19 April 2017, 10:00
Nigeria: Zwischen Karfreitagsschmerz und Osterjubel
 
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„Kirche in Not“-Geschäftsführerin Fenbert zur Lage in der Ursprungsregion von Boko Haram

München (kath.net/KIN) Nordnigeria gilt als eine der gefährlichsten Regionen der Welt. Der Terror der islamistischen Sekte Boko Haram hat viele Menschen das Leben gekostet, andere heimatlos gemacht. Gleichzeitig sprechen manche Beobachter von einem „goldenen Zeitalter“ für die Kirche. Die Geschäftsführerin von „Kirche in Not“ Deutschland, Karin Maria Fenbert, hat im März mit einer Delegation des Hilfswerks Nigeria bereist. Mit Tobias Lehner sprach sie über ihre Eindrücke.

Tobias Lehner: Frau Fenbert, was war das Ziel Ihrer Reise? War es nicht gefährlich?

Karin Maria Fenbert:
Die Terroristen von „Boko Haram“ sind angeblich militärisch nicht mehr ganz so gefährlich wie noch vor ein paar Jahren. Aber dennoch ist die Lage äußerst angespannt. Es gibt auch noch andere Terrorgruppen, zum Beispiel aus dem Volk der Fulani. Ich war bei unserem Aufenthalt in Maiduguri, das als „Geburtsort“ von Boko Haram gilt, auf dem Universitätsgelände untergebracht. Im Januar wurde dort noch ein Anschlag verübt. Auch kurz nach unserer Reise soll es laut Medienberichten weitere Attentate auf Hauptverkehrsstraßen gegeben haben. Und als Europa unter dem Schock des jüngsten Attentats in Stockholm stand, sollen in dem Staat Borno, in dem Maiduguri liegt, 500 Menschen durch Boko Haram ums Leben gekommen sein. Wir haben uns strikt an die Sicherheitshinweise unserer Projektpartner gehalten. In diesen Grenzen war es möglich, nach Nordnigeria zu reisen und sich dort aufzuhalten. Das war auch ein wichtiges Ziel unserer Reise: Als internationale Gruppe ein Zeichen der Solidarität mit den Christen Nordnigerias zu setzen und sie dadurch in ihrer schwierigen Lage zu stärken. Und das haben die Bischöfe und ihre Gemeinden sehr geschätzt. Wir wurden überall überwältigend empfangen!

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Lehner: Sie haben gerade die Fulani erwähnt, aus deren Reihen auch Terrorakte verübt werden. Worum handelt es sich?

Fenbert:
Die Fulani sind eigentlich ein muslimisches Nomadenvolk. Sie ziehen als Hirten durchs Land. Immer mehr von ihnen radikalisieren sich und überfallen Bauernhöfe und Ackerland der Christen. Ihre Vieherden zerstören die Ernte. Leisten die Bauern Widerstand, werden sie erschossen. Mittlerweile gelten die radikalisierten Gruppen aus dem Volk der Fulani als Terroreinheit mit der drittgrößten Opferzahl nach Boko Haram und dem IS. Wie bei ihren gefährlichen Schwesterorganisationen geht es auch hier im Kern um die Vernichtung der Christen. Es ist auch ein religiöser Konflikt. Das sprechen die Bischöfe mehr oder weniger offen aus.

Lehner: Ist unter diesen schwierigen Umständen eine Zusammenarbeit mit den Muslimen überhaupt noch möglich?

Fenbert:
„Der Dialog mit dem Islam ist eine Notwendigkeit“, sagt der Erzbischof von Jos, Ignatius Kaigama. Er ist als Vorsitzender der Bischofskonferenz auch stark in diesem Bereich engagiert. Alle Bischöfe, die wir getroffen haben, führen interreligiöse Dialoge. Aber man darf sich auch keine falschen Hoffnungen machen: Viele Bischöfe haben uns berichtet, dass die Gespräche sehr einseitig sind. Nie hätten sie eine Gegeneinladung von muslimischen Geistlichen erhalten. Christen beklagen auch, dass viele muslimische Führer mit gespaltener Zunge sprechen und die Verbrechen der Terroristen nicht entschieden genug verurteilen. Aber im Alltag gibt es auch viele Beispiele für gute zwischenmenschliche Beziehungen zwischen Christen und Muslimen. Davon konnte ich mich selbst überzeugen.

Lehner: Wie leben die Menschen in Nordnigeria?

Fenbert:
Die humanitäre Situation ist äußerst schwierig. Es gibt über 2 Millionen Heimatvertriebene im Land. Die meisten von ihnen kommen bei Verwandten unter – in Nigeria funktioniert der familiäre Zusammenhalt offenbar noch. Aber dadurch steigen natürlich die Belastungen für diese Familien. Etwa 30 Prozent der Vertriebenen, so sagte man uns, leben in Flüchtlingslagern. In beiden Bereichen hilft hauptsächlich die Kirche, weil der Staat kaum etwas tut. Es gibt viele Witwen, weil Boko Haram in der Anfangszeit vor allem Männer getötet hat. Sie haben zum Teil mehrere Kinder und müssen sehen, wie sie die durchbringen. Am schlimmsten ist natürlich, dass viele Menschen traumatisiert sind. Sie wurden von den Islamisten gefangen genommen, misshandelt, mussten mitansehen, wie ihre Verwandten getötet wurden. Die seelischen Wunden sind tief, gerade auch bei den Kindern. Die Bischöfe sehen hier einen großen Bedarf an psychologischer Betreuung, sind aber einfach aufgrund der großen Not noch nicht dazu gekommen, hier etwas auf die Beine zu stellen. Der Bischof von Kafanchan im Bundesstaat Kaduna möchte mit unserer Hilfe sogenannte „houses of hope“, also „Häuser der Hoffnung“, aufbauen.

Lehner: Sie haben den Staat angesprochen. Lässt er die Menschen wirklich im Stich?

Fenbert:
Immerhin scheint Präsident Muhammad Buhari gegen Boko Haram vorzugehen – und auch erste Erfolge zu erzielen. Damit setzt er in gewisser Weise fort, was sein Vorgänger, der Christ Goodluck Johnathan, begonnen hat. Insgesamt geht es im Land auch sehr um die Machtfrage. Viele Bischöfe sagten uns, das sei das eigentliche Problem. Denn noch vor wenigen Jahrzehnten gab es in Nordnigeria kaum Christen und heute sind es etwa 35 Prozent. Das macht der muslimischen Mehrheit Angst. Insgesamt herrscht im Land sehr viel Korruption, auch in der Politik. Auch die Infrastruktur ist schlecht, was die staatliche Hilfe natürlich ebenfalls erschwert. So sind die Diözesen und Gemeinden vielfach auf sich allein gestellt.

Lehner: Klingt nach einer sehr beklemmenden Lage für die Christen.

Fenbert:
Nirgendwo habe ich so intensiv erlebt, wie nahe Karfreitagsschmerz und Osterjubel beieinanderliegen wie in Nigeria. Viele Menschen haben Schreckliches durchlebt, aber dennoch strahlen sie eine begeisterte Glaubensfreude aus, die einfach ansteckt! Die Kirchen sind auch am Werktag voll, die heilige Messe wird dort im wahrsten Sinne des Wortes gefeiert mit Musik, Tanz, kraftvollen Predigten und Gebeten. Und dann die Zahl der Berufungen! 437 Seminaristen hat das Erzbistum Jos, 147 sind es im Erzbistum Kaduna. Und das in einer Region, wo viele Priester damit rechnen müssen, zu Märtyrern zu werden! Auch die Klöster sind voll. Wir haben eine Schwesterngemeinschaft besucht, die anbauen muss, weil sie die Novizinnen gar nicht mehr aufnehmen kann. Es gibt Priester, die sprechen trotz des Terrors von einem „goldenen Zeitalter“ für die Kirche.

Lehner: Sicher ein großes Betätigungsfeld für die Arbeit von „Kirche in Not“.

Fenbert:
Ja, Nordnigeria ist einer unserer Schwerpunkte auf dem afrikanischen Kontinent. „Wie sich eine Mutter um ihr kleines Kind kümmert, so sind Sie von ,Kirche in Not´“, sagte uns eine Ordensschwester bei unserem Besuch. Unsere Unterstützung ist sehr vielfältig: Wir leisten Notfallhilfe für die Opfer von Boko Haram, sei es in den Flüchtlingslagern oder für die Familien, die Flüchtlinge aufnehmen. Die Bischöfe sagten uns, die meiste Hilfe in diesem Bereich käme von „Kirche in Not“. Wir helfen beim Wiederaufbau zerstörter Kirchen und Pfarrhäuser, die von den Terroristen niedergebrannt wurden. Außerdem unterstützen wir die Anschaffung von geländegängigen Fahrzeugen – bei den schlechten Straßenverhältnissen dringend notwendig. Sehr wichtig sind auch Mess-Stipendien. Sie sichern nicht nur den Unterhalt für die Priester, die ja keinerlei oder nur wenig Lohn bekommen. Oft ist es so, dass davon die ganze Gemeinde profitiert, weil der Pfarrer zum Beispiel von diesem Geld Lebensmittel beschafft oder ähnliches. Überhaupt liegen viele Lasten in dieser schweren Zeit auf den Schultern der Priester. Wir ermöglichen ihnen, dass sie bei Jahresexerzitien einmal zur Ruhe kommen können. Auch die Unterstützung der Priesterausbildung ist natürlich sehr wichtig. Weil wir erlebt haben, wie dramatisch die Lage vieler junger Witwen ist, wollen wir uns jetzt stärker darum kümmern, dass sie die Schulgebühren für ihre Kinder stemmen können. Und in der Diözese Kafanchan werden wir voraussichtlich dem Bischof helfen, ein Landwirtschaftsbüro aufzubauen und Saatgut zu kaufen.

Lehner: In den deutschen Medien kommt die Lage in Nigeria nur am Rande oder gar nicht vor. Was wünschen sich die Christen von der Weltgemeinschaft?

Fenbert:
Dass in den Medien mehr über die Lage in Nord-Nigeria berichtet wird, nicht nur über den Nahen Osten und auch nicht nur über Boko Haram, sondern auch über den Terror der Fulani und die Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam. Die Bischöfe sagen klar: Wir können die Versorgung der Vertriebenen nicht allein stemmen. Wenn wir Fluchtursachen bekämpfen wollen, wie es die deutsche Politik propagiert, dann darf Nigeria nicht aus dem Blickfeld verschwinden.

Um die Arbeit der Kirche in Nigeria weiter unterstützen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden:

Kirche in Not Deutschland

Kirche in Not Österreich

Kirche in Not Schweiz

Weitere Informationen: www.kirche-in-afrika.de

Geschäftführerin von ´Kirche in Not´, Karin Maria Fenbert




Nigeria: Überfüllte Kirche in Kaduna vor einem Gottesdienst




In einem Flüchtlingslager des Bistums Maiduguri




Frauen in Maidguri danken für Projekte, die KIRCHE IN NOT unterstützt hat




Witwen aus Maiduguri, der Männer von Boko Haram getötet wurden. Ihre Gesichter wollen sie aus Sicherheitsgründen nicht zeigen









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