10 Februar 2015, 08:30
Medizin-Ethiker warnt vor industriellem Denken in Spitälern
 
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Giovanni Maio, bioethischer Berater der Deutschen Bischofskonferenz, kritisiert Kostendruck in Richtung "Durchschleusen von kranken Körpern", dem eine "Salonfähig-Werden der inneren Teilnahmslosigkeit" folgen könnte.

Linz (kath.net/KAP) Vor einer Entwicklung, in der sich die Medizin immer mehr vom Patienten weg bewegt und dieser gleichsam "zum Gegenstand" wird, hat der international renommierte Medizin-Ethiker Giovanni Maio (Foto) gewarnt. Wenn "industrielles Denken" in Spitäler einkehrt, bedeute dies, dass der Kostendruck der Krankenhausträger auf die Ärzte abgewälzt wird, sagte Maio bei einem Vortrag an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität (KTU) in Linz, den die KTU in einer Aussendung am Montag zusammenfasste. Es komme dann dazu, "dass sich Krankenhäuser vielfach Ärzte aussuchen, mit denen sie gute Zahlen machen können".

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Maio plädierte in seinem Vortrag zum Thema "Medizin im Spannungsfeld von ärztlichem Heilen, Machbarkeit und Ökonomie" für mehr Zeit und Aufmerksamkeit für Patienten. Rund 200 Gäste, darunter das "Who is who" der Linzer Ärzteschaft, waren zum Vortrag an die KTU Linz gekommen. Der aus Italien stammende Ordinarius an der Medizinischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg ist seit 2010 bioethischer Berater der Deutschen Bischofskonferenz und veröffentlichte zuletzt das Buch "Mittelpunkt Mensch. Ethik in der Medizin".

Bei Spitalsreformen sei oft davon ausgegangen worden, die Medizin könne genauso wie industrielle Prozesse strukturiert werden. "Leider der falsche Ansatz", meinte Maio. Seiner Ansicht nach erfahren junge Mediziner mitunter bei Dienstantritt in einem Spital, dass Sorgfalt als potentielle Verschwendung gelte. Belohnt werde der, der möglichst viele Patienten durchschleuse. "Junge Ärzte kommen mit guten Dispositionen - und sehen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, den Betrieb aufzuhalten. So wird Medizin reduziert auf den Vollzug." Maio sprach wörtlich von einem "Salonfähig-Werden der inneren Teilnahmslosigkeit". Leidtragende seien die Patienten, für die nicht mehr genug Zeit aufgewendet werden könne.

Der Medizinethiker forderte einen Kurswechsel in eine Richtung, in der Medizin als Fürsorge für den Menschen betrachtet wird. Ärzte bräuchten Zeit - und Autonomie, um über diese zu verfügen: "Die Heilkräfte wissen selbst am besten, was gut für den Menschen ist." Zu forcieren sei eine "Medizin des Sprechens", in der Ärzte ihre dialogische Kompetenz einsetzen, um Verunsicherung beim Patienten zu vermeiden.

Vertrauen im Verhältnis von Patient und Arzt basiere auf mehr als auf Sachkenntnis, unterstrich Maio. Notwendig sei Begegnungszeit statt einem "Durchschleusen von kranken Körpern". Letztlich könne man als Mediziner nur helfen, wenn man Kranken gegenüber Wertschätzung zum Ausdruck bringt. Anstelle von Gleichgültigkeit gelte es spürbar werden zu lassen: "Du bedeutest uns etwas. Es ist gut, dass Du lebst."

Medizinethiker Prof. Giovanni Maio – Gesundheit als Pflicht?




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Foto Maio © Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

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