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24 Oktober 2017, 11:00
Das "Zeugnis" des Laien. Noch kirchlich erwünscht?

"Das Zentralkomitee-ohne-Katholiken erweckt den Eindruck, es müsse kein Glaubenszeugnis mehr abliefern, sondern es dürfe selber Zeugnisse erteilen: Betragen, Beteiligung, Fleiß" - Gastkommentar von Franz Norbert Otterbeck

Köln (kath.net) Zu den sympathischen Zügen gehörte, als wir romtreuen Katholiken 2013 die uns unbekannte Biographie des J.M. Bergoglio SJ zu entziffern hatten, dass Papst Franziskus im "pueblo fiel" verankert sei, im frommen Volk. Das ließ auch für Deutschland hoffen: Bewährtes Brauchtum könnte sich erholen, nicht nur die Marienverehrung oder Andachten zu den Heiligen oder die eucharistische Anbetung, sondern auch ein Hinhören der Hirten auf die Beter und reumütigen Sünder, die ja auch noch da sind. Aber seit 2013 herrscht so ziemlich Stillstand. Dem mancherorts fast hysterischen "Aufatmen", nach fast acht durchlittenen Ratzinger-Jahren, folgte in der Papst-Heimat zwar noch mancher Lärm, aber doch Funkstille zum Wesentlichen. Der konfessionskatholische Apparat hat die Verkündigung - und zwar die vom jüngsten Konzil gemeinte! - ziemlich unverhüllt drangegeben. Das gemäßigt-progressive Wohltönertum schmückt sich zwar gelegentlich mit zwei oder drei Sätzen "aus dem Konzil", interessiert sich aber nicht mehr dafür, was GS 1, GS 36 (iusta autonomia) oder LG 37 mit Fn. 118 eigentlich meinten. Insofern ist das in der "Realwirtschaft" weithin echo-lose Wohltönertum selbstverschuldet uninteressant geworden für die Vielen. Das teuer eingekaufte "Medienecho" wird hier mal nicht mitgezählt. Denn das wird ja von den Kirchensprechern nur in autosuggestiver Absicht herangezogen. "Mein Glaube hat mir geholfen." Die Aktie mancher deutscher Bischöfe wäre auf einen Pfennigwert abgestürzt, wäre sie nur börsentauglich. Aber zum Glück hat man ja Aktien; und ist selber nicht auf Handeln-ins-Publikum eingegangen.

Die Situation ist da. Aber existiert in ihr auch noch ein Glaubenszeugnis der Laien? Der Glaube ist einfach, denn jede Seele steht unmittelbar im Dialog zu Gott. Für diese Erkenntnis bedurfte es keiner Reformation. Denn diese Einsicht vermittelt Christus selber, durch sein Kirche, immer noch. Das Zentralkomitee-ohne-Katholiken erweckt hingegen den Eindruck, es müsse kein Glaubenszeugnis mehr abliefern, sondern es dürfe selber Zeugnisse erteilen, insbesondere "Kopfnoten": Betragen, Beteiligung, Fleiß ... "Der Papst muss liefern." Aber wem? Seinem Herrn, nicht dem Herrn Sternberg oder der Frau Flachsbarth. Beispielsweise wurde ein Feiertag für die Muslime in Deutschland befürwortet. Vorsicht! Die Himmelfahrt des Propheten war nur sowas wie der Traum einer Nacht und kann deshalb schlecht am Freitag nach "Vatertag" gefeiert werden. Leichter wäre die Wiedereinführung des Buß- und Bettags unter interreligiöser Flagge. Die Sachsen als Volk-ohne-Gott dürfen ihn dann auch als 'Fest der Ahnungslosen' beibehalten. (Kleiner Scherz.)

Wenn heute in Münster eine junge Frau die Ausbildung zur Religionspädagogin beginnt, dann wird ihr die Professorin oder Pastoralreferentin sicherlich noch einige Leitmotive aus dem vergessenen Konzilstext "Lumen gentium" darstellen. Der Originaltext würde freilich verwirren, wegen all dem altfrommen Sprachgeröll darin. Aber den "Durchbruch", das "Ereignis" wird man noch überliefern. Die Kirche sei "Volk Gottes", also im Marsch auf Rom "en marche", berufen zur "Schleifung der Bastionen" (H.U. Balthasar). Schaut sie sich aber in den ausgetrockneten Restgemeinden dann selber um, so wird die Religionspädagogin feststellen (die ehelos bleiben wird, aber natürlich nicht Jungfrau), dass ihr Bistumskollektiv längst zur Schleifung der Oasen übergegangen ist, im Namen des Neuen Aufbruchs. Atommüll rein, Sachsen raus. Sozusagen. Ein befreundeter Kommunalbeamter scherzte neulich: "Was könnten wir schön verwalten, wenn nur der Bürger nicht wäre!" Was könnten die Diözesen sich herrlich selbst verwalten, wenn nur die lästige Sakramentenverwaltung "in der Fläche" nicht wäre! Bald ist es dann so weit: 'mission impossible'.

Es hat nicht an warnenden Stimmen gefehlt, von Jacques Maritain 1966 über Ida Friederike Görres, bis hin zu Robert Spaemann oder auch Christa Meves und vielleicht sogar J.B. Metz. Alles vergebens? Die Zeit liegt in Gottes Hand. So sehr sich die entsakralisierte "Hierarchie" auch verausgabt, das fromme Volk in der Fläche einzustampfen: Die Kategorie des Einzelnen wird so erst recht wieder provoziert. Es werden einzelne Bekenner aufstehen, durchaus mit einem für die Catholica unvermuteten Einschlag ins Evangelikale. Der Wirkungskreis ist schmal, aber nicht hoffnungslos. Wie es einst "Sozialisten in allen Parteien" gab (F.A. Hayek), so wird es vielleicht dereinst Christen in allen "Parteien" geben?

Der einigermaßen freiwillige Abgang des Mediendirektors Mayer aus der Kölner Bistumsspitze ermuntert aber nicht zur Schadenfreude. Denn möglicherweise wird jetzt - Weiberaufstand! - eine linkskatholische Journalistin installiert werden; und das Tamtam geht dann von vorne los. Als ob der-die-das Frauendiakonat die abgeblasene Weltrevolution ersetzen könnte! "Wenn das rote Meer grüne Welle hat ..." Sehen-urteilen-handeln käme heute zu anderen Ergebnissen: Die Firmlinge des 21. Jh., die inzwischen ins Kölner CRUX gekarrt werden, um Zulauf zu simulieren, hangeln sich längst genauso zaghaft durch die Neuen Geistlichen Lieder, wie sie es auch bei einer Herz Jesu-Litanei täten. Denn alles hat seine Zeit! Kardinal Marx betitelte sein hurtig verfasstes Manifest zur Lage der Nation im unteilbaren Deutschland also treffend: "Kirche über-lebt". Aber der Leser denkt vielleicht auch daran: "... hat sich überlebt".

Was bleibt? Das Zeugnis der Laien, einiger, speziell der Frauen, die Kinder oder Enkelkinder noch beten lehren. Denn es sind noch einige zehntausend Katholiken da, im deutschsprachigen Raum, die das "Credo des Gottesvolkes" (Paul VI., 1968) unterschreiben könnten. Für viele Theologen ein Unding, denn es enthält ja noch das "homo-ousios" von Nizäa. Theologen heute wird dazu vornehmlich erzählt, dass der Streit um das Jota ein furchtbarer Starrkrampf war, längst überwunden. Ich bin kein Athanasius, kein Newman, nicht einmal ein Lohmann (Björn oder Martin oder Rolf), aber auch ich bekenne gern den Glauben der Väter, wenn auch von den Müttern mehr überbracht als von den Kaplänen. Einige von denen, die es ernst meinen, wenn im Glaubensbekenntnis von der Jungfrau Maria oder der Auferstehung des Fleisches die Rede ist, sind für die "Pastoral" möglicherweise schon unrettbar verloren. Denn der "rotgrüne" Sound, der uns seit 2013 ff. noch verstärkt als Religionsersatz dargeboten wird, ist für fromme Ohren beleidigend. Wohlgemerkt: Der einzelne Christ kann sich zu einem politischen Engagement mehr links oder mehr rechts motiviert fühlen, aber wer will denn sowas ernstlich "als" Verkündigung hören? Doch nur, wer von den "letzten Dingen" nichts wissen will.

Nachkonziliar sind wir gottlob gehalten, den faktischen Rauswurf aus dem Reservat der "Pastoral" nicht mehr mit ewiger Verdammnis zu verwechseln. Die Gnadenmittel der Kirche sind zwar immer noch weit mehr als Symbole, aber wenn sie mehr und mehr nur noch symbolisch verabreicht werden? Dann hoffen wir, "zwangsreformiert", trotzdem auf die höhere Barmherzigkeit. Und wir dürfen noch hoffen: Zwar ließ sich der Kölner Kardinal beim Gedenken für Kardinal Höffner (30. Todestag) durch sein gewinnend auftretendes "alter ego" vertreten, den Generalvikar. Zwar waren bei der Feier - in einer Altenresidenz - im Schwerpunkt 70- bis 90-jährige Zeitzeugen der Ära Höffner zugegen. Noch immer gehörte ich zu den zehn jüngsten Hörern im Saal, als P. Ockenfels OP den Höffner-Preisträger würdigte, Cornelius Fetsch. Aber die Langlebigkeit der Nachkriegsgeneration wird so zum Segen: Denn die Stimme katholischer Laien ist noch vernehmlich da, darunter auch die des - um den "ordo socialis" hochverdienten - Preisträgers. Solche Lebenswege waren nämlich kirchennah und -wirksam, aber nicht konfessionsabhängig.

Der Verfasser hielt nicht viel von der Luhmann'schen Systemtheorie, als er sich noch mit Philosophie befasste. Diese schien recht unzuverlässig die Lebenserfahrung eines Verwaltungsjuristen zu verallgemeinern. Es scheint aber zutreffend zu sein, dass Systeme wuchern, in denen kein Ethos mehr gilt. Oder nunmal das Ethos des Systems. Die Sachbearbeiterin aus dem Generalvikariat vermag sich reibungslos mit dem Sachbearbeiter einer Krankenversicherung zu verständigen. Mit etwas Mühe kommuniziert sogar ein Domvikar mit dem Vorzimmer der Oberbürgermeisterin. Im "Sektor" gelten nicht mehr die Distinktionen von "Lumen gentium" und ähnlichen "Schrottpapieren", sondern das konfessionsspezifische Arbeitsrecht, angereichert um Anwartschaften aus z.B. erzdiözesanen Zusatzversorgungskassen. "Benefizien für alle?" So war das damals nicht gemeint mit dem konziliaren Aufruf an alle, den Weg zur Heiligkeit zu wählen.

Nicht der "heilige Ursprung" strukturierte seit etwa 1968 das Volk Gottes auf deutschem Boden, sondern ein schmallippig vorgetragener "Idealismus", mitunter schwäbelnd oder angeschwyzert, der sofort säuerte, wenn Rom mauerte. Jetzt mauert Rom nicht mehr, aber die Säuernis wächst weiter, weil der Sündenbock sozusagen ausgefallen ist: "Wider das Bapsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet ..." Wohlgemerkt: Der katholische Laie ist allzeit bereit, sein privates Urteil hintanzustellen, wenn das amtliche Urteil eintrifft. Will aber das Amt nicht mehr als solches in Erscheinung treten, sondern nur werbend auftreten, dann darf der Laie antworten: "Keine Reklame bitte!" Sogar das ist ein ganz bescheidenes Glaubenszeugnis. Lieferung? Gerne. Aber bitte keine solche Reklame mehr!

Gehorsam. Nichts anderes hält den Glauben auf Erden zusammen. Aber was ist von Diözesanverwaltungen zu denken, auf deren Fluren die klammheimliche Freude über die "Ehe für alle" vielleicht gar nicht ganz so selten anzutreffen war? Auch wenn der "Familienbischof" seinen Dissens zu Protokoll gab: Ist er Koch oder Kellner? Er ist ja im Geiste mit seinem Hedwigsparlamentsbau zu Berlin voll ausgelastet. Fehlt nur noch der Kardinalspurpur, um von dort als "Mazarin von Merkel" noch volltönendere Wegweisung an die Politik zu dröhnen: Kein nichtehelicher Akt muss für die Weitergabe des Lebens offen sein. Oder so ähnlich.

Seit etwa 33 Jahren vertrete ich, ohne besondere Resonanz, einen gemäßigten "Ratzinger-Kurs", wenn man so sagen darf. Mal weltpolitisch ein wenig "links" vom heutigen Emeritus, mal laientheologisch ein wenig weiter "rechts", speziell die deutsche Exegese betreffend. Aber immer bin ich deswegen vom Milieu abgestraft worden, ob früher beim BDKJ oder "Pax Christi" oder später an Marienwallfahrtsorten oder in (Erz-) Bistümern. Es ist einfach unerwünscht, wenn jemand außerhalb des milden Würgegriffs arbeitsrechtlicher Bindungen sich "Sachverstand" beimisst. Denn die Kompetenz ergibt sich verwaltungssystematisch allein aus der Zuständigkeit. "Mit sowas bin ich in zwei Minuten fertig", beschied mir ein ehemaliger Dompropst, den ich persönlich ansprach, warum er eine harmlose Anregung nicht beantwortet hatte. Inzwischen weiß ich, dass er damals noch relativ großzügig war. In Münster darf schon der Bischofskaplan - im Majestätsplural! - den Christenmenschen aus der Kommunikation ausstoßen. "Wir haben Ihnen häufig geantwortet..." Causa finita.

Eine ausgesuchte "kritische Linie" wird freilich augenzwinkernd gestützt, etwa wenn in mühseligen Dialogprozessen gewaltige Kulissen geschoben werden, nur um am Ende doch wieder "Würzburger Hofbräu" von 1975 auszuschenken, sprich: Synodenpoesie, die in Rom keine Gnade fand. Der deutschnational verwelkte Katholizismus-ohne-Volk genießt im Vatikan zwar noch Narrenfreiheit. Es könnte am Geld liegen, dass vom Rheine in Richtung des Tiber fließt, wahrscheinlich immer noch auf Konten des I.O.R. Wehe aber, die Kritik schert aus den Bandbreiten der hierzulande erlaubten Sprachspiele aus. Am gefährlichsten für das episkopale Wohlbefinden sind bekanntlich schlichte, wahre Sätze, die auf Tatsachen hindeuten - oder auch Konzilszitate. 'Nostra aetate' stellt nämlich nicht den Koran mit Christus gleich usw. Aus 'Christus Dominus' - über die Bischöfe - braucht man freilich gar nicht erst zu zitieren, wenn sich ein Bischof nur noch als Maskottchen seiner Entourage versteht. Das ist ein gegenseitig sehr tragfähiges Selbstverständnis. Wir sind so edel, hilfreich und gut, "unter uns"; und für die christliche Liebe gibt es ja schon die Caritas. Die bietet dem armen Lazarus eine kostengünstige Beratung an. "Aufbruch" bleibt Parole, solange nur nichts aufbricht, was die Gemeinsame Synode von 1972 bis 1975 festgezurrt hat. Die ist heute aber weit länger Vergangenheit als damals schon das Weltkriegsende.

Wir schlichten Gemüter, Laien außerhalb des Systems, wir sind und bleiben dankbar für "das letzte Zehntel" Priester, das längst den Großteil der Seelsorge leistet, die "noch" stattfindet. Diese betrachteten ihr Priesterwerden nicht als Ausstieg aus dem Christsein, wie ja auch das Priestersein nicht mit dem Bischofwerden enden darf. Wir Oasenbewohner feiern gerne mit diesen, herzechten Priestern - unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Richtung - die Geheimnisse Christi, unter dem Wort Gottes, zum Heil der Welt. Den Rest wird eine gütige Vorsehung allmählich liquidieren. Es soll ja Unternehmensberater geben, die ein bestimmtes Generalvikariat als zu 70% überbesetzt beurteilten. Diese Firmen empfehlen im Normalfall nur 15% der Mitarbeiter zu entlassen. Aber auch nur 15% kämen anderswo kaum unter. "Kirche über-lebt" will also sagen: Die diözesanen Kombinatsdirektoren lassen ihre Leute nicht verhungern. Gut so, denn man hat ja noch die Mittel. Aber das war nicht der Auftrag; und auch nicht der erste Zweck der Kirchensteuer. Die Rechnung ist relativ einfach: Wenn fast alle praktizierenden Katholiken im Rentenalter sind, die konfessionell Beschäftigten aber logischerweise noch nicht Rentner, dann tendiert die Schnittmenge gegen Null. Das erklärt manches Phänomen.

Ceterum censeo. Wer an der alten Überzeugung festhält, dass Christsein und Wollust unvereinbar sind, dass also ein nicht zu geringes Mindestmaß an Askese, Einkehr, Hingabe im Sinne von Verzicht "unverzichtbar" sind in der Nachfolge Christi, der steht im Weltbild der Klerokraten neuen Typs, ob nun Weiheträger oder nicht, auf verlorenem Posten "rechts". Früher bekam mitunter Ärger, wer im kirchlichen Dienst stand, aber 'contra sextum' sündigte. Eine etwas größere Gelassenheit ist im Einzelfall sicher angezeigt. Heute aber zieht sich eine Art kleiner Exkommunikation zu ("Ihnen antworten wir nicht mehr"), wer, wenn auch leider missverständlich, eine bestimmte "Mariensäule" in Kevelaer als misslungen bewertete. Mir selber fehlte dafür die Phantasie, aber ein Passant, ob nun schwul oder nicht, hatte mich darauf aufmerksam gemacht, dass der junge Künstler bei seinem Entwurf an ganz etwas anderes gedacht haben könnte als an die Marienverehrung. Man hat mir aber noch nicht einmal beantwortet, ob der erste Entwurf vielleicht doch vom Stifter Rupert Neudeck herstammte. Denn einen solchen Ehrenmann erachte ich über Hintergedanken zweifelhafter Art für erhaben. Die "Neudeck-Säule" wäre auch mit relativ geringem Aufwand noch "zu retten". Aber gut. Ende der Diskussion. Die Kompetenz ergibt sich nunmal aus der Zuständigkeit. Mein Urteil hat also niemanden zu interessieren, auch wenn es wahr sein könnte. Besonders dann.

Der Verfasser, Dr. iur. Franz Norbert Otterbeck, ist Rechtshistoriker und Wirtschaftsjurist. Siehe auch kathpedia: Franz Norbert Otterbeck.