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19 Oktober 2015, 17:10
Synode, Sex, Sünde und 'Neusprech'

Auf der Suche nach einer neuen Sprache für eine alte Sache? Gedanken von Bischof Stefan Oster zur Familiensynode
Passau (kath.net/Facebook Bischof Oster)
Von der Synode der Bischöfe in Rom wird immer wieder berichtet, dass Synodenväter aus allen Teilen der Welt der Meinung sind, dass „eine neue Sprache“ gefunden werden müsste, um der Welt die Schönheit des Evangeliums von der christlichen Ehe zu verdeutlichen. Aber wie entsteht eigentlich so eine neue Sprache? Sollen sich die Verkündiger oder die Synodenväter neue Wörter für eine nur mehr Insidern bekannte Sache ausdenken? Soll eine Sprache gefunden werden, die für heute verständlich ist, also für Menschen in einer postmodernen Zeit, die das Evangelium nicht mehr verstehen, die sich weit entfernt haben von den Inhalten des Glaubens? Und wie hinge die zu findende neue Sprache mit ihren Sprechern zusammen? Sollen alle zukünftigen Sprecher eine neue Sprache lernen?

Aber warum bräuchten wir eigentlich eine neue Sprache? Ist nicht die Sache selbst, um die es im Innersten geht, jedem normal denkenden Menschen einsichtig zu machen, auch heute? Was wäre die Sache? Die katholischen Christen leben aus der Erfahrung und dem Glauben, dass es eine Verbindung von Mann und Frau gibt, die Ehe heißt, die erst durch den Tod getrennt werden kann, die offen ist für Kinder - und die von Gott gesegnet ist. Katholiken nennen diese Verbindung auch Sakrament, weil sie glauben, dass Gott in geheimnisvoller Weise in dieser Verbindung da ist. Und sie glauben auch, dass Gott ihnen hilft und helfen will, treu zu sein und zu bleiben. Sie glauben, dass ein Mensch in einer solchen Ehe wachsen und reifen kann zu einem Menschen nach Gottes Gefallen. Und sie glauben, dass eine so verstandene Ehe und Familie unersetzbar und wichtig ist für jeden Menschen, für jede Gesellschaft und für die Kirche. Ist das so schwer zu verstehen? Brauchen wir wirklich andere Wörter für solche elementaren Dinge, nach denen sich im Grunde jeder Mensch sehnt?

Oder geht es doch um eine neue Sache?

Oder ist die Suche nach der neuen Sprache hintergründig vielleicht doch auch manchmal die Suche nach einer neuen „Sache“, also zum Beispiel nach neuen Wörtern für Formen des Zusammenlebens, die sich anders gestalten als das, was Christen sakramentale Ehe nennen? Suchen Befürworter einer neuen Sprache also vielleicht nicht so sehr eine ganz neue Sprache, sondern einfach nur zusätzliche, neue Wörter? Nämlich solche, die Beziehungen bezeichnen, die früher anders hießen als sie heute heißen sollen: Während man früher sexuelle Beziehungen außerhalb einer Ehe oft nur negativ benannt hatte, sucht man jetzt neue Wörter, um das ehemals Negative nun mit einem positiven Begriff zu bezeichnen: „Lebenspartnerschaften“ zum Beispiel – in ihren verschiedensten Formen und Zusammensetzungen, ihren verschiedenen zeitlichen Dauern. Oder gleich „Lebensabschnittspartnerschaft“! Oder „Patchwork-Familie“ – ist vielleicht auch so ein neues Wort in einer neuen Sprache – und es klingt wertschätzend: In Lebenspartnerschaft kommt „Leben“ vor! Und „Partnerschaft“. Ist also wert-voll, voll Wert, voll Gutem. Und Patchwork klingt nach einer kuscheligen, bunten Decke, in der man sich wärmen kann. Sinnlich, also sinn-voll.

Und es stimmt ja: Ohne Zweifel steckt in jeder, ausnahmslos jeder menschlichen Beziehung auch noch irgendetwas etwas Gutes, etwa Formen von Ehrlichkeit, Menschlichkeit, Treue und mehr. Alles das gibt es allenthalben in menschlichen Beziehungen aller Art. Und letztlich könnte man sogar noch irgendwie gut nennen, wenn zwei im gegenseitigen Einvernehmen einander nur benutzen und gebrauchen. Denn wenn jeder etwas davon hätte, wäre es auch noch irgendwie etwas Gutes für beide. Der Mensch strebt nämlich immer nach etwas Gutem – oder zumindest nach dem, was er gerade für gut für ihn hält. Aber die Frage ist: Sollen die gesuchten neuen Wörter nun auch sagen, dass etwas, was vorher im Grunde nicht wirklich gut war, plötzlich doch hauptsächlich gut genannt werden soll - und auf keinen Fall irgendwie anders genannt werden darf? Weil es ausgrenzend wäre und gar nicht wertschätzend!

Neusprech und Altsprech

Wenn also mit der Forderung nach einer Art „Neusprech“ so etwas gemeint wäre, dann dürfte vermutlich auch das Wort „Sünde“ keinesfalls mehr vorkommen. „Sünde“ wäre aus dieser Sicht Altsprech. Versteht keiner mehr! Negative Rede in Beziehungs- und Geschlechtersachen versteht ohnehin keiner mehr. Wertschätzend ist wichtig. Alles wertschätzen! Aber wie würde man dann in Neusprech sagen können, dass es am Ende doch meistens der Sex ist, der Menschen in Beziehungen hinein bindet? In solche Beziehungen, die dann eben durch die sexuelle Bindung eheähnlich oder familienähnlich werden? Und man kann es drehen und wenden wie man will: Sex in bloß eheähnlichen Beziehungen, die aber keine Ehe sind, war im kirchlichen Altsprech nicht als gut benannt, sondern immer als Sünde.

Zwar war auch bislang schon immer klar, dass Sex zwar unglaublichen Spaß machen und tief und schön empfunden werden kann, dass er aber im Altsprech trotzdem Sünde hieß, wenn er außerehelich war. Sex kann nämlich beispielsweise auch dann als schön und tief empfunden werden oder großen Spaß machen, wenn man dabei die Ehe bricht. Und für den Ehebrecher ist es sonnenklar – wenn auch meist verdrängt - , dass er im Augenblick zwar Spaß hat, aber zugleich etwas tut, was seinen Partner oder seine Familie zutiefst verletzen und beschädigen würde. Sex ist also im Altsprech nicht schon deshalb gut, weil er Freude macht und Bindung erzeugt. Sondern Sex ist laut Altsprech dann gut, wenn diese Freude und diese Bindung in einer Ehe passieren.

Und das Problem ist: Im Altsprech hat die Kirche bald 2000 Jahre lang gesagt, dass Gott gesagt hat, dass Sex außerhalb einer Ehe Sünde ist, in der Regel sogar schwere Sünde. Wenn das stimmt, dann sind heute sehr viele schwere Sünder unterwegs. Und dann versteht man doch auch, dass viele Neusprech viel besser fänden, weil man das doch nicht einfach so sagen kann, dass es so viele Sünder gibt! Weil doch Sünde keiner mehr hören kann und mag. Oder man sagt am besten, dass ohnehin alle Menschen Sünder sind, daher komme es auf solche speziellen Sünden auch nicht mehr an und brauche sie nicht eigens benennen. Andernfalls würden doch der Kirche noch mehr Leute weglaufen, wenn sie hier nicht wertschätzend wäre! Also müsste eine neue Sprache her! Wertschätzend. Und weil man ohnehin nicht mehr so recht glaubt, dass die Kirche auch dafür da ist, den Sünder zur Umkehr zu helfen, dann ist die Wertschätzung, dann ist Neusprech endlich die Bestätigung! Die Bestätigung, dass einer getrost in dem bleiben kann, was früher Sünde hieß, was aber jetzt doch irgendwie gut genannt werden soll. Und dann muss ich mich als Verkündiger auch nicht mehr mit der Frage quälen, wie ich ihm zur Umkehr verhelfen kann. Dann ist sein Scheitern und mein Scheitern beides nicht mehr schlecht, sondern doch irgendwie gut. Dann schätzen wir uns gegenseitig wert! Endlich mag die Welt auch die Verkündiger! Sie haben so schöne neue Wörter!

Wäre also das der Grund für die Forderung nach neuer Sprache? Hintergründige Furcht und der Wunsch am Ende doch wertschätzen, doch gutheißen, und am Ende doch endlich auch segnen zu können, was früher Sünde war? Und damit sie uns endlich mögen, sich aber nicht bekehren brauchen? Und ich mich als Verkündiger auch nicht mehr? Geht es also doch um eine neue Sache? Um die Umwertung von Werten? Hat die Kirche erkannt, dass sie sich die letzten 2000 Jahre getäuscht und nicht richtig auf Gott gehört hat? Und dass sich womöglich sogar Jesus getäuscht hat mit seiner Forderung, die viel rigoroser war, als die seiner Diskussionspartner in diesen Fragen?

Was sagt Paulus?

Oder könnte es nicht sogar eher sein, dass Paulus Recht hat? Im ersten Kapitel des Römerbriefes sieht er nämlich einen sehr intensiven Zusammenhang zwischen der Abwendung der Menschen von Gott einerseits und ihrer Herzensverdunkelung und den daraus folgenden sexuellen Verirrungen andererseits. Kann es also sein, dass die Forderungen nach einer bestimmten Art von Neusprech besonders aus westlichen Kulturen kommen, in denen der Glaube am stärksten schwindet, in denen aber zugleich (eben deshalb?) die Forderung nach gesellschaftlicher und kirchlicher Anerkennung aller möglichen sexuellen Variationen und Beziehungsformen so stark wird?

Die wirklich neue Sprache!

Das Evangelium macht nun für uns aber sehr deutlich, dass die Sprache so neu sein könnte, wie nur irgendetwas, dass es sogar die Sprache der Engel oder aller Menschen sein könnte oder sogar prophetische Sprache: Wenn eine solche Sprache nicht von der Liebe durchdrungen wäre, die von Gott kommt, wäre alles nur leeres Geplapper oder schlichtweg nichts (1 Kor 13,1-2)!

Wenn also umgekehrt jede wirkliche Sprache von der Liebe Gottes selbst qualifiziert sein müsste, dann würde sie nur dann neu, wenn ihre Wörter aus dem Geist des Ewigen Wortes geboren würden! „Wer redet, der rede mit den Worten, die Gott ihm gibt!“ (1Petr 4:11) Aber wie spricht das Ewige Wort? Es gibt sich hin, es verschenkt sich in tiefster Radikalität, bis in den Tod; es verschweigt sich am Kreuz. Und wenn es spricht, spricht es klar und wahr und ohne jede Menschenfurcht. Sein Maßstab ist nicht einfach weltliche Anerkennung und Wertschätzung, sein Maßstab ist Wahrheit als Liebe und Liebe als Wahrheit! Deshalb spricht das Ewige Wort in Bildern und Gleichnissen, die neu und tief aus der Menschenwelt gespeist sind. Es hat sich ja so tief in die Menschenwelt eingelassen, wie nur irgend möglich. Das Ewige Wort erzählt seine Bilder und Gleichnisse aber immer so, dass sich mitten in diesen Bildern aus dieser Welt zugleich die Welt Gottes eröffnet und der Hörer mit hinein genommen wird. Nicht nur das: Der Hörer wird ausdrücklich heraus geführt aus seiner bloß menschlichen Welt! Dem wirklichen Hörer der neuen, der frohen Sprache, der frohen Botschaft, wird deutlich, dass das Ewige Wort vor allem aus der Ewigkeit spricht. Und dass es undenkbar wäre, dass das Ewige Wort heute gut nennen könnte, was bis gestern Sünde hieß! „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Lk 21,33). Der Sprecher einer recht verstandenen neuen Sprache wird also so in die Welt sprechen, dass sich der hiesigen Welt ein Übergang öffnet hinein in das Reich des Vaters - aus einer Welt, die viel Schönes und Gutes hat, die aber in sich selbst doch nur gefangen und dem Tod geweiht wäre.

Die neue Sprache wird – wenn überhaupt – nur geboren in dem Sprecher, der aus der Gegenwart des Ewigen Wortes spricht, aus dem, der seine Worte von Ihm selbst heilen, reinigen, vertiefen lassen kann. „Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten.“ (Joh 15,7) Je tiefer also aus der Gegenwart des Ewigen Wortes neu gesprochen, desto mehr erkennt und hört das Ewige Wort selbst die Worte des Sprechers der neuen Sprache! Die neue Sprache wäre die Sprache des Beters, der den Herrn kennt und liebt und deshalb den Menschen liebt. Der Sprecher der neuen Sprache würde alles Gute und Wahre in allen möglichen menschlichen Beziehungen sehen und erkennen - und er würde es auch wahr und gut nennen. Aber er würde alles das zugleich so ansprechen, dass es immer mehr durchscheinend wird auf die Quelle des Wahren und Guten schlechthin. Und so ein Sprecher wäre nicht bereit, das Übel neuerdings ein Gut zu nennen. Er würde dem Wunsch nicht auf den Leim gehen wollen, nur ja niemanden zu verletzen und nur ja von niemandem zurück gewiesen zu werden. Oder auch nicht dem Wunsch, ja nicht mit der eigenen pastoralen Erfolglosigkeit konfrontiert zu werden und die Situation deshalb im Neusprech schön reden zu wollen. Und ja, es stimmt: Ein echtes neues Sprechen wird auch weh tun. Denn das Ewige Wort spricht sich selbst so klar und neu in die Welt hinein, dass eine Welt, die nur sie selbst bleiben will, es letztlich gar nicht ertragen kann. Sie wird eine Sprache, die wirklich aus dem Ewigen Wort kommt, auch quälen, annageln und töten wollen – um sich die Wirklichkeit vom Leib zu halten, aus der die neue Sprache lebt!

Passauer Bischof Stefan Oster im Interview: ´Ich möchte, dass junge Menschen das Geschenk der Begegnung mit Christus erfahren dürfen´.




Foto: (c) Bistum Passau