
Grenchen (kath.net) Liebe G., bei meinem Abendspaziergang habe ich nochmals über Deine Argumentation nachgedacht. Ich hatte das Gefühl, irgendetwas stimme so nicht. Dabei merkte ich plötzlich, dass es Dein Satz ist: "Ich wage sogar zu behaupten, wenn Jesus gehorsam gewesen wäre, dann wäre er nicht gekreuzigt worden."
Einerseits, wenn ich die Lehre unserer Kirche richtig verstehe, so ist Christus freiwillig für uns Menschen gestorben, im Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters. Unter diesem Blickwinkel spielt es absolut keine Rolle, wie es historisch gesehen zu diesem Tod gekommen ist, welcher Vorwand für seine Verurteilung herhalten musste. Sein Tod war nicht einfach die logische Folge irgendwelcher Taten oder Aussagen, ja nicht einmal die Tatsache, dass er den Führern des Volkes unangenehme Wahrheiten gesagt hat, sondern Vorsehung im vollsten Sinn des Wortes.
Andererseits, wenn die Schrift nicht lügt, dann hätte er seinem Tod am Kreuz zumindest noch sehr lange ausweichen können ohne seinen Lebenswandel zu ändern oder seine Botschaft zu modifizieren, wenn er dies gewollt hätte. Er kannte die Pläne seiner Gegner ja sehr genau. Er hätte nur nicht hinaufgehen müssen nach Jerusalem. In seinen Stammlanden war er praktisch sicher. Und darauf zu spekulieren, dass seine Verhaftung einen Volksaufstand auslösen würde, dazu kannte er die Menschen viel zu genau. Ja, einen Volksaufstand auszulösen, das lag ihm immer fern. Als das Volk ihn einmal zum König machen wollte z.B., da entzog er sich ihnen. Man könnte sogar - etwas gewagt vielleicht - sagen, er wollte sein Reich nicht auf den Ungehorsam und die Auflehnung begründen, sondern eben auf den Gehorsam.
Zudem zeigt die Schrift an verschiedenen Stellen auch seinen Gesetzesgehorsam. Es würde zu weit führen, hier auf die einzelnen Stellen einzugehen. Es gibt aber keine einzige Stelle, die einen schwerwiegenden Ungehorsam diesen Vorschriften gegenüber aufzeigt, oder wo er diese Vorschriften, als falsch und/oder nicht mehr verpflichtend erklärt hätte. Er wehrte sich nur dagegen, dass der Sinn dieser Vorschriften durch ihre praktische Umsetzung ins Gegenteil verkehrt wurde.
Im Übrigen reichte all das nun gerade nicht aus für eine Verurteilung, schon gar nicht für eine Verurteilung zu Tod. Dazu brauchte es schlussendlich seine "Gotteslästerung", seine Behauptung, der Sohn des Hochgelobten zu sein. An dieser Behauptung aber hängt unser ganzer christlicher Glaube. Als wahrer Gott und wahrer Mensch kam er in diese Welt "für uns Menschen und um unseres Heiles willen", oder wie es in der Schrift heißt: "um sein Volk aus seinen Sünden zu erlösen" - nicht aus den Sünden der anderen, sondern jeden von uns aus seinen eigenen - möchte ich hinzufügen.
Vielleicht ist es das, was die moderne Theologie übersieht. Christus ist nicht gekommen, um uns Menschen eine bessere Welt hier und jetzt zu schaffen, oder auch nur zu verkünden. Das Ziel seines Kommens, seiner Botschaft, seines Leidens und Sterbens und seiner Auferstehung besteht darin, aus jedem Einzelnen von uns einen besseren Menschen zu machen, und zwar ohne jeden Zwang, einzig mit dem Lockruf seiner Liebe, jener Liebe, die gehorsam war bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz. Menschlich gesehen hätte dieser "unmenschliche" Anspruch des Vaters eigentlich seine Auflehnung, seinen Ungehorsam absolut gerechtfertigt. Aber er wollte es nicht besser wissen, er vertraute voll auf die Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe seines Vaters. Und damit hat er uns ein Beispiel gegeben, damit auch wir den Gehorsam überall üben, wo dieser sich im Vertrauen auf Gott noch irgendwie rechtfertigen lässt. Dies gilt natürlich ganz besonders in Bezug auf seine Kirche, der ja der Beistand des Heiligen Geistes von Christus unserem Herrn und Erlöser persönlich verbürgt ist.
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