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Kasper: 'Bergoglios Einsatz für die Armen hatte mich sehr beeindruckt'

17. April 2013 in Interview, 2 Lesermeinungen
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Der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper im kath.net-Interview über seine Teilnahme am Konklave, seine frühere Bekanntschaft mit dem jetzigen Papst und das von Franziskus empfohlene Buch über die Barmherzigkeit. Von Georg und Petra Lorleberg


Vatikan (kath.net/pl) Bei früheren Aufenthalten in Buenos Aires „bin ich mehrfach dem damaligen Erzbischof und Kardinal Bergoglio begegnet. Seine einfache Lebensweise und sein Einsatz für die Armen hat mich damals sehr beeindruckt. Ich erfuhr auch von seinen guten ökumenischen Beziehungen wie zur jüdischen Gemeinde.“ Das sagte Walter Kardinal Kasper im kath.net-Interview. Der emeritierte Kurienkardinal war im März 2013 in das Konklave mit eingezogen, aus dem Kardinal Bergoglio als Papst Franziskus hervorgegangen ist. Kardinal Kasper war lange Jahre der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, zuvor Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart gewesen.


kath.net: Eminenz, Ihr Buch hat die eindrucksmächtigste Werbung erhalten, die in der katholischen Welt möglich ist: Der Papst hat es beim seinem ersten Angelus lobend erwähnt und daraus zitiert. Wie lange kennen Sie Erzbischof Jorge Mario Kardinal Bergoglio schon?

Walter Kardinal Kasper: Ich war während meiner Zeit als Präsident des Päpstlichen Einheitsrates mehrfach in Buenos Aires zu Gesprächen mit den Baptisten, mit den Juden, zu einem Symposium über die Pfingstbewegung.

Dabei bin ich mehrfach dem damaligen Erzbischof und Kardinal Bergoglio begegnet.

Seine einfache Lebensweise und sein Einsatz für die Armen hat mich damals sehr beeindruckt.

Ich erfuhr auch von seinen guten ökumenischen Beziehungen wie zur jüdischen Gemeinde.

kath.net: Ihre frühere Tätigkeit im Einheitssekretariat hat dazu geführt, dass wohl kaum ein anderer Kardinal so viele Mitbrüder persönlich kannte wie Sie. Wir wollen nicht die Geheimnisse des Konklaves erkunden. Aber kann es sein, dass Sie durch Ihre Kenntnis der Weltkirche auch schon im Präkonklave viel haben vermitteln können?

Kardinal Kasper: Die Aufgabe der Kardinäle beim Konklave ist es, den zu wählen, den nach ihrer Überzeugung Gott erwählt hat.

Natürlich braucht es dazu das Gebet. Aber der Geist Gottes wirkt auch durch natürliche Mittel, auch durch brüderliche Gespräche.

Es gibt keine Generaldebatte über mögliche Kandidaten; aber es finden am Rand des Vorkonklaves Gespräche statt, in denen man sich über die Situation der Kirche und die Meinung über mögliche Kandidaten austauscht. Dabei ist die Kenntnis der Situation und der Personen der Kirche in anderen Teilen der Weltkirche von Nutzen.

Ob und gegebenenfalls inwiefern ich selbst dem einen oder anderen einen nützlichen Hinweis gegeben habe, weiß ich nicht.

Wichtig ist: Es finden aber keine Absprachen statt; schon gar nicht versucht man andere zu überreden. Die Gespräche und Begegnungen dienen vielmehr dazu, die eigene Gewissensentscheidung in Verantwortung vor Gott und vor der Kirche zu treffen.

kath.net: Im Vorwort Ihres Buches stellen Sie fest, dass „die in der Bibel so zentrale Barmherzigkeit in der systematischen Theologie weitgehend in Vergessenheit geraten ist“. Das muss überraschen auch vor dem Hintergrund vieler diakonischer und caritativer Initiativen der Kirche weltweit. Sie selbst sagen an späterer Stelle, dass es „der schlimmste Vorwurf“ ist, „der die Kirche treffen kann und der sie tatsächlich auch oft trifft, dass sie selbst nicht tut, was sie anderen verkündet“ (S. 157). Herr Kardinal, wie barmherzig ist die Kirche?


Kardinal Kasper: Selbstverständlich weiß ich, dass sich sehr viele Christen und kirchliche Einrichtungen vorbildlich um Barmherzigkeit bemühen.

Trotzdem wird die Kirche von vielen innerhalb wie außerhalb der Kirche oft als unbarmherzig wahrgenommen.

Klar, nicht jede Kritik ist berechtigt. Dennoch muss die verbreitete Wahrnehmung nachdenklich machen.

Das betrifft vor allem die systematische Theologie, welche die in der Hl. Schrift zentrale Botschaft von Barmherzigkeit Gottes bei der Behandlung der Eigenschaften Gottes nur sehr stiefmütterlich behandelt, oder manchmal sogar gar nicht thematisiert. Das hat in der Verkündigung und in der Praxis fatale Spuren hinterlassen.

Gott, den Jesus als den barmherzigen Vater verkündet, tritt oft hinter dem Bild des gerechten und strafenden Gottes zurück.

kath.net: Anders als in der wissenschaftlichen Theologie scheint es in der jüngeren Frömmigkeitsgeschichte zu sein: Die Herz-Jesu-Verehrung, Schwester Faustina, das Jahr der Barmherzigkeit 2005 – hat hier die „Basis“ sozusagen auf etwas reagiert?

Kardinal Kasper: Nicht erst heute, sondern bei vielen großen Heiligen – ich nenne nur Katharina von Siena und Therese von Lisieux – ist die spirituelle und mystische Theologie ebenso wie die „praktische Theologie des gläubigen Gottesvolkes“ in dieser Frage der wissenschaftlichen Theologie um Längen voraus.

Die Annäherung beider ist ein dringendes Desiderat; Glauben, auch Glaubenspraxis und Denken müssen wieder mehr zusammenfinden, sonst wird Glaube blind und die Theologie lässt kalt.

Darum habe ich mich gefreut, dass Papst Franziskus, wie übrigens schon Papst Johannes Paul II., das Thema der Barmherzigkeit so entschieden in die Mitte rückt.

kath.net: Es gibt so viele Worte für etwas vielleicht Ähnliches: Mitleid, Mitgefühl, Erbarmen… Eminenz, möchten Sie uns in wenigen Worten sagen: Was ist im christlichen Verständnis Barmherzigkeit?

Kardinal Kasper: Barmherzigkeit meint wörtlich: ein erbarmendes Herz haben; der lateinische Ausdruck misericordia sagt: ein Herz (cor) für die Amen (miseri) haben.

Im Unterschied zu den Wörtern Mitleid und Mitgefühl geht es der Bibel nicht nur um das mitfühlende Herz, sondern auch um die mitfühlende und helfende konkrete Tat.

Durch sie soll Gottes Barmherzigkeit für die Notleidenden aller Art konkret erfahrbar werden, sichtbar werden. Was das konkret heißt, hat uns Jesus durch sein eigenes Verhalten wie in der großen Gerichtsrede (Matthäus 25) mehr als deutlich gesagt.

kath.net: Papst Benedikt hat in seiner letzten Predigt im Petersdom gesagt: Wer von Barmherzigkeit spricht, muss von Gott sprechen. Was bedeutet der Begriff der Barmherzigkeit für unser Gottesbild?

Kardinal Kasper: Die Aussage von Papst Benedikt ist selbstverständlich völlig richtig.

Man kann das Wort von Papst Benedikt aber auch umkehren und mit Augustinus sagen: Wer von Gott redet, muss von der Barmherzigkeit Gottes reden.

Wer nicht vom barmherzigen Gott redet, der hat nicht vom Gott der Bibel und nicht von Gott wie ihn Jesus geoffenbart hat, geredet.

Die Barmherzigkeit Gottes meint: Gott, der Liebe ist, bleibt sich und uns in jeder Situation treu. Er ist langmütig, mild und immer wieder neu geduldig mit uns, er wartet auf uns und schenkt jedem, der umkehrt – und sei er in einer noch so verpfuschten Situation – die Chance eines neuen Anfangs.

kath.net: Gott der Barmherzige. Diese Eigenschaft Gottes verdichtet sich unüberbietbar in der Feier der Eucharistie. Doch gerade bei dem Gedanken der Stellvertretung, der Pro-Existenz, gibt es heute viele Fragen. Das Wort wird häufig auch in der Theologie ersetzt durch den politisch belegten Begriff der Solidarität. In Ihrem Buch stellen Sie den Gedanken der Stellvertretung Jesu dem Gedanken der Solidarität Jesu gegenüber.

Kardinal Kasper: Kreuz und Auferstehung sind sozusagen die letzte Chance und der nicht mehr überbietbare Neuanfang, den Gott uns in seiner Barmherzigkeit ein für alle Mal geschenkt hat.

Durch sein stellvertretendes Leiden und Sterben hat uns Jesus nicht nur ein Vorbild für mitmenschliche Solidarität gegeben, sondern in der durch die Sünde total „verpfuschten“ Situation das neue Leben in Solidarität erst wieder ermöglicht und neu geschenkt.

Das ist die unaufgebbare Mitte der Botschaft des Neuen Testaments.

Sie wird in jeder Feier der Eucharistie mit dem ein für alle Mal für uns hingegebenen Leib und dem ein für alle Mal für uns vergossene Blut Jesu gegenwärtig.

Insofern ist die Feier der Eucharistie in der Tat die unüberbietbare dankbare Feier des Geheimnisses von Gottes rettender Barmherzigkeit.

kath.net: Sie zeigen auf, dass Papst Benedikt XVI. in seinen Enzykliken „nicht die Gerechtigkeit, sondern die Liebe zum systematischen Ausgangspunkt seiner Soziallehre gemacht“ hat (187). Sie zitieren: „Liebe – Caritas – wird immer nötig sein, auch in der gerechtesten Gesellschaft … Wer die Liebe abschaffen will, ist dabei, den Menschen als Menschen abzuschaffen“ (192). Was bedeutet diese Erkenntnis für das auch politische Engagement der Kirche für Gerechtigkeit?

Kardinal Kasper: Diese Frage lässt sich nicht mit wenigen Worten beantworten. Der Einsatz für eine gerechte Sozialordnung sollte für jeden Christen selbstverständlich sein.

Aber ohne Barmherzigkeit ist jede Sozialordnung in der Gefahr zu einem seelenlosen bürokratischen System zu werden. Sie ist immer wieder „löcherig“.

Die Barmherzigkeit ist so etwas wie ein Augenöffner für neue, durch die Sozialordnung nicht vorgesehene immer wieder neue und unvorhergesehene Notsituationen; sie ist die Schubkraft nicht nur auf die Sozialordnung zu verweisen und zu warten, sondern persönlich zuzupacken und zu handeln. Dabei geht sie weit über die Sozialordnung hinaus.

Ihr geht es neben der materiellen Hilfe ebenso um menschliche Nähe und Zuwendung, um Zeit, Rat, Trost, Belehrung, Geduld für andere.

In diesem Sinn kennt die kirchliche Überlieferung nicht nur die leiblichen, sondern auch die geistlichen Werke der Barmherzigkeit.

kath.net: Der jetzige Papst ist der erste Bischof von Rom aus Lateinamerika. Dort hat ja auch die Theologie der Befreiung ihre Wurzeln. Werden mit dem neuen Papst politische Impulse den Begriff der Barmherzigkeit erweitern?

Kardinal Kasper: Sicher wird Papst Franziskus auch die politischen Impulse der biblischen Botschaft von der Barmherzigkeit herausstellen. Das hat er schon in Argentinien getan und in seiner ersten Osterbotschaft als Papst wieder deutlich gemacht.

Das kann sich in manchem mit der Theologie der Befreiung berühren, die in Argentinien ohnedies eine eigene Note hatte und hat.

Beim Papst handelt es sich aber eher um eine konsequente Weiterentwicklung und Konkretisierung der katholischen Soziallehre aus dem Geist der Bergpredigt.

kath.net: Sie leben in Rom, Eminenz, Sie sind nicht mehr Leiter einer kurialen Behörde, welche Pläne haben Sie für die Zukunft? Dürfen wir noch auf weitere Bücher von Ihnen hoffen?

Kardinal Kasper: Von Moses wird berichtet, er sei 80 Jahre alt gewesen als er das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten ins gelobte Land führte. Das ist mir ein Trost, dass man auch noch mit 80 zu etwas nützlich sein kann.

Zwar macht man mit 80 keine großen Zukunftspläne mehr; aber solange mir Gott die Kraft und den Verstand schenkt, will ich noch das eine oder andere schreiben, Vorträge und Predigten halten, da und dort mithelfen und den Jüngeren, sofern sie das wollen, aufgrund der eigenen Lebenserfahrung etwas Rat geben und Mut machen.

Am Ende werde ich wie alle anderen auf die Barmherzigkeit Gottes und die der Mitmenschen angewiesen sein.

kath.net: Herzlichen Dank!

kath.net-Buchtipp
Barmherzigkeit
Grundbegriff des Evangeliums - Schlüssel christlichen Lebens
von Walter Kasper
gebundene Ausgabe, 252 Seiten
Herder 2012
ISBN 978-3-451-30642-6
Preis: 22.70 EUR

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Papst Franziskus bezog sich bei seinem ersten Angelus ausführlich auf Kardinal Kaspers Buch „Barmherzigkeit“ (ab Minute 3,10):


kathTube-Foto: Kardinal Kasper legt beim Konklavebeginn den Eid ab:


Foto Kardinal Kasper: www.kardinal-kasper-stiftung.de


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