierung, wird dann aber – auch dadurch, dass Romy sich auf das Stern-Interview und das Photo-Shooting einlässt - zum Ort einer schonungslosen Selbstkonfrontation, die allerdings ohne echte Konsequenz bleibt. Ein bewusst riskierter Knöchelbruch löst aber ein Problem der Schauspielerin kurzzeitig: der geplante Film muss verschoben werden, sie hat nun etwas Zeit für ihre Kinder David und Sarah.

Das Ende des Films bleibt offen, die Kamera verharrt auf dem faszinierenden Gesicht der Protagonistin, verliert sich darin und huldigt im Erstarren gleichsam dem Mythos Romy Schneider. Die weitere Tragik und das Mehrwissen des Kinobesuchers über den wenig später stattfindenden grausamen Tod ihres Sohnes David, und Romys eigenen Tod nur ein Jahr später, sind ahnungsvoll in den Film mit hineingenommen.

Das Hotel als Kulisse vieler Möglichkeiten, emotional, biographisch, in seiner betörenden Unverbindlichkeit. Ein Nicht-Ort, nicht persönlich, nicht belastend, auch ein neutraler Treffpunkt. Für Romy Schneider eine Möglichkeit, die alte Freundin wiederzusehen, eine Möglichkeit der deutschen Presse zu begegnen, ohne zu viel preisgeben zu müssen - obwohl sie genau das später tut.

„Drei Tage in Quiberon“ zeigt das Hotel vor allem als Ort der Wahrheit: dass eine Flucht vor dem eigenen Leben eben nicht möglich ist, für niemanden und nirgends. Möglich ist immer nur eine neue Perspektive, die eine Umkehr bewirken kann. In „Drei Tage in Quiberon“ geht diese Chance verloren, im ununterbrochenen Rauch der Zigaretten, in der Betäubung durch Tabletten und Alkohol. Ihrer Sehnsucht nach Sinn und Liebe kann die Heldin zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht mehr nachgehen, aus dem Eingeschlossensein in sich selbst, in alte Schuld und Lasten, lassen sie einzig ihre Filmrollen noch momenthaft auftauchen. – Ein wunderbarer Film, der uns in seiner Tragik auch daran erinnert, dass wir zum Gebet für die Verstorbenen aufgerufen sind.

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