13 März 2018, 12:10
Der Papst der Volksfrömmigkeit
 
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Gedanken zum 5. Jahrestag der Wahl von Papst Franziskus. Gastbeitrag von Michael Hesemann

Vatikan (kath.net) Vor fünf Jahren stand ich in strömendem Regen auf dem Petersplatz, beobachtete eine Möwe, die ebenfalls darauf wartete, dass aus dem berühmtesten Schornstein der Welt weißer Rauch kam und wurde Zeuge der Verkündigung des „Habemus Papam“, das mich mehr als irritierte.

„Dominum Georgium Marium Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Bergoglio“ sei der neue Papst, verkündete der Kardinalprotodiakon Tauran, und mein Blick in die Menge verriet, dass die meisten auf dem Platz genauso erstaunt waren wie ich.

Wer, bittesehr, war Bergoglio? Ich hatte in den Tagen zuvor viele Gespräche mit Kollegen und Vatikaninsidern geführt, doch keiner von ihnen hatte den Argentinier auch nur als papabile erwogen. Tatsächlich gab es keine einzige Zeitung der Welt, die Bergoglio zu den „papabiles“ zählte. Für uns alle war das eine Riesenüberraschung, für mich vor allem eine Herausforderung. Ich sollte ein Buch über den neuen Papst schreiben und das hieß: ganz von vorne anfangen. Denn über einen Kardinal, den kein einziger Insider auf dem Radarschirm hatte, der sich in Europa immer eher rar gemacht hatte, wusste auch ich rein gar nichts. Während Kollegen im Schnellverfahren erste Bücher produzierten, die mehr auf Gerüchten und Phantasien basierten, nahm ich mir lieber die Zeit, um nach Argentinien zu fliegen und mit den Menschen zu reden, die ihn wirklich kennen: mit seiner Schwester, seinem ehemaligen engsten Mitarbeiter und seinem besten Freund, dem Rabbi von Buenos Aires. Vor allem aber kann man doch einen Menschen erst begreifen, wenn man das Umfeld kennt, dem er entstammt. Für uns alle als Mitteleuropäer ist Argentinien, mit Verlaub gesagt, doch eine größtenteils unbekannte Welt. Man kann Papst Franziskus aber nur verstehen, wenn man seine Heimat kennt.

Nehmen wir das vielzitierte Wort von der „Kirche der Armen“. Wer oder was aber sind „die Armen“ für ihn und welche Kirche repräsentieren sie? Die Unterschicht in Europa ist ja nicht gerade gläubig, ihre Kirche wäre eher eine der laxen Moral und der oberflächlichen Frömmigkeit. Kirche wird hierzulande vom Bürgertum getragen, aber auch von der traditionellen Elite, dem Adel. In Südamerika aber ist das ganz anders, wie mir Pater Marco, der langjährige engste Mitarbeiter Kardinal Bergoglios, so gut erklärte. Das waren ja Kolonien, die von Europa, drastisch gesprochen, ausgebeutet, deren Bevölkerung versklavt wurde. Die Oberschicht bestand aus echten Unterdrückern und Ausbeutern, aus skrupellosen Kolonialherren, die sich um Sitte und Moral nicht kümmerten, und einem korrupten Klerus, der es ihnen erlaubte, die Kirche als Alibi zu missbrauchen. Tatsächlich wollten doch Spanier und Portugiesen nichts weniger als die Missionierung der Urbevölkerung, denn Christen durfte man nicht mehr versklaven. Dem machten aber die Missionsorden, die Franziskaner in Mittel- und die Jesuiten in Südamerika, einen Strich durch die Rechnung. Sie christianisierten die Indios und befreiten sie damit aus der Sklaverei. So ermöglichten sie die Entstehung einer Mischgesellschaft aus Indigenen, Mestizen und Kreolen, die schließlich so viel Selbstbewusstsein entwickelten, dass sie sich in diversen Revolutionen erhoben und die Fremdherrschaft abschüttelten. Sie waren und sind tief im Glauben verwurzelt und haben eine ganz eigene Volksfrömmigkeit entwickelt, die ihre Identität formt. Die Gläubigen sind in Südamerika die Armen, nicht die westlich geprägte und damit hedonistische Oberschicht, die meist noch aus Nachkommen der Kolonialherren besteht. Diese Prägung erklärt etwa die Aversion des Papstes gegen alle monarchische Symbolik, gegen Thronsessel, klassische Konzerte (die einst höfische Unterhaltung waren) oder rote Schuhe, die, trotz christlicher Umdeutung, halt ursprünglich auf die purpurnen Schuhe römischer Kaiser zurückgehen. Für einen Südamerikaner ist Monarchie gleichbedeutend mit Kolonialismus, Ausbeutung und Versklavung. Das empfindet natürlich ein Europäer ganz anders; für uns ist die Monarchie ein Relikt aus einer großen Zeit. Franziskus‘ „Kirche der Armen“ hat jedenfalls nichts mit „Kirche von unten“ und linken Utopien zu tun, sondern ist tief in der Volksfrömmigkeit verwurzelt. Da trifft sich die Vision des neuen Papstes mit der des eloquenten deutschen Prälaten Wilhelm Imkamp, dessen Buch „Sei kein Spießer, sei katholisch“ jedem empfohlen sei. Ich denke, Papst Franziskus, wie ich ihn einschätze, würde dieses Buch ebenfalls lieben! Dass er ein großer Marienverehrer ist, brauche ich wohl nicht eigens zu erwähnen. Schließlich weihte er nicht nur sein Pontifikat (gleich am 13. Mai 2013), sondern am 13. Oktober 2013 auch die Kirche selbst der Gottesmutter von Fatima. Denn auch die Botschaft von Fatima, ja die ganze Marienfrömmigkeit, gehört zur Volksfrömmigkeit und damit zur „Kirche der Armen“. Zu den anrührendsten Szenen seines Pontifikats gehört, wie er vor und nach jeder Auslandsreise in die römische Marienkirche S. Maria Maggiore pilgert, der Madonna Blümchen bringt und für das Gelingen der Reise betet oder dankt. Und bei aller durchaus berechtigten Kritik die man an anderen Aspekten dieses Pontifikats haben kann, hier ist Franziskus in seiner Demut und Marienfrömmigkeit einfach herzerwärmend.

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Natürlich ist er auch europäisch geprägt als Sohn italienischer Einwanderer. Seine Großeltern stammten aus dem Piemont. Seine Eltern und vor allem die fromme Großmutter haben ihm seinen tiefen Glauben vermittelt. Aber gleichermaßen prägte ihn, schon durch die Schule, die argentinische Gesellschaft, der Nationalismus eines Peron. Franziskus war, das bestätigte mir seine Schwester, Peronist. Sie hält Peronismus für eine Umsetzung der katholischen Soziallehre. Aber Peronismus ist auch die perfekte Synthese von Diktatur, Sozialismus und Show-Business, und ja, Franziskus ist ein Papa peronista, in den Augen vieler seiner Anhänger ebenso wie in den Augen seiner Gegner, die ihm diktatorische Züge unterstellen, weil er auf keinen Fall entscheidungsschwach ist.

Doch er wurde kein Politiker, ganz bestimmt aber ein politischer Papst, nicht nur wegen Peron. Schließlich trat er ja auch dem großen Missionsorden der Jesuiten bei, der sich von Anfang an in Südamerika auf die Seite der Unterdrückten gestellt hat. Jesuiten bekehrten, wie gesagt, die Indios und gründeten einen eigenen Staat mit ihnen, um sie vor dem Zugriff der Sklaventreiber zu schützen. Sehr zum Unwillen der spanischen und portugiesischen Krone natürlich, die, sonst spinnefeind, hier ausnahmsweise einmal an einem Strang zogen und bei Papst Clemens XIV. die Auflösung des Jesuitenordens bewirkten; erst Jahrzehnte später kam es zu seiner Neugründung. Eben weil sich die Jesuiten für die Armen und Unterdrückten einsetzten.

Falsch ist dagegen das gerne kolportierte Gerücht, die Bergoglios seien selbst arme italienische Einwanderer gewesen. Sie waren alles andere als das! Die Großeltern des Papstes unterhielten in Turin ein gut laufendes Café, das nachts in eine noble Bar umfunktioniert wurde. Sein Vater war Buchhalter in einer Turiner Großbank. Das waren durch und durch bürgerliche Verhältnisse. Nein, die Familie ging nach Argentinien, als Mussolini an die Macht kam. Großmutter Bergoglio hatte in der Kirche zu laut gegen die Faschisten gewettert – sie hatte, wie wohl auch ihr Enkel, den typischen „Dickkopf“ der Piemontesen – ihr drohte die Verhaftung. So nähte sie ein Vermögen an Bargeld in ihren Pelzmantel ein und bestieg mit ihrer Familie das nächste Schiff nach Argentinien.

Dort besaßen die Brüder ihres Mannes bereits eine Pflastersteinfabrik und hatten es zu beachtlichem Reichtum gebracht. Ihr vierstöckiges Haus war in der ganzen Stadt als „Palazzo Bergoglio“ bekannt. Es wurde von einer imposanten Kuppel überragt, war ein richtiger Jugendstil-Prachtbau also, und besaß als einziges Privathaus der Stadt einen eigenen Fahrstuhl. Erst als die Fabrik in der Wirtschaftskrise pleite ging, machten die Großeltern in Buenos Aires einen Lebensmittelhandel auf. Bergoglios Vater wurde dann Buchhalter in einer Miederwarenfabrik… und eben nicht, wie ein Kollege behauptete, Eisenbahnarbeiter!

Als ich Maria Elena Bergoglio, seiner Schwester, das erzählte, hat sie laut gelacht. Nein, das ist eine nette Phantasiegeschichte. Andere erklärten ihn zum „Buchhalter bei der Eisenbahn“. Doch auch das war er nie. Wie gesagt: So vieles wurde falsch kolportiert. Daher war es mir ein Anliegen, vor Ort die Wahrheit zu erfahren, statt Falsches abzuschreiben. Und, zugegeben: Ein Papst aus der Arbeiterklasse passt doch wunderbar zum Franziskus-Bild der Medien!

So werfe ich der Berichterstattung über Papst Franziskus schon vor, dass sie oberflächlich ist, sich auf Äußerlichkeiten konzentriert und versucht, ihn gegen seinen großen Vorgänger auszuspielen. Und ich denke, er selber wäre der Erste, der sich gegen eine solche Vereinnahmung wehren würde.

Zweifelsohne hat er einen anderen Stil, der, ich sagte es schon, durch seine lateinamerikanische Herkunft und seine jesuitische Prägung bedingt ist. Das heißt: er liebt es halt ein wenig schlichter als die europäischen Päpste vor ihm. Aber „die Klamotte“ ist doch nicht alles: es sagt ja auch nicht viel über einen Autor aus, ob er nun im Anzug oder in Jeans auftritt. Das kann ein statement sein, braucht es aber nicht. Ein Verzicht auf rote Schuhe macht, ganz banal gesagt, aus einem Papst noch keine „rote Socke“ oder einen Liberalen. Einer der „Papabiles“ beim letzten Konklave war ja Kardinal O’Malley, ein Kapuziner, der hätte wahrscheinlich als Papst Sandalen getragen! Bergoglios Stil ist vor allem geprägt von jesuitischer Schlichtheit, nicht mehr und nicht weniger. Auf keinen Fall stellt er eine Distanzierung von seinem Vorgänger dar, den er, im Gegenteil, sehr verehrt. Das geht nicht nur aus einem Gespräch mit einem engen Vertrauten hervor, das den Weg in die Öffentlichkeit fand, das versicherte mir auch Maria Elena Bergoglio, seine Schwester. Ich war drei Stunden lang bei ihr, um sie zu interviewen und die wahre Geschichte ihrer Familie zu erfahren, doch was mich dabei am tiefsten beeindruckte, war, wie liebevoll sie über Benedikt XVI. sprach. Sie bezeichnete ihn als „großen, außergewöhnlicher Papst, auch wenn das viele Menschen nicht zu schätzen wussten“ und pries seinen „großen inneren Reichtum“, seine „Demut, seinen Mut und seine Ehrlichkeit“. Und was erlebten wir zumindest in den Anfangsjahren seines Pontifikats? Lauter Zeichen der Kontinuität! Das ging so weit, dass sogar die erste Enzyklika von Papst Franziskus tatsächlich ein Gemeinschaftswerk war. In meinem Buch beschreibe ich eines der Hauptanliegen von Papst Benedikt, nämlich die korrekte Interpretation des Zweiten Vatikanischen Konzils. Auch das wurde von liberalen Kräften vereinnahmt, die eine „Hermeneutik des Bruchs“ propagierten, so als sei die katholische Kirche 1965 erneut aus der Taufe gehoben worden. Dabei berief man sich dann immer gerne auf einen imaginären „Geist des Konzils“, wenn man gerade das umsetzte, was nicht in den Konzilsdokumenten stand, was man aber selber gerne wollte. Eine solche „Hermeneutik des Bruchs“ wurde nun wieder propagiert bei gleichzeitiger Abwertung des Ratzinger-Pontifikats. Doch auch sie ist unhaltbar. In Rom hat keine Revolution stattgefunden. Papst Benedikt ist aus Alters- und Gesundheitsgründen zurückgetreten, es wurde ein Nachfolger gewählt, dessen Aufgabe es war, das Schiff der Kirche weiter zu steuern. Natürlich hat man dafür keinen Ratzinger 2.0 gewählt, ebenso wenig wie Benedikt XVI. ein Wojtyla 2.0 war; bei dem Vergleich mit diesem intellektuellen Giganten hätte auch jeder andere schlecht ausgesehen. Nein, man wählte bewusst einen Mann, der über andere Charismen verfügt. Papst Franziskus ist eben kein Intellektuellen-Papst, kein Theologe vom Rang eines Kirchenlehrers, den wir brauchten, um das Erbe des charismatischen Johannes Paul II. zu konsolidieren. Er ist ein Papst der Seelsorge, der „Pfarrer der Welt“, und das ist auch gut so, denn es tut der Kirche gut. Natürlich sind beide ganz unterschiedliche Persönlichkeiten: Benedikt XVI. war auch als Papst immer ein scheuer, bescheidener, tiefgründiger Denker gewesen, Franziskus ist spontan, extrovertiert, volksnah. Der eine ein Geistesmensch, der andere ein Herzensmensch und jeder auf seine Weise und in seinem Element wunderbar. Das erinnert mich ein wenig an 1958, als die Kardinäle nach dem Tod von Pius XII. den nach außen hin so ganz anderen Johannes XXIII. wählten. Der dann alle überraschte, als er bei jeder Gelegenheit betonte, wie sehr er seinen großen Vorgänger verehrte. Wobei man heute noch hinterhältiger vorgeht, um Franziskus gegen Benedikt auszuspielen. Da sind ja teilweise faustdicke Lügen verbreitet worden, nicht nur von den liberalen Katholiken, sondern auch und gerade von den Traditionalisten, denen wiederum der unkonventionelle Stil Bergoglios missfällt.

Ein Beispiel: Eine der ersten Meldungen, die nach der Papstwahl im Internet kursierten, betraf das motu proprio Benedikts XVI. „Summorum pontificum“, also die Wiederzulassung der „alten Messe“. Dem hätte sich Kardinal Bergoglio widersetzt, er sei ein „dezidierter Gegner“, ja ein „geschworener Feind“ (sic!) der Alten Messe“ gewesen. Alles Unsinn, wie ich in Buenos Aires erfuhr. Im Gegenteil: Innerhalb von 48 Stunden bestimmte er, dass fortan in einer der schönsten und ältesten Kirchen im Zentrum von Buenos Aires, nur ein paar hundert Meter von der Kathedrale entfernt, die tridentinische Messe gefeiert wird. Er beauftragte einen erfahrenen alten Priester damit, junge Priester in diesem Ritus auszubilden. Dann hieß es, seine erste Personalentscheidung sei die Entlassung des konservativen Liturgen Msgr. Guido Marini. Doch Marini wurde, Gott sei Dank, in seinem Amt bestätigt – er ist es bis heute. Darauf von italienischen Bischöfen angesprochen, erklärte der Papst, er könne viel von Marini und dieser wiederum einiges von ihm lernen. Als Präfekten der Kongregation für den Gottesdienst setzte er sogar den konservativen, aus Guinea stammenden Kardinal Robert Sarah ein, der auf der Familiensynode als Wortführer der Konservativen und Sprecher der afrikanischen Bischöfe fungierte. Im Juli 2016 forderte Sarah alle katholischen Priester auf, fortan, wie vor der Liturgiereform, ad orientem zu zelebrieren, was freilich vom Heiligen Stuhl widerrufen wurde. Aber die Personalie Sarah zeigt, dass unter Papst Franziskus durchaus auch konservative Kirchenmänner in leitende Positionen berufen werden. Umso bedauerlicher, dass er Gerhard Ludwig Kardinal Müller nach fünf Jahren 2017 als Präfekten der Glaubenskongregation entließ. Das könnte in erster Linie menschliche Gründe haben; die direkte Klarheit des Deutschen mag dem geschmeidigeren Argentinier als unflexibel, ja rigide erscheinen. Franziskus ist halt ein Mann des Kompromisses. Dabei könnte er einen guten, grundsoliden Theologen an seiner Seite dringend gebrauchen, der eben nicht, wie mancher andere, gerne nach dem Zeitgeist schielt.

Auch die ostentative Bescheidenheit des argentinischen Papstes ist so eine Sache, die komplexer ist, als sie gewisse Kollegen gerne darstellen. Dass Papst Franziskus keine roten Schuhe trägt, sondern lieber seine schwarzen orthopädischen Gesundheitstreter, zeigt gewiss seine Abneigung gegen päpstlichen Pomp. Allerdings trug Papst Benedikt auch kein Prada, wie gerne kolportiert wurde; seine roten Slipper stammen von einem peruanischen Schuhmacher im Borgo, dem Viertel, das dem Vatikan vorgelagert ist, und kosten 280 Euro.

Das angebliche „Blechkreuz“ des Papstes ist aus Sterlingsilber und kostet 399 Euro; Kardinal Bergoglio hatte es in einer bekannten Buchhandlung, der Libreria Ancora in der Nähe des Petersplatzes gekauft. Benedikts Pektorale waren auch nur vergoldet, das gleiche gilt für seinen Fischerring. Und die „prachtvollen Paramente“, die er trug, stammten fast alle aus der päpstlichen Sakristei. Da war es günstiger, sie liturgisch zu „recyclen“, statt neue anfertigen zu lassen, die vielleicht bescheidener aussehen mochten, aber teures Geld gekostet hätten. Wer also franziskanische Schlichtheit gegen benediktinischen „Pomp“ auszuspielen versucht, der spielt mit gezinkten Karten.

Natürlich gibt es bei Franziskus, wie bei jedem Amtsträger, eine gewisse Selbstinszenierung. Maria Elena Bergoglio hat mir erklärt, dass Franziskus einst von seinem Vater gelernt hat, nicht durch Worte, sondern durch das eigene Beispiel zu erziehen. Genau das macht er heute. Er kreiert Glaubwürdigkeit! Er weiß, dass es wenig Sinn macht, von einer armen Kirche zu predigen, von Barmherzigkeit und Teilen, während man selbst im Palast wohnt. Dass er im Domus S. Marthae ein größeres Schlafzimmer hat als im päpstlichen „Appartamento“, spielt dabei keine Rolle. Es ist die Wirkung nach außen, die bei den Menschen ankommt. Das hat Bergoglio besser verstanden als sein Vorgänger. Benedikt XVI. ist ein zutiefst demütiger Mensch, aber für ihn bedeutet Demut, sich zurückzunehmen, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Bei Franziskus spreche ich von „demonstrativer Demut“ und „ostentativer Einfachheit“, ohne das negativ zu meinen. „Sei bescheiden und zeige das der Welt“, ist sein Motto, „denn Du bist ihr Vorbild!“ Wie sein Vater lehrt er, indem er es vorlebt: Schaut her, so mache ich das, jetzt seid ihr dran! Und geben wir doch einmal zu: Dieser Papst ist ein PR-Genie. Er hat ein natürliches Gefühl dafür, wie er die Menschen erreicht. Das hätten ihm hundert PR-Berater nicht besser beibringen können. Er versteht es, gut anzukommen. Er ist der Papst, der die Herzen erobert. Dabei vermittelt er immer so viel vom Glauben, wie die Menschen, an die er sich gerade richtet, annehmen können. Auch das ist eine Kunst, statt durch unbequeme Wahrheiten Menschen vor den Kopf zu stoßen, sie zu brüskieren, sie für die Kirche zu verlieren. Da ist er ganz der Pastor und nicht der Kirchenlehrer. Er passt sich dem Medienzeitalter mit seinen Twitter-Botschaften an: Seine Gesten, Schlagworte und gewollten Provokationen, oft ohne große theologische Untermauerung aus dem Stehgreif vorgetragen, sind halt leichter zu vermelden als Benedikts tiefgründige Betrachtungen. Zu dieser Strategie gehören auch medien- und öffentlichkeitswirksame „große Gesten“, die halt positive Schlagzeilen kreieren!

Dass Franziskus im Gästehaus Santa Martha wohnt und nicht in der bescheidenen Wohnung seiner Vorgänger im Apostolischen Palast liegt freilich auch daran – wie er selber erklärte – dass Franziskus lieber unter Menschen ist. Darin unterscheidet er sich deutlich von Papst Benedikt, der das Alleinsein schätzt. Mit Bescheidenheit hat das weniger zu tun, zumal die besonderen Sicherheitsvorkehrungen und die Blockade eines ganzen Stockwerkes im S. Martha dem Vatikan einige Mehrkosten verursacht.

Durchaus authentisch ist seine Sorge für die Benachteiligten. Zu den berührendsten Momenten seines Pontifikats gehören seine Mittwochsaudienzen. Und hier muss ich ihn doch noch einmal mit seinem Vorgänger vergleichen. Benedikt XVI. wirkte immer ein wenig scheu, man merkte ihm an, dass ihm der Rummel um seine Person unangenehm war und ihm das Bad in der Menge nicht lag. Doch dann, in der prima fila, als ihm verdiente Christen vorgestellt wurden, war er ganz Ohr. Er konnte wunderbar zuhören. Er nahm deine Hände zwischen die seinen und gab dir das Gefühl ungeteilter Aufmerksamkeit, bis irgendwann die Herren vom Protokoll an deiner Jacke zu zupfen begannen. Anders Franziskus. Er erscheint vom ersten Moment an auf dem Papamobil wie ein antiker Triumphator. Er liebt das Bad in der Menge, ist bemüht, an wirklich jedem, selbst an den hintersten Reihen, vorbeizufahren. Der offizielle Teil scheint ihn zu langweilen, er fiebert dem Moment entgegen, wenn er zu den Kranken und Behinderten hinabsteigen kann und ganz für sie da ist. Ohne jede Berührungsangst, liebevoll, ja zärtlich umarmt und küsst er jeden. Er hört auch zu. Die prima fila dagegen scheint ihn weniger zu interessieren, da schweift sein Blick schon zum nächsten, wenn ein Audienzteilnehmer ihm noch etwas zu erzählen versucht. Er ist ganz der „Papa del popolo“, der Papst des (einfachen) Volkes, dem er natürlich ein „buon pranzo“, also „gesegnete Mahlzeit“ wünscht und denen er sich nah fühlt. Die katholische Elite langweilt ihn. Bewunderswert ist seine Fürsorge für die Obdachlosen, die mittlerweile zu Hunderten rund um den Vatikan lagern. Seinem Almosenmeister Erzbischof Konrad Krajewski erklärte er, er habe „den besten Job im Vatikan“, was sicher ernst gemeint war. Seitdem stehen auf dem Petersplatz Toiletten und Duschen für Obdachlose zur Verfügung, zudem tägliches Mittagessen, oft genug Einladungen vom Papst, ob zum Essen, zu Konzerten, Ausflügen zum Grabtuch von Turin oder ans Meer und vieles andere mehr wird ihnen geboten. Er plädiert für soziale Verantwortung und gegen die Ellbogengesellschaft, gegen die „Vergötterung des Marktes“ und „mangelnde Gerechtigkeit“ in der westlichen Gesellschaft. Seine Kritik am Kapitalismus hat ihn schon den Ruf eingebracht, Sozialist zu sein, was, wie gesagt, nicht ganz die Sache trifft. Er ist Peronist, nicht mehr und nicht weniger. Doch revolutionär ist das nicht. So schrieb Benedikt XVI. schon 2009 in der Sozialenzyklika Caritas in veritate bereits ganz franziskanisch: "Der Markt ist an sich nicht ein Ort der Unterdrückung der Armen durch den Reichen und darf daher auch nicht dazu werden."

Gewiss ist er, ähnlich wie sein Vorgänger, ein ökologiebewusster Papst. Die Bewahrung der Schöpfung, der Kampf gegen die Wegwerfkultur, stellt für ihn eine der großen Aufgaben der Gegenwart dar. In seiner Enzyklika „Laudato Si“ setzt er sich auch für den Klimaschutz ein und erklärt die Energiewende zu einer moralischen Notwendigkeit.

Ein weiterer Schwerpunkt seines Pontifikats ist der interkonfessionelle und interreligiöse Dialog. Mit Bartholomäus, dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, verbindet ihn eine enge Freundschaft, ebenso wie mit dem koptischen Papst Tawadros, den er vor einem Jahr in Kairo traf. Intensiv auch der Dialog mit den Lutheranern und noch mehr seine Nähe zu den evangelikalen Christen. Exzellent ist sein Verhältnis zum Judentum – schon in Buenos Aires war Rabbi Abraham Skorka, mit dem er ein Buch herausgab, einer seiner engsten Freunde- aber auch zum Islam. Auf seine Israel-Reise nahm er den muslimischen Imam von Buenos Aires mit, in Kairo intensivierte er den Dialog mit der al-Azhar-Universität, dem theologischen Zentrum der islamischen Welt. In der Flüchtlingsfrage hält er es offenbar mit Kanzlerin Merkel, auch wenn er bereits für eine Obergrenze plädierte. Als Argentinier ist er Immigration gewohnt, wobei die Muslime seiner Heimat liberaler sind als die Kriegsflüchtlinge aus Syrien oder die Armutsflüchtlinge aus Nordafrika. Geschlossene Grenzen, wie sie etwa US-Präsident Donald Trump fordert, lehnt er ab, bis hin zu dem historisch freilich fragwürdigen Statement, „Christen bauen keine Mauern“.

Doch bei aller political correctness hat er auch den Mut zur Aussprache unbequemer Wahrheiten. So prangert er regelmäßig die Christenverfolgung im Nahen Osten an und war bereit, eine diplomatische Krise mit der Türkei in Kauf zu nehmen, als er den Völkermord an den Armeniern 1915 auch tatsächlich einen solchen nannte.

Das große Thema seines Pontifikats ist natürlich die Barmherzigkeit. Kein neues Thema, schon Johannes Paul II. schrieb 1980 die Enzyklika „Dives in misericordia“ – „Über die göttliche Barmherzigkeit“, die wegweisend war. Franziskus, der nie ein großer Theologe war, wurde mit dem Thema freilich auf dem Konklave konfrontiert, als ihn der deutsche Theologe und Kardinal Walter Kasper sein Buch „Barmherzigkeit“ schenkte. Es sprach den Papst so sehr an, dass Kasper fortan sein „Leib- und Magentheologe“ wurde. Kaspers Theologie dominierte dann auch die Familiensynode 2014/15, die in der Veröffentlichung des „nachsynodalen apostolischen Schreibens“ Amoris laetitia gipfelte, zu dessen wichtigsten Autoren der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn gehörte. Schonborn hatte sich während der Synode dadurch profiliert, dass er die zerstrittene deutschsprachige Gruppe zur Unterzeichnung eines Kompromissdokumentes bewegte. Eine Fußnote in A.L., die „in gewissen Fällen“ auch wiederverheirateten Geschiedenen „die Hilfe der Sakramente“ zubilligte, war so offen gehalten (und führte zu den unterschiedlichsten Auslegungen), dass vier Kardinäle ihren Klärungsbedarf anmeldeten, um ein de facto Schisma in dieser Frage zu vermeiden. Franziskus antwortete nicht, denn das würde eine Festlegung bedeuten.

Stattdessen feierte die Kirche 2015/16 als „Außerordentliches Heiliges Jahr der Barmherzigkeit“ – es sollte der Höhepunkt des Bergoglio-Pontifikates werden. Kein Titel beschreibt ihn so passend wie der des „Papstes der Barmherzigkeit“. Ob und wenn ja wo die göttliche Barmherzigkeit ihre Grenzen hat, das müssen andere entscheiden. Im weiten Herzen dieses Papstes ist sie jedenfalls unbegrenzt.

Immer wieder demonstriert Franziskus seine Bereitschaft, den Sünder in seine Arme zu schließen, auch wenn er klare Standpunkte vertritt. Bei aller Toleranz, bei allem „who am I to judge“ hat er doch deutlich für den Lebensschutz, gegen Abtreibung, die Homo-„Ehe“ und die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare Stellung bezogen. Wer daher Franziskus für einen Modernisten hält, der sei daran erinnert, dass kein Papst der Moderne so oft ganz unverblümt über den Teufel gesprochen hat wie er. Franziskus ist nicht mehr und nicht weniger als ein Purist, ein Mann nicht der intellektuellen Theologie, sondern der bodenständigen, unverblümten Volksfrömmigkeit.

Bei beiden Päpsten, Benedikt und Franziskus, war und ist der Name Programm. Benedikt war der Papst der benediktinischen Gelehrsamkeit. Seine liebste Zeitepoche ist die Spätantike, sein liebster Kirchenlehrer Augustinus, sein Thema war die Definition und Bewahrung der Glaubenswahrheit in einer Zeit, die nicht weniger sturmumtost ist als die Zeit der Völkerwanderung. Der hl. Franziskus trat eher in einer Epoche der Dekadenz auf und führte die Kirche auf die richtige Spur zurück, die apostolische Einfachheit. Interessanterweise befasste sich Joseph Ratzinger schon in seiner Habilschrift von 1955 mit der Geschichtstheologie des hl. Bonaventura, der nicht nur ein großer Kirchenlehrer, sondern auch der „offizielle“ Biograf des Mannes aus Assisi war. Danach würde in der Endzeit auf die „benediktinische“ Kirche der Gelehrten eine „franziskanische“ Kirche der Armen folgen. Damit würde sich ein Kreis schließen. In diesem Sinne wirkt Papst Franziskus. Er reinigt die Kirche von vielem Ballast, um sie zu ihren Anfängen zurückzuführen. Und schon deshalb glaube ich, in seiner so überraschenden Wahl auch das Wirken des Heiligen Geistes erkennen zu können. Sie zeigt zumindest, wie lebendig und stark die Kirche auch heute noch ist.

Archivfoto Papst Franziskus




Papst FRANZISKUS - Die ersten Ereignisse des neuen Pontifikats: Habemus Papam, Gruß an die Menschen auf dem Petersplatz, Gebet und Segen (deutsch)



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