08 Juli 2018, 12:13
Der Skandal der Menschwerdung
 
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Franziskus: ‚Gott hält sich nicht an menschliche Vorurteile’. Der Mangel an Glauben: ein Hindernis für Gottes Gnade. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) „Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat“: Angelus am vierzehnten Sonntag im Jahreskreis. In seiner Ansprache vor dem Mittagsgebet kommentierte Papst Franziskus das Evangelium vom Tag (Mk 6, 1b-6). Jesus kehrt nach Nazareth zurück und lehrt am Sabbat in der Synagoge.

Seit er fortgegangen sei und begonnen habe, für die benachbarten Dörfer zu predigen, habe er keinen Fuß mehr in seine Heimat gesetzt. Daher werde es das ganze Dorf gewesen sein, diesen Sohn des Volkes angehört zu haben, dessen Ruhm als weiser Meister und mächtiger Heiler sich nun in Galiläa und darüber hinaus verbreitet habe.

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Was aber als Erfolg gewertet werden könnte, werde zu einer eklatanten Ablehnung, bis zu dem Punkt, dass Jesus dort kein Wunder wirken könne, sondern nur wenige Heilungen. Die Dynamik dieses Tages werde vom Evangelisten Markus detailliert rekonstruiert: die Leute von Nazareth hörten zuerst zu und seien erstaunt; dann wunderten sie sich: „Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Machttaten, die durch ihn geschehen! Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm“ (V. 2-3). Deshalb schließe Jesus mit dem dann sprichwörtlich gewordenen Ausdruck: „Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat“ (V. 4).

„Wie gehen die Mitbürger Jesu vom Staunen zum Unglauben über?“, fragte sich der Papst. Sie stellten einen Vergleich zwischen der bescheidenen Herkunft Jesu und seinen gegenwärtigen Fähigkeiten her: er sei ein Zimmermann, er habe nicht studiert, aber er predige besser als die Schriftgelehrten und wirke Wunder. Anstatt sich der Realität zu öffnen, seien sie empört.

Den Bewohnern von Nazareth zufolge sei Gott zu groß, um sich zu erniedrigen und durch solch einen einfachen Mann zu sprechen. Es sei dies der Skandal der Menschwerdung: „das beunruhigende Ereignis eines fleischgewordenen Gottes, der mit einem menschlichen Verstand denkt, mit menschlichen Händen arbeitet und handelt, der liebt mit einem menschlichen Herzen, ein Gott, der sich abmüht, isst und schläft wie einer von uns“.

Der Sohn Gottes kehre jedes menschliche Scheman um. Es seien nicht die Jünger, die die Füße des Herrn gewaschen hätten, sondern der Herr, der die Füße der Jünger gewaschen habe: „das ist eine Ursache von Skandal und Unglauben, in jedem Zeitalter, auch heute“.

Die durch Jesus gewirkte Umkehrung verpflichte seine Jünger von gestern und heute zu einer persönlichen und gemeinschaftlichen Überprüfung. In unserer Zeit könne es tatsächlich geschehen, dass Vorurteile geschürt würden, die uns daran hinderten, die Realität zu erfassen. Aber heute lade der Herr uns ein, eine Haltung des demütigen Hörens und des fügsamen Wartens anzunehmen, weil die Gnade Gottes oft in überraschender Weise zu uns komme, die nicht unseren Erwartungen entsprächen. So sei dies der Fall bei Mutter Teresa gewesen.

„Gott hält sich nicht an Vorurteile“, so Franziskus. Wir müssten uns bemühen, das Herz und den Geist zu öffnen, um die göttliche Wirklichkeit, die uns entgegenkommt, aufzunehmen. Es gehe darum, Glauben zu haben: der Mangel an Glauben sei ein Hindernis für Gottes Gnade. Viele Getaufte lebten, als ob Christus nicht existiere. Die Gesten und Zeichen des Glaubens würden wiederholt werden, aber sie entsprächen nicht einem echten Festhalten an der Person Jesu und an seinem Evangelium. Jeder Christ sei stattdessen aufgerufen, diese grundlegende Zugehörigkeit zu vertiefen und zu versuchen, sie mit einer konsequenten Lebensart zu bezeugen, deren Hauptthema die Liebe sei.

Nach dem Angelus erinnerte der Papst an das ökumenische Gebetstreffen in Bari mit den Patriarchen der Kirchen des Nahen Ostens für den Frieden in der Region (7. Juli 2018), ein "beredtes Zeichen für die Einheit der Christen".



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