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14 September 2017, 10:30
'Nichts ist so veraltet und überholt wie der Wunsch, modern zu sein'

„Die vergangenen Jahrhunderte sind übersät mit ‚toten Modernen‘ (GK Chesterton) und trotzdem wirken Worte wie ‚zeitgemäß‘, ‚aktuell‘ und ‚altmodisch‘ so mächtig auf uns.“ Gastkommentar von Johannes Hartl

Augsburg (kath.net) Nichts ist so veraltet und überholt wie der Wunsch, modern zu sein. Über keine Ansicht schüttelt die nächste Generation so verächtlich den Kopf wie über eben jene, die ein paar Jahrzehnte zuvor als das unausweichlich Erwiesene galt. Die vergangenen Jahrhunderte sind übersät mit "toten Modernen" (GK Chesterton) und trotzdem wirken Worte wie "zeitgemäß", "aktuell" und "altmodisch" so mächtig auf uns. Dass eine bestimmte Einstellung heute überholt sei - was soll diese Aussage bedeuten? Ist eine Aussage allein deshalb falsch, weil man sie schon früher für wahr hielt? Wird der Satz 3+3=6 am Dienstag falsch, weil er am Montag auch schon bekannt war?

Freilich gibt es Moden und das ist ja auch OK. Stil, Kunst, Lebensart ändern und entwickeln sich. Und natürlich gibt es auch Fortschritt in Wissenschaft und Erkenntnis. Doch fast immer wenn jemand Sätze wie "das kann man heute so nicht mehr sagen" oder "für heutige Menschen ist das nicht mehr plausibel" sagt, meint er nichts anderes, als dass wir uns es angewöhnt haben, bestimmte Ansichten als unattraktiv zu empfinden. Mit grösserer Wahrheit hat das nichts zu tun. Die tiefsten Wahrheiten über den Menschen ändern sich überhaupt nicht mit den Moden. Und es weist nichts darauf hin, dass Menschen früherer Zeiten schlechter darin waren, darüber nachzudenken. Ganze Generationen können inmitten wissenschaftlichen Fortschritts radikal irren.

Noch zwei Beispiele aus der Giftkiste.

Etwa ein Jahrhundert lang galt es unter Intellektuellen als weitgehend akzeptierte Meinung, dass eine kommende Revolution der Proletarier historische Notwendigkeit und der Kapitalismus zum baldigen Scheitern verurteilt sei. Wer modern sein wollte, war Kommunist. Der Massenmörder Mao Tse Tung war super hip im Berlin und München der späten 60er.

Eines der stärksten Argumente der Nazis war, dass ihe Rassentheorie sich so gut in den Vulgärdarwinismus der 30er Jahre einpassen ließ. Dass der Kampf ums Überleben die grundlegende Dimension alles Lebendigen sei, galt als evidente Erkenntnis der Biologie. Nationalismus galt als extrem fortschrittlich, die anderen Gesellschaftsformen als altmodisch und überholt.

Der Genuss von Opium und Kokain war um 1900 ein Zeichen weltmännischer Gewandtheit, das Ende der Kirche wurde schon im revolutionären Frankreich der 1790er Jahre als abgemacht verkündet und über 200 Jahre lang die Newton'sche Mechanik als System zur vollständigen Beschreibung der physikalischen Realität.

Nichts ist so sehr Avantgarde wie eine gesunde Distanz zu modernen Ansichten, stets um die Versuchung zur Selbstüberschätzung der eigenen Epoche wissend.

Dr. Johannes Hartl ist katholischer Theologe. Der Gründer und Leiter des Gebetshauses Augsburg ist verheiratet und Familienvater.

Außerdem gibt er im Rahmen seines Lehrauftrags auch Blockvorlesungen an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI.


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Gott ungezähmt
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Dr. Johannes Hartl - Katechese auf der #MEHR2017 / Gebetshaus Augsburg