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21 Februar 2018, 10:30
Kirche – das sind die Freundinnen und Freunde Jesu

Passauer Bischof Oster in Fastenhirtenbrief: Es ist mir Herzensangelegenheit, die Herzmitte von Kirche immer wieder freizulegen, ich bin überzeugt, dass ein Schritt zur Erneuerung auch unseren Umgang mit dem Schatz unserer Sakramente betrifft.

Passau (kath.net/pbp) kath.net dokumentiert den Hirtenbrief von Bischof Dr. Stefan Oster SDB zum 1. Fastensonntag 2018 in voller Länge:

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
in unseren Pfarreien werden Kommunionkinder und Firmlinge im Normalfall mit viel Engagement von Haupt- und Ehrenamtlichen vorbereitet, mit guten Programmen und Projekten. Dann kommt die Feier des Sakraments in einem schönen Gottesdienst. Und nun stellen Sie sich vor, wir würden dann eine Umfrage machen und die Jugendlichen folgendes fragen: „Du hast nun das Geschenk der Erstkommunion oder Firmung bekommen. Du weißt, dass es da um ein Leben mit Jesus geht, um die Freundschaft mit Ihm, zu der er Dich einlädt in seiner Kirche. Denn die Kirche ist die Gemeinschaft der Freunde Jesu. Bist Du also bereit, nun so zu leben, wie ein Katholik normalerweise lebt, dem diese Beziehung wichtig ist? Bist Du also bereit, sonntags zur Hl. Messe zu gehen, um Jesus in der Kommunion zu empfangen? Bist Du bereit, täglich zu beten und regelmäßig in der Bibel zu lesen? Bist Du bereit, immer wieder das Geschenk der Wiederversöhnung mit Gott in der Beichte zu empfangen? Und bist Du bereit, Deinen Glauben auch vor anderen Jugendlichen zu bekennen?“

Wir alle wüssten, liebe Schwestern und Brüder, dass beinahe 100 Prozent der so gefragten Kinder und Jugendlichen als ehrliche Antwort sagen würden: „Nein, dazu bin ich nicht bereit. Ich will es nicht und selbst wenn ich es wollte, ich könnte es nicht.“ Und die allermeisten könnten wohl hinzufügen: „Auch meine Eltern tun es nicht, es ist ihnen auch nicht so wichtig. Wie sollte ich es dann können und verstehen?“ Und wir alle, liebe Schwestern und Brüder, die Sie heute diesen Hirtenbrief hören, wir alle wissen, dass das ein Trend, eine Bewegung ist, die seit vielen Jahren anhält und nicht besser, eher schlechter wird. Wir brauchen uns nur hier und heute im Gottesdienst umzusehen. Trotzdem sind und bleiben unsere Sakramente mit das Kostbarste, das uns geschenkt ist. Aber sie werden inzwischen von sehr vielen nur mehr als eine Art religiöse Dienstleistung für Kirchensteuerzahler gesehen; ohne dass man damit noch in Verbindung brächte, was der eigentliche Sinn der Kirche und ihrer Sakramente ist.

Der Sinn ist folgender: Jesus ist nicht zuerst in die Welt gekommen, um uns zu zeigen, wie man ein guter Mensch wird. Jesus ist gekommen, um uns zu retten und uns aus unserer Entfernung von Gott zu Ihm nach Hause zu holen. Er will uns Gemeinschaft geben mit sich und seinem Vater, damit wir aus Sünde und Todesangst befreit werden. Und damit wir mit freiem, verwandeltem Herzen mithelfen können, die Welt zu verwandeln und der Welt zu zeigen, dass Jesus die Tür zum Vater ist. Kirche ist deshalb die Gemeinschaft von Menschen, die schon zu Jesus gehören, die ihn kennen und lieben. Kirche hat den Sinn, den Gott, der uns liebt und den wir lieben, dankbar zu feiern. Und sie hat den Sinn, allen Menschen hineinzuhelfen in diese Liebesgemeinschaft mit Jesus und seinem Vater. Und der Heilige Geist hilft uns dabei Zeugnis zu geben durch unser Beten, Sprechen und Handeln, durch unseren Liebesdienst an den anderen, besonders den Armen.

Das bedeutet für uns, liebe Schwestern und Brüder, dass unser Glaube zuallererst Beziehung ist, mit Jesus und untereinander. Es geht also nicht einfach nur um die Frage: „Gehst Du am Sonntag zur Kirche?“, es geht um die Fragen: Sehnst Du Dich nach Freundschaft mit Jesus. Und sehnst Du Dich nach der Gemeinschaft derer, die ihn schon kennen? Und willst Du vor allem selbst aus dieser Beziehung und dieser Gemeinschaft leben? Und willst Du mithelfen, dass auch andere Menschen in diese Gemeinschaft finden? Das ist Kirche, liebe Schwestern und Brüder, die Gemeinschaft derer, die zusammen mit Maria, seiner Mutter, mit den Aposteln und mit den Gläubigen aller Zeiten zu Jesus gehören.

Aber wie möchte Jesus, dass wir diese Beziehung pflegen? Eine seiner Antworten ist sicher diese: „Ich habe mein Leben für Euch gegeben, damit Ihr teil habt an meinem Leben mit dem Vater. Das ist mein Leib, das ist mein Blut für Euch, tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Jesus gibt sein Leben für uns! Und wir können ihm antworten, indem wir nach unserem eigenen Glauben fragen: Freuen wir uns an unserer Gemeinschaft mit ihm? Pflegen wir sie? Und können wir anderen von dieser Freude erzählen? Und davon, was Jesus für uns bedeutet?

Liebe Schwestern, liebe Brüder, ich bin der tiefen Überzeugung, dass sich Kirche bei uns nur erneuert oder wieder kraftvoller wird, wenn wir immer neu in diese Mitte zurückfinden: In die heilende Beziehung zu Jesus, als einzelne und als Gemeinschaft. Ich glaube, dass wir uns dazu auch Schritt für Schritt auf den Weg machen müssen: Helfen wir einander, unseren Glauben zu vertiefen. Und helfen wir vor allem unseren Kindern und Jugendlichen, in die Freundschaft mit Jesus zu finden. Sie haben ein Recht darauf, es zu lernen und zu erfahren, vor allem von ihren eigenen Eltern und Verwandten. Aber im Grunde von uns allen, die wir getauft und gefirmt sind.

Ich möchte das ausdrücklich sagen: Die Freundschaft mit Jesus ist keine exklusive Angelegenheit des Pfarrers oder unserer Hauptamtlichen. Wir Hauptamtliche haben sicher eine besondere Verantwortung, aber sie besteht vor allem darin, allen Menschen zu helfen, selbst in dieser Beziehung zum Herrn zu wachsen. Und sie zu befähigen, selbst wiederum ihr eigenes Zeugnis zu geben. Damit Kirche durch uns alle miteinander lebt und wächst. Und auch das möchte ich für uns alle deutlich sagen: Im Grunde ist die Beziehung zum auferstandenen Herrn die wichtigste Beziehung unseres Lebens. Das sagt er selbst immer wieder. Und er versichert uns, dass aus dieser Beziehung erst die tiefe Freude und das Vertrauen in uns wachsen. Und vor allem die Fähigkeit und der Auftrag, den Nächsten zu lieben wie uns selbst.

Vielleicht spüren Sie: Es ist mir wirklich eine Herzensangelegenheit, diese Herzmitte von Kirche immer wieder freizulegen. Und ich bin überzeugt, dass ein Schritt zur Erneuerung auch unseren Umgang mit dem Schatz unserer Sakramente betrifft. Hier kommt uns Jesus ganz konkret entgegen und schenkt uns immer neu das Heil. Und daher möchte ich einen ersten, sehr deutlichen Schritt setzen, um in den nächsten Jahren mit Ihnen allen über die Erneuerung der Firmung in unserem Bistum nachzudenken. Nach vielen Überlegungen, Beratungen, nach vielen Rückmeldungen und intensivem Gebet halte ich es für notwendig, Jugendlichen in unserem Bistum die Firmung erst um das 16. Lebensjahr zu spenden. Ich wünsche mir, dass junge Menschen durch die Hilfe von uns allen Erfahrungen mit unserem Herrn machen können – und dass sie selbst befähigt werden, von Ihm zu erzählen.

Ich lade Sie alle ein, mit anderen Gläubigen darüber nachzudenken, welchen Teil Sie als Christ, als Christin dazu beitragen können – und sei es, dass Sie vor allem selbst neu entdecken, was wir glauben, wem wir glauben und warum wir glauben. Oder sei es, dass sie für das Anliegen beten oder Ihre eigenen Erfahrungen einbringen. Ich halte es für wichtig, dass junge Menschen sich frei für dieses Sakrament entscheiden und dass sie einen verbindlichen Weg der Vorbereitung auf das Fest ihrer Firmung gehen. Wir wollen also ab 2019 in den nächsten Jahren mit der Firmspendung im Bistum weitgehend aussetzen; nur nicht dort, wo schon 16jährige gefirmt werden. Und wir wollen uns in dieser Zeit gut überlegen, wie wir eine Firmvorbereitung erarbeiten können, die geeignet ist, den Jugendlichen zu helfen, in der Beziehung zu Jesus in seiner Kirche zu wachsen.

Und ich glaube ehrlich, dass das erst ein Anfang sein wird in der Erneuerung unserer Sakramentenvorbereitung insgesamt. Sie alle wissen, dass das Geschenk der Beichte im Grunde weitgehend am Boden liegt. Oder dass wir weitere Schritte finden müssen, unsere Vorbereitung auf das Sakrament der Ehe zu vertiefen. Sie alle wissen auch, dass die Erstkommunion für sehr viele eher ein traditionelles Familienfest ist, ohne dass die Familien mit dem eigentlichen Grund für das Fest in Berührung kämen. Diese und andere Entwicklungen machen viele von uns sehr nachdenklich.

Aber, liebe Schwestern und Brüder, diese Wahrnehmung der Wirklichkeit ist nur die eine Seite. Ich bin zugleich voller Dankbarkeit und Hoffnung für das Viele, das ich in unserem Bistum auch sehe: So viel Bereitschaft zur Vertiefung des Glaubens, so viel Liebe zur Kirche und Vertrauen auf unseren Gott bei Vielen, soviel Engagement im sozialen Bereich. Für all das bin ich sehr dankbar. Wir haben noch so guten Boden und wollen die Gelegenheit nutzen, den Samen neu auszustreuen, damit Gott wachsen lassen kann. Und natürlich darf es wachsen, auch langsam und auch mit Rückschlägen, die kommen werden. Denn niemand von uns ist damit je fertig, geschweige denn perfekt. Aber Jesus wird seine Kirche nicht verlassen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von Herzen eine gesegnete vorösterliche Bußzeit: Mögen auch die nächsten Wochen uns allen helfen zu verstehen und zu erfahren, dass wir Ostern wirklich das Leben feiern, die Auferstehung von den Toten. Und dass wir da selbst dabei sein dürfen, wenn wir Jesus vertrauen. Amen.

Passau, 1. Fastensonntag 2018
Dr. Stefan Oster SDB
Bischof von Passau

Bistum Passau - Neuer Weg ´Firmung mit 16´ - Das sagt der Passauer Bischof Stefan Oster