04 Oktober 2017, 12:32
'Der CDU stehen heftige Richtungsdebatten bevor'
 
Legionaere
 
WEITERE ARTIKEL ZUM THEMA 'Politik'
Ex-FAZ-Herausgeber Hugo Müller-Vogg zu den Folgen der Bundestagswahl, zu den Koalitionsverhandlungen („Ich bin sehr skeptisch“) und zur AfD im Bundestag: „Tabubrüche – Das war bei den Grünen 1983 nicht anders“. KATH.NET-Interview von Petra Lorleberg

Berlin (kath.net/pl) „Große Koalitionen stärken die Ränder. In diesem Fall war es vor allem der rechte Rand. Eines wird gern übersehen: AfD und Linke sind von jedem Fünften gewählt worden.“ Das erläutert der Publizist und frühere Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Hugo Müller-Vogg, im Interview mit KATH.NET, im Blick auf die Ergebnisse der Wahl zum Deutschen Bundestag.

Der bekannte Journalist gilt als profunder Politikkenner. Sein derzeit jüngstes Buch ist ein Interviewband mit dem CDU-Politiker Wolfgang Bosbach.

kath.net: Wer sind denn nun wirklich die Gewinner und wer die Verlierer dieser Wahl?

Hugo Müller-Vogg:
Das liegt ja auf der Hand: FDP und AfD sind die großen Gewinner, CDU/CSU und SPD die großen Verlierer. Grüne und Die Linke freuen sich über minimale Zugewinne. Sie haben bis heute nicht bemerkt, dass die Wähler von ihrer Oppositionspolitik seit 2013 nicht viel gehalten haben.

Werbung
messstipendien


kath.net: Welche Folgen wird das Wahlergebnis in der Union nach sich ziehen?

Müller-Vogg:
Mit ihren 41,5 Prozent vor vier Jahren konnte Angela Merkel alle Diskussionen über den Kurs der sozialdemokratisierten CDU abwehren. Das geht jetzt nicht mehr. Der CDU stehen heftige Richtungsdebatten bevor. Bei der CSU geht es darum, dass Seehofers Zick-Zack-Kurs – mal heftige Kritik an Merkel, mal innige Umarmung – das Profil der Partei als kantig-konservatives Korrektiv zur CDU massiv beschädigt hat. Horst Seehofer ist nicht mehr der starke Mann, auf dessen Kommando die ganze CSU hört.

kath.net: Martin Schulz kündigte die schwarz-rote Koalition auf. Hat die große Koalition zur Radikalisierung der politischen Landschaft beigetragen?

Müller-Vogg:
Das Ergebnis entspricht haargenau den politischen Lehrbüchern: Große Koalitionen stärken die Ränder. In diesem Fall war es vor allem der rechte Rand. Eines wird gern übersehen: AfD und Linke sind von jedem Fünften gewählt worden. Die Ränder werden breiter und fransen aus.

kath.net: Was erwarten Sie, falls eine Jamaika-Koalition entsteht? Und: Welche Richtung wird die Flüchtlingspolitik nehmen?

Müller-Vogg:
Ich bin sehr skeptisch, ob es zu Jamaika kommt. Meine Phantasie reicht nicht aus, um mir einen glaubwürdigen Kompromiss zwischen möglichst offenen Grenzen und einer Obergrenze vorzustellen.

kath.net: Wie sehen Sie die Zukunft der Linken?

Müller-Vogg:
Falls es zu Jamaika kommen sollte, darf sich Die Linke auf eine Annäherung der SPD an ihren radikaleren Kurs freuen. Ihre Rolle als Protestpartei hat Die Linke längst eingebüßt. Wer es „denen da oben“ mal richtig zeigen will, der wählt die AfD.

kath.net: Was kommt mit der AfD im Bundestag konkret auf uns zu?

Müller-Vogg:
Die AfD ist eine reine Protestpartei, hat auf wichtigen Politikfeldern – zum Beispiel in der Rentenpolitik – keine Konzepte. Wir werden erleben, dass die parlamentarischen Repräsentanten der Wutbürger und Wutwähler die „Altparteien“ im Bundestag ständig zu provozieren versuchen. Sie werden auch mit völkischen und nationalistischen Tönen ganz gezielt Tabubrüche begehen. Das alles war bei den Grünen 1983 nicht anders. Ich hielte es für kontraproduktiv, die AfD durch Geschäftsordnungs-Tricks in ihren parlamentarischen Rechten zu beschneiden.

kath.net: Frauke Petry hat ihren AfD-Austritt erklärt. Ein zweiter Fall Lucke? Oder gibt es Unterschiede?

Müller-Vogg:
In der AfD-Bundestagsfraktion dürfte sich wiederholt, was in den meisten AfD-Landtagsfraktionen der Fall ist: Streit, Intrigen, Austritte, Abspaltungen. Frauke Petry wird dabei wohl keine wesentliche Rolle spielen. Anders als bei Lucke geht es der politischen Zugewinn-Gemeinschaft Petry-Pretzell mehr um Selbstdarstellung als um Inhalte.

kath.net: Die Rolle der Medien in Bezug auf die AfD wird hier und da kritisiert. Teilen Sie die Meinung, dass die Medien durch diese oder jene Art von Berichterstattung unabsichtlich der AfD genutzt haben?

Müller-Vogg:
Die Medien haben es nicht einfach: Neue Parteien kann man nicht einfach totschweigen, nur weil sie einem politisch nicht zusagen. Zugleich ist für eine neue Kraft auf dem politischen Parkett jede Berichterstattung wertvolle Werbung, selbst kritische Berichte helfen einem Newcomer. Mich stört, wie leichtfertig viele Medien für die AfD Begriffe wie Nazis oder Rechtsextreme verwenden. Ich halte die AfD für eine chaotische Mischung aus Konservativen, Rechtspopulisten, Rechtsradikalen, Völkischen und auch Rechtsextremen. Diese Truppe aber pauschal als „Nazis“ zu bezeichnen, verniedlicht die schrecklichen Verbrechen der Nationalsozialisten. Und je mehr die „etablierten“ Medien die AfD verteufeln, umso mehr bestärken sie deren Anhänger, dass die neue Partei die einzige und wahre Opposition ist.

kath.net-Buchtipp
Endspurt
Wie Politik tatsächlich ist - und wie sie sein sollte. Begegnungen, Erlebnisse, Erfahrungen
Von Wolfgang Bosbach
Ein Gespräch mit Hugo Müller-Vogg
Hardcover, 272 Seiten, Quadriga
ISBN 978-3-86995-092-1
Preis 24.70 EUR

Bestellmöglichkeiten bei unseren Partnern:

- Link zum kathShop

- Buchhandlung Christlicher Medienversand Christoph Hurnaus:

Für Bestellungen aus Österreich und Deutschland: buch@kath.net

Für Bestellungen aus der Schweiz: buch-schweiz@kath.net

Alle Bücher und Medien können direkt bei KATH.NET in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Christlicher Medienversand Christoph Hurnaus (Auslieferung Österreich und Deutschland) und der Provini-Buchhandlung (Auslieferung Schweiz) bestellt werden. Es werden die anteiligen Portokosten dazugerechnet. Die Bestellungen werden in den jeweiligen Ländern (A, D, CH) aufgegeben, dadurch entstehen nur Inlandsportokosten.


Foto: Dr. Hugo Müller-Vogg




Phoenix - Hugo Müller-Vogg und andere zu Gast im Presseclub - ´Zwischen Willkommenskultur und Abschottung: Wie bewältigen wir den Flüchtlingsandrang´





Foto © Hugo Müller-Vogg

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung auf ein Konto in Ö, D oder der CH oder via Kreditkarte/Paypal!









kath.net ist Teilnehmer des Partnerprogramms von Amazon EU, das zur Bereitstellung eines Mediums für Webseiten konzipiert wurde, mittels dessen durch die Platzierung von Werbeanzeigen und Links zu Amazon.de Werbekostenerstattung verdient werden kann.

Lesermeinungen zu diesem Artikel anzeigen und Kommentar schreiben

Sie können nur die Lesermeinungen der letzten sieben Tage einsehen.

 
App play store iTunes app store Jetzt kostenlos herunterladen! mehr Infos Instagram

meist kommentierte Artikel

Affären, Macht und Intrigen? (123)

Kardinal Brandmüller: Papst hatte Dubia-Brief erhalten! (58)

Australien berät Aufhebung des Beichtgeheimnisses bei Missbrauch (54)

Die neue Würde, die Jesus der Frau schenkt (48)

Kardinal Burke: Wir haben Dubia-Brief bei Papst-Residenz abgegeben (47)

"Was die Nazis machten, heute tun wir das mit weißen Handschuhen" (39)

Tagung: Ist Gold in Liturgie noch zeitgemäß? (39)

„Bistum Genf droht wegen des Papstbesuchs der Konkurs“ (30)

Deutsche Bundespolizei weist ab sofort bestimmte Flüchtlinge zurück (30)

Scharfe Kritik an Totendiamanten durch Berliner Bischöfe (27)

Die Verführung der niederträchtigen Kommunikation, die zerstört (25)

Salzburg: Neupriester Reves vermittelt Ostkirchen-Spiritualität (22)

Zwei Donnerschläge aus Rom (21)

Ohne Islam-Reform droht Islamisierung Europas (19)

Linkskatholiken attackieren CSU wegen Asyl-Krise in Deutschland (13)