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25 Dezember 2016, 10:30
Wenn Gott verschwindet, droht auch aus anderen Gründen Gefahr

kath.net dokumentiert die Predigt von Diözesanbischof Klaus Küng am Christtag
St. Pölten (kath.net)

Liebe Brüder und Schwestern!

Am Weihnachtstag hören wir alljährlich als Hinführung zum Festgeheimnis die Worte des Propheten: „Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Rettung verheißt, der zu Zion sagt: Dein Gott ist König“ und weiter unten: „Brecht in Jubel aus, jauchzt alle zusammen, ihr Trümmer Jerusalems! Denn der Herr tröstet sein Volk, er erlöst Jerusalem (1. Lesung). Alle diese Worte haben eine tiefe Bedeutung und verweisen auf einen wesentlichen Aspekt des Weihnachtsfestes.

In einer seiner berühmten Weihnachtspredigten gelangt Papst Leo der Große zur Folgerung: „Christ, erkenne deine Würde! Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden.“ Ähnlich heißt es im Tagesgebet: „Allmächtiger Gott, du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederhergestellt. Lass uns teilhaben an der Gottheit deines Sohnes, der unsere Menschennatur angenommen hat.“

Diese Worte sind auf uns bezogen. Es handelt sich um etwas sehr Zentrales im Leben jedes Menschen.

Den gleichen Zusammenhang, aber von der anderen Seite, drückt ein zeitgenössischer Schriftsteller aus: „Wenn Gott verschwindet, verschwindet der Mensch“.

Der Mensch neigt dazu zu vergessen, dass sein Leben gottbezogen ist. Dabei besteht die Tragödie vieler Menschen gerade darin, dass sie so leben als gäbe es keinen Gott. So geraten sie in eine Enge, aus der sie nicht herausfinden, sofern sie nicht Gott entdecken oder wenn sie den Glauben an Gott abblocken.

Aber auch gläubige Menschen müssen ihr Herz immer wieder zentrieren. Es kann ein Problem entstehen, wenn sie sich unbedacht und maßlos einer Aufgabe zuwenden, vielleicht eine Zeitlang viel Gutes tun, aber übersehen, dass man nicht Raubbau treiben darf. Wenn die Seele oder der Leib oder beides über längere Zeit zu kurz kommen, dann kann es passieren, dass auf einmal alle Ressourcen erschöpft sind und sie sagen müssen: Ich kann nicht mehr. Die Pflege der Beziehung zu Gott spielt dabei oft eine ganz wesentliche Rolle.

Wenn Gott verschwindet, droht auch aus anderen Gründen Gefahr. Jeder Mensch wird nicht mehr als einzigartiges Abbild Gottes gesehen, sondern er wird ein Machbarkeits-, ein Kosten- und Nutzenfaktor. Man könnte hier viele Beispiele bringen. Es ist eine der Gefährdungen der Naturwissenschaften, insbesondere der Medizin. Sie hat sich in der Zeit der Aufklärung von den anderen Geisteswissenschaften, insbesondere von Theologie und Philosophie abgekoppelt. Durch die Anwendung der naturwissenschaftlichen Methoden, bei denen ausschließlich das Messbare, Nachweisbare Grundlagen der Forschung sind, hat sie zwar ohne Zweifel riesige Fortschritte erzielt, aber sie läuft Gefahr, die Ganzheitlichkeit des Menschen zu übersehen. So werden ethische Erwägungen nicht beachtet und so kommt es, dass z. B. naheliegend und vernünftig scheint, bei jedem Verdacht auf Behinderung Schwangerschaften zu beenden, so als ginge es um ein krankes Glied, das man abtrennt, oder es wird Beihilfe zum Suizid geleistet, wenn das, was man heute als „Lebensqualität“ ansieht, nicht mehr gegeben ist.

Weihnachten ist hier Antwort. Sie lässt ein helles Licht aufstrahlen: Aus dem Gesicht eines Kindes, besser gesagt, aus dem Geheimnis Gottes, der ein Kind geworden ist und in einer ärmlichen Krippe liegt. Dieses Licht spiegelt sich auch im Blick seiner Mutter und des staunenden Josef, auch der Hirten, ja sogar der Tiere.

Das Ereignis von Weihnachten führt uns in der tiefst möglichen Weise die Schönheit und die Bedeutung des menschlichen Lebens vor Augen.

Athanasius hat es so erklärt: „Gott hat sich zum Träger des Fleisches gemacht, damit wir Träger des Geistes werden.“ Und Meister Ekkehart: „Er ist Mensch geworden, auf dass Gott in deiner Seele geboren werde und deine Seele in Gott.“ Edith Stein beleuchtet einen etwas anderen Aspekt, wenn sie sagt: „Die Gnade ist der Geist Gottes, der zu uns kommt, sie ist die zu uns herabsteigende göttliche Liebe.“

Wir können aber auch die Worte des Festtagsevangeliums selbst hernehmen: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.“ Er, der Mensch gewordene Gott, Christus, befähigt uns, den Weg zum Vater zu finden, den Weg zu dem, der uns erschaffen hat, der unser Ursprung ist, der Schlüssel für unsere Selbsterkenntnis und für das Verständnis dessen, was der Mensch ist. So wird auch die eigene Berufung offenbar und damit verbunden die eigene Würde, die Würde jedes Menschen mit seiner Einmaligkeit und Geistigkeit. Es ist die Erklärung des Lebens, dessen Urheber und Ziel Gott ist. Besonders schön sind in diesen Zusammenhängen die Gedanken der vor kurzem heiliggesprochenen Karmelitin Elisabeth von der Dreifaltigkeit. Von ihr stammt unter anderem das Wort: „Die Dreifaltigkeit ist unsere Wohnung, unser Zuhause, das Vaterhaus, das wir niemals verlassen dürfen.“

Mit Gott verbunden leben lernen, dazu führt Weihnachten. Zugleich öffnet sich damit der Weg zum inneren Frieden, zur Freude, zu einem Optimismus, der in Gott gründet; auch zur Ehrfurcht vor dem Leben.

Weihnachten ist daher an uns eine Einladung, wirklich inne zu halten vor der Krippe, hinzuschauen auf dieses Kind, das in Windeln gewickelt in der Krippe liegt, auch auf Maria und Josef, die es mit Hingabe begleiten, und auf die Hirten, die es anbeten.