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07 November 2017, 12:00
Das dritte katholische Auge

Diakrisis am Dienstag - Diese Woche ein kritischer Beitrag über Hinduismus - Von Stefan Meetschen
Linz (kath.net)
Manchmal lasse ich mir Zeit. Vor fast 25 Jahren war es, auf einer kirchlichen Veranstaltung in Berlin, als mir ein katholischer Journalist das Buch "Autobiographie eines Yogi" zur Lektüre empfahl. Mit dem Kommentar: "Ich wünschte, die Katholiken würden soviel von Gott verstehen, ihn so intensiv suchen, wie dieser Mann, Paramahansa Yogananda - ein Hindu."
In diesem Herbst habe ich das Buch endlich gelesen, und ich kann dem Journalisten nur zeitversetzt zustimmen. Es ist ein spannendes Buch, ein interessantes Dokument der unsichtbaren Wirklichkeit, das neugierig auf Indien macht. Denn Yogananda, der 1893 im Norden des Landes zur Welt kam und 1952 in Los Angeles starb, gibt darin einen guten Einblick, wie die Traditionen und Techniken der Hindus bis in die moderne Gegenwart wirkmächtig geblieben sind.

Bilokation, Gabe der Herzensschau, Prophetie - all die Gaben, die man in der Kirche mit Mystikern wie etwa Pater Pio in Verbindung bringt - sie tauchen auch bei Yoganandas Lebensbeschreibung auf; mit dem Unterschied, dass diese Charismen bei ihm (vorwiegend) nicht von katholischen Heiligen praktiziert werden, die ihre Gnadenhafte Kraft aus der Eucharistie und der Nähe zum Heiligen Geist schöpfen, sondern von Gurus und Yogis, Yoganandas - wie er schreibt - "Christusähnlichen" Lehrern, die auf Namen wie Yukteswar Giri oder Lahiri Mahasaya hören und die allesamt auf die Atem-Technik des sogenannten "Kriya-Yoga" schwören, um sich mit Gott schneller in Kontakt zu bringen. Eine Technik, die sicherlich den Geist der Unterscheidung verlangt und von vielen katholischen Priestern aus Indien entschieden abgelehnt wird.

Man spürt bei der Lektüre, dass Yogananda stark die westlichen Leser im Blick hat, die Mitte der 1940er Jahre, als das Buch erschien, noch weitestgehend christlich sozialisiert waren. Ihnen will er seine Religion erklären - weshalb er ständig auf die Bibel und Christus Bezug nimmt. Er tut dies jedoch in einer Weise, die mit der kirchlichen Lehre nicht vereinbar ist. Schließlich war Jesus kein Yogi neben anderen, wie Yogananda den Mann aus Nazareth missdeutet, sondern der Sohn Gottes. Auch die Lehre der Reinkarnation, wie Yogananda sie erklärt und glaubt, ist für Christen nicht integrierbar in das eigene Weltbild. Es sei denn als netter poetischer Gedanke.

Trotzdem: Ein Ansporn könnte es für christliche Leser schon sein, ebensoviel Zeit und Disziplin für die tägliche Begegnung mit Gott in der Stille aufzubringen, wie es Yogananda und seine Lehrer offensichtlich taten. Auch die von Yogananda und anderen Hindus kultivierte Distanz zu den materiellen Verheißungen, die schnell zu Versuchungen werden können, ist sicher für Christen kompatibel.

An solchen Stellen lässt das Buch etwas von dem "Strahl jener Wahrheit" durchschimmern, von dem das Zweite Vatikanische Konzil in der Erklärung "Nostra aetate" mit Blick auf andere Religionen spricht. Auch die "liebend-vertrauende Zuflucht zu Gott", welche die Konzilsväter gläubigen Hindus attestierten, ist in dem Buch spürbar. Die bescheiden, menschliche Art der Autobiographie hat Persönlichkeiten wie Steve Jobs oder die Beatles angesprochen, die bei Yogananda Inspiration fanden.

Besonders eindrücklich ist auch das Kapitel, in dem der Yogameister und Schriftsteller seine Begegnung mit der katholischen Mystikerin Therese Neumann schildert: "Ich erkannte sofort, dass ihr Gott diese ungewöhnliche Aufgabe übertragen hatte, um alle Christen von der historischen Tatsache der Kreuzigung Jesu, so wie sie im Neuen Testament beschrieben wird, zu überzeugen; denn ihre dramatischen Visionen offenbaren das zwischen dem galiläischen Meister und seinen Gläubigen bestehende ewige Band." Leider hat Yogananda sich nicht ganz auf das Geheimnis Christi eingelassen, denn an den Visionen der "Resl" nahm er in einem "Yoga-Trancezustand" teil, in den er sich bewusst versetzte. Das ist vermutlich der Unterschied zur wahren katholischen Mystik - man kann sie nicht technisch machen, sondern sie geschieht einfach. Der Mensch kontrolliert die unsichtbare Welt nicht.

Immerhin: Deutlich ermahnt Yogananda die Christen, ihrem eigenen Glauben treu zu bleiben (wozu die Praxis des Yoga aber eben vermutlich im Widerspruch steht). Faszinierend ist es auch, wenn Yogananda vom Swami-Orden berichtet, in den er nach dem Studium aufgenommen wurde und der den Vergleich mit katholischen Orden nicht scheuen muss. Die Kraft der Tradition mit ihren Riten und Weisheitsschätzen (Schriften, Sanskrit), sie wird bei Yogananda spürbar. Ist es dies vielleicht, was viele Menschen des schnelllebigen Westens so empfänglich für die in dem Buch zu findenden Lehren und Techniken macht? Die Sehnsucht nach einer authentischen, ehrwürdigen Tradition? Das hieße für die Kirche dann aber, sich wieder stärker auf die eigenen alten Rituale und Schätze (Schriften der Kirchenväter, Latein) zu besinnen, in Verbindung zu treten, mit der katholischen Lehre wie sie Jahrhunderte lang fruchtbar war. Kann Paramahansa Yogananda, ironisch formuliert, das dritte katholische Auge öffnen?