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06 September 2016, 12:01
Laizismus und Verweltlichung – die Täuschung Satans

Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: Der neue Morgen der Menschheitsgeschichte. Der ‚Tod Gottes’ und der unfruchtbare Kult der Individualität. ‚regnum hominis’ gegen ‚regnum Dei’. Von Armin Schwibach
Rom (kath.net/as) Der Gott des Christentums ist keine Idee, sondern eine Person, die spricht, handelt und wirkt. Die Person Jesu Christi übergab der Menschheit ein neues Gebot, ein „mandatum novum“: erweist einander die Liebe, die ich euch erwiesen und für die ich gelitten habe und am Kreuz gestorben bin. Nicht dass das neue Gebot einfach anderen bereits existierenden Geboten hinzugefügt worden wäre: es ist dieses die Grundlage der Verwirklichung des ganzen Menschseins in all seinen Dimensionen und die Vollendung des Gesetzes. Die radikale Erneuerung des Menschen durch seine Aufnahme in die göttliche Dimension, die erstaunliche und schwer zu begreifende Wirklichkeit eines Gottes, der aus seinem Herabstieg von der Höhe die Grundvoraussetzung für den endgültigen Aufstieg des Menschen zu ihm gemacht hat: dieser Botschaft kann nichts hinzugefügt werden. Die Offenbarung Gottes ist mit dem Tod und der Auferstehung Christi und der Entsendung seines Geistes endgültig abgeschlossen. Gott hat in einer kosmischen Dimension das letzte Wort gesprochen: das Kreuzesopfer Christi und das leere Grab schufen einen neuen Morgen der Menschheitsgeschichte. Der Tod und das Böse wurden endgültig besiegt. Das Christentum ist der Ort der Wiedergeburt des Menschen, der Anfang und das Ziel der neuen Schöpfung.

Zu Jesu Menschheit gehört, dass auch er, der Gottessohn, den Versuchungen der Welt des „Saeculums“ ausgesetzt wurde. Der laizistische und säkularisierte Versucher führt Christus vor das einzige, worum es ihm in seiner horizontalen, einseitigen, beschränkten und die Wahrheit verkehrenden Weltsicht geht: Produktions- und Konsummacht über das tägliche Brot, Selbstdarstellung und Selbstbehauptung sowie die Frage nach der Möglichkeit, Gott zu erkennen, sind die Themen des Satans.

Die von Lukas und Matthäus überlieferten Versuchungen Jesu in der Wüste beinhalten jenseits der Grundfrage der Klärung des Auftrags Christi die wesentliche Frage über den Menschen, den Grundstein der heute so genannten „anthropologischen Frage“: Wie steht es um das Menschsein? Wie kann sich der Mensch fassen? Worin besteht der Sinn seines Existierens? „Der Kern aller Versuchung“ – so schreibt Benedikt XVI. in seinem ersten Jesus-Buch, „ist das Beiseiteschieben Gottes, der neben allem vordringlicher Erscheinenden unseres Lebens als zweitrangig, wenn nicht überflüssig und störend empfunden wird.“ Die eigentliche und schwerste Versuchung, die den Menschen bedroht, besteht für den Papst darin, „die Welt aus Eigenem, ohne Gott, in Ordnung zu bringen, auf das Eigene zu bauen, nur die politischen und materiellen Realitäten als Wirklichkeiten anzuerkennen und Gott als Illusion beiseite zu lassen“ (Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, Freiburg 2007, S. 57).

Die Deutung Benedikts XVI. weiterführend kann somit eine neue Art von Säkularismus festgestellt werden. Heute steht das Ringen des Christentums um die Verbreitung seiner Botschaft und deren seligmachende Konkretisierung im privaten und öffentlichen Leben nicht mehr einer aufklärerischen Säkularisierung gegenüber, die Gott einfach ausgrenzt, ihn abschafft und für tot erklärt und gleichzeitig einen mächtigen Gegenwurf vorschlägt, der an die Stelle Gottes treten soll. Das Christentum steht nicht mehr wie noch im 18. und 19. Jahrhundert vor der stimulierenden Herausforderung einer Gegenmetaphysik, sei es eines Idealismus, eines metaphysischen Nihilismus oder einer marxistischen Alternativsoziallehre. Das Christentum findet sich vor die Indifferenz eines Denkens gestellt, das Gott nach seiner Geburtsurkunde fragt, den von ihm in Anspruch genommenen Zuständigkeitsbereich analysiert und ihn innerhalb einer rein endlichen Dimension interpretiert.

So wird Gott gleich-gültig und hat nichts mehr mit dem Leben zu tun. Die subtile Gefahr, die sich aus einer derartigen Haltung ergibt, besteht darin, Gott gelten zu lassen, neben allem anderen, auf dass er irrelevant werde. Die Frage nach der Wahrheit kann nicht gestellt werden, ja sie darf nicht gestellt werden, da der Begriff der Wahrheit das Absolute des Wahrseins notwendig mit sich führt – und das verbietet sich in einer Welt des Gleich-Gültigen.

Diese Herausforderung birgt für die Kirche eine große Gefahr: sich selbst als Kirche in erster Linie „neben anderem“ vorfinden zu wollen. Die Säkularisierung als Gleich-Gültigkeit von allem ist, wie Benedikt XVI. warnend erklärte, etwas, das sich seit geraumer Zeit auch in der Kirche selbst feststellen lässt: „Tief und von innen heraus entstellt die Säkularisierung den christlichen Glauben und demzufolge auch die Lebensweise und das tägliche Verhalten der Gläubigen“, so der Papst in seiner Ansprache vor dem Päpstlichen Rat für die Kultur am 8. März 2008. Christen seien oft von widersprüchlichen Idealen und Impulsen geprägt, „dies in der praktischen Verleugnung Gottes: man braucht Gott nicht mehr, man muss nicht mehr an ihn denken und zu ihm zurückkehren“. Der über die Jahrzehnte hinweg gepredigte „Tod Gottes“ sei einem „unfruchtbaren Kult der Individualität gewichen“. Vor diesem kulturellen Hintergrund bestehe die Gefahr in erster Linie in einer „Atrophie und Leere des Herzens“, die ihrerseits „bisweilen von Ersatzformen religiöser Zugehörigkeit und einem vagen Spiritualismus gekennzeichnet sind“.

Dagegen ist die geschichtliche Option des christlichen Glaubens, wie Joseph Ratzinger 1968 in seiner „Einführung in das Christentum“ (München 1968) ausführte, eine Option „gegen die Götter der Religionen für den Gott der Philosophen, das heißt gegen den Mythos der Gewohnheit allein für die Wahrheit des Seins“ (S. 130/131) – gegen die Gleich-Gültigkeit von allem für die Suche nach der Wahrheit, die beansprucht, auf der Ebene der Vernunft in allen Bereichen der Kultur und des Lebens zu diskutieren, zu überzeugen, zu missionieren, die Würde des Menschen als von Gott nach seinem Ebenbild geschaffenem Wesen vorzubringen.

Der säkularistische Laizismus, der nur „Gewohnheiten“ kennt, aber keine Wahrheit erträgt und duldet, ist eine bei weitem größere Gefahr für das Christentum als es aggressive andere Religionen wie der expandierende Islam sein können. Der nachaufklärerische Laizismus ist das Leichengift der Moderne. Er, der das Heilige banalisiert und das „Sacrum“ im alltäglichen Geschwätz zerredet, der die Stille und das Geheimnis mit einem lautem Wortschwall, Bildervielfalt und „puzzle-solving“ ersetzen will, schwächt auch das Christentum in seinem Innern in dem Maß, dass es schließlich hilflos wird und sich – ohne sich seiner Existenzberechtigung ausweisen zu können – zur Aufgabe seiner selbst bringt.

Wie kann das Christentum zerstört werden, das keine Religion ist, sondern die kosmische Ausdrucksform des göttlichen Willens und der geheimnisvolle Ort der Gegenwart des Schöpfers, Heilands und Erlösers? Indem Gott seines Hauses beraubt wird, seine Gegenwart allein zum Inbegriff einer symbolischen Handlung verkommt, der Dienst an ihm sich in einer Selbstdarstellung derer erschöpft, die eigentlich sein Volk hätten sein sollen, das dem König huldigt und ihm ergeben ist. Eine so genannte Laizität, die das Heilige auf das Menschmögliche und menschlich Befriedigende zurückschneidet, die sich aus der Ablehnung eines Wahrheitsprinzips heraus definiert, produziert nur Verdrossenheit und Zerfaserung des Individuums wie der Gesellschaft und letztendlich auch des kirchlichen Seins. Sie vergisst die Geschichte, verhöhnt Gott als die Summe des „eigentlich Menschlichen“ und agiert gegen das Humanum, indem sie vorgibt, es innerhalb eben des „regnum hominis“ verwirklichen zu wollen und zu können.

Die wahre Krise der Modernität vollzieht sich also nicht in der Form eines „Riesenkampfes um das Sein“, wie dies Platon als Wesen der großen Philosophien festhielt. Die wahre Krise der Modernität ist mit einem Wort Benedikts XVI. in einem falsch verstandenen Humanismus anzusiedeln, „der den Anspruch erhebt, ein ‚regnum hominis’ aufzubauen, das von seiner notwendigen ontologischen Grundlage losgelöst ist“. Wird Gott für einen Laizismus der banalen Art zu einem moralischen oder religiösen Optional, so droht die Welt, ihren gesamten Halt zu verlieren. Innerweltliche Werte verlieren die Erkennbarkeit ihres vernünftigen Grundes und leben als rein pragmatisch orientierte Strategien, um das Schlimmste zu vermeiden. Dabei kann allerdings weder gesagt werden, warum etwas als Schlimmer angesehen werden sollte als anderes. Vor allem verschwindet in einem gutmenschenhaften Nebel das Kriterium, aus dem heraus überhaupt etwas als „gut“ oder „böse“ erkannt werden kann.

Die laizistisch manipulierte babylonische Sprachverwirrung und Sprachfälschung, mittels derer auch dem einfachen Geist die Möglichkeit entrissen wird, zu einer Klärung der Verhältnisse zu gelangen, geben diesem Projekt eines Post-Humanismus den Rest. So wird „Abtreibung“ als „Schwangerschaftsunterbrechung“ kaschiert (heißt unterbrechen nicht eigentlich: für eine bestimmte Zeit mit etwas aufhören, um es dann fortzusetzen?) oder als „Recht auf Selbstbestimmung“ verkauft (ohne zu beachten, das sich dieses Selbst dabei durch die Vernichtung eines Anderen bestimmt und derartiges nie ein „Recht“ sein kann). „Interreligiöser Dialog“ wird zur gleichwertigen Anerkennung jedweder Meinungen oder Bekenntnisse, Toleranz zur Aufgabe des Nichtwiderspruchprinzips und somit des Willens zur Wahrheit. Leicht soll alles sein. Angenehm soll es im „Reich des Menschen“ zugehen, ohne zu beachten, dass dort, wo in der Geschichte allein der Mensch sein Reich errichtet hat, es zu den größten Tragödien, zum größten Schrecken, zur extremsten Manifestation des Bösen gekommen ist.

Eine als „regnum hominis“ interpretierte Welt kann ihre Augen nicht erheben. Sie verdöst sich in der Langeweile des Horizontalen. Die laizistische Langeweile kann sich nur durch breitere und immer mehr gewaltvoll vorstoßende Machtergreifungen vor ihrer Zernichtung und Tendenz zum depressiven Freitod retten. Die „victoria cursus artis super naturam“ (der Sieg der Kunst über die Natur) Baconscher Herkunft verdammt das „regnum hominis“ dazu, zu einer Welt der Macher, der Manipulatoren, der Herrschaft, der Gewalt, des Willens zur Macht als radikale Ausübung des Rechts des Stärkeren oder der Willkür relativer Mehrheiten zu degenerieren. Umweltschutz als Ideologie, militanter Pazifismus, trübe Toleranz des Widersprüchlichen und soziale Gerechtigkeit auf der Grundlage eines Rechtspositivismus sowie Verfälschung des Begriffs der Familie (homosexuelle Familie, Lebensgemeinschaften, Familie auf Probe, Ein-Eltern-Familie, polygame Formen der Familie, verbunden mit den verschiedenen Spielarten von Kindern aus homologer oder heterologer Befruchtung, unter Rückgriff auf den Miet-Uterus und jedes andere Instrument, das die fortgeschrittene Reproduktionsmedizin zur Verfügung stellt): ohne Gottesbezug erhebt sich der kleine endliche Mensch wie ein aufgeplusterter Pfau zum einzigen Herrscher über die Welt.

Demgegenüber spricht Benedikt XVI. die starke Mahnung aus: „Der Anthropozentrismus, der die Moderne kennzeichnet, darf niemals losgelöst werden von der vollen Wahrheit über den Menschen; und diese schließt seine transzendente Berufung ein.“ Der „Realismus des christlichen Glaubens“ führt zu einer Vernunft, die sich, wie dies schon die frühen Kirchenväter sagten, als samenhafter „logos“ auf den Logos, der der Ursprung von allem ist, einlassen kann und in ihm ihren eigenen Ursprung als königlichen Urgrund erfasst, denn: „Alles, was je von irgendeinem an Schönem gesagt worden ist, gehört uns Christen“ (Justinus, 2 Apologia 13,4). Dieser Logos hat einen Namen und ein Antlitz: Jesus Christus. So muss das Christentum dafür sorgen, dass es sich nicht zum Mythos verbrämen lässt und in die Sphäre der privaten Gefühlsintimität abgesondert wird. Das Christentum muss sich gegenüber einem verflachenden und zur Wahrheit unfähigen Laizismus neu als der Ort verstehen, von dem aus die Wirklichkeit allererst vernünftig wird und nicht im Abgrund der Rätselhaftigkeit versinkt.

Wahres Wissen, so Benedikt XVI. in seiner Ansprache an die Dozenten der europäischen Universitäten am 23. Juni 2007, kann „niemals auf den rein intellektuellen Bereich beschränkt werden“. Wissen schließt für Benedikt XVI. die Fähigkeit ein, „die Dinge immer wieder aufs Neue vorurteilsfrei und ohne vorgefasste Meinungen zu betrachten und ‚staunend’ vor der Wirklichkeit zu stehen, deren Wahrheit durch das Zusammenspiel von Vernunft und Liebe entdeckt werden kann“.

Bereits für den Philosophen Martin Heidegger (1889-1976) stellte sich die Alternative: Extreme Seinsverlassenheit im Wahn der „Technik“ als Seinsgestalt der Moderne oder die hoffende Ahnung, die er mit einem Wort Hölderlins formulierte: „Nur ein Gott kann uns retten“. Das Christentum weiß und lebt, dass es nicht „ein“ Gott ist, der rettet, sondern der Gott von menschlichem Antlitz. Die Weite des Logos lädt den endlichen Logos ein, sich nicht von laizistischem Größenwahn und der diesem folgenden Aggressivität einschränken zu lassen. Heute mehr denn jede geht es um alles: entweder verstehen die Christen, dass Gott nicht selbstverständlich ist und nicht in ihrer Verfügbarkeit steht, dass er nicht zu vermenschlichen und so unschädlich zu machen ist, oder sie erliegen ob der stumpfen Waffen denjenigen, die sich dem Tier zu Füßen werfen, das „sein Maul öffnet, um Gott und seinen Namen zu lästern, seine Wohnung und alle, die im Himmel wohnen“ (Offb 13,6), und fordert, es anzubeten (vgl. Mt 4,9).