07 November 2014, 11:00
NEUE KATH.NET-SERIE: Sie fragen, Psychiater Raphael Bonelli antwortet!
 
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Antworten auf Lebensfragen - Raphael Bonelli beantwortet auf kath.net Grenzfragen zwischen Psychiatrie und Religion - Sie schreiben, der Psychiater antwortet. Heute Frage 1 über Internet-Sucht!

Wien (kath.net)
Sie suchen Antworten auf Lebensfragen. Seit vielen Jahren berät Psychiater Prof. Dr. Raphael Bonelli Menschen in Grenzfragen zwischen Psychiatrie und Religion. Ab sofort können Sie ihm eine Frage via Email stellen. In regelmäßigen Abständen wird der Wiener Mediziner vielleicht auch Ihre Frage beantworten. Die Fragen werden diskret behandelt und anonymisiert auf www.kath.net veröffentlicht. Schreiben Sie noch heute in möglichst kurzer Form Ihre Frage an bonelli@kath.net. Schon morgen könnten Sie darauf eine Antwort bekommen.

Die erste Frage: Sehr geehrter Herr Professor, ein Cousin von mir sitzt ständig vor dem Computer, bis spät in die Nacht. Er ist 19 Jahre alt und ein Technikfreak, interessiert sich kaum für Mädchen, hat praktisch keine Freunde und hat zuletzt sogar die Schule geschmissen. Seine Eltern sind verzweifelt, aber er redet mit niemandem darüber. Was er genau vor dem Computer macht, wissen wir alle nicht, weil er sich einsperrt und mit keinem drüber redet. Wir fragen uns, was man überhaupt so lang im Internet machen kann. Uns scheint, dass dieses Internet eine ganz schlechte Wirkung auf ihn hat. Was meinen Sie? Jaqueline F.

Antwort von Raphael Bonelli:

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Liebe Jaqueline,

das Schicksal Ihres Bruders ist tatsächlich ein Problem, das uns Psychiater immer häufiger erreicht. Das Phänomen heißt Internetabhängigkeit, Onlinesucht oder pathologischer Internetgebrauch und passiert etwa 1-2% der User, hauptsächlich jüngeren Männern. Das sind die „digital natives“, die also mit dem Internet aufwachsen sind, im Gegensatz zu den „digital immigrants“, die sich die Nutzung erst im Erwachsenenalter mühsam aneignen mussten. Immer mehr Eltern kommen zu mir und beklagen, dass (vor allem) ihre Söhne sich wie Ihr Cousin im Zimmer einsperren, im Internet untergehen und gar nicht mehr das Tageslicht zu Gesicht bekommen. Die Mädchen scheinen hier nicht so anfällig für ein starkes Suchtverhalten. Recht oft habe ich junge Männer in der Praxis, die immer tiefer hineingezogen werden in den Computer und dadurch oft Jahre an Realleben und Ausbildung verlieren. Manchmal ist das ein Durchgangsstadium der Entwicklung, aber bei Ihrem Cousin mit 19 Jahren und einer abgebrochenen Berufsausbildung muss man schon Alarm schreien.

Der Hintergrund einer Internetsucht ist oft ein Unwohlsein bei Sozialkontakten, das sich bis zur krankhaften Sozialphobie steigern kann. Oder die Flucht aus einer schwierigen Lebenssituation (wie eine streitsüchtige Familie) oder schulischen Misserfolg, oder eine allgemeine Unzufriedenheit mit sich im realen Leben. Prinzipiell ist das Sitzen vor der Glotze – wie jedes Suchtverhalten – der Weg des geringsten Widerstandes: kurzfristige Befriedigung statt langfristiges Glück. Ein Kopf-in-den-Sand-Stecken statt die Probleme anzugehen. Das ist bei Alkoholismus so, bei Drogenkonsum, aber auch bei nicht-substanzgebundenen Süchten wie Sexsucht oder eben der Internetsucht Ihres Cousins.

Sie fragen, was man so lang vor dem Internet machen kann. Gute Frage! Da sind zuallererst die Online-Spiele. Die Betroffenen spielen oft tagelang Rollenspiele wie „World of Warcraft“ und beziehen alle ihre Erfolgserlebnisse daher. Über zwölf Millionen Spieler haben da vor ein paar Jahren noch weltweit mitgespielt, heute sind es „nur“ mehr die Hälfte. Ich kenn das Spiel persönlich nicht (und bin auch gar nicht neugierig), aber einer meiner Patienten war dort ein „Heiler“ und hat alle möglichen Mitspieler „geheilt“ – und so großen Respekt in dieser Scheinwelt bekommen. Dadurch kippte langsam seine Wahrnehmung von Wirklichkeit: immer mehr wurde das Spiel zur Realität und die wirkliche Welt um ihn verblasste und wurde uninteressant. Er hat schließlich seine Eltern, Geschwister, Mitschüler und Lehrer als so unwirklich wahrgenommen wie wir einen Film ansehen. Immer war in seinem Kopf die Frage, was wohl in seiner Welt der „World of Warcraft“ los ist, während er schnell isst, kurz schläft oder am Klo sitzt. Natürlich war ihm auch die Schule immer weniger wichtig, seine Leistung nahm ab, immer häufiger spielte er seinen Eltern eine Krankheit vor, um zuhause „World of Warcraft“ zu spielen statt zur Schule zu gehen. Die – beide außerhäuslich berufstätig – hatten keine Möglichkeit das zu kontrollieren. Mit den schulischen Misserfolgen wuchs sein Unwohlsein in der Schule, das sich bis zur Angst steigerte. Und ein In-die-Ecke-Gedrängter wird immer aggressiver, und so forderte er von den Eltern immer stärker die Beendigung der Schule, bis diese nachgaben. Jahre später war er 24 Jahre alt – ohne Abschluss, ohne Ausbildung – und seine Eltern schafften es, ihn zum Arzt zu bringen.

Weiters können soziale Netzwerke und Chatrooms ans Internet binden. Die halte ich aber nicht für so süchtig-machend wie die obengenannten Spiele, das wird wohl nicht (ausschließlich) das Problem Ihres Cousins sein. Aber sie helfen nicht unbedingt dabei, enge Freundschaften zu schließen, obwohl sie diesen Anschein erwecken. Im Gegenteil: Sie können Nutzer in Einsamkeit, Schlaflosigkeit oder Stress treiben und die Leistungsfähigkeit reduzieren. Das haben neulich Forscher der amerikanischen Universität von Arizona herausgefunden. Schuld daran ist die Oberflächlichkeit der Kontakte mit vielen gesammelten "Freunden". Ganz neue psychologische Studien zeigen übrigens auch, dass jemand tendenziell innerlich umso narzisstischer ist, je mehr Facebookfreunde er hat. Das finde ich echt witzig. Soziale Netzwerke können, richtig verwendet, hilfreich und nützlich sein, aber den Menschen auch davon abbringen, in sich zu gehen und zu einer gesunden Innerlichkeit zu finden.

Als besonders Problem im Internet wird drittens häufig die angebotene Pornographie erlebt. Da habe ich wirklich viele Patienten, die heimlich zu mir schleichen und niemand darf es wissen. Laut neuen Studien konsumieren etwa 70 Prozent der Internetuser sexuelle Inhalte – und zwei Prozent aller dieser Benutzer im Sinne einer Sucht. Sucht bedeutet, dass sie wegen ihres Konsums einen Leidensdruck entwickeln und einen Kontrollverlust erleben. Anders formuliert: sie tun, was sie eigentlich nicht wollen, und es wird immer mehr. Dass man das irgendwann nicht mehr machen will, ist sehr verständlich: einer meiner Patienten vergeudete zum Beispiel fünf bis sieben Stunden pro Tag mit Pornographiekonsum im Internet. Man kann sich vorstellen, dass er außerhalb seiner Arbeit keine Beziehungen mehr pflegen konnte. Er hatte seine Freunde monate- bis jahrelang nicht mehr gesehen. Er war nicht religiös und hatte keinerlei moralisches Problem damit – aber er litt fürchterlich. Folge von Internetsexsucht ist eben besonders eine eingeschränkte Beziehungsfähigkeit. Der Online-Zugang ist einfach, billig und anonym, deswegen ist man schnell auf diesen Seiten und die Versuchung zum Wiederholen wird groß. Gute Filter (wie etwa K9 webprotection) können da sehr helfen.

Wie ist jetzt Ihrem Cousin zu helfen? Ich glaube, er braucht einmal ein gutes Gespräch mit einem Psychiater, bei dem er sich mal ganz öffnen kann – ohne Angst, dass der das weitererzählt. Der Arzt kann dann feststellen, ob eine Sozialphobie zugrunde liegt oder eine Depression oder was auch immer, und kann mit ihm einen Plan entwerfen, wie er wieder rauskommt. Aber dazu muss der Betroffene selber wollen. Das ist die Voraussetzung. Man kann (in diesem Bereich) jedem helfen, der Hilfe wirklich will. Nur kommen oft die Angehörigen in die Praxis des Psychiaters, und viel seltener die Betroffenen. Weil die eben oft Angst haben, Angst und Scham, obwohl sie leiden. Wenn die Fälle bis zu mir kommen, sind sie meist schon sehr verfahren und die Süchtigen haben schon die Schule aufgegeben oder den Job geschmissen. Manchmal müssen die Eltern erst langsam wieder „Boden gewinnen“, indem sie etwa behutsam den Internetzugang einschränken und mit Bedingungen verknüpfen (wie etwa gemeinsames Abendessen, Arztbesuch,...). Dies aus der Argumentation heraus, dass der Herr Sohn eigentlich weder Miete noch Strom noch Internetanschluss zahlt, und dass er sich das durch Gegenleistungen verdienen muss. Oft habe ich aber erlebt, dass den Eltern dabei die Kraft ausgeht und die Söhne jahrelang gefangen bleiben.

Ich empfehle jeder Familie immer prophylaktisch, dass sie den (oder auch die) Computer im Wohnzimmer für alle gut einsichtig aufstellt und einen Filter installiert. Keinesfalls sollen Kinder und Jugendliche in einem absperrbaren Zimmern einen Computer mit Internetanschluss haben – davon kann ich wirklich nur abraten. Handys gibt es zwar auch, die sind für Kinder auch nicht wirklich ideal, aber das Suchpotential ist bei großen Bildschirmen viel größer. Keiner spielt jahrelang 15 Stunden pro Tag „World of Warcraft“ auf seinem Smartphone.

Haben auch Sie eine Lebensfrage? Schreiben Sie noch heute in möglichst kurzer Form Ihre Frage an bonelli@kath.net. Schon morgen könnten Sie darauf eine Antwort auf kath.net bekommen. Alle Fragen werden diskret behandelt!

Hinweise:

Raphael M. Bonelli. Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin
Facharzt für Neurologie



Neues Buch von Raphael Bonelli: Perfektionismus
Wenn das Soll zum Muss wird



Psychiater Univ.-Prof. Raphael Bonelli: ´Ich bete für meine Patienten, aber sie wissen es nicht´







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