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26 Dezember 2016, 06:00
Das Wunder der Menschwerdung Gottes

Wie kann man in der Welt von heute noch Weihnachten feiern - Die Weihnachtspredigt von Kardinal Kurt Koch

Rom (kath.net)
An Weihnachten leuchtet ein besonderes Licht. Es ist das Licht Gottes, das in der Krippe des Gottessohnes zu Bethlehem aufgeleuchtet ist. In ihm ist die „Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters“, erschienen, wie wir in der Lesung (Tit 3.4) gehört haben. Wie aber soll diese Botschaft vernehmbar werden in der heutigen Welt, die von schrecklichen Ereignissen überschattet ist? Der Menschen verachtende Terrorismus im vergangenen Jahr, die vielen Flüchtlinge, die sich auf dem Weg zu einem besseren Lebensort befinden, und die vielen, die im Mittelmeer ihr Leben verloren haben, die vielen politischen Umwälzungen in verschiedenen Ländern und auch die bedrohlichen Erdbeben haben uns Menschen sehr verunsichert. Sie könnten die Frage provozieren, wie man in einer solchen Welt noch Weihnachten feiern kann. Diese Frage sollten wir keinesfalls verdrängen, sondern zulassen, auch wenn sie uns in der Feststimmung an Weihnachten etwas stören könnte.

Weihnachten auch in der heutigen Welt feiern

Wie kann man in der Welt von heute noch Weihnachten feiern? Diese Frage hätte man sich freilich bereits bei der ersten Weihnacht angesichts der damaligen Weltsituation stellen können. Denn die Welt war auch damals keineswegs im Lot. Der Geburt des Gottessohnes in der Krippe zu Bethlehem folgte die Flucht nach Ägypten auf der Spur, weil Herodes dem Neugeborenen nach dem Leben trachtete. Auch im heutigen Evangelium spürt man die beinahe tragische Weigerung der Menschen gegenüber der Zuwendung Gottes zu den Menschen: „Das Licht leuchtet in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht erfasst.“ „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1. 5 und 11).

Gott aber hat sich diese Frage, ob man in einer solchen Welt Weihnachten feiern könne, nicht gestellt, und er hat sich schon gar nicht von ihr abhalten lassen, Weihnachten zu ermöglichen. Er hat vielmehr an seinem unbeirrbaren Willen festgehalten, seine Menschenfreundlichkeit auf Erden zu offenbaren. Denn Gott konnte und wollte mit Weihnachten nicht warten, bis die Welt sich verändert hat und wieder im Lot ist. Aller Erfahrung nach hätte Gott da lange warten können – bis auf den heutigen Tag. Gott wollte sein Licht aber gerade in die Dunkelheit der Welt hinein bringen. Die Finsternis der Welt kann Weihnachten nicht verunmöglichen. Sie zeigt vielmehr, wie dringend notwendig wir Menschen Weihnachten haben – auch und gerade heute!

Die Dunkelheit der heutigen Welt hilft uns erst recht, auf den eigentlichen Kern von Weihnachten und damit des christlichen Glaubens überhaupt zurück zu kommen. Dieser Kern besteht darin, dass Gott in seinem eigenen Sohn selbst Mensch geworden ist, wie dies der selige Kardinal John H. Newman einmal kurz so ausgesprochen hat: „Ich würde die Menschwerdung Gottes als den Zentralaspekt des katholischen Christentums benennen.“ In diesem Glaubensgeheimnis ist zweifellos das grösste Paradox ausgesprochen, das sich überhaupt ausdenken lässt. Aber in diesem Paradox ist zugleich die schöne und tröstliche Botschaft verborgen, dass Gott uns Menschen so nahe kommen wollte, wie es näher gar nicht mehr möglich ist. Dies ist eben dadurch geschehen, dass Gott in seinem eigenen Sohn Mensch geworden ist.

Dieses Geschehen kommt uns Menschen zugute. Denn wo das Göttliche sich mit dem Menschlichen endgültig verbunden hat, da ragen in die Monotonie des alltäglichen Lebens das Göttliche und damit das Unendliche und Heilige schlechthin herein. Da wird die oft genug eintönige Lebenswelt von uns Menschen aufgesprengt und mit der frischen und neuen Welt Gottes unlösbar verbunden. Da ragt die Welt des unendlichen Gottes in die sehr irdische, endliche und verletzliche Welt der Menschen herein. Da leuchtet das Licht Gottes mitten in der Dunkelheit der Menschen; und diese wird in die göttliche Welt der Heiligkeit und Gerechtigkeit hinein gehoben. Dies ist das Geheimnis von Weihnachten: „In Christus erfolgt der Einbruch des göttlichen Lebens in die sonst eindimensionale, platte und trotz allen Geschreies eintönige irdische Welt. Hier wird dem Menschen ein neues Leben eröffnet und geschenkt, neben dem das bloss irdische Leben wie ein Schatten oder wie eine graue, farblose Dürre dasteht.“

Annäherungen an das Weihnachtsgeheimnis

Dieses Geheimnis der Weihnacht ist für uns Menschen eine befreiende Wohltat. Es ist freilich so gross, dass es uns auch überfordern kann. Es ist deshalb notwendig, sich diesem Geheimnis behutsam anzunähern. Der erste Schritt auf diesem Weg ist die Grundhaltung der Toleranz auch und gerade Gott gegenüber. Wie wir Menschen uns angewöhnt haben, uns gegenüber anderen Menschen und ihren Überzeugungen und Lebensweisen tolerant zu verhalten und ihre Eigenarten zu respektieren, so sollten wir auch und erst recht gegenüber Gott tolerant sein. Solche Toleranz Gott gegenüber besteht im Kern darin, dass wir ihm gleichsam „erlauben“, sich uns so zu zeigen und zu schenken, wie er ist und wie er es für uns Menschen für gut befunden hat, und zwar im Vertrauen darauf, dass er besser als wir selbst weis, was für uns Menschen gut ist.

Wenn Gott sich entschieden hat, uns dadurch nahe zu kommen, dass er in seinem Sohn selbst Mensch wird, wie können wir da Gott vorhalten, er hätte uns seine Liebe und seine Nähe nicht so hautnah und konkret zeigen sollen? Eine solche Einrede wäre nicht nur undankbar, sondern auch intolerant Gott gegenüber. Steht hinter einer solchen Einstellung letztlich nicht der Zweifel, ob Gott uns überhaupt so nahe sein könne und ob er sich so weit zu uns herunter beugen dürfe, wie er es in seiner endgültigen Selbstoffenbarung in seinem Sohn getan hat? Und sprechen wir damit nicht Gott überhaupt die Freiheit und die Möglichkeit ab, in einen konkreten Menschen eingehen und sich uns Menschen so zeigen zu wollen, wie er ist?

Weihnachten aber appelliert an unsere Toleranz auch gegenüber Gott. Solche Toleranz kann anerkennen, dass die unerwartete und wahre Grösse Gottes gerade darin besteht, dass er sich zu uns Menschen so herunter beugen und sich so klein machen kann, wie er es in Jesus von Nazareth getan hat. Mit diesem Geheimnis, dass Gott seine unermessliche Grösse gerade in der Kleinheit eines Kindes endgültig offenbart hat, steht die Identität des Christentums und der christlichen Kirche auf dem Spiel. Dieses Geheimnis ist der Mittelpunkt des Glaubens, den wir an Weihnachten feiern dürfen.

Toleranz ist freilich nur der erste Schritt auf dem Weg zum Weihnachtsgeheimnis. Hinzu kommt zweitens die dankbare Annahme dieses grossartigen Geschenkes Gottes. Wenn wir uns an diesem Geschenk freuen, dann fangen wir an, Gott zu loben und zu besingen. Weihnachten ist erst in seinem Element, wenn es zum frohen Gesang des Gotteslobes kommt, wie es das Evangelium in der Heiligen Nacht zeigt: „Plötzlich war bei dem Engel ein grosses himmlisches Heer, das Gott lobte“ (Lk 2.13). Denn es gibt Wahrheiten, die erst dann wirklich zum Tragen kommen, wenn sie gesungen und besungen werden. Dies gilt erst recht von den Wahrheiten unseres Glaubens: „Singend potenziert der Glaube seine eigene Wahrheit“ , auch und gerade die weihnachtliche Wahrheit der Menschwerdung Gottes.

Nehmen wir deshalb Weihnachten wieder neu zum Anlass, uns zum Singen bewegen zu lassen. Solches Singen lenkt uns freilich nicht von unserer Welt und ihren grossen Problemen ab, sondern macht uns erst recht empfänglich für die Gegenwart des Lichtes Gottes in der Dunkelheit unserer Welt. Solche Offenheit ist der dritte Schritt auf dem Weg zum Geheimnis von Weihnachten: Da Gott in seinem Sohn selbst Mensch geworden ist, will er uns auch heute in Menschen begegnen, vor allem in den armen und leidenden Mitmenschen. Und da Gott ganz konkret Mensch geworden ist, nämlich als Kind, will er uns auch heute vor allem aus und mit den Augen von Kindern anschauen.

Weihnachliche Zivilisation des Lebens

Weihnachten lädt uns ein, neue Ehrfurcht vor und neue Liebe zum Leben zurückzugewinnen, zumal in der heutigen Welt, in der das menschliche Leben in vielfältiger Weise bedroht ist: an seinem Beginn mit den rasanten Entwicklungen in Gentechnik und Biomedizin, an seinem Ende mit der Legalisierung der Euthanasie und mitten im Leben mit seinen vielfältigen Bedrohungen. Vor diesen gefährlichen Herausforderungen dürfen wir auch und gerade an Weihnachten nicht die Augen verschliessen. Wir sind vielmehr herausgefordert, das „Evangelium vitae“ gelegen oder ungelegen und keineswegs nur gelegentlich zu verkünden, das in Weihnachten seinen Ursprung und seinen Grund hat. Dazu ist die Kirche von ihrer weihnachtlichen Option für die Armen und für die Schwachen her verpflichtet, zumal in einer Gesellschaft wie der heutigen, in der starke Tendenzen bestehen, gerade den schwächsten Menschen das Menschsein abzusprechen. In dieser Situation muss sich die weihnachtliche Option für die Armen auf die Schwächsten, nämlich auf die Ungeborenen, Kranken, Alten, Behinderten und Sterbenden, beziehen. Und da die Achtung der Menschenwürde gerade an den Grenzen des menschlichen Lebens, an seinem Beginn bei der Zeugung und deshalb auch an seinem Ende im Sterben, in der heutigen Gesellschaft auf dem Prüfstand steht, ist die Kirche verpflichtet, sich für das Recht jedes Menschen auf Leben, von der Empfängnis bis zum Tode, stark zu machen.

Nur so kann die Kirche jener Zivilisation des Lebens dienen, die an Weihnachten ihren Anfang genommen hat. Mit diesem Anfang auch heute etwas Gutes anzufangen: dies ist der Anruf und der Anspruch von Weihnachten für uns Christen und Christinnen heute. Denn Weihnachten will auch in der heutigen Welt konkret werden durch unseren Einsatz für das Leben: im Einsatz für den Frieden gegen den Krieg, im Einsatz für mehr Gerechtigkeit gegen Unterdrückung und Ausbeutung, im Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung gegen ihre Zerstörung, im Einsatz für Versöhnung gegen den Hass und seine terroristischen Eskalationen und im Einsatz für eine „Zivilisation des Lebens“, die die Würde des Menschen respektiert, gegen die heutige „Kultur des Todes“, die das Recht jedes Menschen auf Leben von der Empfängnis bis zum Tod nicht mehr gelten lässt.

Wenn wir diese grossen Herausforderungen wahrnehmen, dann stellt sich uns die Frage wohl kaum mehr, ob man in der heutigen Welt überhaupt noch Weihnachten feiern kann. Ein Blick in die heutige Welt mit ihren grossen Fragen und Problemen, mit ihren Versuchungen und Gefahren zeigt vielmehr, dass es gerade in der heutigen Welt Not-wendend ist, Weihnachten zu feiern und uns neues Vertrauen auf Gott und neue Ehrfurcht vor dem Leben schenken zu lassen. Danken wir Gott, dass er in seinem Sohn Mensch geworden ist, besingen wir dieses grossartige Wunder Gottes und sprechen wir es einander gegenseitig zu: „Frohe und gesegnete Weihnachten!“ Amen.