17 September 2013, 08:30
Bedeutung Hildegard von Bingens als Kirchenlehrerin für unsere Zeit
 
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Jenseits von Kräutern und Wellness: Warum wir von der heiligen Hildegard (1098-1179) auch im 21. Jahrhundert noch lernen können. Von Stefan Ahrens

Regensburg (kath.net/pbr) Im vergangen Jahr vollzog Papst Benedikt XVI. einen von vielen Menschen als längst überfällig empfundenen Schritt: Am 7. Oktober 2012 ernannte er nach Katharina von Siena und Teresa von Ávila (beide 1970 ) sowie Thérèse von Lisieux (1997) die auch außerhalb der katholischen Kirche hochverehrte Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin und dehnte ihre Verehrung auf die Weltkirche aus. So wird in diesem Jahr an ihrem Gedenktag am 17. September erstmals nicht nur der Heiligen, Visionärin, Universalgelehrten, Komponistin und Naturwissenschaftlerin sondern auch offiziell der Kirchen- und Glaubenslehrerin Hildegard gedacht werden können.

Was jedoch hat uns im 21. Jahrhundert eine Frau zu sagen, die vor einem knappen Jahrtausend in einer komplett anderen Welt als Benediktinerin gelebt hat und heute oftmals verkürzt als „Kräuterexpertin“ wahrgenommen wird? Wie kann man ihr Werk, welches aus Visionswerken, Briefen, Liedern, Predigten, Sprachschriften und naturheilkundlichen Schriften besteht, am besten kategorisieren und für unsere Zeit fruchtbar machen? Antworten kann man in ihrem engen Verhältnis zu Gott, der von ihr gesehenen Einheit von Gott, Mensch und Welt sowie ihrem aus dem Evangelium heraus abgeleiteten Engagement für die Welt finden.

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Eine Frau mit Vision

Bereits als Kind soll Hildegard göttliche Visionen und Auditionen gehabt haben. Als erwachsene Benediktineräbtissin wird sie sogar durch eine Audiovision den Auftrag erhalten ihre Theologie (die in allen wesentlichen Punkten der Kirchenlehre entspricht) niederzuschreiben. Deshalb kann man sie zweifellos als Mystikerin bezeichnen, selbst wenn ihre Mystik nicht mit der von zeitgenössischen Mystikern wie dem mit ihr befreundeten Bernhard von Clairvaux oder Hugo von Sankt Viktor zu vergleichen ist.

Hildegards Bekanntheit als Visionärin (1147 anerkannt durch Papst Eugen III.) verschaffte ihr auch in einer männerdominierten Welt Autorität. Als Frau des 12. Jahrhunderts wäre es kaum denkbar gewesen zu schreiben und zu predigen, ohne sich auf göttliche Offenbarungen berufen zu können. So entfaltete sich ihr literarisches Schaffen, welches ihren Höhepunkt in den Hauptwerken „Scivias - Wisse die Wege" (1141-1151), dem Buch der Lebensverdienste („Liber Vitae Meritorum", 1158-1161) und dem Buch der göttlichen Werke („Liber divinorum operum", 1163-1170) erreicht.
Für uns heutige Menschen kann Hildegard als Inspiration dienen, verstärkt auf Gott zu hören und nach ihm Ausschau zu halten: Im Gebet, in den Sakramenten, im Nächsten, in der gesamten Schöpfung. Außerdem kann sie uns Mut machen, unseren Glauben zu bekennen selbst wenn es scheinbar nicht besonders opportun ist. Von ihrem Mut und ihrer Kraft, sich als Frau in einer Frauen nicht eben wohlgesonnenen Welt durchzusetzen kann man viel lernen und dieses in unsere heutigen Lebensverhältnisse übersetzen.

Harmonischer Einklang von Gott, Mensch und Welt

Hildegard entwickelte eine ganzheitliche Glaubenslehre, in der das Welt- und Menschenbild untrennbar mit dem Gottesbild verwoben ist. Sie beschreibt die Schöpfungsordnung als etwas, in dem Leib und Seele, Welt und Kirche, Natur und Gnade in die Verantwortung des Menschen gestellt sind.

Ihre Theologie beinhaltet eine Kosmologie, die u.a. in ihrem Werk „Welt und Mensch“ (De operatione dei) entfaltet wird: Hildegard zeichnet sich hierbei als Denkerin aus, welche die irdischen Gegebenheiten als Abbild des Himmlischen liest und dem Menschen darin einen besonderen Platz zuweist. Ähnlich wie bei Dionysos Areopagita (5./6. Jahrhundert) spiegelt die irdische Hierarchie die himmlische Hierarchie der Geistwesen wider. Neben Schilderungen des Kosmos in seinen Bestandteilen und Funktionen stehen beispielsweise Ausführungen zu den Unterschieden zwischen den Geschlechtern, Hinweise zur gesunden Lebensführung, Beschreibungen von Beschwerden und Rezepten mit den Begründungen für die einzelnen Zutaten. Diese Sichtweise wurde bereits zu ihren Lebzeiten durch die sich entwickelnden Naturwissenschaften, die philosophische Strömung des Nominalismus oder durch Häretiker wie die Katharer (gegen die Hildegard auch predigte) zunehmend infrage gestellt.

Im gegenwärtigen Zeitalter der ökonomischen und ökologischen Krise jedoch können wir Hildegards Ausspruch „Wenn der Mensch sündigt, leidet der Kosmos“ vermutlich wieder besser verstehen: Gott, Mensch und Welt stehen in engster Verbindung zueinander und gerade das Schicksal der Natur und das Unrecht, welches vielfach gerade den Armen und Schwachen widerfährt, ist eine Gefahr für das zwischenmenschliche Gleichgewicht sowie für die Beziehung zu Gott selbst. Dies wurde während der Finanz- und Bankenkrise, den vielen politischen Krisenherden und Konflikten sowie den großen Umweltzerstörungen in den letzten Jahren bedauerlicherweise nur allzu offensichtlich. Von Hildegard kann man lernen, eine ganzheitliche Sicht auf die Wirklichkeit zu entwickeln und achtsam gegenüber Gott, den Mitmenschen und der Schöpfung zu werden.

„Entweltlichtes“ Engagement für die Welt

Mit vielen wichtigen kirchlichen und weltlichen Verantwortungsträgern bis in die höchsten Ebenen stand Hildegard in Kontakt oder führte mit ihnen Korrespondenz. Auch mit dem Papst wechselt sie Briefe. Sie unternahm Predigtreisen, die sie nach Mainz, Würzburg und Bamberg, später nach Trier, Metz und Lothringen und schließlich nach Andernach, Köln und Siegburg führten. In Trier ließ sie es sich auch nicht nehmen, das Streben des dortigen Klerus nach Reichtum, Ruhm und politischem Einfluss sowie die Vernachlässigung klerikaler Pflichten zu kritisieren. Ebenso wandte sie sich selbstbewusst gegen den Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa.

Diese scheinbare Zugewandtheit Hildegards zur Welt und irdisch-menschlichen Dingen wie dem Politischen ist jedoch nur eine Seite ihrer Weltsicht. Gleichzeitig erkennbar sind starke Tendenzen hin zur Weltabkehr und Kontemplation (auch entsprechend dem „ora et labora“-Gedanken ihres Benediktinerordens) sowie das Plädoyer für eine maßvolle Askese.

Man kann ohne Umschweife aus heutiger Sicht Hildegard als eine frühe Verfechterin dessen betrachten, was die Päpste Benedikt XVI. und Franziskus als „Entweltlichung“ der Kirche bezeichnen: Vehement tritt sie gegen eine zu enge Verstrickung von Kirche und Staat, dem Streben nach Macht von so manchem Kleriker sowie der versuchten Einflussnahme der Politik auf die Kirche entgegen. Sie personifiziert eine geglückte Symbiose von Kontemplation und Aktion und handelt nicht aus Ruhmessucht oder mit dem Kalkül des Machtgewinns, sondern aus dem Geist des Evangeliums heraus. Auch wir sollten für unsere Entscheidungen und Handlungen uns am Maß Jesu orientieren und genauso wie Hildegard von Bingen es getan hat unerschrocken dafür eintreten, dass in Kirche und Welt der Wille Gottes stark zum Vorschein kommt.

Hildegard von Bingen - Spurensuche im Bistum Limburg




Geerdete Spiritualität bei Hildegard von Bingen









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