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02 Januar 2018, 10:45
„Werbung für Abtreibung ist Werbung für einen Straftatbestand!“

Kölner Kardinal Woelki spricht in Jahresschlusspredigt wichtigste Lebensschutzthemen an! – Warnt vor „Genschere“ CRISPR – „Im Ausland werden schon lebensfähige Embryonen ‚im Dienst der Wissenschaft‘ verzweckt bzw. getötet“ - VIDEO
Köln (kath.net/pek) Mit klaren Worten warnt der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki vor einer weiteren Verharmlosung von Schwangerschaftsabbrüchen: „Nicht für das Töten ist Werbung angesagt! Angesagt ist Werbung für das Leben! Niemand, liebe Schwestern, liebe Brüder, niemand hat das Recht, über mensch-liches Leben zu verfügen, auch nicht in den ersten 12 Wochen. Wo sich Menschen zu Herren über Leben und Tod aufwerfen, haben sie den Weg der Menschlichkeit bereits verlassen. Das gilt auch für die Gesellschaft, auch für unseren Staat. Deshalb wehren wir uns als Christen weiterhin dagegen, dass in unserem Land von nicht wenigen die tausendfache Abtreibung als die Normalität einer liberalen, humanen und aufgeklärten Gesellschaft ausgegeben wird.“

kath.net dokumentiert die Predigt zu Silvester 2017 von Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki im Hohen Dom zu Köln in voller Länge:

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

unaufhaltsam geht das Jahr 2017 seinem Ende entgegen. Nur noch wenige Stunden trennen uns von einem neuen Jahr. Insgesamt 12 Monate liegen hinter uns, 52 Wochen, 365 Tage, 8.760 Stunden, 525.600 Minuten, 31.536.000 Sekunden. Dieser letzte Abend erinnert uns: unsere Zeit ist nicht endlos. Sie ist befristet. Nicht nur unsere persönliche Lebenszeit hat ein Ende, sondern die Zeit überhaupt. Die Zeit ist wie ein begrenzter Vorrat an Jahren, der uns geschenkt ist.

Am 5. Juli dieses jetzt zu Ende gehenden Jahres musste unser Alt-Erzbischof Joachim Kardinal Meisner seine ihm geschenkte Lebenszeit zurück in Gottes Hände legen. Viele von uns hat – trotz seines Alters – im letzten sein überraschender Heimgang geschockt und betroffen gemacht. Hatte doch zuvor nichts darauf hingedeutet, dass Gott ihn so bald zu sich heimholen wollte. Mit Joachim Kardinal Meisner haben wir einen leidenschaftlichen Hirten und Seelsorger verloren, einen Mann des Glaubens und des Gebetes, einen Mann der Kirche, der für seine Standfestigkeit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt war. Vor allem aber haben wir in ihm einen Zeugen verloren, der sich für die Bewahrung des unverkürzten, von den Aposteln auf uns überkommenen katholischen Glaubens eingesetzt hat – und zwar gelegen oder ungelegen.

Sich eingesetzt und gekämpft hat er darüber hinaus auch für den Schutz des menschlichen Lebens, das auch in 2017 wieder so vielgestaltig bedroht war. So ist 2017 etwa die Zahl der Hungernden seit 1990 erstmals wieder angestiegen. 815 Millionen Menschen auf der Welt hatten danach nicht genug zu essen. Von den fast 7,5 Milliarden Menschen auf unserer Erde musste somit weltweit an einem jeden Abend einer von 9 Menschen hungrig schlafen gehen. Die große Mehrheit der Hungernden (98%) lebt dabei weiterhin in den sogenannten Entwicklungsländern. Mehr als 160 Millionen Kinder unter 5 Jahren sind für ihr Alter zu klein, weil sie nicht genug zu essen haben. Neben dem weltweiten Hunger, neben Krieg und Terror waren es sodann vor allem die mit dem Klimawandel verbundenen Folgen einer weiteren Versteppung ganzer Landstriche vor allem in Afrika, die das Leben von Menschen bedroht oder es ihnen gar genommen haben.

Dass darüber hinaus – wie schon seit langen Jahren fast gewohnt - weiterhin in unserem Land Kinder im Mutterleib um ihr Leben fürchten müssen, wurde uns vor wenigen Wochen mit der beginnenden Diskussion über die Abschaffung des § 219a StGB erneut erschreckend vor Augen gestellt. Ausgelöst wurde diese Debatte dadurch, dass eine Ärztin im November zu einer gemäßigten Geldstrafe verurteilt worden war, weil sie auf ihrer Homepage mit „Abtreibung“ als ärztlicher Leistung geworben hatte. Mit der Maßgabe, „Ärzte zu entkriminalisieren“ und „Frauen einen offenen Zugang zu Informationen über Abtreibungen zu gewähren“ wurde zwischenzeitlich ein Gesetzentwurf im Deutschen Bundestag eingereicht zur Streichung des § 219 a, der die Werbung für Abtreibung unter Strafe stellt. Das gerade in Zeiten der politischen Unklarheit versucht wird, diesen Paragrafen abzuschaffen, ist bezeichnend.

Dabei klingt es ja zunächst recht fortschrittlich und menschlich, wenn es angeblich gilt, „Ärzte zu entkriminalisieren“. Viele wissen aber in unserem Land augenscheinlich gar nicht mehr, dass Abtreibung weiterhin strafbar ist und der Abbruch einer Schwangerschaft allenfalls nur in Ausnahmefällen und nach einer erfolgten Pflichtberatung straffrei bleibt. Sollte zukünftig im Internet oder anderweitig in offener oder kommerzialisierender Weise für Abtreibungen geworben werden dürfen, so käme dies einer weiteren Verharmlosung der Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen gleich. Werbung für Abtreibung, liebe Schwestern und Brüder, ist Werbung für einen Straftatbestand! Und das ist kriminell! Hier entkriminalisieren zu wollen, bedeutet einen weiteren Dammbruch.

Nicht für das Töten ist Werbung angesagt! Angesagt ist Werbung für das Leben! Niemand, liebe Schwestern, liebe Brüder, niemand hat das Recht, über menschliches Leben zu verfügen, auch nicht in den ersten 12 Wochen. Wo sich Menschen zu Herren über Leben und Tod aufwerfen, haben sie den Weg der Menschlichkeit bereits verlassen. Das gilt auch für die Gesellschaft, auch für unseren Staat. Deshalb wehren wir uns als Christen weiterhin dagegen, dass in unserem Land von nicht wenigen die tausendfache Abtreibung als die Normalität einer liberalen, humanen und aufgeklärten Gesellschaft ausgegeben wird.

Angefragt und bedroht ist das menschliche Leben auch in anderen Bereichen. Aktuell sorgt ein neues Werkzeug namens CRISPR (genauer CRISPR/ Cas9) für Euphorie in der Wissenschaft. Es ist recht einfach, kostengünstig und präzise. CRISPR ist eine Gen-Schere, mit der Genetiker – oder sagen wir besser Gen-Techniker – das Erbgut eines jeden menschlichen Organismus verändern können. An einer beliebigen Stelle kann CRISPR Informationen aus der DNA herausschneiden. Der Reparaturmechanismus des DNA-Stranges macht es sogar möglich, dass sich ein hinzugefügter Abschnitt nahtlos dort einsetzt. So wie man ein Wort in einem Satz streichen oder eben austauschen kann. Von der Wissenschaft wird dieses CRISPR, die Gen-Schere, als die Revolution der Gentechnik gefeiert. Es verspricht neue Chancen gegen AIDS, Krebs und viele Erbkrankheiten – auch bei der Züchtung von Tieren und Pflanzen. So könnte widerstandsfähigeres Saatgut entstehen oder bei der Malaria-Mücke die Übertragung der Malaria-Erreger gehemmt werden und das Immunsystem so programmiert werden, dass es Krebszellen angreift.

Nichts davon ist bereits, doch vieles könnte kommen. Im Ausland z. B. werden dagegen schon lebensfähige Embryonen „im Dienst der Wissenschaft“ verzweckt bzw. getötet. Hier wird also bereits das eine menschliche Leben für einen möglichen medizinischen Nutzen in der Zukunft geopfert. Wie immer bei medizinisch-wissenschaftlichen Entdeckungen stehe ich staunend und auch ehrfürchtig von dem Forschungsdrang des Menschen. Es darf sicher angenommen werden, dass viele Forschungsinteressen von dem dringenden Wunsch getrieben sind, Leid zu lindern, Hunger zu stillen und das Leben einfacher und besser zu machen. Die Versprechungen und Verheißungen für ein einfacheres und besseres Leben überschreiten nur leider allzu oft die Vernunft und Urteilskraft der Menschen. Wir können uns an den Möglichkeiten verheben, die wir uns erschließen und tun dies auch.

Wer kann die Folgen für Gesundheit und Umwelt abschätzen? Was schon bei Schädlingsbekämpfung und Unkrautvernichtung kaum gelingt, wird erst recht nicht gelingen, wenn im Erbgut ganzer Spezies herumgebastelt wird. Es tritt der beabsichtigte Segen, schweren Krankheitsverläufen den genetischen Boden zu entziehen, neben den Fluch, die Erbanlagen insgesamt einer Modifikation nach Wunsch auszusetzen. Das Ganze nennt sich dann Gen-Editing – Editing wie editieren: verändern, eingeben, herausgeben! Etwas herausgeben – eine Zeitschrift, einen Roman – das ist ein schöpferischer Akt.

Und genau das scheint wieder einmal näher zu rücken: Werden wir irgendwann mit Hilfe dieses einfachen Werkzeugs das perfekte Kind definieren, eine neue Spezies – hohe Intelligenz, hohe Lebenserwartung, besonders robust und ausdauernd. Wäre es möglich, dass das mütterliche und väterliche Erbgut gezielt komponiert, ergänzt, editiert wird? Entwickelt sich eine Klassifikation der natürlichen und der editierten Menschen – Homo sapiens und Homo editus? Behinderungen und Krankheiten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf ganz bestimmte Erbanlagen zurückgeführt werden können, müssten in dieser neuen Therapieform dann Eingang in eine Selektionsliste vermeidbarer Übel und erlaubter Keimbahneingriffe finden.

Im Februar 2016 wurde einer britischen Forschergruppe erstmals in Europa erlaubt, gezielt Gene menschlicher Embryonen im Frühstadium zu verändern. Die Embryonen dürfen allerdings keiner Frau eingepflanzt werden – noch nicht. CRISPR birgt die Möglichkeit, Schöpfer zu spielen. Menschen von Menschenhand gemacht können Vater und Mutter und ihrem Bestimmer gegenübertreten. Noch ist CRISPR nicht in die medizinische Versorgung eingezogen – in einigen Jahren kann das anders aussehen, und neben der Präimplantationsdiagnostik etabliert sich auch die Präimplantationstherapie. Embryonen werden vor der technischen Einsetzung in den Mutterleib durchgescannt und nachgebessert. Die Gentechnik wird ihren vernünftigen Nutzen im Lebensverlauf des Menschen haben und finden, aber als Keimbahneingriff am Embryo ist die Gefahr des Verlustes der Achtung vor dem Menschen in seiner ganzen Unvollkommenheit zu groß.

Bei allen gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen, die über den Umgang mit diesem mächtigen Werkzeug in den kommenden Jahren getroffen werden, muss klar sein: Es darf kein Leben nach dem Baukasten-Prinzip geben! Menschen mit Krankheiten und Behinderungen – auch mit erblichen – gehören zum Leben und ins Leben, gehören in unsere Gesellschaft! Sie alle verdienen die Chance auf dieses eine Leben – und das darf nicht das Produkt eines Designers sein, sondern eine unglaublich kostbare und unberechenbar schöne Schöpfung Gottes.

Vieles, liebe Schwestern und Brüder, wäre noch anzusprechen. Unser Flüchtlingsboot zum Beispiel, das Menschen auf ihrem Weg über das Mittelmeer das Leben gerettet hat, an dem wir an Fronleichnam 2016 die Hl. Messe gefeiert haben, weil wir darauf aufmerksam machen wollten, dass der menschgewordene Sohn Gottes sich so sehr mit den Kleinen und Schwachen identifiziert, dass er gewissermaßen selbst in einem solchen Boot gesessen hat, dieses Boot, das eineinhalb Jahre lang als Medium diente, um in Kirchengemeinden und Schulen über die Frage der Seenotrettung sowie über die Hintergründe von Vertreibung und Flucht ins Gespräch zu kommen, es hat vor wenigen Wochen seinen endgültigen Hafen im Bonner „Haus der Geschichte“ erreicht. Es wurde museal, Teil einer Ausstellung, die sich mit den letzten 25 Jahren deutscher Geschichte beschäftigt. Unser Boot ist das letzte Exponat, mit dem die zeitgeschichtliche Dokumentation endet. Ihm kommt damit quasi eine Scharnierfunktion zu von der jüngsten Vergangenheit mitten hinein in unsere Gegenwart. Denn all die Fragen, die mit Flucht und Migration verbunden sind, werden uns leider mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch im kommenden neuen Jahr herausfordern.

So kann uns am heutigen Abend an der Schwelle zu einem neuen Jahr ein Wort der Hl. Teresia von Avila daran erinnern, wie wir mit dem umgehen sollen, was uns herausfordert. „Nichts soll dich ängstigen – Nada te turbe“, sagt sie. Mit diesem Wort erinnert sie uns daran, dass wir in dem zu Ende gehenden Jahr, mit all dem, was es für einen jeden von uns gebracht hat, im letzten immer in Gottes Händen waren. Nichts soll dich ängstigen – denn Gottes Hände sind gute Hände! Deshalb dürfen wir in dieser Stunde auch sprechen: „Dank sei Gott für 2017! „Nada te turbe – Nichts soll dich ängstigen!“

Das lässt uns mit Blick auf das neue Jahr denn auch sagen: „In Gottes Namen“! In Gottes Namen wollen wir es beginnen, auch wenn wir nicht wissen, was es uns bringen wird. Aber wir dürfen es mit Gott anfangen. Und wenn wir zurückschauen auf die Lebensjahre, die hinter uns liegen, dann dürfen wir erkennen, dass er uns immer geleitet und geführt und uns im letzten in seinen Händen gehalten hat. Er wird das auch im kommenden neuen Jahr tun. Deshalb: Dank sei Gott für das vergangene und: „in Gottes Namen“ sei das kommende willkommen.

Amen.

Domradio - Kölner Kardinal Woelki spricht in Jahresschlusspredigt wichtigste Lebensschutzthemen an!




Archivfoto Kardinal Woelki (c) Markus Gehling/kath.net