26 Mai 2015, 10:00
Die Siebenkirchenwallfahrt
 
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Am Festtag von Philipp Neri: zu einem ‚Pastoralprojekt’ des Heiligen. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Rom ist eine der wichtigsten Pilgerstätten der Christenheit. Der gläubige Christ besucht die Stadt nicht allein als Tourist auf der Jagd nach Sehenswürdigkeiten. Er will vielmehr die Orte sehen und gleichsam betend berühren, die Kernpunkte des christlichen Glaubens und der Geschichte des Christentums betreffen. Und gerade die Geschichte ist es, die es den Christen am eigenen Leib spüren lässt, dass das Christentum keine Idee ist, sondern die Begegnung mit einer wirklichen, geschichtlichen gott-menschlichen Person: Jesus Christus. Um ihn auf dem Weg treffen zu können, braucht der Mensch besonderer Weghilfen. Prozessionen und Wallfahrten gehören zu diesen, da sie in einzigartiger Weise vermitteln: das Ziel ist zwar schon da, aber der Mensch muss etwas tun, um völlig zu ihm zu gelangen.

Die römische „Siebenkirchenwallfahrt“ gehört zu diesen geistlichen Wegstrecken. Ihre Tradition geht auf die Spätantike zurück. Zahlreiche Pilgerberichte und Inschriften beschreiben diesen Gang durch die Heilige Stadt. Neu belebt wurde die Siebenkirchenwallfahrt im 16. Jahrhundert durch Philipp Neri. Dieser bedeutende Heilige der katholischen Reform lebte von 1515 bis 1595 und widmete sich – neben vielem anderem – der Erneuerung des religiösen Lebens in Rom, wohin er 1533 aus seiner Geburtsstadt Florenz gezogen war. Mehrere Male im Jahr unternahm er Wallfahrten zu den sieben Hauptkirchen Roms, denen sich das einfache Volk, später auch Adelige und hohe Geistliche anschlossen. So wurde die Wallfahrt für ganz Rom ein religiöses Ereignis, das besonders zum Karneval und nach Ostern stattfand: ein Pilgerfest als Gegengewicht zu manchen Orgien in Kneipen und auf den Plätzen, auf denen der berühmte ausschweifende „Römische Karneval“ gefeiert wurde.

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Der Heilige lud nach den liturgischen Feiern, Gebeten und Gesängen zum Picknick ein. Gerade die Tradition des freudigen gemeinsamen Essens stellt noch heute einen wesentlichen Punkt des Anfangs und/oder Abschlusses des Pilgerganges dar, der in den frühen Morgenstunden in St. Peter anfängt und vorbei an St. Paul vor den Mauern, St. Sebastian an der Via Appia Antica, St. Johann im Lateran, Santa Croce in Gerusalemme und St. Laurentius vor den Mauern bei Santa Maria Maggiore auf dem Esquilin endet. Die Siebenkirchenwallfahrt wurde unter Sixtus V. (1585-1590) zu einem zentralen Element des religiösen Lebens, das der Papst mit besonderen Ablässen förderte, dies nicht nur für die zahlreichen Pilgerströme, sondern auch für die Kirche Roms selbst. Auch außerhalb der Ewigen Stadt fand sie Nachahmung, so zum Beispiel seit dem 16. Jahrhundert als „Römerfahrt“ in der Stadt und den Pfarreien der Erzdiözese Köln.

Die Siebenkirchenwallfahrt ist in der Tat ein Wallfahren und kein einfaches Spazierengehen in einer atmberaubenden Umgebung, wie schon Adolph Kolping 1863 schrieb: „Vielleicht außer der Wallfahrt durch die heiligen Stätten Jerusalems – die ergreifendste und dabei denkwürdigste der ganzen christlichen Welt“. Sie bringt an die Gräber der Apostelfürsten und Glaubenszeugen des frühen Christentums. St. Peter – an diesem Ort erlitt der heilige Petrus im Zirkus des Nero das Martyrium am Kreuz unter dem Obelisken, der seit 1585 im Zentrum des Petersplatzes als Mahnmal und Ehrung steht. In unmittelbarer Nähe des Zirkus wurde er in der Nekropole am Vatikanhügel in einem einfachen Erdgrab bestattet. Seit dem zweiten Jahrhundert ist das Grab des Petrus, über dem Kaiser Konstantin die erste Basilika errichten ließ (326-333), Ort des Gebets: „Petros ení“ – Petrus ist hier: so ritzten es die ersten Pilger auf einer Wand ein.

Der Weg führt weiter zur Päpstlichen Basilika St. Paul vor den Mauern, der letzten Ruhestätte des anderen Apostelfürsten und großen Apostels der Völker. 2008 hatte Papst Benedikt XVI. anlässlich des 2000. Geburtstages des Paulus ein besonderes Paulus-Jahr ausgerufen und die Christen der Welt eingeladen, an die Stätten des Wirkens des Apostels zu pilgern und so ihren Glauben zu stärken. In der Basilika selbst wurde das seit dem Brand der Kirche im 19. Jahrhunderte verschüttete Grab des Paulus wieder freigelegt, so dass sich nun die Pilger seinem unversehrten Sarkophag nähern können. Am 28. Juni 2009 erklärte dann Papst Benedikt XVI. während der feierlichen Vesper zum Abschluss des Paulus-Jahres, dass im Rahmen sorgsamer wissenschaftlicher Untersuchungen in den Sarkophag eine Spezialsonde eingeführt worden ist. Es wurden unter anderem Knochensplitter eines Menschen gefunden, der zwischen dem 1. und dem 2. Jahrhundert gelebt hat. „Das scheint die einmütige und unbestrittene Überlieferung zu bestätigen, der zufolge es sich um die sterblichen Überreste des Apostels Paulus handelt.“

Nach dem Gebet in den eindrucksvollen Hallen der Basilika, die auch für das Medaillonband bekannt ist, auf denen alle bisherigen Päpste abgebildet sind, macht sich der Pilger auf nach St. Sebastian an der Via Appia Antica. St. Sebastian gehört zu den ältesten Kirchen Roms und wurde von Kaiser Konstantin über den weiten Katakombenanlagen errichtet, die heute als die Katakomben von San Sebastiano, Santa Domitilla und San Callisto unterschieden werde.

Von St. Sebastian kehrt der Pilger zurück und kann durch das Appische Tor wieder die Stadt „innerhalb der Mauern“ betreten. Dort betet er in der Päpstlichen Basilika St. Johann im Lateran, der „Mutter aller Kirchen der Stadt und des Weltkreises“ und Bischofskirche der Stadt Rom. In der Basilika verehren die Gläubigen besonders die Märtyrer Cyprian und Justina, deren Leiber von frommen Christen nach Rom gebracht und im Lateran bestattet wurden. Neben der Basilika steht das Gebäude, das den Schrein für die Heilige Stiege bildet. Der Pilger betet kniend auf den Stufen, die Jesus zum Palast des Pontius Pilatus hinaufgestiegen ist. Die heilige Helena brachte sie 326 zusammen mit vielen anderen Reliquien, unter diesen die Kreuzesreliquien, von ihrer Reise ins Heilige Land mit.

Der Platz vor der großen Basilika verlängert sich in der Tiefe und weist den Weg zur nahen, knapp zehn Minuten entfernten Kirche Santa Croce in Gerusalemme (Heiliges Kreuz in Jerusalem), wo Christusreliquien aus dem Umfeld der Kreuzigung aufbewahrt werden: Splitter des Kreuzes Christi (1629 wurde das größte Stück in den Petersdom überführt) ein Querbalken eines der Schächerkreuze, zwei Dornen der Dornenkrone, ein Nagel vom Kreuz Christi und die Hälfte des „titulus crucis“ INRI.

Der Pilgerweg führt dann wieder hinaus „vor die Mauern“ zur Basilika des heiligen Laurentius. Sein glorreicher Tod auf dem Rost machte ihn zum meist gefeierten Märtyrer der Stadt († 258). Die Kirche wurde während des II. Weltkrieges durch den einzigen Luftangriff der alliierten Truppen auf Rom schwer geschädigt (19. Juli 1943). Sie beherbergt in einer reich mit Mosaiken ausgeschmückten Kapelle die sterblichen Überreste des seligen Papstes Pius IX. (1846-1878). Auf dem Platz vor der Kirche erinnert eine Statue an Pius XII. (1939-1958), der nach dem Luftangriff auf das Stadtviertel zu seinen Gläubigen eilte, um ihnen den Trost und die Hilfe des Papstes zu bringen.

Bei Santa Maria Maggiore, der letzten der vier Päpstlichen Basiliken, zu denen der Pilgerweg geführt hat, endet für den nunmehr müden Pilger eine Reise durch das Leben und den Glauben der Kirche und ihrer Geschichte, deren Schritte er mit den Perlen des Rosenkranzes gezählt hat. 352 wurde der Grundstein dieser ersten Marienkirche des Abendlandes gelegt. Auf sie geht das Fest Maria Schnee zurück (5. August): die Legende erzählt, dass am 5. August 352 die höchste Erhebung des Esquilinhügels als Zeichen Gottes für den Bau der Kirche mit Schnee bedeckt war. Santa Maria Maggiore ist der Ort der Verehrung der Krippenreliquie, die in einem Schrein unter dem Hauptaltar in der Confessio-Kapelle aufbewahrt wird. Viele Päpste sind hier bestattet. Auch die Reliquien des großen Kirchenlehrers Hieronymus (347-419/20) werden seit dem 12. Jahrhundert in der Kirche verehrt. Heute befinden sie sich in einer Porphyrurne über dem Hauptalter. Hieronymus schuf die Übersetzung der Heiligen Schrift ins Lateinische. Diese „Vulgata“ genannte Schrift bildet den offiziellen Text der lateinischen Kirche, der als solcher vom Konzil von Trient anerkannt wurde und nach der jüngsten Revision der offizielle Text der lateinischen Kirche bleibt. Die Siebenkirchenwallfahrt verlebendigt die Geschichte der Kirche und ihrer Lehre. Der Glaube zeigt sich als das, was er ist: Gewebe des Lebens durch die stete Annäherung an das göttliche Geheimnis.









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