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12 September 2017, 10:00
'Christus, dem Haupt der Kirche, treu sein'

„Wir sind Zeugen der Wahrheit, die von Oben kommt.“ Von Nuntius Thomas E. Gullickson
Basel (kath.net) Der apostolische Nuntius in der Schweiz, Erzbischof Thomas E. Gullickson, hat diese Predigt am 10.9.2017 in St. Anton/Basel zum Kirchweihfest gehalten. kath.net dankt S.E. für die freundliche Erlaubnis zum Abdruck.
Ez 33:7-9 - Rom 13:8-10 - Mt 18:15-20


Gelobt sei Jesus Christus!

Es ist etwas sehr Schönes und zugleich auch etwas gewöhnliches, eine Kilbi – ein Kirchweihfest – zu feiern. Die Lesungen der Heiligen Schrift, die wir im Lektionar für ein solches Fest wählen könnten, sprechen vor allem von der Kirche als Versammlung des Volkes Gottes, von einem Gebäude, welches vom Hl. Geist mit lebendigen Steinen erbaut wurde, also von uns Getauften. Vielleicht ist es gerade deshalb, dass ich mich entschieden habe, bei den Lesungen des heutigen 23. Sonntag im Jahreskreis zu bleiben. Die heutigen Lesungen sprechen von der Dynamik der Kirche seins. Sie sprechen von Gott, der unsere Gebete hört, von Gott, der unser Leben lenkt. Es ist eine Dynamik, die von Gott und seinem Willen ausgeht und auf unsere Pflichten gegenüber Gott und den Mitchristen ausgerichtet ist. Die Lesungen sprechen von unserer Pflicht, um unseres Heiles willen die andern zur Treue zum Evangelium zu ermahnen, zur Treue zum Wort Gottes. Wir können nicht zulassen, dass die andern in der Sünde und im Irrtum verbleiben. Auch wir haben eine prophetische Aufgabe zum Heil der andern.

Diese Ermahnungspflicht des Propheten haben die Priester als Hauptverantwortlichen, als guten Hirten, inne. Leider sind wir nicht immer ganz überzeugend oder erfolgreich beim Predigen. Wieso denn? Vielleicht der am meisten verbreitete Vorwurf gegen die katholischen Priester ist derjenige, dass wir in unseren Predigten langweilig seien und unfähig, die in den Kirchenbänken zuhörenden Menschen zu begeistern. Ich persönlich erinnere mich daran, dass ich als Jugendlicher und junge Erwachsene die Priester vor allem wegen ihrer Lebensführung schätzte. Deswegen versuchte ich stets, irgendetwas aus ihren Predigten zu lernen, auch wenn diese Predigten nicht besonders fantasievoll oder begeisternd waren. Entscheidend war für mich, dass die Worte ehrlich waren, dass der Mann, der sie sprach, ein ehrlicher Mann war. Ich versuchte etwas aus den Worten des Predigers zu lernen, weil ich den Prediger als guten und ehrlichen Mann schätzte. Ich glaube auch heute noch, dass für uns alle die Integrität der Persönlichkeit, die Ehrlichkeit des Menschen viel wichtiger ist für unseren Respekt und unsere Lernbereitschaft, als die Eloquenz und Geschmeidigkeit seiner Rede.

Wir haben aus der Hl. Schrift gelernt, dass der Glaube vom Hören kommt. Ich muss bekennen, dass ich absolut davon überzeugt bin, dass der entscheidende Punkt für den Erfolg und die Wirkung einer Predigt nicht bei der Form der Rede, in der Kunst zu sprechen, also in der Rhetorik des Predigers liegt, sondern beim Herzen des Zuhörers. Im Herzen des Hörers entscheidet sich die Wirkung der Rede. Im Herzen des Hörers findet das Wort Aufnahme, entsteht die Begeisterung, erwächst Umkehr. Das Herz ist der Ort des Hörens. Das Herz ist der locus, der Ort, der über den Erfolg einer Predigt entscheidet. Auch im Gleichnis vom Sämann des Wortes Gottes hängt vieles davon ab, auf was für einen Boden der Samen fällt. Das Herz ist der wahre und eigentliche Ort des Hörens.

Die Botschaft der heutigen Lesungen kreist um die Verantwortung des Propheten, zu ermahnen, und ebenso um die Gewissenspflicht eines jeden, der dazu bestimmt ist, den Sünder zur Umkehr, zur Erneuerung seines Lebens zu führen. Diejenigen, welche auf das prophetische Wort, also auf das Wort Gottes antworten sollten, haben manchmal ein verhärtetes Herz, ein Herz, welches nicht auf die Stimme des Herrn hören will. Der Prediger muss alles tun, was er kann, um diese Herzen zu erreichen. Das ist ein Teil der Botschaft von heute.

Ich möchte aber auch von einem weiteren Gedanken des Evangeliums sprechen: Ich möchte sprechen von unseren an Gott und sein immer hörendes Herz gerichteten Bitten. Das Herzen Gottes irrt sich nie im Hören und verstehen der menschlichen Worte. Es beurteilt unser Bitten und Gebete souverän und gerecht. Ich möchte von Gott sprechen, der unsere Bitten und Gebete erhört. So verstehe ich den Sinn der ermutigenden Worte im Evangelium:
«Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.»

Es kann sein, dass der Zuhörer in der Kirchenbank die Worte des Predigers falsch beurteilt – aber Gott, der Richter der Welt, erforscht die Herzen der Menschen und er irrt sich nie. Wenn 2 oder 3 zusammen beten und ehrlich etwas miteinander von Gott erbitten, dann wird Gott, der unsere Herzen kennt, unsere Bitten erhören. Aber warum müssen es 2 oder 3 sein? Ganz einfach, weil ich alleine mich in meinen Bitten an Gott manchmal irre. Die gemeinsame Absicht in den Herzen der Gläubigen, das gemeinsame Wollen der Kirche trägt in sich die Objektivität unserer Bitten.

Die Sünde (ich spreche hier nicht von der Erbsünde, aber von der grundlegenden Sünde, die sich zu jeder Zeit und an jedem Ort wiederholt) ist die Sünde des Stolzes. Es ist der Stolz, welcher sich nicht vor Gott beugen will. In den letzten 2000 Jahren bedeutete dies die Weigerung, sich in die Kirche einzufügen und sich von ihr führen zu lassen, weil wir meinen, wir müssten alles alleine entscheiden. Ungehorsam und Stolz gehen Hand in Hand. Die heutige Ermahnung ist die, nicht zu schweigen von dem, was das Wort Gottes sagt, nicht zu zögern, in Gottes Namen das Urteil auszusprechen. Wenn wir den andern in der Sünde lassen, so werden wir auch nicht gerettet. Wir sind Zeugen der Wahrheit, die von Oben kommt. Die Gemeinschaft von Gott mit seinem Volk drängt uns dazu, mehr noch zwingt uns dazu, Christus, dem Haupt der Kirche, treu zu sein und auch treu zu sein dem Leib Christi, der Kirche. Wenn als Gläubige, welche dem Wort Gottes gehorsam sind und auch der Kirche, Gott um Hilfe bitten, so können wir nicht scheitern mit unserem Auftrag, für das Heil der Welt zu wirken.

Die Gemeinschaft, die wir heute als lebendige Steine eines vom Heiligen Geiste erfülltes Gebäude feiern, drängt uns dazu, die Welt in der wir leben in aller Demut zu ermahnen, dem Wort Gottes gegenüber Gehorsam zu sein, dem Wort, das uns rettet.

«Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.»

Gelobt sei Jesus Christus!

Archivvideo: Erzbischof Thomas Gullickson, Apostolischer Nuntius in der Schweiz: Pontifikalamt in der Wallfahrtskirche Maria Vesperbild




Archivfoto Nuntius Gullickson (c) Schweizer Bischofskonferenz