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14 Mai 2015, 12:15
Die Verantwortung der Kirche für die Menschheit

Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: ‚Die Kirche ist ein Teil der Welt, und so kann sie den eigenen Dienst nur recht tun, indem sie sich um die Welt als ganze kümmert’. Ein Brief des emeritierten Papstes. Von Armin Schwibach
Rom (kath.net/as) „Die Kirche muss in das Ringen der Menschheit, der Gesellschaft als solcher um den rechten Weg eintreten und muss dazu eine Weise der Argumentation finden, die auch den Nichtglaubenden angeht. Nur indem sie über sich hinausgeht und Verantwortung für die Menschheit im ganzen annimmt, bleibt sie auch richtig bei sich selbst“: mit diesen Worten beschreibt der emeritierte Papst Benedikt XVI. die Aufgabe der Kirche. Er tut dies in einem Brief an seinen ehemaligen Staatssekretär Tarcisio Kardinal Bertone.

Der Brief wurde als Vorwort zu einem in diesen Tagen veröffentlichten Buch des Kardinals mit dem Titel „La fede e il bene comune. Offerta cristiana alla società contemporanea“ [„Der Glaube und das Gemeinwohl. Das christliche Angebot an die zeitgenössische Gesellschaft“; Libreria Editrice Vaticana] auf Deutsch und in einer italienischen Übersetzung veröffentlicht. Das Buch ist eine Sammlung von Ansprachen und verschiedenen Wortmeldungen Kardinal Bertones bei Konferenzen und Tagungen. Die Sammlung beabsichtigt, sich mit einer Reihe von Problematiken zu beschäftigen, die sich aus der Spannung Christentum – moderne Zeiten ergeben. Dabei setzt sich Bertone mit sozialen und ökonomischen Themen sowie mit Fragen von kultureller Aktualität auseinander.

Benedikt XVI. ruft in Erinnerung, dass Pastoral „wahrhaftig nicht nur bedeutet, dass wir den Dienst der Sakramente und der Verkündigung des Gotteswortes an die Gläubigen in der Kirche wahrnehmen“. Vielmehr umfasse die Pastoral „sehr entschieden auch die intellektuelle Dimension, wie es Mitarbeiter von Kardinal Ruini mit dem Wort „amor intellectualis“ ausgedrückt haben“.

Daraus folgt für Benedikt XVI.: „Nur wenn wir mitdenken mit den Einsichten und den Fragen unserer Zeit, können wir das Wort Gottes als gegenwärtige Anrede an uns erfassen. Nur wenn wir mitsorgen mit den Möglichkeiten und Nöten unserer Zeit, können die Sakramente in ihrer wirklichen Kraft zu den Menschen kommen“.

Die Inhalte des Buches machen für den Emeritus noch etwas deutlich: nämlich dass sich „unsere Zusammenarbeit nicht nur auf konkrete Regierungsakte beschränken konnte, sondern in die Tiefe des Ringens um die rechte Weise hineinreichte, heute dem Wort Gottes, dem Logos Gottes zu dienen“.

Ich danke Seiner Heiligkeit für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung des Briefes an S. Em. Tarcisio Kardinal Bertone. kath.net versichert Seine Heiligkeit des ständigen Angedenkens im Gebet. as


Benedikt XVI. – Brief an Tarcisio Kardinal Bertone, Vorwort zum Buch: „La fede e il bene comune. Offerta cristiana alla società contemporanea“ [„Der Glaube und das Gemeinwohl. Das christliche Angebot an die zeitgenössische Gesellschaft“]:

Vatikanstadt, 21. April 2015,
Fest des hl. Anselm von Canterbury

Seiner Eminenz
dem Hochwürdigsten Herrn
Tarcisio Kardinal BERTONE
Kardinalstaatssekretär em.

00120 Vatikanstadt

Eminenza!

Beim Lesen in den Texten Ihres neuen Buches „La fede e il bene comune. Offerta cristiana alla società contemporanea“, die Sie mir freundlich zugesandt haben, sind mir die Jahre unserer gemeinsamen Arbeit im Dienst des Petrusamtes wieder lebendig vor die Augen getreten. Mir ist wieder sehr sichtbar geworden, wie viele Dimensionen der pastorale Auftrag eines Hirten in der Kirche Jesu Christi heute umfaßt. Pastoral bedeutet wahrhaftig nicht nur, daß wir den Dienst der Sakramente und der Verkündigung des Gotteswortes an die Gläubigen in der Kirche wahrnehmen.

Mir ist vor allem deutlich geworden, daß Pastoral sehr entschieden auch die intellektuelle Dimension umfaßt, wie es Mitarbeiter von Kardinal Ruini mit dem Wort „amor intellectualis“ ausgedrückt haben. Nur wenn wir mitdenken mit den Einsichten und den Fragen unserer Zeit, können wir das Wort Gottes als gegenwärtige Anrede an uns erfassen. Nur wenn wir mitsorgen mit den Möglichkeiten und Nöten unserer Zeit, können die Sakramente in ihrer wirklichen Kraft zu den Menschen kommen.

Noch ein Weiteres ist darin eingeschlossen: So sehr uns zuerst die Sorge für die Gläubigen und die den Glauben unmittelbar suchenden Menschen aufgetragen ist, so wenig kann sich der Dienst des Hirten nur auf die Kirche beschränken. Die Kirche ist ein Teil der Welt, und so kann sie den eigenen Dienst nur recht tun, indem sie sich um die Welt als ganze kümmert. Das Wort Gottes seinerseits betrifft ja ebenfalls die Ganzheit der Wirklichkeit, und seine Gegenwart legt der Kirche Verantwortung für das Ganze auf.

Das Ringen um die Enzyklika „Caritas in veritate“, das Sie sehr eindrücklich dargestellt haben, zeigt die Verschlingung der verschiedenen Ebenen: Die Kirche muß in das Ringen der Menschheit, der Gesellschaft als solcher um den rechten Weg eintreten und muß dazu eine Weise der Argumentation finden, die auch den Nichtglaubenden angeht. Nur indem sie über sich hinausgeht und Verantwortung für die Menschheit im ganzen annimmt, bleibt sie auch richtig bei sich selbst.

All dies wird in den Beiträgen Ihres Buches deutlich. Ich denke, es wird auch viele nicht der Kirche zugehörige Leser nachdenklich machen, diesen Prozeß des Ringens nachgezeichnet zu finden, der die ganze Breite des Spektrums der Aufgaben unserer Zeit umfaßt. So ist mir auch wieder sichtbar geworden, daß unsere Zusammenarbeit sich nicht nur auf konkrete Regierungsakte beschränken konnte, sondern in die Tiefe des Ringens um die rechte Weise hineinreichte, heute dem Wort Gottes, dem Logos Gottes zu dienen.

Ich nütze die Gelegenheit, um Ihnen für diese Jahre der Zusammenarbeit zu danken und wünsche, daß das Buch viele Menschen nachdenklich machen und ihnen auch den Weg zum Glauben eröffnen kann.

Benedikt XVI.

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