02 November 2017, 11:00
'Die Verrückte vom Friedhof'
 
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Vielleicht sind die "verrückten alten Mutterln" gar nicht verrückt. Vielleicht sind sie nur die einzigen, die in der Lage sind, ihrem Kummer Raum zu geben, egal was die anderen sagen. Gastbeitrag von Katharina Brandner

St. Pölten (kath.net) Ich bin sicher, jeder von uns hat eine ähnliche Vorstellung von den einsamen alten Mutterln, die am Friedhof herumwerkeln, vor sich hin reden, Kerzen anzünden – vielleicht sogar auf verschiedenen Gräbern – und ganz versunken scheinen in die Welt der Gestorbenen. Ich habe so eine ganz frühe Erinnerung und Bilder im Kopf von Menschen, die irgendwie immer "da waren" am wunderschönen Waldfriedhof, wo die Gruft meiner Familie liegt, und immer hatte ich das Gefühl, diese Menschen sind einsam, verloren, in der Vergangenheit verhaftet und irgendwie "verrückt". Oft jeden Tag auf den Friedhof zu marschieren, meist schon selbst nicht mehr gut zu Fuß unterwegs, und dort aus meiner Sicht viel zu viel Zeit zu brauchen und zu verbringen. Nicht schnell wieder weg wollen, wie wir Kinder, sondern oft und lange hinzugehen.

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"Früher" war das halt so, dachte ich immer, früher war es mit Scham und Druck verbunden, Ehre und Aufopferung zu zeigen, dem Ort zu zeigen, dass man ein schönes Grab hat, sich kümmert, es pflegt. Früher musste man sowas, und heute macht man das nicht mehr so, aus gutem Grund. Dachte ich.

Was ich niemals in Erwägung gezogen hatte: wie befreiend, wohltuend, schmerzhaft und doch gut es ist, das zu tun. Wie wenig verstanden ich es habe, dass es "Früher" vielleicht bedeutet hat, Trauer und Schmerz und Einsamkeit nicht zu verstecken, sondern zu zeigen, ins Leben zu integrieren, sich auch hinzugeben und nicht funktionieren zu müssen. "Früher" trug man nach den ersten Trauermonaten in schwarz noch ein Jahr lang eine schwarze Armbinde, als Witwe oder wenn Kinder gestorben waren, als äußeres Zeichen für den inneren Kampf. Jeder hat das erkannt, wahrgenommen, Anteil nehmen können, nicht erwartet, dass man am gesellschaftlichen Leben wieder teilnimmt, lacht, tratscht, mitmacht, außer wenn man das wollte. Manchmal denke ich, dass uns das im Heute einfach abhanden gekommen ist. Weil Alles schnell wieder weitergehen muss. Leider. Denn die Empathie ist oft kurz, die Trauer aber lang.

Wie oft es mich nun nach dem Tod meiner kleinen Tochter auf den Friedhof zieht, wie viele Stunden ich dort verbringe, wie ich mich dabei ertappe, auf einem genau Hundertjährigen Kindergrab ganz in der Nähe immer wieder Kerzen anzuzünden, weil dort offensichtlich niemand mehr hinkommt.

Vielleicht sind die "verrückten alten Mutterln" gar nicht verrückt. Vielleicht sind sie nur die einzigen, die in der Lage sind, ihrem Kummer Raum zu geben, egal was die anderen sagen. Vielleicht können sie etwas, das uns als Gesellschaft abhanden gekommen ist, seit der Tod nicht mehr allgegenwärtig ist, und zumeist vermieden werden kann. Vielleicht haben sie erkannt und selbst gespürt, wie gut es tun kann, sich um ein Grab zu kümmern, einen Platz zu haben für nichts anderes als die Erinnerung, einen Platz zu haben, der sich an manchen Tagen anfühlt, als wäre es der einzige Ort, an dem man sich nicht deplatziert fühlt. Vielleicht sollten wir eher von Ihnen lernen, als über sie zu schmunzeln.

Und wenn mich wer am Hietzinger Friedhof herumstreunen sieht, mit Gießkanne und Blumentöpfen und viel zu vielen Kerzen, bitte lacht nicht, sondern lächelt. Denn es tut gut, so zu sein.

Mag. Katharina Brandner ist bischöfliche Medienreferentin der Diözese St. Pölten - Im Jahr 2016 ist ihre Tochter Felicitas schwer mehrfach beeinträchtigt zur Welt gekommen und mit 10 Monaten an Lungenversagen verstorben

Symbolbild: Grab auf einem Friedhof




Foto (c) kath.net/Petra Lorleberg







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