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8. Juni 2013 in Kommentar, 15 Lesermeinungen
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Wie ein Nörgel-Katholizismus auf Facebook die Neuevangelisierung im Internet behindert. Ein Kommentar von Stefan Ahrens.


Berlin (kath.net) „Unmögliches gibt es für mich nicht, wird es auch nie geben, denn ich vertraue auf Gott, der alles vermag.“ (Hl. Franz von Sales)

Seit einigen Jahren ist in den Sozialen Netzwerken (und hierbei vor allem bei Facebook) eine mittlerweile äußerst stattliche und bunte Anzahl an internationalen christlichen beziehungsweise katholischen Gruppen entstanden, in denen mit sichtbarer Hingabe sich über den Glauben ausgetauscht und zum Teil äußerst spannend und mitunter auch auf clevere, fantasievolle und humorvolle Art über das Christentum auseinandergesetzt wird. Ich selbst bin Mitglied in einigen dieser Gruppen und habe dort Kontakte zu vielen engagierten Katholiken und Gleichgesinnten auf der ganzen Welt aufbauen dürfen.

Der „digitale Kontinent“, wie der emeritierte Papst Benedikt XVI. das Internet sowie die Sozialen Netzwerke in mehreren Schreiben und Ansprachen genannt hat, wird nicht nur immer mehr von Katholiken betreten, sondern von diesen auch sichtbar bevölkert und ist für die auf Neuevangelisierung ausgerichtete Weltkirche unter Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus zu einem wichtigen Ort der Glaubensvermittlung und –werbung geworden.

Jedoch: Seit geraumer Zeit empfinde ich – gerade bei manchen „konservativen“ Katholiken aus dem deutschsprachigen Raum, zu denen ich mich eigentlich zähle - einen ausgesprochenen Hang zur Nörgelei, Miesmacherei, zur Nabelschau und gegenseitigen gruppentherapeutisch anmutenden Selbstbestätigung, wie man ihn sonst nur bei so genannten papst- und romkritischen „Stuhlkreis“- und „Gremien“-Katholiken vorfindet.

Im Austausch mit anderen Gläubigen bei Facebook konnte ich feststellen, dass diese ebenso empfinden: Oftmals wird gerade in deutschsprachigen katholischen Gruppen bei Facebook eher auf dem Negativen und Allzumenschlichen innerhalb und außerhalb der Kirche herumgeritten, anstatt einfach die Wahrheit und Schönheit des Glaubens auf sich wirken zu lassen und es dem Herrn zu überlassen, SEINE Kirche durch die Zeit zu führen und den Geist dort wehen zu lassen, wo ER es will - und nicht „wir“.
Was genau ist da los?

Meine positiven Facebook-Erfahrungen mit dem Jugendkatechismus YOUCAT

Bevor ich hierauf näher eingehe, möchte ich kurz auf mein persönliches - und auch berufliches - Verhältnis zum Thema „Neuevangelisierung und Social Media“ eingehen: Bis Ende 2012 arbeitete ich im Augsburger „YOUCAT Zentrum“ und war dort für die Social Media- und Internetaktivitäten des katholischen Jugendkatechismus YOUCAT zuständig. Wie alle aufmerksamen Leser des YOUCAT wissen, spornt Benedikt XVI. im dazugehörigen Vorwort die Jugendlichen an, den christlichen Glauben noch intensiver zu kennen und zu leben, als die Generation ihrer Eltern. Er ermunterte die Jugendlichen, den Katechismus nicht nur zu lesen, sondern sich auch über diesen auszutauschen: Mit Freunden, in Lerngruppen oder im Internet.

Das YOUCAT Zentrum sah und sieht sich deshalb verpflichtet, großen Wert auf die Verbreitung des Glaubens beziehungsweise von Glaubenswissen im Internet und in den Sozialen Netzwerken zu legen. Ich begleitete in meinen anderthalb Jahren beim YOUCAT als „Super Admin“ bei Facebook unzählige so genannte YOUCAT-Study-Groups, in welchen Jugendliche gemäß dem Wunsch des Papstes sich in aller Ruhe über den Glauben austauschen sollten.

Ob es uns in dieser Zeit gelungen ist immer den richtigen Ton zu treffen, würde ich gern andere bewerten lassen. Dennoch wurden immerhin weltweit knapp dreihundert Study Groups gegründet, in denen sich teilweise hunderte Jugendliche anmeldeten – eine Gruppe auf den Philippinen brachte es sogar auf über 10.000 Mitglieder.

Außerdem koordinierte ich die Hauptseite des YOUCAT auf Facebook, die in dieser Zeit mit Gottes Hilfe über 50.000 „Likes“ erhielt – mittlerweile sind es über 60.000. Die internationale Website www.youcat.org mit ihrem YOUCAT-Blog und Rubriken wie der „Frage des Monats“ in Kooperation mit Radio Maria Österreich, den „YOUCAT All Saints“ oder „Fun Stuff“ mit lustigen Cartoons und Clips, die den Glauben einfach erklären, verantwortete ich ebenfalls.

Und zu guter Letzt bereitete ich neben meinen Onlineaktivitäten den geplanten Soziallehrekatechismus DOCAT mit vor, der im Oktober 2013 erscheinen wird. Es war eine spannende und lehrreiche Zeit, in der ich nicht nur sowohl online als auch offline hochinteressante Menschen kennenlernen durfte, sondern auch ein wenig den Glauben weitergeben konnte, den ich noch vor kurzem selbst empfangen habe – denn vor Ostern 2008 war ich selbst noch kein getaufter Christ.


Verurteile niemanden, nur weil er anders sündigt als du!

Wenn ich nun auf so manche Tendenzen eingehe , die ich in deutschsprachigen katholischen Gruppen auf Facebook beobachte, dann möchte ich von vornherein klarstellen, dass ich zum einen niemals behaupten würde, einen Masterplan für die „richtige“ Neuevangelisierung bei Facebook in der Tasche zu haben. Denn es gibt nur einen Meister, nämlich IHN. Und nur ER hat einen Plan, nämlich mit jedem einzelnen von uns. Und zum anderen möchte ich betonen, dass ich in keinster Weise den Glauben meiner katholischen Schwestern und Brüdern bewerten möchte, die bisweilen sehr engagiert auf Facebook und in anderen Sozialen Netzwerken posten und sich einbringen. Mir geht es lediglich um gepostete INHALTE in katholischen Gruppen, die ich kritisch sehe und die ich als typisch für einen „Nörgel-Katholizismus“ bezeichnen möchte.

Ich teile diese von mir kritisierten Inhalte in fünf Themengruppen beziehungsweise die Fixierung auf gewisse Aufreger-Themen des „Nörgel-Katholizismus“ ein (einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe ich hierbei nicht):

- „Kirchenpolitik“ im Allgemeinen

- die „moderne Welt“

- Texte und Fotos zu so genannten „Liturgiemissbräuchen“ (in denen auch selbst ernannte „Traditionalisten“ vor Papst Franziskus teilweise nicht Halt machen),

- zur Christenverfolgung (wo im Gegenzug andere Religionen und Weltanschauungen zum Teil ebenfalls übel beleidigt werden beziehungsweise Wörter und Taten von andersdenkenden Hardlinern zum Anlass genommen werden, sich im Besitz der alleinseligmachenden Wahrheit und quasi frei von Sünde zu wähnen)

- „Warnungen“ vor falschen Propheten und Prophezeiungen (wie eben z.B. der „Warnung“).

Nun bin ich selber der Meinung, dass die oben genannten Themen durchaus ihre Relevanz haben und natürlich der Weg der Kirche, gesellschaftliche Fehlentwicklungen, die würdige Feier der Liturgie, die schlimme globale Christenverfolgung oder auch falsche Propheten thematisiert gehören. Die Einseitigkeit und vor allem die Vehemenz jedoch in bzw. mit der diese Themen besprochen werden führen jedoch oftmals zu drei leicht feststellbaren Effekten:

Einem Verharren in ausschließlicher Negativität, dem Aburteilen von Menschen (nur um gleichzeitig sich selbst ein moralisches Podest errichten zu können) und letztendlich dem Drang, selbst in die Rolle des kirchlichen Lehramtes und göttlichen Richters schlüpfen zu wollen (anstatt dieses – wie vorgesehen - den Theologen der Glaubenskongregation, den Bischöfen oder dem Papst geschweige denn am Ende Gott selbst zu überlassen).

In manchen Facebook-Gruppen hat sich zu eben diesen Themen eine regelrechte Nörgelkultur entwickelt, die darauf hinausläuft, nur noch über das Negative in Kirche und Welt zu sprechen und dabei vergisst, vor lauter Unkraut den guten Weizen zu sehen. Das eigentliche Thema – nämlich die Schönheit und Wahrheit des christlichen Glaubens – wird dadurch immer mehr an den Rand gedrängt.

Die Ironie der Geschichte ist hierbei: Schritt für Schritt wird man dadurch jenen Katholiken immer ähnlicher, denen zum Thema Glauben nur das Lamentieren über Zölibat, Frauenordination und wiederverheiratete Geschiedene einfällt und von denen man sich doch so gerne abgrenzen möchte. Und genauso wie diese wirkt man auf Außenstehende und „religiös unmusikalische“ Zeitgenossen nachweisbar äußerst verbittert und ziemlich „unerlöst“, wie Friedrich Nietzsche es wohl sagen würde.

Papst Franziskus: Ruft „Jesus!“ anstatt „Franziskus!“

Durchaus selbstkritisch möchte ich feststellen, dass viele von uns konservativen Katholiken an einem Punkt angekommen sind, an welchem wir uns – eben auch im Internet – dazu verleiten lassen, uns fast ausschließlich nur noch über THEMEN (vor allem kirchenpolitische und gesellschaftliche), aber nicht mehr über das eigentliche THEMA (nämlich Jesus und die Wahrheit und Schönheit des christlichen Glauben) auszutauschen.

Gerade Menschen, die den christlichen Glauben noch nicht oder nur in entstellter und unvollständiger Weise kennengelernt haben, sollten auf uns zählen können, die wir uns doch teilweise recht viel auf unser Glaubenswissen einbilden. Aber „Glaubenswissen“ beinhaltet eben mehr als beispielsweise die Zehn Gebote, den Katechismus oder die Kirchengeschichte zu kennen. So wichtig letztere Dinge auch sind: Die wichtigste „Erkenntnis“ sollte darin bestehen, Jesus Christus wirklich kennen zu lernen, um zu erfahren und zu erfassen, was dieser für uns Christen ist: Nämlich der „Weg, die Wahrheit und das Leben“(Joh 14, 69).

Papst Franziskus selbst fordert uns in diesem Zusammenhang dazu auf, weniger „Franziskus!“ und dafür mehr „Jesus!“ zu rufen. Er meint damit, dass wir nicht bei der Kirche und ihrer institutionellen Struktur stehenbleiben dürfen und ebenso wenig der Meinung sein sollten, dass der Papst der finale Verehrungspunkt innerhalb der Kirche sein sollte. Denn auch der Papst als Petrusnachfolger verdankt sich und sein als Dienst begriffenes Amt letztendlich nur DEMJENIGEN, als dessen Vikar („Stellvertreter“) er hier auf Erden eine Art „Lückenbüßer“-Funktion einzunehmen hat, bis dieser in Herrlichkeit wiederkehrt. Deshalb weist Papst Franziskus (wie schon Benedikt XVI. vor ihm) unermüdlich auf Jesus hin und will, dass wir zu Jesus gehen und nicht bei ihm, Franziskus, stehen bleiben.

In die „Lebensschule Jesu“ eintreten

Was kann man dafür tun, dass in katholischen Gruppen auf Facebook der Glaube an Jesus Christus im Zentrum steht und man nicht in der ausschließlichen Kritik an fragwürdigen Erscheinungen in Kirche und Welt verharrt?

Ohne wiederum Patentrezepte zur Hand zu haben, möchte ich doch gern auf vier „Hausmittel“ verweisen, die zumindest mir gegenwärtig durchaus „gut bekommen“ und die eventuell einen gewissen Spirit erzeugen, in welchem auch das Posten über den Glauben auf Facebook „positiver“ werden kann:

- Hausmittel Nr.1 vom Papst: Die „Franziskus-Perlen des Tages“ auf kath.net aufmerksam lesen! Die von Armin Schwibach täglich zusammengetragenen Auslegungen des Tagesevangeliums durch Papst Franziskus legen einen Glauben dar, der einerseits knietief im katholischen Dogma verankert ist, zum anderen auch zur Selbstkritik und Humor unter Gläubigen einlädt. Ein Glaube, der eine tiefe Beziehung zu Jesus - und nicht die eigene Person - im Zentrum hat.

- Hausmittel Nr. 2 vom Kardinal: Das neue Buch „Die Lebensschule Jesu. Anstöße zur Jüngerschaft“ von Christoph Kardinal Schönborn. Aus Katechesen entstanden, zeugt es von einem einfach gehaltenem Ton, einer guten Kenntnis der Heiligen Schrift und immer wiederkehrenden Bezugspersonen wie dem hl. Johannes Chrysostomos, dem hl. Thomas von Aquin, der hl. Thérèse von Lisieux, Papst em. Benedikt XVI. oder der "Nachfolge Christi".

Schönborn betont, dass der christliche Glaube im wahrsten Sinne des Wortes einfach ist und im Wesentlichen darin besteht, dass man als Christ in die "Lebensschule Jesu" eintritt. In dieser lernt man zu leben, zu glauben, zu beten, zu sterben, sich mit der Sünde auseinanderzusetzen und den Heiligen Geist als inneren Lehrer zu entdecken. Im Zentrum steht allerdings, Jesus selbst wirklich kennenzulernen und seinen Anspruch, der vor allem in der Bergpredigt sowie in der Kreuzesnachfolge besteht, richtig zu erfassen. Ein wichtiges Ziel müsse am Schluss darin bestehen, selber für andere ein Lehrer Christi zu werden. Dieses Buch eignet sich meines Erachtens sehr gut, um behutsam in die Essentials der Lehre Christi einzuführen. Es lohnt sich, pro Tag ein Kapitel zu lesen, damit der jeweilige Kapitelinhalt seine Wirkung entfalten kann.

Als Ergänzung beziehungsweise Fortsetzung passt sehr gut Kardinal Schönborns Buch "Leben mit der Kirche" (1996), welches aus Fastenexerzitien entstanden ist, die er in den 90er Jahren Papst Johannes Paul II. und Kurie gehalten hat und mit einem Vorwort von Joseph Kardinal Ratzinger geadelt worden ist.

- Hausmittel Nr. 3 des katholischen US-Bloggers Taylor Marshall: 5 ways to simplify your spiritual life – and make it beautiful! aus dessen Blog „Canterbury Tales“. Auf den ersten Blick vielleicht nicht besonders spektakulär – aber dennoch sind diese Tipps des Autors, Thomisten und Vaters von sieben Kindern sehr wirkungsvoll!

- Hausmittel Nr. 4 vom Kommentator: Meide die Fixierung auf Dinge jeglicher Art, die schlechte Laune, Negativität und letztendlich sündhaftes Verhalten in dir auslösen können. Nimm die Aufforderung Jesu ernst, im Notfall das eigene Auge auszureißen oder die eigene Hand abzuhacken, wenn sie dich zum Bösen verführen. Empfange die Sakramente regelmäßig, vor allem Eucharistie und Beichte.

Und gib niemals die Hoffnung auf, dass Christus selbst SEINE Kirche durch die Zeit führen und am Ende alles Unrecht innerhalb und außerhalb der Kirche tilgen wird. Dieses zu tun ist zum einen nicht dein Job und zum anderen verändert das Posten negativer Dinge auf Facebook nicht den Lauf der Welt, sondern führt manche Menschen sogar vom Glauben der Kirche weg.

Mach dir die Haltung des hl. Paulus zum Motto: „Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug. Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. … Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (Dtn 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr. Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Röm 12- 14-21)

Jesus Christus zu erfahren und ihn anderen, die ihn noch nicht kennen, ebenfalls vorzustellen und erfahrbar zu machen – dies sollte im Zentrum einer Neuevangelisierung auch bei Facebook stehen.


Die Lebensschule Jesu
Anstöße zur Jüngerschaft
Herausgeber: Hubert Ph. Weber
Autor: Christoph Schönborn
gebundene Ausgabe, 176 Seiten;
2013 Herder, Freiburg
ISBN 978-3-451-30690-7
17.50 EUR


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Stefan Ahrens, M.A., ist Doktorand im Fachbereich Politikwissenschaft an der Uni Kiel („Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. und das moderne politische Denken. Annäherungen und Differenzen“). Er war bis Ende 2012 für den Internet- und Social Media-Bereich im YOUCAT Zentrum (Augsburg) hauptverantwortlich und publizierte Artikel u.a. für das „VATICAN Magazin“, „Diskurs“ sowie den YOUCAT Blog. Stefan Ahrens wurde an Ostern 2008 katholisch getauft und gefirmt und lebt in Berlin.





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