04 März 2013, 08:30
Vatikan hatte schon 1936 große Angst vor NS-Regime in Österreich
 
Hildegard13
 
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Neues Quellenmaterial aus den geöffneten Archiven zu Pius XI. zeigt hellsichtiges Urteil Roms zum Nationalsozialismus in Österreich

Wien (kath.net/KAP) Der Vatikan hatte 1938 im Blick auf Adolf Hitler eine viel realistischere Sicht als der österreichische Episkopat. Denn in der Wollzeile und in vielen anderen österreichischen Ordinariaten sei man in den 1930er-Jahren dem fatalen Irrglauben erlegen, "aus Hitler eine Art Mussolini machen zu können, mit dem man Verträge schließen kann", wie der Wiener Kirchenhistoriker Prof. Rupert Klieber in einem "Kathpress"-Gespräch aus Anlass des 75. Jahrestags des "Anschlusses" Österreichs an das Deutsche Reich formulierte. Im Vatikan allerdings sei der "Anschluss" am 12. März 1938 und die "Feierliche Erklärung" der österreichischen Bischöfe nur wenige Tage später (18. März) "mit großem Entsetzen aufgenommen" worden.

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"Wie das neue Quellenmaterial nach Öffnung der Archive zu Pius XI. nun deutlich sehen lässt, war sich der Heilige Stuhl völlig klar, dass die Hoffnung der Bischöfe auf Verhandlungen mit den NS-Machthabern eine blanke Illusion war", so Klieber. In Rom habe es schon 1936 große Skepsis ob des zunehmenden Einflusses des Nationalsozialismus in Österreich und Angst vor einem künftigen Anschluss gegeben. "Die Stimme der Kurie war hier viel realistischer als es die österreichischen Politiker und die österreichischen Bischöfe jener Zeit waren", so der Historiker.

Die Bischöfe in Österreich hätten "entsprechend der allgemeinen Stimmung rund um den 'Anschluss' erstaunlich akkommodierend reagiert". Das Ende Österreichs sei zunächst auch "mit kirchlichen Mitteln gewürdigt" worden - Kirchenglocken läuteten beim Einmarsch der deutschen Truppen. "Erste Anweisungen an den Klerus sprachen davon, Ruhe zu bewahren, die neuen Gegebenheiten zu respektieren und sich als Kirche möglichst aus der Politik herauszuhalten", berichtete Klieber.

Die pastoraltheologische Linie der Kirche legte eine Konzentration auf die seelsorgliche Arbeit fest. "Angesichts der enormen politischen Spannungen in Österreich und der noch stärker als in Deutschland vorherrschenden antikirchlichen Stimmung, wollten die Amtsträger möglichst keinen Anlass für kirchenfeindliche Maßnahmen bieten. Sie bekundeten in dem Bemühen, zu retten, was zu retten war, sowie in dem illusorischen Glauben, an einer Versöhnung zwischen dem nationalen und dem christlichen Gedankengut mitwirken zu können, ihre Loyalität mit der neuen Führung", erklärte der Kirchenhistoriker.

Einschüchterung und fatale Illusionen

Einerseits seien also die Bischöfe "im hohen Maße überrumpelt worden, haben sich in die Enge treiben lassen und waren einen derartigen Umgang, wie ihn die neuen Machthaber an den Tag legten, nicht gewohnt." Während sie in den Jahren des "Ständestaates" regelmäßig konsultiert worden waren, wurden sie, wie Klieber ins Gedächtnis rief, nun von den Nationalsozialisten "eingeschüchtert, eingeschüchtert und kurzfristig sogar inhaftiert". So wurde der Salzburger Erzbischof Sigismund Waitz zwei Tage lang in seinem Zimmer von einem SA-Mann festgehalten, der Grazer Bischof Ferdinand Pawlikowski wurde für 24 Stunden ins Gefängnis gesteckt.

Auf der anderen Seite sei es die "vielleicht bitterste Illusion" der Bischöfe rund um das Geschehen des "Anschlusses" gewesen, zu meinen, man könne "innerhalb der NS-Führung zwischen Radikalen und Gemäßigten unterscheiden". In diesem Schema wurde dann Hitler zu den Gemäßigten gezählt, so der an der Universität Wien lehrende Kirchenhistoriker: "Man erlag teilweise dem fatalen Irrtum, Hitler von den radikalen Elementen um ihn herum befreien zu können, um dann zu helfen, die Entwicklung in gemäßigte und geordnete Bahnen zu lenken". Der österreichische Weihbischof Alois Hudal - er war Rektor der Anima in Rom und war 1945 bis 1952 als Fluchthelfer nach Südamerika u.a. für NS-Größen tätig - glaubte etwa, "einen katholischen Nationalismus vom radikalen Nationalsozialismus unterscheiden und als Brückenbauer beeinflussend und versöhnend auftreten zu können".

Anders verhält sich hingegen die Kurie selbst: Der in Österreich von 1936 bis 1938 wirkende Apostolische Nuntius Gaetano Cicognani habe Kardinal Theodor Innitzer "beschworen, vorsichtiger in seinem Verhalten den Nationalsozialisten gegenüber zu sein".

Nachdem der Vatikan sich sogleich von der "Feierlichen Erklärung" distanzierte, musste Innitzer auf Wunsch von Papst Pius XI. am 6. April in Rom eine Klarstellung unterzeichnen, die im "Osservatore Romano" veröffentlicht wurde. Innitzer sträubte sich allerdings dagegen. Erst unter Verweis auf die Gehorsamsverpflichtung und nach Ausübung von Druck sei Kardinal Innitzer dazu gebracht worden, die ihm anbefohlene Romreise anzutreten, sagte Klieber. Und die entsprechende Erläuterung, die die Begrüßung des "Anschlusses" deutlich einschränkte, sei Innitzer "unter massivem Druck von Papst Pius XI. selbst" abgenötigt worden.

Staatssekretär Eugenio Pacelli, der spätere Pius XII., und Papst Pius XI. hätten vorher "auf Innitzer eingeredet". Sie hätten dem gebürtigen Sudentendeutschen klar gemacht, er möge doch "von seiner Illusion, einen gewissen religiösen Frieden mit den
Nationalsozialisten herbeiverhandeln zu können, Abstand nehmen", so Klieber.

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