29 November 2013, 11:00
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Rückzug oder Flucht nach vorne? Christsein in den Zeiten des politischen Irrsinns. Interview mit Prof. Martin Rhonheimer. Von Guido Horst (Vatican magazin)

Rom (kath.net/VATICAN magazin) „Frau Merkel verwaltet treffend die deutsche Wohlfühldemokratie, sie macht das sehr gut und wird deshalb von einer großen Mehrheit geliebt.“ Das sagt Martin Rhonheimer von der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom in dem folgenden Interview. Wenn sich aber alle wohlfühlen, wird dann die Kirche noch gebraucht? Ja, meint der aus der Schweiz stammende Philosoph. Im vergangenen Jahr hat er das Werk „Christentum und säkularer Staat“ veröffentlicht, das auch die starke Aufmerksamkeit von Benedikt XVI. gefunden hat. Doch seine Hoffnung setzt Rhonheimer nicht auf die Politik, sondern auf die Selbsterneuerungskräfte der Gesellschaft. Und hier sieht er ausreichend Raum für das Engagement der Christen in dieser Welt.

„Der katholische Staat? Gott sei Dank: Den sind wir los!“ Der Islam muss sich ändern. Die katholische Kirche aber nicht. Mit dem Zweiten Vatikanum ist sie zum Gründungscharisma des Christentums und zur Tradition des Evangeliums, der Apostel und der Kirchenväter zurückgekehrt. Die Fragen an Martin Rhonheimer stellt Guido Horst

Vatican magazin: Als Ihr Buch „Christentum und säkularer Staat“ erschienen ist, war Joseph Ratzinger noch amtierender Papst und Benedikt XVI. hat Sie in sein „appartamento“ zum Essen eingeladen. Warum das Interesse des deutschen Papstes an Ihrem Werk – oder wollten Sie unbedingt, dass er es wahrnimmt?

Prof. Martin Rhonheimer:
Schon in seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation hatte ich regelmäßige Beziehungen mit dem späteren Benedikt XVI. Wir tauschten auch Publikationen aus. Auch als er schon Papst war, schickte ich ihm zuweilen Veröffentlichungen von mir. Mein Buch „Christentum und säkularer Staat“, so dachte ich, würde ihn wohl ganz besonders interessieren, es nimmt ja auch Stellung zu Problemen, die während seines Pontifikats besonders brennend waren, und es bezieht sich auch auf Benedikts Äußerungen zu diesen Fragen. So bat ich ihn denn brieflich um eine Gelegenheit, ihm das Buch persönlich überreichen zu können, und erhielt die überraschende Einladung zum gemeinsamen Abendessen. Vielleicht sah Benedikt darin auch eine Gelegenheit, sich dafür zu revanchieren, dass ich ihn vor Jahren, als er noch Präfekt der Glaubenskongregation war, einmal zum Mittagessen eingeladen hatte...

Vatican magazin: Das war ja nun keine Liebesgeschichte, die Geschichte der Beziehungen der Kirche zu den modernen, säkularen Staaten. Aber wenn ich das richtig verstanden habe, müssen engagierte Katholiken heute nicht nach der Rückkehr des „katholischen Staates“ rufen, sondern können durchaus ihren Platz und ihre Tätigkeitsfelder in den demokratischen und pluralistischen Gemeinwesen der Gegenwart finden...

Rhonheimer:
Zunächst wäre hier sicher anzumerken, dass nicht nur die Beziehung der katholischen Kirche, sondern auch diejenige des Protestantismus zum modernen säkularen Staat keine Liebesgeschichte war. Zweitens war dieser moderne Staat in der Vergangenheit zunächst gar nicht so säkular – zunächst war er sogar ausgesprochen konfessionell, später dann in einigen Ländern antireligiös. Doch auch eine antireligiöse Position des Staates ist keine wirklich säkulare. Denn Säkularität des Staates heißt, dass er selbst keine bestimmte religiöse Position bezieht, nicht aber dass er Religion bekämpft, auch nicht Äußerungen von Religion im öffentlichen Raum.

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Es war also aus vielen Gründen keine Liebesgeschichte. Die Beziehung der Kirche zum Staat wird auch nie eine Liebesgeschichte sein, das wäre ein schlechtes Zeichen. Wenn die Kirche ihren Auftrag ernst nimmt, wird sie zum Staat immer in einem kritischen Spannungsverhältnis stehen. Sie wird ihre Freiheit wahren, ihrem göttlichen Auftrag gemäß das Tun und Lassen der weltlichen Gewalten nach ihren Maßstäben zu beurteilen und das Gewissen der Gläubigen entsprechend zu orientieren.

Dennoch – und das ist ja eine der Hauptthesen meines Buches – ist der moderne Staat gerade auf dem Humus des Christentums gewachsen. Er ist das Produkt einer vom Christentum geprägten Zivilisation. Er ist nicht entstanden, und konnte auch nicht entstehen, als Ergebnis einer vom Islam geformten Kultur. Denn der Islam kann gerade aus theologischen Gründen eine klare Scheidung von Politik und Religion nicht befürworten, dem Christentum ist sie jedoch in ihr Gründungscharisma eingepflanzt worden: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser, und Gott, was Gott gehört.“

Die Idee des konfessionellen Staates – den es als katholischen, aber auch als lutherischen, calvinistischen oder zwinglianischen Staat gab – ist eine spezifisch moderne Idee. Sie war ursprünglich die politische Friedensformel, mit der die konfessionellen Bürgerkriege des siebzehnten Jahrhunderts beendet werden konnten. Mit der Lehre des Zweiten Vatikanums über die religiöse Neutralität des Staates und das Recht auf Religionsfreiheit ist die katholische Kirche zu ihren Wurzeln zurückgekehrt, zur Tradition des Evangeliums, der Apostel, der ersten Christen und der Väter.

Auch die Idee des katholischen Staates ist eine moderne Idee, weil auch die Staatsidee, die ihr zugrundeliegt, durchaus modern ist. Die Konzeption des katholischen Staates findet keine Grundlage in der Tradition der Schrift, der Apostel und der Väter. Katholiken sollten sich heute vermehrt bewusst sein, dass sie dazu berufen sind, sich in politischen Fragen ein eigenes Urteil zu bilden und in eigener Verantwortung zu handeln, nicht als verlängerter Arm der kirchlichen Amtsträger. Die Kirche ist nicht dazu da, die Gläubigen politisch zu bevormunden. Sie sollte sich zurückhalten und nur dann sprechen, wenn es wirklich um die Orientierung im katholischen Glauben oder um wesentliche Grundfragen der Moral geht, die für das ewige Heil entscheidend sind. Dass das Christentum und die Christen in die Welt hineinwirken sollten und deshalb durchaus eine politische Aufgabe haben, verleiht kirchlichen Amtsträgern keine Legitimation, sich mit der Kraft ihrer Lehrautorität in Fragen der politischen Tagesaktualität einzumischen und damit ihren Gläubigen eine Linie vorzugeben. Das führt unter den Gläubigen zu schädlicher Polarisierung und zu Misstrauen gegenüber der kirchlichen Amtsautorität. Aus Fragen, bei denen auch gute und treue Katholiken ganz verschiedener Meinung sein können, sollte sich die Kirche mit offiziellen Statements zurückhalten. Als Katholik kann man über Eurorettung, Europäische Integrationspolitik, Sinn und Unsinn von Mindestlöhnen, Migrationspolitik oder Steuererhöhung ganz verschiedene Ansichten vertreten. Ich behaupte nicht, dass sie alle gleich richtig und vernünftig sind. Aber das muss nicht die Kirche entscheiden, es ist Aufgabe von eigenem Urteil und Sachverstand und soll von Katholiken in Freiheit ausdiskutiert werden können. Niemand darf dabei für sich beanspruchen, katholischer oder christlicher zu sein als die anderen. Sonst landen wir in einer neuen Form von Klerikalismus, von klerikaler Bevormundung der Gläubigen und der bürgerlichen Gesellschaft durch kirchliche Instanzen – wohlverstanden auch durch solche, die von „katholischen Laien“ besetzt sind und sich anmaßen, offiziell und für alle Katholiken zu sprechen. Man würde dadurch den „katholischen Staat“ gleichsam durch die Hintertür wieder einzuführen versuchen.

Vatican magazin: Ihr Buch thematisiert auch sehr stark eine Frage, die bei der Debatte um die rechte Interpretation des Zweiten Vatikanums – jetzt, gut fünfzig Jahre nach Konzilsbeginn – immer wieder gestellt wird: Haben die Konzilsväter mit der Vergangenheit gebrochen und eine neue, nicht in Kontinuität mit der „alten“ Lehre stehende Doktrin entwickelt? Siehe Religionsfreiheit. Musste sich die Kirche im modernen, säkularen Staat und gegenüber den modernen, säkularen Staaten neu definieren?

Rhonheimer:
Benedikt XVI. hat ja in seiner denkwürdigen Weihnachtsansprache an die römische Kurie im Dezember 2005 auf diese Frage eine klare Antwort gegeben: Die Lehre des Zweiten Vatikanums über die Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass sich die Kirche in ihrem Selbstverständnis geändert hat. Sie versteht sich immer noch als die gleiche eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, gegründet auf das Fundament der Apostel und mit einem göttlichen Auftrag. Was sich geändert hat, ist das Verständnis des Verhältnisses der Kirche zur Welt. Hier gibt es eine Diskontinuität bezüglich der Vergangenheit, betonte Benedikt. Das ist, was die Traditionalisten nicht anerkennen wollen. Benedikt sprach in diesem Zusammenhang von einer „Hermeneutik der Reform“, mit der das Konzil verstanden werden müsse. Reform sei das Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität, auf verschiedenen Ebenen, so hatte er betont: Kontinuität in den geoffenbarten und von der Kirche immer gelehrten Prinzipen des Glaubens und der Moral; Diskontinuität auf der Ebene der konkreten historischen Anwendung und lehrmäßigen Ausgestaltung dieser Prinzipien.

In meinem Buch „Christentum und säkularer Staat“ versuche ich ja zu zeigen, wie sich diese Prinzipien im Laufe der Geschichte in immer wieder neuen Gestaltungen konkret ausformten und diese dann von der Theologie auch entsprechend reflektiert wurden. Die Kirche ist im Laufe der Geschichte im Wesentlichen ihrem Auftrag treu geblieben, aber ihre Beziehung zu den weltlichen Gewalten formte sich auf Grund verschiedenster historischer Konstellationen in einer Weise, die sich vom Gründungscharisma des Christentums – Scheidung von Politik und Religion – oft in wesentlichen Punkten wegbewegte, was auch nicht ohne Einfluss auf die Theologie bleiben konnte. Der Druck zu solchen manchmal fragwürdigen und aus heutiger Sicht nicht mehr akzeptablen Vermischungen von geistlicher und weltlicher Gewalt ging aber zumeist gar nicht von der Kirche aus, sondern von den weltlichen Gewalten: Die oströmischen, arianischen Kaiser, dann seit Karl dem Großen das deutsche Kaisertum, bis hin zu Heinrich IV. und dann schließlich Friedrich II. Die Kirche verteidigte ihre Freiheit und Unabhängigkeit und suchte danach, vor allem durch die Pflege des kanonischen Rechtes, die weltliche Gewalt einer moralischen Kontrolle zu unterwerfen. Sie negierte die moralische Autonomie des Politischen und versuchte politische Macht den Grundsätzen von Recht und Moral zu unterwerfen. Das führte im Hochmittelalter zu einer verhängnisvollen Politisierung des Papsttums, legte aber auch, wie die historische Forschung nachgewiesen hat, die Grundlagen für die moderne Rechtskultur, das moderne Staatsrecht und die Idee der Menschenrechte – alles Grundpfeiler des säkularen Rechtsstaates und damit der modernen, westlichen Demokratie.

Mit der Erklärung über die Religionsfreiheit hat nun die Kirche ihren Willen bekundet, alten Ballast abzuwerfen und zur Tradition des Evangeliums, der Apostel und der Väter zurückzukehren. Auch das tat sie aber auf dem Konzil aufgrund derselben Prinzipien, denen sie im Laufe der Geschichte immer treu geblieben war: Scheidung von geistlicher und weltlicher Gewalt und die libertas Ecclesiae, die Freiheit der Kirche von allen weltlichen Mächten – und damit die „Entweltlichung der Kirche“, wie Benedikt dann formulierte. Vergessen wir nicht: Wie schon der französische Altertumswissenschaftler Fustel de Coulange im neunzehnten Jahrhundert festgestellt hat, war das Christentum die erste Religion, die das Recht nicht von der Religion abhängig machen wollte und damit eine klare Scheidung von Politik und Religion verlangte. Das Christentum hat nie die Grundsätze und die konkreten Ausgestaltungen der politischen und rechtlichen Ordnung aus ihren Heiligen Schriften abgeleitet und oder beansprucht, dafür sei die kirchliche Hierarchie zuständig. Im Gegenteil: Das Christentum übernahm die römische Rechtsordnung, so wie sie war und entwickelte sie dann weiter.

Vatican magazin: Es gibt in Ihrem Buch ein besonders aktuelles und damit sehr spannendes Kapitel. Es trägt die Überschrift: „Versöhnung des Christentums mit der politischen Moderne – und der Islam?“. Ich muss das jetzt gar nicht weiter ausformulieren. Die Ereignisse des „arabischen Frühlings“, Ägypten, der Bruderkrieg in Syrien, alles das ist uns präsent. Wird sich der Islam mit der politischen Moderne und damit mit dem Westen versöhnen können?

Rhonheimer:
Meine These: Der Islam muss sich in seiner religiösen Substanz verändern, um sich in die Moderne zu integrieren. Ich mache keine Prognosen über die zukünftige Entwicklung. Es ist ein theologisches Problem, und in der Folge ein kulturelles und politisches. Ich freue mich darüber, wenn sich unsere muslimischen Mitbürger in unsere westliche, demokratisch-rechtsstaatliche und freiheitliche Welt integrieren. Aber das können sie nur, wenn sie – um es ganz plakativ zu sagen – keine wirklichen Muslime im bisherigen Vollsinne mehr bleiben.

Lassen Sie mich das kurz begründen. Um sich mit der Moderne, das heißt mit ihrem Programm einer klaren Scheidung von Politik und Religion, weltlich-politischer Macht und religiöser Autorität, zu versöhnen, brauchte die Kirche nur historischen Ballast abzuwerfen und auf ihr eigenes Gründungscharisma zurückzugehen, für das ja gerade die Scheidung von Politik und Religion charakteristisch ist. Die im Verlauf der Geschichte immer wieder neuen Vermischungen von geistlicher und weltlicher Gewalt widersprachen gerade diesem Gründungscharisma – „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser, und Gott, was Gott gehört“ –, und weil es so war, setzte das Christentum auch immer wieder neue Kräfte frei, die dieser Vermischung entgegenwirkten. Eine dieser Kräfte war gerade die moderne säkulare Staatsidee, die sich zwar anfänglich gegen die Kirche kehrte – obwohl ihre auch viele gläubige Katholiken anhingen –, dennoch aber auf dem Boden des Christentums gewachsen und eben dessen Frucht war. Mit dem Zweiten Vatikanum hat das nun auch die Kirche anerkannt. Die Gründe, weshalb sie das nicht früher konnte, sind komplex, aber nachvollziehbar.

Beim Islam verläuft es gerade umgekehrt: Je mehr der Islam auf sein Gründungscharisma zurückgeht und nach seinem ursprünglichen, gerade auch religiösen Selbstverständnis sucht, tritt die Verquickung von Religion und Politik wieder in den Vordergrund. Will der Islam einen ähnlichen Prozess wie die Kirche durchmachen, kann er nicht einfach historischen Ballast abwerfen, sondern er muss sich dann gerade in seiner religiösen Substanz ändern. Denn gerade gemäß seinem religiösen und theologischen Selbstverständnis erhebt er ja, wie es Adel Theodor Koury formuliert hat, gewissermaßen einen „Totalitätsanspruch“: Er will nicht nur religiöse, sondern auch politische, rechtliche und soziale Ordnung sein, er ist ein politisch-religiöses Sozial-, Rechts- und Herrschaftssystem, dem die ganze Welt unterworfen werden soll. Der Islam will also Religion und Staat in einem sein. Damit ist er die klare Alternative zu den Prinzipien, die das westliche Europa geformt haben.

Es ist wichtig, diesen Punkt immer im Auge zu behalten, denn dem Islam geht es nicht in erste Linie um die religiöse Bekehrung des Einzelnen oder sein ewiges Heil – darum geht es auch im Islam dem Einzelnen, aber nicht dem Islam als in der Geschichte wirkende institutionelle Kraft. Dieser bezweckt ganz wesentlich die Errichtung einer islamischen Gesellschafts- und Staatsordnung, will also nicht in erster Linie Mission im christlichen Sinne betreiben. Im Koran steht ja deutlich, in religiösen Dingen könne es keinen Zwang geben. Juden und Christen können also in einer muslimischen Gesellschaft als Bürger zweiter Klasse weiter ihren Glauben leben – allerdings kann man heute gerade in Ländern wie Pakistan aber auch Ägypten sehen, was das dann konkret bedeutet: Es bedeutet oft Erniedrigung, Diskriminierung, Verfolgung und sowie völlige rechtliche Unsicherheit und Willkür.

Vatican magazin: Im Berliner Bezirk Kreuzberg eskalierte im zurückliegenden Sommer gerade auf Druck der von Grünen, SPD, Linkspartei und Piratenpartei getragenen Kommunalverwaltung der Kampf gegen jede öffentliche Präsenz von Religion: Keine religiösen Feste mehr auf öffentlichen Plätzen, die Bezirksmedaille für ehrenamtliches Engagement soll nicht mehr verliehen werden, wenn es sich um Engagement im Rahmen kirchlicher Sozialarbeit handelt. Das ist fast schon Gewalt, eine Gewalt der „Obrigkeit“, die man auch in Frankreich gegen Leute erlebt hat, die – nicht nur aus religiösen Gründen – für die normale Ehe zwischen Mann und Frau demonstriert haben, zum Beispiel mit einem simplen T-Shirt. Kann man sich die ganzen schönen Gedanken über die Versöhnung von Religion und Moderne nicht sparen und muss man nicht wieder zu den Waffen des Kulturkampfes greifen?

Rhonheimer:
Kulturkampf war schon immer eine staatliche Veranstaltung. Heute wird er, falls man die Phänomene, die Sie in Ihrer Frage angesprochen haben, wirklich Kulturkampf nennen will, demokratisch veranstaltet. Wenn sich die Bürger das gefallen lassen, dann sind sie selber schuld. Wenn sie es gutheißen, dann wird es schwierig sein, etwas dagegen zu tun. Man muss dann wohl in langsamer Überzeugungsarbeit versuchen, die Haltung der Bürger zu verändern. Der Berliner Bezirk Kreuzberg ist nun einmal nicht Oberbayern! Dort dürfte eine solche Koalition von Grünen, SPD, Linkspartei und Piratenpartei chancenlos bleiben. In der Schweiz, meiner Heimat, wählen wir Politiker ab, die uns nicht passen, oder wir nutzen die Instrumente der direkten Demokratie. Zumindest das Abwählen sollte auch in Deutschland eine Option sein. Allerdings ist es nutzlos, sich über den Kampf gegen die öffentliche Präsenz der Religion aufzuregen, wenn diese Präsenz keinen gesellschaftlichen Rückhalt mehr hat und sich nur noch alteingesessenen Gewohnheiten und institutionellen Relikten einer vergangenen Zeit verdankt. Öffentliche Präsenz der Religion kann nicht von oben verordnet werden, vor allem nicht, wenn „die da oben“ gar nicht mehr religiös sind. Auch öffentliche Präsenz der Religion muss letztlich aus dem Innern der Gesellschaft herauswachsen und kann nur dort ihre Stütze finden. Das Klagen über die „Obrigkeit“ bringt nichts.

Vatican magazin: Viele moralische Positionen, die die Kirche vertritt, sind nicht katholische Sonderlehre, sondern naturrechtliche Prinzipien. Warum ist das Naturrecht so diskreditiert, warum kann man in der säkularen Gesellschaft auf der Basis des Naturrechts nicht Positionen entwickeln, die Gläubige und Ungläubige gemeinsam vertreten können? In gewisser Weise geschieht das ja. Aber niemand spricht vom Naturrecht. Warum?

Rhonheimer:
Naturrecht ist eine katholische Tradition, die auf die griechische Philosophie und das römische Recht zurückgeht und dann im frühen Hochmittelalter zuerst im Kirchenrecht und dann in der Philosophie und Theologie erneuert und vertieft wurde und auf diese Weise dann auch die Aufklärung ermöglichte. Die protestantische theologische Tradition hingegen konnte mit dem Naturrecht in der Regel nichts anfangen. Die reformatorische Lehre von der Verderbnis der menschlichen Natur und damit auch der Verderbtheit der Vernunft vermochte ein Recht, das gerade auf dem Vertrauen in die menschliche Vernunft gründet, nicht als Grundlage der sozialen Ordnung anzuerkennen.

Natürlich weiß die Kirche, dass die Vernunft auch des Glaubens und der Gnade bedarf, um ihre ganze Kraft zu entfalten. Aber sie glaubt eben trotzdem an die Kraft der Vernunft und des vernünftigen Arguments, und gerade darauf stellt sie ja in ihren lehramtlichen Äußerungen auch ab. Man sollte als Christ naturrechtliche Argumentation in die politische Debatte einbringen, sich aber auch bewusst sein, dass in einer religiös und moralisch pluralistischen Gesellschaft, wie der heutigen, nicht alle eine solche Argumentation mittragen oder einsichtig finden werden. Je mehr die Kirche naturrechtliche Position als solche auszeichnet und vertritt, desto mehr wird das Naturrecht natürlich dann auch als katholische Sonderlehre empfunden.

Vor allem aber ist zu bedenken, dass nicht alles, was das Naturrecht gebietet, auch politisch umgesetzt werden kann oder soll. Das bürgerliche Gesetz darf zwar dem Naturecht nicht widersprechen, hat aber nicht die Aufgabe, es in seiner Gesamtheit zu sanktionieren. Es gibt naturrechtliche Normen, die nicht geeignet sind, auch in der Rechts- und Zwangsordnung des Staates umgesetzt zu werden. Genau hier liegt das Problem der notwendigen Unterscheidung. Anders gesagt: Nicht alles, was Sünde ist, ist auch vom Staat zu verbieten, und nicht alles, was der Tugend entspricht, ist von ihm zu gebieten! Die Kriterien, gemäß denen etwas zur bürgerlichen Rechtsordnung gehört und damit auch mit den Mitteln staatlichen Zwanges durchgesetzt wird, sind politische Kriterien, nicht einfach solche naturrechtlicher und moralischer Art – politische Kriterien, die sich zwar letztlich moralisch legitimieren müssen, nämlich dadurch, dass sie dem Naturrecht nicht widersprechen, nicht aber dadurch, dass sie es seinem ganzen Umfang nach verwirklichen. Das Naturrecht bietet Grundlagen und Leitplanken, konkrete politische Gestaltung geht aber darüber hinaus und ihre konkreten Erfordernisse werden auch durch die pluralistische Natur einer Gesellschaft mitbestimmt.

Vatican magazin: In Ihrem abschließenden Kapitel schreiben sie, dass die Spannung zwischen Kirche und Staat dem Christentum in die Wiege gelegt wurde und auch für das zukünftige Verhältnis zwischen christlichem Glauben und den weltlichen Gewalten konstitutiv sein wird. In welchem Sinne? Wie sieht die Hoffnung aus, die Sie in Ihrem Buch auf die „politisch-religiöse Logik“ des Christentums setzen?

Rhonheimer:
Meine Hoffnung gründet darin, dass ich überzeugt bin, dass das Christentum eine von Gott offenbarte Wahrheit verkündet und zu leben anbietet, die im Laufe der Geschichte ihre Fruchtbarkeit gezeigt hat und immer wieder neu fruchtbar sein wird. Diese Wahrheit ist dazu berufen, Grundlage für eine Welt zu sein, die von der Finsternis, von Stolz, Hass, Aberglaube und rechtloser Gewalt, aber auch von materiellem Elend und Unterdrückung immer mehr befreit wird, auch wenn das Heil nicht in dieser Art von Befreiung besteht. Das wirkliche Heil des Menschen kann immer nur von Gott kommen.

Vatican magazin: Könnten Sie fünf oder zehn Politiker beziehungsweise Politikerinnen im deutschsprachigen Raum nennen, die davon noch eine Ahnung haben? Ist die Politik in unseren Breitengraden nicht unglaublich oberflächlich, populistisch und primitiv geworden?

Rhonheimer:
Ich könnte keine fünf nennen, und ganz sicher nicht zehn. Die wenigen deutschen Politiker, die mir bekannt sind und mir Hoffnung machten, weil sie die Wahrheit sagten, sitzen jetzt nicht mehr im Bundestag. Wenn die deutsche Politik, wie Sie sagen, populistisch und primitiv geworden ist, dann wohl deshalb, weil man den Deutschen vormacht, dass sie keine Probleme haben, weil niemand ihnen die Wahrheit zu sagen getraut, aus Angst, nicht wiedergewählt zu werden. Frau Merkel verwaltet treffend die deutsche Wohlfühldemokratie, sie macht das sehr gut und wird deshalb von einer großen Mehrheit geliebt. Es geht den Deutschen ja tatsächlich gut, sie arbeiten auch viel dafür. Aber wir alle sitzen mit den Europroblemen und der Schuldenkrise auf einem ökonomischen und sozialen Pulverfass. Davon erwarte ich nichts Gutes. Deutschland vollführt einen Hochseilakt, und die wenigsten merken es. Die, die es merken und sagen, werden als Unheilspropheten beiseitegeschoben und machen sich unpopulär. Doch die Deutschen könnten – nach den Franzosen – diejenigen sein, die einmal am tiefsten fallen werden, da die anderen ja schon bereits so tief gefallen sind.

Vatican magazin: Also doch keine Hoffnung?

Rhonheimer:
Doch, denn ich setze meine Hoffnung nicht auf Politiker, auch nicht auf diejenigen im deutschsprachigen Raum. Ich glaube an die Selbsterneuerungskräfte der Gesellschaft und an die menschliche Kreativität und hoffe, dass die Menschen einmal merken werden, dass das Heil nicht von der Politik und den staatlichen Bürokratien und ihrer Regulierungs- und Umverteilungswut kommt, die durch immer neue Versprechen der nur auf ihre Wiederwahl bedachten Politiker genährt werden. Die meisten Probleme, die wir heute in Europa aber auch in den Vereinigten Staaten haben, wurden ja von Politikern verursacht und von jenen, die an den Schalthebeln des vom Staat kontrollierten Geld- und Finanzsystems sitzen, das die immer neuen Versprechen der Politiker zu finanzieren hat – und nicht von angeblich bösen Kapitalisten, gewinnsüchtigen Unternehmern oder eigennützigen Spekulanten! Es ist nicht gut, den Bock zum Gärtner zu machen, doch genau das ist, was heute getan wird: Man will jetzt die Krise mit genau den Mitteln bewältigen, durch die sie verursacht wurde. Weniger Politik, ich meine: weniger Staat und falsche Anreize setzende staatliche Eingriffe, dafür aber mehr Freiheit und Vertrauen in die spontanen und schöpferischen Kräfte des menschlichen Individuums und der bürgerlichen Gesellschaft im Verbund mit klaren rechtlichen Regeln, die man dann aber auch einhält. Das wäre mehr, und meiner Ansicht nach wäre das Ergebnis auch eine christlichere Welt.

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Foto: (c) www.josemariaescriva.info

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