28 Februar 2013, 18:22
'Was macht ihr mit unserem Papst?'
 
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Kardinal Meisner: Was Papst Benedikt „an Häme und Kritik – gerade aus Deutschland – entgegengeschlagen ist, scheint in der Papstgeschichte einmalig zu sein. Wie standen die Polen hinter Papst Johannes Paul II.! Sie haben ihm den Rücken gestärkt.“

Köln (kath.net/pek) „Kardinäle aus aller Welt schauen mit Unverständnis und Ratlosigkeit auf uns Deutsche. Oft bin ich von slowakischen und polnischen Bischöfen gefragt worden: „Wie behandelt ihr Deutschen denn unseren Papst?“. Das sagte der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner in seiner Predigt zur Dankmesse für Papst Benedikt. Was Papst Benedikt „an Häme und Kritik – gerade aus Deutschland – entgegengeschlagen ist, scheint in der Papstgeschichte einmalig zu sein. Wie standen die Polen hinter Papst Johannes Paul II.! Sie haben ihm den Rücken gestärkt“, erinnerte Meisner.


kath.net dokumentiert die Predigt von Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln, zum Dankmesse für Papst Benedikt XVI. am 28. Februar 2013 im Hohen Dom zu Köln:

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Über diesem Abend liegen eine tiefe Wehmut und Traurigkeit in unserer gottesdienstlichen Versammlung hier im Kölner Dom. Wir verabschieden uns von Papst Benedikt XVI.. Aber nicht wie in den letzten Jahrhunderten, indem wir ihm danken und für seine Vollendung im himmlischen Jerusalem bitten, weil ihn Gott durch den Tod abberufen hat. Nein, wie wir alle wissen, hat Papst Benedikt XVI. am 11. Februar 2013 vor den Kardinälen erklärt, dass er das im Konklave 2005 übernommene Petrusamt zum 28. Februar 2013, 20.00 Uhr, niederlegt, weil die enormen Herausforderungen des Petrusamtes gerade in dieser Zeit aufgrund seines Alters und seiner körperlichen Schwäche von ihm nicht mehr bewältigt werden können.

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1. Mit großer Wehmut, aber ebenso großer Dankbarkeit haben wir die Erklärung des Heiligen Vaters gehört und akzeptiert. Wir werden sicher heute noch im Kanon der heiligen Messe, wenn wir ihn vor 20.00 Uhr beten, noch einmal den verehrten Namen von Papst Benedikt XVI. nennen dürfen, dann aber haben wir gleichsam ein Loch im Eucharistischen Hochgebet. Dann haben wir keinen Papst mehr. Und dann setzt das große Gebet der gesamten Kirche um ein gesegnetes Konklave und um einen baldigen neuen Papst ein, der das Petrusamt in der Kirche geisterfüllt, klug, kraftvoll und mutig vertritt. Auf Petrus hat ja der Herr seine Kirche gebaut. Und darum ist der Petrus unverzichtbar für unsere Kirche. Und alle Spekulationen und Prophetien, dass der Petrus nun nach dem Rücktritt eines Papstes seit 700 Jahren einen anderen Charakter erhält, weisen wir weit zurück. Die Gestalt und den Zuschnitt des Petrusamtes hat der Herr beschrieben und festgelegt: Sein Glaube hat Fundament der Kirche zu sein. Und ihm gilt auch die Zusicherung des Herrn: „Petrus, ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder (und Schwestern)“ (Lk 22,32).

2. Nun aber wollen wir an diesem Abend Gott danken für das fast achtjährige Pontifikat unseres Heiligen Vaters Papst Benedikt XVI. Diese Jahre stellten eine außerordentlich große Herausforderung an ihn. Seit der Jahrtausendwende hat der Mensch mehr denn je Gott aus seinem Denken und Handeln verdrängt, sodass er auch im Denken und Tun vergessen hat, dass der Mitmensch ihm nicht zur freien Verfügbarkeit überlassen ist und er ihn nicht wie eine Konkursmasse behandeln kann. Darum haben weithin die Ärmsten und die Hilflosesten, etwa die Ungeborenen, ihr Lebensrecht weithin verloren. Und sollten sie dann noch außerdem krank und behindert sein, dürfen sie sowieso nicht leben. Die von Gott, dem Schöpfer und dem Erlöser, jedem Menschen mitgegebene gottebenbildliche Gestalt, in der er sich selbst in uns erkennt, wird mit Füßen getreten und wie eine verhandelbare Sache behandelt. Hier gehört genau das kritische Wort des Papstes von der Diktatur des Relativismus hin. Das betrifft weiter die von Gott gegebene Grundausstattung des Menschen als Mann und Frau, deren Vollendung Ehe und Familie sind, und vieles andere mehr.

Der Papst hat sich um Gottes und der Menschen willen in seinen Pontifikatsjahren dieser Demontage des Menschen mit allen seinen Kräften entgegengestellt. Er hat argumentiert aus der göttlichen Offenbarung und aus der menschlichen Vernunft, um die Menschen zu überzeugen und sie von diesen Irrwegen um ihrer selbst willen abzubringen. Gerade als theologischer Lehrer von höchstem Rang hat er versucht, aus Schrift und Wort das Christus- und Gottesbild vor uns in seiner ganzen Faszination aufscheinen zu lassen, um uns wieder die Ehrfurcht vor den Menschen, vor allen Menschen zu vermitteln. Was ihm dabei an Häme und Kritik – gerade aus Deutschland – entgegengeschlagen ist, scheint in der Papstgeschichte einmalig zu sein. Wie standen die Polen hinter Papst Johannes Paul II.! Sie haben ihm den Rücken gestärkt. Der polnische Primas hat bei der Verabschiedung nach der Papstwahl Johannes Paul II. versprochen: „Wir werden in der Heimat niederknien und für dich Löcher in die Steine beten“. Und sie haben dieses Vermächtnis eingelöst. Und wir in Deutschland? Kardinäle aus aller Welt schauen mit Unverständnis und Ratlosigkeit auf uns Deutsche. Oft bin ich von slowakischen und polnischen Bischöfen gefragt worden: „Wie behandelt ihr Deutschen denn unseren Papst?“. Sie bescheinigen uns hohe Intelligenz auf dem Gebiet der Ökonomie und Technik. Auf dem Gebiet des Menschlichen, der Vernunft und des Anstandes bestätigen sie uns den Status eines Entwicklungslandes. – So meine bittere Erfahrung mit vielen Kardinälen, Bischöfen und Christen im Ausland in Ost und West.

3. Nun ist dieser Abend nicht der Ort, darüber zu klagen, wodurch der Petrusdienst von denen noch belastet wurde, die herkunftsmäßig zu unserem Heiligen Vater gehörten. Wir haben Gott, dem Herrn, zu danken, dass er uns für diese schwierige Zeit einen Papst gegeben hat, der theologisch auf der Höhe menschlicher Vernunft und in der Tiefe göttlicher Begnadigung stand, um in diesen acht Jahren die Weichen zu stellen, wie unter Führung eines neuen Papstes der richtige Weg der Kirche durch unsere Zeit weiter zu gehen ist. Papst Benedikt XVI. hinterlässt uns einen überreichen Schatz an theologischer und anthropologischer Einsicht und Erkenntnis, mit deren Hilfe wir uns für die nächste Zeit und für die nächste Zukunft orientieren können.

Er ist aber nicht nur der Professor, der uns Gottes Weisheit gelehrt hat, sondern er ist gleichsam wie Mose der große Beter, der das Volk Gottes an die Kraftquellen des Glaubens geführt hat, an die Sakramente der Kirche und an das Wort Gottes, das uns in der ganzen reichen lehramtlichen Verkündigung der Kirche durch die Jahrhunderte getragen hat und in Gegenwart und Zukunft weiter trägt. Papst Benedikt war auch immer unser Vorbeter. Er wusste, dass Theologie nicht nur bedeutet, über Gott zu reden, sondern in erster Linie mit Gott zu sprechen. Das machte seine Theologie so überzeugend. Viele Gläubige und viele Bischöfe in Ost und West haben mir immer wieder bestätigt, dass in Papst Benedikt gleichsam einer der Kirchenväter der ganz frühen Christenheit in die Gegenwart getreten ist, um uns im geistlichen Stil der frühen Väter Christus mit seiner Botschaft in der ganzen Faszination nahe zu bringen. Die Bewunderung und die breite Akzeptanz auch aus nichtkatholischen Kreisen, besonders aus orthodoxen, waren ihm sicher. Man hat seine Schriften und Ansprachen sofort in die jeweiligen Muttersprachen übersetzt, um daran zu erkennen, wie heute, im 21. Jahrhundert, das Evangelium überzeugend und fruchtbar zu verkünden ist.

4. Oft wurde ich von vielen Menschen nach dem menschlichen und christlichen Format von Joseph Ratzinger befragt, der nun unser Papst Benedikt XVI. war. Ich konnte darauf immer die Antwort geben und kann sie auch heute Abend noch geben: „Joseph Ratzinger - und bis jetzt noch Papst Benedikt XVI. - ist gelehrt und gescheit wie zehn Professoren und fromm und demütig wie ein Erstkommunionkind“. Diese Kombination von höchster Gelehrsamkeit und schlichtester Frömmigkeit ist das Geheimnis dieses Papstes. Nach einer öffentlichen Audienz in der Audienzhalle Paul VI. sagte mir ein schlichter Mann ganz ergriffen: „Es war mir, als wenn Jesus zu uns, mit uns und für uns gesprochen hätte. Neben seinen guten Worten war seine lautere und redliche Persönlichkeit für mich die noch eindringlichere Botschaft“. Das konnte ich ganz und gar unterstreichen. Man ging vom Papst immer ein wenig besser weg, als man zu ihm hingekommen ist, wenn man das so sagen darf. Er war in seinem Denken und Sprechen so rein und positiv, so gewinnend und ermutigend, dass die Sehnsucht nach einem ähnlichen Christusglauben erwachte. Er wird uns wirklich fehlen. Wir werden ihn wohl sehr vermissen.

Wenn Benedikt XVI. uns als Vermächtnis seines Pontifikates neben dem, was er alles geschrieben, gesagt und getan hat, nun das Gebet und die geistliche Stellvertretung vor Gottes Angesicht verspricht, dann ist das ein Erbe, mit dem wir in Gegenwart und Zukunft rechnen, auf das wir bauen können und das er uns nicht schuldig bleiben wird. Wir werden in Zukunft wohl weniger von Benedikt XVI. hören, denn es gibt in der Kirche nur einen Papst. Aber er wird ganz und gar hinter dem neuen Papst stehen - und damit auch hin-ter uns allen, und er wird das berühmte Wort Johannes´ des Täufers dabei praktizieren: „Er muss wachsen, ich aber muss geringer werden“ (Joh 3,30).

Und so stehen wir an diesem Abend wehmütig und dankbar vor dem Angesichte Gottes. Wir sind traurig, aber voller Zuversicht. Christus ist der Herr der Kirche. Er hat uns versprochen, bei uns zu bleiben alle Tage, bis zur Vollendung der Welt. Von seinen Händen wissen wir uns getragen. In seinen Händen wissen wir uns geborgen. Mit seinen Händen wissen wir uns gesegnet. Deshalb: Keine Angst! – Er ist und bleibt der Herr der Kirche! Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

Die Predigt auf kathTube-Video


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