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23 Juni 2017, 09:45
'Ziemlich starker Tobak'

Gastkommentar zu einem Kommentar eines zukünftigen Pastoralreferenten auf „katholisch.de“: „Lieber Herr Pilger, haben Sie mal Jesus gefragt, ob er möchte, dass seine Kirche eine ‚professionelle‘ Dienstleisterin ist?“

Bonn (kath.net/Blog „Mary of Magdala“) Wenn ich im Restaurant Antipasti bestelle, bekomme ich Antipasti. Sich dann beschweren zu müssen, weil man Pasta wollte, kann an mangelnder Sprachfähigkeit liegen. Die kann man erwerben. Sich im italienischen Restaurant darüber zu beschweren, dass auf der Karte kein Döner steht, ist dämlich. Basta.

Ausgehend von diesen gastronomischen Selbstverständlichkeiten fällt es leichter, den Einblick, den ein angehender Pastoralreferent in seine Probleme mit der Berufswahl gibt, einzuordnen (Vgl: Max Pilger, „Pasti oder Antipasti?“, im Internetportal „katholisch.de“, dem Internetportal der katholischen Kirche in Deutschland). Für die Offenheit, Probleme und Sorgen darzulegen, muss man dankbar sein. Hier spöttisch zu reagieren, ist nicht nett. Andererseits ist die Kombination aus Arroganz, Unwillen zur Selbstkritik und larmoyantem wie forderndem Auftreten, die Pilger in sanft-ausgleichende Ich-Botschaften packt, auch ziemlich starker Tobak.

Ich erlebe es in der Ausbildung schon so, dass viel Wert darauf gelegt wird, wie ich ein spirituelles und geistliches Leben führen kann, wie ich meine Berufung in Beziehung zum Evangelium verstehe und diesen ganzen Kram. Das mag wichtig sein, mir sagt das nicht so viel.

Selbst wenn ich versuche, sprachlich locker herüberzukommen: Ist die Bezeichnung der lebendigen Gottesbeziehung als "Kram" der Bedeutung des innigen Kontakts mit Jesus Christus angemessen? Wohl kaum. Schon gar nicht, wenn der Nachsatz deutlich macht, dass es nicht liebevoll-schnodderig, sondern bitterernst gemeint ist: Ihm sagt das nicht so viel. Das ist kein Berufungs- oder Berufsproblem: Wie will man Christ sein, ohne sich in ein fruchtbares geistliches Leben einzuüben? Wie will man jemanden lieben, dem man nicht begegnen will?

Für mich sind die Fragen: Wie erreiche ich Menschen? Wie unterstütze ich eine Gruppe darin, sich zu organisieren? Wo setze ich Grenzen? Wie funktioniert ein Sozialraum?

Pilger möchte also Sozialarbeiter sein. Wunderbar! Es ist doch eine unnötige Problematisierung, wenn man ein genaues Berufsbild hat, dann aber einen Konflikt konstruiert, indem man die Parameter des Berufsbildes einem anderen andichtet: Natürlich werde ich unglücklich, wenn ich Mittelhochdeutsch lernen möchte, dies aber im Mathestudium tun will. Wie kann man auf die Idee kommen, in der Pastoral zu arbeiten, Gott dabei aber außen vor lassen zu können? Ebenso abwegig wäre die Idee, bei Starbucks arbeiten zu wollen, ohne Kaffee verkaufen zu müssen und obendrein vom Unternehmen zu verlangen, seine Produktpalette radikal zu ändern. Dementsprechend dreist (und unverständig) sind die Forderungen, die Pilger gegenüber der Kirche erhebt: Eine solche Haltung wäre gegenüber jedem Unternehmen lächerlich, gleichwohl ein Unternehmenskonzept nur menschengemacht und veränderbar ist: Was für ein Bild hat man von der Kirche Jesu Christi, deren Einrichtung auf Gott gründet, und deren "Konzept" die unveränderliche Wahrheit ist, wenn man meint, ihr gegenüber so auftreten zu dürfen?

Ich glaube Herrn Pilger gern, dass er all dies ganz ernst meint und dass ihm die Unverschämtheit seiner Positionen nicht im Geringsten einleuchtet: Sein Problem ist das einer narzisstischen Generation (ich darf das sagen, es ist meine Generation), die denkt, während alles einem zu Diensten sein müsse, sei man selbst nur sich selbst verpflichtet. Wie kommt es etwa, dass man es als „übergriffig“ empfindet, residenzpflichtig zu sein? So nennt Pilger, was in vielen Berufen notwendig ist: Man kann nicht Landarzt sein in Manhattan. Aber wenn es die Kirche ist, die etwas verlangt, dann ist es übergriffig.

Dabei war schon die Wahl des Studienfaches, was auch ganz unschuldig zugegeben wird, nicht gerade von Verantwortungsgefühl geprägt: Fristen verpasst, Theologie war halt zulassungsfrei. Wäre hier nicht Reue über die jugendliche Gedankenlosigkeit angebrachter, als sich darüber zu beschweren, dass der angestrebte Beruf nicht das ist, was man will, obwohl man diesen Sachverhalt durch Nachdenken hätte erkennen können? Reue führt zu Umkehr: Besser ein Ende mit Schrecken als Schrecken bis zur Rente.

Entsprechend der nicht besonders engagierten Wahl des Fachs ist laut Pilger übrigens „Studium (…) eben ein Studium“: Ein flammendes Plädoyer für die Abschaffung des „Abiturs für alle“, oder nicht? Wer so glücklich und dankbar das Privileg, studieren zu können, annimmt, gehört mit Sicherheit nicht an die Uni. Schuld sind aber die anderen: Für die wichtigen Fragen findet er keine Gesprächspartner, offene Gespräche über den Glauben seien angstbesetzt? Ist es nicht eher die Angst davor, dass angesichts der Leidenschaft für Gott der argwöhnisch beäugten Kommilitonen im Kollar (das Gendersternchen, das er an dieser Stelle anbringt, ist ja nett) das eigene Desinteresse unverhüllt vor Augen tritt? Wie dem auch sei: In einer Gesellschaft, in der man googeln kann, muss niemand ratlos bleiben, der Rat will. Hier etwa findet man hingebungsvolle Priester, die differenziert, freundlich und wahrheitsgemäß Fragen beantworten und in Dialog treten. Anders als Pilger behauptet, fordert die Kirche nirgends Perfektion, sondern, dass wir in allen Schwierigkeiten nach dem gottgemäßen Leben streben! Die Anschuldigung, die Kirche hätte keinen Platz für Menschen, die nicht "dem" Ideal entsprächen, ist ein bequemes Mittel, um den eigenen Unwillen zum Gehorsam als legitime Gegenwehr gegen eine überfordernde Kirche darzustellen. Dabei ist das Bekenntnis zur gesamten kirchlichen Lehre nicht die Voraussetzung für ein Weiheamt oder das Ergebnis eines christlichen Lebens. Es ist die Voraussetzung um überhaupt Teil der Kirche zu sein! Wer dies nicht einmal möchte, für den erübrigt sich die Frage nach einem Beruf, dessen integraler Bestandteil dieses Zeugnis ist.

Zu Pilgers Wunschkirche gehören nicht Barmherzigkeit und Liebe sondern „(…) ein Wechsel in der Mentalität zu einer Kirche, die im Sinne einer professionellen Dienstleisterin für die Menschen da sein will!“ Ja: Ich fänd’s auch besser, Starbucks würde Autos statt Kaffee verkaufen, aber ich ahne: Starbucks wird weiterhin Kaffee vertreiben und die Kirche wird weiter ein Gebäude aus lebendigen Steinen sein, nicht nur aus hauptamtlichen Mitarbeitern, der Leib Christi, der Gottes Gnade, Liebe und Wahrheit in die Welt vermittelt und den Menschen durch Christus das ewige Leben schenkt: Eine Mutter. Keine Dienstleisterin; kein Betrieb. Deo gratias! Ist uns eigentlich klar, was für ein Geschenk es ist, einer Kirche anzugehören, die sich als Mutter versteht? Lieber Herr Pilger, haben Sie mal Jesus gefragt, ob er möchte, dass seine Kirche eine „professionelle“ Dienstleisterin ist? Ich meine das ganz ehrlich: Gehen Sie doch mal in die Anbetung und fragen Sie Jesus! Aber nein: Das war ja "Kram"!

Foto: Symbolbild