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15 Juni 2017, 08:00
Charismatiker im Aufwind dank 'Wiederentdeckung der Ökumene'

Wiener Diakon Fichtenbauer: Großer Verlust durch jahrzehntelanges Herunterspielen der "besonderen ökumenischen Gnade" - Bewegung nach Phasen der Angst und Selbstverliebtheit nun beim Dienst an Kirche und Welt angekommen
München-Rom (kath.net/KAP) Nach Jahrzehnten einer "Angst vor pfingstlicher Überfremdung" unter den Katholiken entdeckt die katholische Charismatische Erneuerungsbewegung ihre besondere Aufgabe im Bereich der "geistlichen Ökumene" wieder und wird dadurch "neubelebt": Das hat der Wiener Diakon Johannes Fichtenbauer im Interview der "Tagespost" dargelegt. Der Präsident des "European Network of Communities" bezeichnete diese Entwicklung als "Segen", der genau zum richtigen Zeitpunkt komme und auf vielen Ebenen zu Versöhnung beitragen könne.

Die Charismatische Erneuerung besitze eine "besondere ökumenische Gnade", erklärte Fichtenbauer mit Verweis auf die Ursprünge ab 1967: Katholische Studentengruppen in Nordamerika und anderen Kontinenten traten damals in Kontakt mit "charismatisch erneuerten" anglikanischen und methodistischen Christen und machten danach auch selbst Erfahrungen einer "Erweckung im Heiligen Geist". Fichtenbauer: "Die gemeinsame, konfessionsübergreifende Erfahrung Gottes schuf eine Innigkeit der Begegnung, wie sie in der rein intellektuell-theologischen Suche nach Einheit kaum erlebbar war und ist."

Ab Mitte der 1970er-Jahre sei die geistliche Ökumene jedoch für fast 30 Jahre vernachlässigt und heruntergespielt worden. "Was für ein Verlust!", so dazu der Kommentar des Wiener Diakons. Gleichzeitig habe es jedoch vielerorts auch andere "Kinderkrankheiten" gegeben, wie zunächst einen "gewissen anfänglichen Fanatismus" mit Selbstüberschätzung oder in den 1990er-Jahren eine "falsche Nivellierungs- und Anpassungsphase", bei denen "das eigentliche Charismatische" - Fichtenbauer nannte hier den Lobpreis, die Praxis der Charismen sowie die "dienenden Kräfte nach Außen" - selten geworden sei. Als Problem sehe er auch die Traditions- und Theologievergessenheit in manchen charismatischen Kreisen.

Neue Dynamik seit Jahrtausendwende

Etwa seit der Jahrtausendwende sei es jedoch wieder zu einer "Verlebendigung" der Szene gekommen. Vor allem auf der Südhalbkugel - wo "größere Offenheit für das nicht Planbare, nicht Kontrollierbare, für den Einbruch Gottes mitten in die Welt" bestehe - seien unzählige dynamische Kommunitäten, Gebetshäuser, Evangelisationsschulen und Heilungszentren entstanden und hätten das Kirchenbild belebt. Fichtenbauer: "Die Charismatische Erneuerung hört auf, sich selbstverliebt oder auch ängstlich um sich selbst zu drehen, sie ist beim Dienst an der ganzen Kirche und an der Welt angekommen, realistisch wissend, dass ihr Angebot nur ein Teil dessen ist, was Gottes Geist in der ganzen Kirche tut."

Auch in Europa und Nordamerika sei momentan eine "charismatische Neubelebung" in Gange, "die Zeit der Ermüdung scheint vorbei zu sein", erklärte Fichtenbauer. Neben den weiter bestehenden kleinen Gebetsgruppen hätten sich vielerorts auch neue Formen charismatischen Lebens etabliert, darunter etwa "neue Gemeinschaften, Gebetszentren, Heilungsorte, Evangelisationskampagnen für ganze Großstädte oder Pfarrerneuerungskonzepte für ganze Diözesen". Vieles davon sei durch protestantische und freikirchliche Vorbilder angeregt und "ohne falsches Kopieren klug in die 'katholische Welt' übersetzt, was erstaunlich gut gelingt", so der Diakon.

Papst rief zur "Einheit in Verschiedenheit" auf

Fichtenbauer erinnerte an die Papstansprache während der ökumenische Vigilfeier am Pfingstsamstag (3. Juni) auf dem Circo Massimo. Franziskus hatte dabei vom "Ruf zur Versöhnung der Christen" gesprochen und den charismatisch bewegten Christen nahegelegt, sie sollten zu einer "Einheit in Verschiedenheit" beitragen; sie seien zudem berufen zur "Taufe im Heiligen Geist, zu einem lebendigen Lobpreis, und vor allem zu einem Dienst an den Armen", zitierte der Wiener Diakon die Worte des Pontifex beim Höhepunkt der 50-Jahr-Feiern der katholischen Charismatischen Erneuerung in Rom.

Auch der Papst, der sich schon in seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires den charismatischen Bewegungen geöffnet hatte, bezeichnete in seiner Rede die Entstehung der charismatischen Bewegung als ein "ökumenisches Ereignis". Von dort sei ein "Strom der Gnade" ausgegangen. Die Art des charismatischen Gebets gefalle nicht jedem, aber sie füge sich "voll in die biblische Tradition ein". Niemand solle sich schämen, Gott zu preisen, so Franziskus bei dem Charismatiker-Treffen, an dem Gäste und Gruppen aus rund 120 Ländern teilnahmen, darunter auch Kardinal Christoph Schönborn.

Papstprediger: Unterschiede mit Geduld lösen

Als einen "Weg zur Einheit der Christen" hatte im Circo Massimo der päpstliche Hausprediger, Raniero Cantalamessa, die charismatische Bewegung bezeichnet. Wenn der Heilige Geist in Millionen Gläubigen unterschiedlicher Kirchen wirke, könne man ihnen nicht das Christsein absprechen. Die lehrmäßigen Unterschiede zwischen den Kirchen müssten "mit Geduld gelöst werden", sagte Cantalamessa weiter. Schon jetzt sei aber eine Gemeinschaft in der Liebe möglich. "Christus hat uns nicht aufgetragen, nur die zu lieben, die wie wir denken, die unser Glaubensbekenntnis vollständig teilen."

Der evangelikale Pastor Giovanni Traettino nannte die Wahl von Franziskus zum Papst eine Wende im Verhältnis der katholischen Kirche zu den evangelikalen Gemeinschaften. Christus habe "nur eine Braut", die eine Kirche, sagte der italienische Geistliche. Franziskus hatte ihn und seine Gemeinde in Caserta 2014 eigens besucht.

Papst Franziskus feiert mit der katholischen charismatischen Erneuerung im Zirkus Maximus die Pfingstvigil




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