07 Oktober 2013, 10:30
'Dann musst du unruhig werden, dann musst du missionarisch werden'
 
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Kardinal Meisner predigte bei bundesweiten Eröffnung der Missio-Aktion 2013 über die Berufung jedes Christen zur Mission

Köln (kath.net/pek) „Ein Christ, der keine missionarische Bewegung in sich verspürt, die ihn auf die Beine bringt, das ist kein Christ“. Darauf wies der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner bei der Eucharistiefeier anlässlich des bundesweiten Auftaktes zum «Monat der Weltmission» des Internationalen katholischen Missionswerks missio hin.

kath.net dokumentiert die Predigt von Erzbischof Joachim Kardinal Meisner, zum Eucharistiefeier bei der bundesweiten Eröffnung der Missio-Aktion 2013 im Hohen Dom zu Köln am 6. Oktober 2013

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. Jeder Mensch trägt eine göttliche Spur, eine Sehnsucht nach Reinheit, nach Gutsein und Heiligkeit in sich, denn er ist nach Gottes Ebenbild und Gleichnis erschaffen. In vielen Menschen ist dieser Traum noch Vergöttlichung freilich im tiefen Brunnen der unsterblichen Seele verschüttet. Viele Menschen kennen sich darum selbst nicht mehr. Sie sind wirklich entfremdet, d.h. sie sind sich selbst fremd geworden und darum fremd gegenüber Gott, nach dessen Gleichnis sie ins Dasein treten durften. Der Sohn Gottes, der sie heimholen will, ist darum wie ein Fremder gekommen und so behandelt worden. „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11), heißt es im 1. Kapitel des Johannesevangeliums. Er zeigte so, dass der Mensch einem Fremden gleicht, mag er sich in seiner Welt auch in vielen Dimensionen zuhause fühlen.

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2. Ungläubige Philosophen haben gemeint, dass Gott, der Einsame, sich selbst auch entfremdet sein müsste. Er bräuchte nämlich ein Gegenüber, ein „Du“, um zu sich selbst zu kommen, um sich selbst nicht mehr fremd sein zu müssen. Nur hat man hier die Rechnung gleichsam ohne den Wirt gemacht! Gott ist gar nicht einsam, allein, einfältig, sondern Gott ist dreifaltig. Gott ist Gemeinschaft, weil er Liebe ist. Und das Urwort der Liebe heißt immer „Du“. Von Ewigkeit her sagt Gott „Du“. Seit Ewigkeit her geht von Gott eine Mission, eine Bewegung, eine Sendung aus, und das ist der Sohn. Er ist das ewige „Du“ des Vaters, und - wenn wir so wollen – ist er der erste Geschickte, der erste Gesendete, er ist der erste Missionar. Weil der Sohn ganz Sohn des Vaters ist, sendet er sich an den Vater zurück, indem er zu ihm „Du“ sagt. Und diese beiden „Du’s“, das „Du“ des Vaters und das „Du“ des Sohnes, werden im Heiligen Geist zur dritten göttlichen Person. Der Heilige Geist ist die göttliche substanzgewordene Missio zwischen Vater und Sohn und zwischen Sohn und Vater. Vom Vater wird der Sohn in die Welt gesandt. Und alle Sendungen oder Missiones gehen nun vom Sohn durch den Heiligen Geist aus.

3. Maria empfängt Christus vom Heiligen Geist, und sie trägt ihn in die Welt. So von Maria bis zu Mutter Teresa. Gott drängt, weil er die Liebe ist, sich auszuteilen, sich mitzuteilen, sich anderen zuzuteilen. Ein Glaube, der sich anderen nicht mitteilen will, ist kein christlicher Glaube. Ein Christ, der keine missionarische Bewegung in sich verspürt, das ist kein Christ. Der Mensch soll in die innergöttlichen Missiones, in die innergöttliche Sendung zwischen Vater und Sohn und dem Heiligen Geist einbezogen werden. Darum ist ja der Sohn Mensch geworden und hat andere Menschen angesteckt. Sich so wie er zu den Menschen senden zu lassen, um sie am Leben des Vaters mit dem Sohn im Heiligen Geist zu beteiligen, um ihre Entfremdung sich selbst gegenüber und damit Gott und den anderen Menschen gegenüber aufzuheben, ist unsere Berufung als Christen.

4. Eine geschwisterliche Welt zu schaffen, ist zuerst nicht eine ökonomische oder soziologische Aufgabe, sondern eine theologische. Erst wenn man weiß, dass es einen gemeinsamen Vater aller gibt, ist auch die Geschwisterlichkeit unter den Menschen keine bloße Idee mehr. Warum ist das Programm: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ der Französischen Revolution ein Traum geblieben? – Weil man mit der Proklamation dieses Programms Gott, den Vater, abgeschafft hat. Darum war die Freiheit, die Gleichheit und die Brüderlichkeit von vornherein zum Scheitern verurteilt. Deshalb konnte auch das kommunistische Kampflied: „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit! Brüder, zum Lichte empor!“ nicht ernst genommen werden, weil der gemeinsame Vater geleugnet wird. Der Christ ist gesandt, den sich selbst, Gott und den Menschen entfremdeten Mitmenschen zu beheimaten, indem er die Botschaft von Gott, dem Dreifaltigen, verkündet. Das ist nicht nur in der so genannten Dritten Welt notwendig. Dort auch! Aber das braucht auch unser altes Europa notwendig! Wie Christus werden wir darum mit dieser Botschaft oft unseren Mitmenschen gegenüber wie Fremde werden. Das heißt heute weitgehend: Missionar sein. Es bedeutet auch immer noch, in die Fremde, in fremde Länder zu gehen, um das Evangelium zu verkünden. Es heißt auch, fremde Interessen zu eigenen Interessen werden zu lassen, am eigenen Glaubensgut anderen teilzugeben und am Unglauben der anderen geistlich teilzunehmen.

In unserer Welt gibt es, namentlich im Nahen Osten, Wirbelstürme von Aggressionen mit Tod und Vertreibung vieler Menschen, ganz besonders sehr vieler Christen. Der Nahe Osten, in dem die Christen die ältesten Landesbewohner sind, droht zu einer christenlosen Region zu werden. Hier haben wir heute unsere erste und wichtigste Mission: Dass wir mit unseren Möglichkeiten dort nicht fehlen, wo wir nötig sind: in Ägypten, in Syrien, im Irak, im Libanon und in den anderen Krisenregionen. Dazu werden wir bevollmächtigt.

Der Apostel Paulus sagt im Hinblick auf einen Christen, der mit einem Ungläubigen verheiratet ist: „Denn der ungläubige Mann ist durch die (gläubige) Frau geheiligt, und die ungläubige Frau ist durch ihren gläubigen Mann geheiligt“ (1 Kor 7,14). „Für sie (die Menschen) heilige ich mich“ (Joh 17,19), betet Christus zum Vater im Hohepriesterlichen Gebet. „Christ sein“ ist nur ein anderer Name für „Missionar sein“. Die vielen Verworfenen sind durch die wenigen Berufenen immer von Gott schon miterwählt, so Ismael durch Isaak; Esau durch Jakob; mit dem ägyptischen Josef werden seine elf Brüder schon miterwählt; die Bewohner Sodoms und Gomoras durch die zehn Gerechten. Die ganze Heilige Schrift bezeugt diese missionarische Gegebenheit. Der Christ hat also immer ungläubige Verwandte. So wird Israel nicht durch Israel gerettet, sondern durch seine Heilssorge für alle Völker. So wird der Christ nicht gerettet durch den Christen, sondern durch seine missionarischen Einsätze. Er ist zugunsten der noch nicht Berufenen berufen. Die vielen Nichterwählten sind mit den wenigen Erwählten schon immer miterwählt. „Glaubst du das?“, sagt der hl. Bernhard von Clairvaux, „Dann musst du unruhig werden, dann musst du missionarisch werden“. Gerettet wird man für die anderen und damit durch die anderen. Mission ist keine Einbahnstraße von uns zu den anderen, sondern Mission ist gegenseitiges Geben und Nehmen. Wir sagen es noch einmal: Gerettet wird man für die anderen und damit auch durch die anderen. Der andere also bringt mir Rettung. Und wäre die Kirche noch so klein, ihre missionarische Aufgabe bleibt groß und weltweit. Christ wird man, weil die Welt die Christen zum Heile braucht.

5. Das Leben des einzelnen Christen, das Leben unserer Gemeinden darf nicht – um im Bild zu sprechen – einer Thermoskanne gleichen, die alle Wärme aufspeichert, damit ja nichts nach außen abgestrahlt wird. Der Christ und damit die Kirche ist nur missionarisch zu begreifen, weil Christus gekommen ist, damit die Menschen das Leben haben und es in Fülle haben (vgl. Joh 10,10): in Süd- und Nordamerika und in Asien, in Afrika und Australien und auch in Europa und aller Welt. Christen sind Freunde des Lebens, weil Christus der Bringer des Lebens ist. Darum gehört Mission und missionarischer Einsatz zu unserer christlichen Selbstverwirklichung. Die Welt braucht nichts nötiger als die Botschaft von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Wie lange werden wir Söhne und Töchter ihr die Botschaft vom gemeinsamen Vater noch schuldig bleiben?

Der Heiliger Vater Papst Franziskus wird nicht müde, uns Christen gleichsam zu einer Selbstverwirklichung als Jünger Jesu zu drängen, indem er uns auf die Straßen drängt, um das Evangelium anderen nahe zu bringen. Die Wege und die Methoden dazu sind so vielschichtig wie die Menschen selbst. Aber es wäre schon gut, wenn wir uns einmal selbst die Frage vor Gottes Angesicht stellen: „Gibt es in meinem Lebensumkreis einen Menschen, der Gott kennt und liebt, weil ich ihm begegnet bin?“. Das gehört zu den glücklichsten Erfahrungen eines Bischofs, wenn ihm zur Kenntnis gebracht wird, dass ein Wort, dass ein Einsatz, dass eine Begegnung oder etwas Ähnliches mit ihm einem anderen Menschen den lebendigen Gott aufleuchten ließ.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, vergessen wir nicht, der Mensch ist natürlicher Verbündete Gottes, weil er als sein Ebenbild erschaffen worden ist. Wir brauchen ihm, so glaube ich, eigentlich gar nicht den Gottesglauben einzureden, den trägt er tief in sich selbst. Aber wir müssen ihn aus ihm entbinden, wie ein Kind von seiner Mutter entbunden wird. Und das sei nochmals betont: Die Methoden dazu sind vielfältig! Im Grunde zieht immer die Methode Jesu Christi selbst, die er durch den Heiligen Geist ausübt. Und das ist, schlicht gesagt, die Liebe. „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5). Am Anfang der heiligen Messe steht die Einladung, dem Herrn in Wort und Sakrament zu begegnen. Am Ende jeder heiligen Messe steht die Sendung: „Gehet hin und bringet den anderen den Frieden, der Christus selbst ist!“. Dazu ist die Liebe Gottes in unsere Herzen durch den Heiligen Geist eingestiftet. Und schließlich betet die pfingstliche Kirche: „Sende aus deinen Geist, und alles wird neu geschaffen, und du wirst das Angesicht der Erde erneuern!“ (vgl. Ps 104,30). Dazu sind wir miterwählt und berufen: Gebe uns Gott die Gnade, dass er uns nicht vergeblich auf den Weg geschickt hat! Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln







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