04 Juli 2018, 16:00
Offensichtlich nicht richtig katholisch?
 
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Warum es noch viel mehr solche mutigen und leidenschaftlichen Annas in unserer Kirche braucht - Die Jugendkolumne von kath.net - Diese Woche ein Beitrag von Alexandra Hartlieb

Linz (kath.net)
Fast fünf Jahre ist es mittlerweile her, da habe ich angefangen, in Salzburg zu studieren. Ich erinnere mich noch genau an den ersten Tag an der Universität: Eine liebe Freundin war, genau so wie ich, auch aus Kärnten hier hergezogen, um Theologie zu studieren und als wir uns an jenem Tag vor Beginn der morgendlichen Lehrveranstaltung trafen, lachten wir, da wir beide einen roten Pullover anhatten und unsere Fingernägel ebenso rot lackiert waren. Noch war es nicht Zeit, in den Hörsaal zu gehen, also spazierten wir durch den Innenhof der katholisch-theologischen Fakultät.

Als es dann endlich so weit war, gingen wir hinein, suchten uns relativ weit vorne einen Platz und wunderten uns nach ein paar Minuten, dass immer mehr Pensionisten kamen und sich setzten. Das ging so weiter, die vorderen Reihen füllten sich mit Seniorenstudenten und wir beide fragten uns, ob wir denn die einzigen jungen Studenten im Fach Theologie seien. Schließlich erschien noch eine junge Frau in unserem Alter im Türrahmen, blickte sich sichtlich irritiert um und setzte sich schließlich neben uns.

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Wir plauderten miteinander und ich begann, sie insgeheim auf ihre Katholizität zu prüfen. Ich hatte mich erst ein Jahr zuvor bewusst für Jesus entschieden und war in einer Phase, in der ich alles und jeden nach seinem Glauben maß. Die Welt war für mich entweder schwarz oder weiß, rechtgläubig oder häretisch. Und da saß nun diese junge Frau namens Anna neben mir, die etwas verunsichert wirkte, scheinbar wusste sie selber nicht genau, warum sie eigentlich da saß und ich drückte ihr Mental den Stempel auf: Offensichtlich nicht richtig katholisch.

Wir bestritten zu dritt die ersten Vorlesungen und Prüfungen, tranken Kaffee, redeten über den Glauben, diskutierten oft und nahmen Anna immer wieder in die Messe mit. Die Monate vergingen wie im Flug, Anna kam das erste Mal in den Gebetskreis mit und plötzlich konnte ich in ihren Augen ein loderndes Feuer sehen, ich spürte, dass ihre Sehnsucht nach Jesus immer größer wurde, dass sie mehr von ihm und der Kirche wissen wollte. Ich musste erkennen, dass ich sie maßlos unterschätzt hatte und dass ich selber im Glauben nicht so hoch erhoben war, wie ich es mir eingebildet hatte.

Bis vor ein paar Wochen wohnten wir in der Nähe voneinander und gingen deswegen oft abends gemeinsam nach Hause. Diese Wege waren oft von tiefen Glaubensgesprächen geprägt, wir erzählten einander von Freuden, aber auch von Nöten. In den letzten Monaten kam es dann immer wieder vor, dass Anna an der Stelle, wo wir uns verabschiedeten, sagte: „Beten wir noch miteinander.“ Das passierte beispielsweise einmal, als ich starke Kopfschmerzen hatte und wusste, dass ich am nächsten Tag alle Kraft für meine Aufgaben brauchen würde. Wir standen mitten auf der Straße, sie legte mir die Hand auf die Schulter und fing laut an zu beten. Ich war unglaublich beeindruckt von ihrem Mut, hier einfach in normaler Lautstärke in der Öffentlichkeit zu beten, von ihrer Kühnheit und ihrem Vertrauen auf Gott. Als wir im Nachhinein darüber sprachen, sagte sie zu mir: „Wir reden auf der einen Seite immer davon, dass mehr gebetet werden, dass Jesus der König in unserem Land und der Glaube sichtbar sein soll, aber auf der anderen Seite haben wir nicht mal den Mut, auf der Straße zu beten.“ Diese Worte gingen mir unter die Haut, denn sie trafen genau meine Situation. Ich redete auch immer von diesen Dingen und war gleichzeitig so lau in meiner Glaubenspraxis geworden. Anna war zu diesem Zeitpunkt nicht frisch bekehrt, nicht in dieser großen Überwältigung, die einen überrollt, wenn man Gott das erste Mal spürbar erlebt hat, sie war mittlerweile schon ein paar Jahre aktiv auf diesem Weg des Glaubens und hatte sich die Kühnheit und den Enthusiasmus bewahrt, obwohl auch sie schon einige Tiefen erlebt hatte.

Sie spornt mich an, mich immer wieder mit dem auseinanderzusetzen, der der König meines Herzens ist, sie ermutigt mich, freimütig und vollmächtig zu beten, auch auf dem Weg nach Hause in der Nacht oder in einem Lokal. Vor ein paar Tagen, als ich mich zwischen dem Stress der letzten Unitage, dem Chaos eines Umzug und der Panik vor einer neuen Arbeit hilflos überfordert fühlte, betete sie für mich und schrieb mir eine Bibelstelle, die genau zu meiner Situation passte und mir unglaublichen Trost und Ermutigung schenkte. Ich war dankbar, dass ich eine treue Freundin habe, von der ich weiß, dass sie, egal was mein Anliegen ist und in welcher Not ich gerade bin, dafür ins Gebet geht.

Die junge Frau, der ich anfangs so schnell mental einen Stempel aufgedruckt hatte, ist mir zum Vorbild im geistlichen Leben und zu einer meiner besten Freundinnen geworden. Ich habe durch sie gelernt, nicht zu schnell über jemanden zu urteilen. Und ich habe vor allem gemerkt, dass es noch viel mehr solche mutigen und leidenschaftlichen Annas in unserer Kirche braucht.

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