06 Februar 2014, 10:00
Gott liefert die stärksten Geschichten
 
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Paul Badde berichtet über seinen Weg, der ihn als gläubiger Journalist nach Jerusalem und Rom führte. Von Paul Badde (alle welt - das Missio Magazin)

Rom (kath.net/alle welt - das Missio Magazin) „An Gott, den allmächtigen Vater“, glaube ich, seit ich denken kann. Dazu an die Engel, die Heiligen, die Sakramente, die heilige katholische Kirche, das ewige Leben und so weiter. Das habe ich von meinen Eltern, die ich bis heute um ihre Kunst des Lebens und Sterbens bewundere. Hätte es mich also je bekümmern sollen, wenn gutmeinende Kollegen mich hinter meinem Rücken für einen letzten Mohikaner und weniger gut meinende für einen Taliban gehalten haben, wenn ich mit diesem Glauben auch als Journalist nicht wirklich hinter dem Berg gehalten habe? Eher nicht. Damit ließ sich gut leben. Umso besser, je älter ich wurde, obwohl die Sache natürlich in frühester Kindheit anfing.

Etwa in der zweiten Klasse wollte ich Missionar werden. Es war der erste Berufswunsch, an den ich mich erinnere. Uns hatte ein Pater in der Schule besucht, von Afrika erzählt und im nahen Steyl an der Maas hatte er uns die blutbefleckten alten Kutten der ersten Steyler Missionare in einer Glas-Vitrine gezeigt, die in China ihr Leben verloren hatten, zusammen mit Lanzen aus dem Boxer-Aufstand. Die Geschichte faszinierte mich, als wäre sie mit Herzblut geschrieben und gemalt: für den lieben Heiland zu leben und zu sterben. Kurz danach aber wollte ich schon – für lange Zeit – nur noch Maler werden, weil ich so gern malte: unser Haus, den Hof, unsere Dorfkirche, Bäume, Wolken, Engel, die Sonne, den Mond und die Sterne, Eisblumen am Fenster, meine ganze kleine Welt. Um die Zeit hatte ich auch den Tick, mir besondere Momente zu merken und nie mehr vergessen zu wollen: meinen Lieblingssitz auf einer alten Buche, Wintersonne auf einem zugefrorenen See, einen Moment auf der Fahrradstange meines älteren Bruders, und so weiter. Ich erzählte keinem davon. Bei meinem Lebenslauf zum Abitur schrieb ich dann aber, dass ich Journalist werden wollte.

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Schon in der Obertertia hatte ich in einem Schreib-Wettbewerb für einen von mir eingesandten Aufsatz - über Rom! - meine ersten 20 Mark gewonnen. Ich hatte die Stadt noch nie gesehen und beschrieb sie deshalb auch als eine Hafenstadt am Meer. Seit dieser Zeit etwa war mein Schicksal so gut wie vorgespurt, trotz eines Deutschlehrers, der mir Jahr für Jahr für meine kleinen Meisterstücke regelmäßig nur eine 4 verpasste (und trotz eines phantastischen Priesters, der mich als Vorbild wie kein anderer geprägt hatte und wegen dem ich auch gern Priester geworden wäre, hätte es die Welt der Frauen nicht gegeben). Doch wenn ich zurückschaue, muss ich sagen, dass ich wohl irgendwie alles geworden bin, was ich mir je gewünscht habe: Missionar, Maler und Journalist (dazu noch Fotograf), in irgendwie ungeklärter Reihenfolge, auch wenn meine Frau diesen Ehrgeiz lange weder teilen noch verstehen konnte. Ich musste ausdrücken, was mich bewegte, und blieb magnetisch von Orten und Menschen angezogen, die mich bewegten.

Dabei schreibe ich bis heute nicht leicht. Lange pflegte ich, wenn ich nach meinem „Rezept“ gefragt wurde, mit dem Zitat eines Reporters der New York Times zu antworten, dessen Namen ich längst vergessen habe, der sagte, dass ihm das Schreiben eigentlich ganz leicht falle: „Ich setze mich vor die Schreibmaschine, warte da, bis ich Blut schwitze und lege dann los“. Ähnlich ging es auch mir. Später haben viele „deadlines“ aus verschiedenen Redaktionen dieses Blutschwitzen ersetzt, wenn ich täglich bis Punkt 15.30 Uhr soundsoviele Zeilen abzuliefern hatte. Warum ich darüber dennoch die Geschichten vom lieben Gott nie vergessen und auch aus meiner Liebe zur Kirche kein Geheimnis machen konnte, hat einen anderen einfachen Grund.

Denn jeder Journalist, der es ernst meint, ist ja auch auf einen „Scoop“ aus, das heißt auf eine Geschichte, mit der er über die Tagesausgabe der nächsten Zeitung in die Geschichte eingehen wird wie ein Dichter in die Ewigkeit. Das Jagdfieber nach solchen Geschichten verdunkelt in unserer Branche auch sehr oft den klaren Blick. Auf diese Weise werden enorm viele Flops in die Welt gesetzt, die keinem Nachhaltigkeitstest standhalten. Davon war auch ich natürlich nicht ausgenommen – trotz wundervoller Geschichten, die mir immer wieder auch in den Schoß fielen. Denn der heilige Franz von Sales, der Patron aller Journalisten, hatte es gut mit mir gemeint, auch schon, bevor ich zum ersten Mal von ihm erfahren habe. So ging es mir lange wie dem heiligen Christopherus, der immer weiter nach einem immer größeren Herrscher suchte, dem er dienen konnte – bis ihn eines Tages an einem reißenden Fluss ein kleinen Kind zu sich heran rief und ihn bat, ihn zum anderen Ufer zu tragen. Da nahm er es auf die Schulter, betrat den Strom, wo ihm der Kleine mitten in den Wellen plötzlich so schwer wurde wie die ganze Welt. Und so kostbar. Ich will nicht übertreiben, doch so ähnlich ist es auch mir gegangen – leider nur ohne die Heiligkeit des Christopherus.

Am anderen Ufer bin ich immer noch nicht. Die Last aber und das Kind ist wohl nichts anderes als die Last der Suche nach der Wahrheit, für die es sich auch lohnt, notfalls hinweg gespült zu werden. Es war kein besonderer Mut erforderlich, diesen Weg einzuschlagen. Denn dieses Kind wird ja jeder aufnehmen wollen, der ihm begegnet. Ich habe seine Stimme aber wohl wie nie zuvor wie in den Jahren der letzten Intifada in Jerusalem schreien gehört, im Stimmengewirr der Medien, in einem Strudel der Propaganda und Desinformation, wo ich gleichzeitig erfahren durfte, dass nichts in der Welt wahrer ist als das Kreuzesopfer Christi und seine Auferstehung von den Toten am dritten Tag. Der Golgatha-Hügel lag knapp 15 Minuten von unserer Haustür entfernt, neben dem leeren Grab Christi einen Steinwurf weiter, als zwei Pole der Schöpfung, neben denen sogar der hoffnungslos unlösbare Nahost-Konflikt zu einem Kräuseln der Geschichte zusammenschrumpft.

Die Wahrheit ist kein Bestandteil eines Parallel-Universums. Sie gehört mitten in unsere Welt. Darum finden sich um sie herum aber auch immer die stärksten Geschichten, Lügen, Heldentaten und Verbrechen, das ganze Panorama des Menschlichen, mit großen Halunken neben einer Unzahl von Heiligen, in geheimnisvollen Räumen, in denen das Dämonische neben dem Engelgleichen heranreift. Auch darum fasziniert mich der Raum der Kirche ungemein. Nirgendwo habe ich bewegendere und unglaublichere Erzählungen gehört, von den unvergleichlichen Bildern einmal ganz abgesehen, die sich hier finden wie nirgendwo sonst. Auch wen schnöder Ehrgeiz und der Wunsch nach Ruhm antreibt, kommt also, wenn er konsequent ist, nicht an Gott vorbei. Größere und bewegendere Geschichten als bei ihm lassen sich nirgendwo sonst im Universum finden.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in „alle welt - das Missio Magazin

kath.net-Buchtipp
Raphaël. Die Wiederkehr eines Erzengels
Von Paul Badde
224 Seiten; 2013 Herbig
ISBN 978-3-7766-2725-1
Preis: 15.50 EUR
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Das Tuch von Manoppello im Tageslicht - Paul Badde darf es aus nächster Nähe bewundern




Foto oben (c) kath.net/Paul Badde







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