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16 April 2013, 08:45
Liebe, Wahrheit, Schönheit - das gesamte Pontifikat Benedikts XVI.

Alexander Kissler hat gleichsam das Pontifikat Benedikt XVI. mitstenografiert. Er hat das Senkblei in die klaren Gewässer dieses Pontifikats gehalten, insbesondere wenn Trübungen aufwallten. Eine Buchvorstellung von Barbara Wenz
Berlin (kath.net) Fünf Jahre lang hat Alexander Kissler gleichsam das Pontifikat Benedikt XVI. mitstenografiert. Er hat notiert, festgehalten, exzerpiert. Hat Konturen nachgezeichnet, ist Mystifikationen auf der Spur gewesen, hat das Senkblei in die klaren Gewässer dieses Pontifikats gehalten, insbesondere wenn Trübungen aufwallten. Möglicherweise gibt es nur zwei Arten, ein Pontifikat mit aller menschenmöglichen Intensität zu begleiten – als weltabgeschiedener Beter oder als Schriftsteller und Journalist.

Es war der Rosenmontag 2013, an dem nach fünf Jahren Arbeit klar wurde: Es ist zu Ende. Kissler hatte eigentlich vorgehabt, das Buch nach dem Heimgang des Heiligen Vaters zu veröffentlichen. Doch dann kam alles so unvorstellbar anders, dass er die letzten, abrundenden Kapitel wie in Trance geschrieben haben muss. „Papst im Widerspruch“ ist kein Buch, das einer chronologischen Ordnung folgt, sondern die großen und kleineren Themenkreise des Benediktinischen Pontifikats benennt und abklopft. Als Motto ist ihm ein Zitat des nun emeritieren Papstes vorangestellt: „Wir sind frei, wir sind gerettet!“ Gerade heute steht dieser Satz so kühn und frisch da wie damals, in der Osterbotschaft aus dem Jahre 2010, das doch ein annus horribilis für die Kirche war.

In seinem ersten Kapitel versucht Kissler, in das Geheimnis des Rücktritts des „einsichtigen Mystikers“ einzudringen und von dort aus nachzuzeichnen, wie Ratzinger die Welt sieht. Wie wir seiner Begründung für den Amtsverzicht entnehmen konnten, empfindet er sie als „hin- und hergeworfen“, „sich schnell verändernd“, so lautet jedenfalls die deutsche Übersetzung, und dieses Geworfensein ist nicht nur als Bild gemeint, sondern hat auch eine philosophische Komponente. Warum aber nun Mystiker? Kissler schreibt dazu „Nur was im Sterben trägt, trägt im Leben, und das ist nun einmal jenes große, sich uferlos verschenkende Geschenk, die Liebe: Davon war Benedikt XVI. durchdrungen. Darum war er Mystiker.“ Und darum ist er nun der liebende und betende alte Mann „auf dem Berg“ geworden.

Wie alles begann, davon erzählt das zweite Kapitel, das nicht nur wunderschöne Begebenheiten aus der Biografie Ratzingers erzählt und darum kräftig bayrisch angehaucht ist, es untersucht auch dem Titel nach das Verhältnis zwischen Benedikt und den Deutschen. Diese Beziehung wird vor allem auch noch im Kapitel über Piusbruderschaft, über die Reisen des Papstes und natürlich im Kapitel über den Auschwitz-Besuch zur Sprache kommen. Doch nach dem Leben selbst soll zuerst, im dritten Kapitel, die Botschaft Benedikts in den Blick genommen werden: Konkret untersucht Kissler die drei Enzykliken und den Widerhall, den sie gefunden haben. Dankenswerterweise widmet er sich dabei besonders ausführlich der Enzyklika über die Hoffnung „Spe salvi“, die im Gegensatz zu „Deus caritas est“ und „Caritas in veritate“ noch viel zu wenig Beachtung gefunden, noch viel zu wenig rezipiert worden ist. Liebe, Wahrheit, Hoffnung – die Enzyklika über den Glauben wurde zwar angekündigt, aber nie veröffentlicht.

Somit ist es folgerichtig, dass es im nächsten Kapitel um eine ungeschriebene „Enzyklika“ des damaligen Papstes geht: Eine über das Thema Barmherzigkeit nämlich. Ausgerechnet gegenüber den Piusbrüdern. Kissler ist dabei besonders zu danken, dass er eine Vielzahl von Stimmen präsentiert, nochmals auf die schwierige Historie dieser Bruderschaft eingeht und absolut plausibel machen kann, worum es dem Papst eigentlich ging – und wieso das Ganze so dermaßen schief lief.

Erfreulich geht es weiter mit den Reisen des Papstes und vielen Zitaten aus seinen Ansprachen. Vor unserem inneren Auge steigen die Bilder wieder auf, in Deutschland, in Schottland und England, die aus Afrika, der Türkei, Mexiko – das wundervoll feiernde Mexiko! – und die Begegnung mit Fidel Castro. Benedikts letzte Auslandsreise war ein gigantisches Leuchtfeuer des Friedens in Nahost, als Muslime und Christen im Libanon jubelten, sangen, sich miteinander freuten und an Händen hielten.

Im Kapitel über die Krankheiten der Moderne zeigt Kissler anhand einer Begebenheit vom Januar 2008 auf, woran die Moderne krankt, wenn nicht gar zugrunde gehen wird. Der Skandal um die ungehaltene Rede des Pontifex an der La Sapienza genannten römischen Universität – übrigens eine ehemals päpstliche Gründung – beschäftigte hauptsächlich die italienischen Medien. Umso besser, dass Kissler ihn auch für eine breitere deutsche Leserschaft nochmals aufgreift. Insbesondere angesichts der Tatsache, dass kürzlich Verteidigungsminister de Maizière an der renommierten Humboldt-Universität zu Berlin fast dasselbe widerfahren ist. In antidemokratischer Manier wurde er durch hartnäckige Störer daran gehindert, einen Vortrag zum Thema Bundeswehr zu halten.

Damals, im Jahre 2008 sagte der zurückhaltende Benedikt seinen Vortrag zum Thema Wahrheit und Wissen lieber ab, nachdem bekannt wurde, dass Vertreter linker Studentengruppen Störaktionen planten. Die Folge war – und auf die Römer ist eben in puncto Liebe und Solidarität Verlass -, dass am darauf folgenden Sonntag an die 200 000 Menschen auf den Petersplatz strömten, darunter Studentengruppen der La Sapienza mit Spruchbändern wie: Dann kommen wir eben zu Dir, Heiliger Vater! Es ist gut, dass Kissler an diese Begebenheit erinnert und es ist gut, dass er auch auf den Inhalt der „ungehaltenen Rede“ breiter eingeht. Natürlich darf auch ein Kapitel über den Missbrauchsskandal und Vatileaks nicht fehlen.

Unverzichtbar in einem Buch über einen deutschen Papst aber ist ein eigenes Kapitel über den Besuch in Auschwitz. Gerade diesen Besuch haben viele Deutsche intensiv verfolgt, intensiver jedoch die ausländischen Beobachter. Kisslers Senklot geht zu diesem Anlass weit hinunter – in die Seele des Menschen Ratzinger, der damals Papst war, und nicht nur zum Mahnen nach Auschwitz kam, sondern vor allem zum Erinnern und Beten.

Es ist die große Begabung des Autors, wesentliche Zitate aus diesem Pontifikat aufzuführen, ohne dass eine schiere Collage daraus geworden ist: Er erspürt Zusammenhänge, erfasst Strukturen, er ordnet, setzt in Beziehung und öffnet dadurch zu neuen Einsichten über das vergangene Pontifikat. Deshalb ist die Lektüre des Buches vor allem ein Gewinn.

Und es enthält jene erstaunliche Stelle, die uns direkt auf den 13. März 2013 zuführt:
„Als Sohn eines Polizisten und einer gelernten Köchin wuchs Ratzinger nicht gerade in Gelehrtenkreisen auf. Zum anderen ist der »Simplex et idiota« eine von Ratzinger selbst herausgearbeitete, positiv besetzte geschichtstheologische Figur Bonaventuras. In seiner Habilitationsschrift bezeichnet er den Zielpunkt des irdischen Seins wie folgt: »In der Kirche der Endzeit wird sich die Lebensweise des heiligen Franziskus durchsetzen, der als simplex et idiota von Gott mehr wusste als alle Gelehrten seiner Zeit –weil er ihn mehr liebte.«

Endzeitlich leben, also lieben wie der heilige Franz von Assisi, heißt demnach durch Gottes Schöpfung streifen mit einem heißen Herzen und einer großen Sehnsucht, heißt Mensch und Tier ein Trost sein, eine Hilfe, ein Quell des Aufatmens. Damit es dereinst noch solche Menschen gibt, die die Gebote des Glaubens in sich tragen und sie nicht referierend relativieren, muss dieser christliche Glaube so klar, so einfach, so eindeutig wie möglich verkündet werden.“

An diesem Tag im März wurde ein neues Kapitel in der Kirchengeschichte aufgeschlagen. Wenn Kissler schreibt, dass das gesamte Pontifikat Benedikts dem Bemühen gewidmet war, die Sehnsucht nach Wahrheit in der Weltgesellschaft wachzurufen, so könnte man vielleicht prognostizierend formulieren, dass das Pontifikat des Franziskus davon geprägt sein wird, die Sehnsucht nach dem Weg und dem Leben, das in die Wahrheit führt, wieder zu wecken. Doch darum wird es in einem anderen Buch, in vielen anderen Büchern gehen.

In diesem hier, von Alexander Kissler vorgelegten, geht es um:
Liebe. Wahrheit. Schönheit. Es bietet das gesamte Pontifikat Benedikts, fast acht Jahre unseres eigenen Lebens, in einem Schatzkästlein dar, oder besser, in einer fein gearbeiteten Spieldose. Wenn man sie öffnet, so erklingt eine exquisite Melodie, die endlich in all ihrer Zartheit gehört werden kann.

kath.net-Buchtipps:
Papst im Widerspruch - Benedikt XVI. und seine Kirche 2005-2013 –
Von Alexander Kissler
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Pattloch 2013
ISBN-13: 978-3629022158
Gebundene Ausgabe: € 20.60
eBook: € 18.20
kathShop

Poetische Pilgerorte
Reisen ins mystische Mittelitalien
Barbara Wenz
220 Seiten;
2011 Mm Verlag, Aachen
ISBN 978-3-942698-02-3
Preis: 20.50 EUR
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