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05 September 2016, 11:00
Das Heilige in schlichter Schönheit

Alexandra Doerrier schrieb den Künstlerroman „Die Lukasbrüder“ über Nazarener-Künstler des 19. Jahrhunderts, die den christlichen Glauben in seiner Heiligkeit neu zum Ausdruck bringen wollten. Michael Hageböck interviewte die Autorin für kath.net
Freiburg (kath.net) Die Künstlergruppe „Die Lukasbrüder“ habe sie „so fasziniert“, „dass irgendwann der Entschluss gereift ist, selbst etwas über sie zu schreiben. Mit einem historischen Roman kann man natürlich eine breitere Leserschaft erreichen als mit einem Sachbuch. Ich wollte auch die Menschen ansprechen, die keine Kirchgänger oder Kunstexperten sind.“ Das erläutert die Autorin Alexandra Doerrier im kath.net-Interview über ihren Künstlerroman „Die Lukasbrüder. Die Nazarener und die Kunst ihrer Freundschaft“.

kath.net: Frau Doerrier, Sie beschäftigen sich schon länger mit den Lukasbrüdern. Wie kamen Sie darauf, kein Sachbuch, sondern einen Roman zu schreiben?

Alexandra Doerrier:
Zunächst habe ich alles über die Lukasbrüder oder Nazarener, wie sie ja später genannt wurden, gelesen. Die Künstlergruppe hat mich interessiert. Ich war dann so fasziniert von dieser Bruderschaft, dass irgendwann der Entschluss gereift ist, selbst etwas über sie zu schreiben. Mit einem historischen Roman kann man natürlich eine breitere Leserschaft erreichen als mit einem Sachbuch. Ich wollte auch die Menschen ansprechen, die keine Kirchgänger oder Kunstexperten sind.

kath.net: Sich mit einer Künstlergruppe zu beschäftigen ist eine Sache, eine andere sie in ihren Lebensumständen authentisch zu schildern. Wie haben Sie das Zeitcolorit hinbekommen?

Doerrier:
Ich habe die Reise von Wien nach Rom, wie ich sie im Buch schildere, selbst unternommen und nach Spuren gesucht. Das Lesen von Briefen und Tagebüchern der Lukasbrüder hat mir geholfen, mich in ihr Denken hineinzufühlen. Geschrieben habe ich das Buch in der Benediktinerinnen-Abtei von Herstelle. Ich habe mich dort für eineinhalb Jahre von der Außenwelt abgeschottet und in meinem Kopf im Jahr 1810 gelebt.

kath.net: Was fasziniert Sie an den Lukasbrüdern und ihrer Kunst?

Doerrier:
Vor gut zweihundert Jahren hat ja Napoleon viele Kirchen und Klöster säkularisiert und den Papst ins Exil geschickt. Man könnte es eine gottlose Zeit nennen, in der sich die vier jungen Kunststudenten - ein Österreicher, ein Schweizer und zwei Deutsche - auf den Weg nach Rom machten. Der Gedanke, in einer klösterlichen Gemeinschaft zu leben, um künstlerisch tätig zu sein, hat mich fasziniert. Die Lukasbrüder waren auf ihre Art revolutionär. Auch ihr Streben nach einer größtmöglichen Schönheit und nach Vollkommenheit hat mir imponiert. All das spiegelt sich in ihren Bildern wieder. Der klare Aufbau und die schlichte Form sprechen mich an.

kath.net: Welche Bücher über die Lukasbrüder können Sie besonders empfehlen?

Doerrier:
Leider gibt es die meisten Bücher über die Lukasbrüder nur noch im Antiquariat.
Empfehlen kann ich Herbert Schindler: »Nazarener. Romantischer Geist und christliche Kunst im 19. Jahrhundert und Margaret Howitts Overbeck-Biographie.

Wer sich für Franz Pforr interessiert, dem sei:
»...kann ich vielleicht nur dichtend malen« von Stefan Matter und Maria-Christina Boerner ans Herz gelegt.

kath.net: Wo soll man hinreisen, um ihre Kunst im Original zu sehen?

Doerrier:
In der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel in Berlin kann man unter anderem die Fresken aus der Casa Bartholdy in Rom bestaunen. Weitere Zentren ihrer Kunst sind das Frankfurter Städel und die Neue Pinakothek in München, die extra gegründet wurde, um die Nazarener-Sammlung des bayerischen Königs Ludwig I. präsentieren zu können. Das Bild Sulamith und Maria von Franz Pforr findet man im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt. Aber auch in Lübeck, Wien, Köln, Hamburg, Mainz, Dresden, Magdeburg und Speyer; an vielen Orten haben die Lukasbrüder Spuren hinterlassen.

Auch in Rom findet man in einigen Kirchen ihre Malereien. Besonders beeindruckt hat mich Overbecks Fresko »Das Rosenwunder« an der Fassade der Portiuncula-Kapelle in der Kirche Santa Maria degli Angeli in Assisi.

kath.net: Die Lukasbrüder sind christliche Romantiker, nehmen also Bezug zum Mittelalter und Verstehen Kunst vom Glauben her. Steht ihr Ansatz damit nicht in Opposition zum heutigen Lebensgefühl?

Doerrier:
Ganz im Gegenteil. Ich finde sogar, dass es viele Parallelen zwischen der Epoche der Romantik und unserer heutigen Zeit gibt.

Man muss sich in der Kunstgeschichte auch immer die Frage nach den Auftraggebern stellen. Im Mittelalter waren die Farben kostbar und die Gemälde entsprechend teuer. Kunst war ein Privileg der Kirche. Altarbilder und Kirchenfresken ermöglichten auch den Menschen, die nicht lesen konnten, einen Zugang zur Bibel.

In der Zeit der Romantik waren Kunst, Religion und Philosophie sehr eng miteinander verwoben. Diesen Trend sehe ich auch aktuell in der bildenden Kunst und der Literatur.

Nicht mehr im Sinne Friedrich Schlegels, dass es die Bestimmung der Kunst sei, der Religion zu dienen. Doch die Sehnsucht nach Spiritualität nimmt wieder zu und gerade in Zeiten der Zuwanderung stellt sich die Frage nach den eigenen Werten. Ich erlebe es zumindest in meiner Umgebung, dass sich Menschen, die sich von Kirche und Glaube entfernt hatten, plötzlich wieder mit dem Christentum auseinandersetzen.

Diese Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln spiegelt sich auch in der Kunst wieder.

kath.net: Welchen Einfluss haben die Lukasbrüder auf die Kulturgeschichte gehabt?

Doerrier:
Einige Lukasbrüder sind später aus Italien in die Heimat zurückgekehrt und haben auch durch ihre Ämter Einfluss auf die Kunstgeschichte ausgeübt. Peter von Cornelius wurde vom Kronprinzen Ludwig an die Münchener Akademie berufen. Er hat Julius Schnorr von Carolsfeld und Ferdinand Olivier nachgeholt. Später wurde Cornelius wie auch Wilhelm von Shadow Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie. Johann David Passavant wurde Inspektor und Philipp Veit Direktor des Städelschen Kunstinstituts in Frankfurt. Joseph von Führich arbeitete als Kurator in der Gräflich Lambergschen Gemäldegalerie in Wien. Dadurch sind viele Gemälde der Lukasbrüder in heimische Museen gelangt. Drüber hinaus haben etliche Maler die Werke der Lukasbrüder kopiert. Führichs Kreuzweg-Bilderzyklus zum Beispiel findet man in leichten Abwandlungen in vielen Kirchen in Österreich, Deutschland und Italien.

kath.net: Gab es Künstler, die sich später von den Lukasbrüdern haben inspirieren lassen?

Doerrier:
In England haben die Präraffaeliten die Idee des Malerbunds aufgegriffen. Das gleiche gilt für die Beuroner Kunstschule, die ja auch versucht hat, die christliche Malerei wiederzubeleben.

kath.net: Intuitiv habe ich genau diesen Zusammenhang vermutet. Aber haben die Präraffaeliten tatsächlich von den Lukasbrüdern gewusst?

Doerrier:
Ja, das haben sie. Ford Madox Brown hat Overbeck und Cornelius in Rom kennengelernt und später seinen Schüler Dante Gabriel Rossetti ermutigt, eine ähnliche Bruderschaft zu gründen. Ihr Stil geht aber eher in Richtung Naturmystik und Symbolismus.

kath.net: Wissen Sie, ob die Beuroner ihre Beziehung zu den Lukasbrüder selbst zur Sprache brachten? Die Mönche aus dem Donautal malten doch viel „steifer“ und orientierten sich an der ägyptischen Kunst ...

Doerrier:
Die Beuroner selbst sehen sich wohl nicht als Nachfolger der Lukasbrüder und verstehen ihre Kunst als eine Abkehr vom individuellen Gefühl. Da schwingt der Geist der Ikone mit. Das Strenge oder Geometrische in ihren Bildern ist ja gewollt.

Was alle drei Gruppen verbindet ist das Streben nach ästhetischer Vollkommenheit in der Malerei.

kath.net: Warum erzählen Sie Ihre Geschichte aus der Perspektive des flatterhaften Hottingers?

Doerrier:
Zuerst hatte ich aus Overbecks Perspektive geschrieben. Ich wollte aber nicht moralisierend werden und dann kam mir eine andere Idee.

Ich habe mein Buch wie das Gemälde, das auf dem Cover zu sehen ist, aufgebaut. Es scheint ein profanes Bild zweier Frauen zu sein, die sich einander zärtlich zuneigen. Franz Pforr schreibt in einem Brief, dass er zwei Damen malen will, die sich genauso liebend umarmen wie Christus und Johannes. Auf seiner ersten Skizze dieses Freundschaftsbilds erkennt man noch eine Abendmahlsdarstellung, die er über Sulamith und Maria gezeichnet hat. Er vereint das Hohelied der Liebe mit der Passion, denn der Lieblingsjünger, der sich an die Brust seines Herrn lehnt, erscheint ja im Johannesevangelium zu Beginn des Passionsweges Jesu. Pforr und Overbeck verstecken eine christliche Botschaft hinter einem profanen Bild. Das gleiche habe ich mit meinem Buch versucht und deshalb konnte nur Hottinger die Geschichte erzählen.

kath.net: Das Coverbild zeigt die als Frauen personifizierten Völker »Italia und Germania«. Inwiefern spielte der deutsche Kulturraum für die Identität der Lukasbrüder eine Rolle gerade nach dem Zerfall des Heiligen Römischen Reichs?

Doerrier:
Der Titel »Italia und Germania« für Friedrich Overbecks Gemälde verleitet dazu, das Bild rein politisch zu interpretieren, obwohl so viel mehr dahinter steckt. Das deutsche Gewand der Maria und das italienische der Sulamith sollten ursprünglich Pforrs und Overbecks Vorlieben für die deutsche bzw. italienische Malerei darstellen. Overbeck selbst hat dem Gemälde den Titel »Die Freundschaft« gegeben.

Ganz unpolitisch waren die Lukasbrüder aber nicht. Ihr einheitliches Gewand war die altdeutsche Tracht, die später zum Erkennungszeichen der studentischen Burschenschaften wurde. Es war ein Bekenntnis zur deutschen Nation und ein Symbol für die Ablehnung der Fremdherrschaft.

kath.net: Warum erwähnen Sie Overbecks Konversion in Ihrem Buch nicht und gehen auch kaum auf konfessionelle Themen ein? Es ist ja schon bemerkenswert, dass sich Protestanten für das Mittelalter begeistern, Heiligenbilder malen und sich auf den Weg nach Rom machen.

Doerrier:
Rom war nicht nur das Zentrum der katholischen Welt, sondern übte in der Zeit der Romantik generell für Künstler eine hohe Anziehungskraft aus.

Overbecks Hang zur katholischen Kirche zeigt sich allerdings schon in Wien. Ich deute das in meinem Buch durch seine Marienverehrung an.

Meine Geschichte endet im Jahr 1812. Overbeck ist erst 1813 konvertiert, deshalb bleibt es unerwähnt.

kath.net: Haben die Lukasbrüder über die Kunst hinaus Beziehungen zu romantischen Schriftstellern gehabt? Ich bin seit Jahren vergeblich auf der Suche nach explizit christlichen Erzählungen aus dieser Zeit. Können Sie mir entsprechende Werke nennen?

Doerrier:
Ich kann Ihnen das oben genannte Buch empfehlen. „Kann ich vielleicht nur dichtend malen“. Es handelt vom Zusammenspiel von Malerei und Literatur. Es beinhaltet unter anderem Franz Pforrs Romanfragment „Sulamith und Maria“.

Gelesen haben die Lukasbrüder auf jeden Fall „Franz Sternbalds Wanderungen“ von Ludwig Thieck und die „Herzergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ von Wilhelm Heinrich Wackenroder.

Ich meine, dass sie in Rom Kontakt zu Zacharias Werner hatten. Er ist auch konvertiert, wurde später Priester und hat christliche Erzählungen geschrieben. Spontan fällt mir noch der Pfarrer und Dichter Ludwig Theobul Kosegarten ein. Von ihm kenne ich aber nur die Uferpredigten.

kath.net: Über welche Resonanz auf Ihren Roman haben Sie sich am meisten gefreut?

Doerrier:
Da gab es schon einiges, was mich erfreut und auch erstaunt hat. Ein Schweizer Kunstmäzen und Sammler der Nazarener-Kunst hat mich angeschrieben und in die Schweiz eingeladen. Dann war da noch ein Mann auf einer Lesung, der mir unter Tränen erzählt hat, was ihm die Lektüre meines Buchs bedeutet hat. Ich hatte hinterher das Gefühl: für diesen einen Mann hat sich die Arbeit gelohnt.

kath.net: Dürfen wir mit einer Hörbuchfassung Ihres Romanes rechnen?

Doerrier:
Das wäre schön. Ein Schauspieler hat schon sein Interesse bekundet, es einzulesen. Da fehlt jetzt nur noch ein Hörbuchverlag.

kath.net: Erlauben Sie mir noch eine letzte Frage: Arbeiten Sie schon an einem nächsten Buch?

Doerrier:
Ja, ich schreibe am nächsten Buch. Es wird wieder um Kunst und Glauben gehen.

kath.net: Herzlichen Dank für das ausführliche und höchst interessante Interview. Ich wünsche Ihrem sehr lesenswerten Roman eine weite Verbreitung!

kath.net-Buchtipp
Die Lukasbrüder
Die Nazarener und die Kunst ihrer Freundschaft. Künstlerroman
Von Alexandra Doerrier
Hardcover, 220 Seiten
2016 Acabus
ISBN 978-3-86282-402-1
Preis 22.60 EUR

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WDR - Alexandra Doerrier - Im Kloster Herstelle




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Foto: Titelblatt (c) Abacus Verlag