21 Februar 2013, 09:20
Katholische Bischöfe sind Hoffnungsträger im Südsudan
 
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Andreas Stiefenhofer, Pressesprecher von „Kirche in Not“/Deutschland, zieht in einem Interview erste Bilanz nach 18 Monaten Unabhängigkeit des Südsudan

München (kath.nt/KIN)Seit dem 9. Juli 2011 ist der Südsudan ein unabhängiger Staat. Der Pressesprecher des weltweiten katholischen Hilfswerks "Kirche in Not" in Deutschland, André Stiefenhofer (Foto), zieht in diesem Interview eine erste Bilanz.

Kirche in Not: Herr Stiefenhofer, haben sich die Hoffnungen erfüllt, die die Einwohner des Südsudans an die Loslösung vom Norden geknüpft hatten?

André Stiefenhofer:
Für die meisten Südsudanesen war die Unabhängigkeit vom Norden vor allem eine gefühlsbetonte Forderung. Die Kulturen des Süd- und Nordsudans unterscheiden sich elementar: Der Norden ist muslimisch, der Süden christlich. Wenn sie die Südsudanesen heute fragen, sind fast alle stolz auf ihren eigenen Staat und glücklich, nicht mehr vom Norden aus regiert zu werden. Dass die Unabhängigkeit Probleme mit sich bringen wird, war schon vorher klar, denn große Erdölvorkommen liegen genau im Grenzgebiet zwischen Nord- und Südsudan. Um die genaue Grenzziehung wird immer noch gestritten – auch mit militärischen Mitteln. Für den Süden problematisch ist außerdem, dass er für den Export seiner Rohstoffe auf den Norden angewiesen ist, da nur dieser über einen Zugang zum Meer verfügt.

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Kirche in Not: Wie sieht der Alltag einer Familie im Südsudan aus?

Stiefenhofer:
Glücklich ist, wer im Südsudan überhaupt noch eine Familie hat! 50 Jahre Bürgerkrieg haben ihre Spuren hinterlassen: Es gibt kaum jemanden, der keinen geliebten Menschen durch Kriegshandlungen verloren hat. Viele sind traumatisiert und bewaffnet – eine explosive Mischung! Die ganze Region ist noch mit Landminen gespickt, und Raubüberfälle sind ebenso an der Tagesordnung wie Polizeiwillkür. Inmitten dieser Wirren setzt die katholische Kirche vor allem auf Bildungs- und Familienarbeit. Den Bischöfen ist klar, dass die katastrophalen Zustände im Land nicht von heute auf morgen behoben werden können. Darum planen sie langfristig und bemühen sich, mit den Familien die Keimzelle eines friedlichen Staates wieder aufzurichten.

Kirche in Not: Wie steht es um Gesundheit, Ernährung und Bildung?

Stiefenhofer:
Der Südsudan ist eines der am wenigsten entwickelten Länder der Erde. Auch das liegt vor allem am jahrzehntelangen Bürgerkrieg. Der Staat ist trotz hoher Einnahmen aus dem Erdölexport noch immer nicht in der Lage, diese grundlegenden Einrichtungen bereitzustellen. Grund dafür ist unter anderem die hohe Korruptionsrate im Land. Wir beobachten im Südsudan ein Phänomen, das wir aus vielen Drittweltländern kennen: Wenn der Staat versagt, springt die Kirche ein! Die katholischen Bischöfe sind die großen Hoffnungsträger im Land. Sie errichten Schulen und Krankenhäuser, rufen zu Frieden und Versöhnung auf und bilden damit die Elite von Morgen heran. Wenn man heute in Deutschland Menschen fragen hört, wozu man die Kirche denn überhaupt benötige, dann kann man nur sagen: „Schaut nach Afrika und ihr seht Europas Vergangenheit!“ Wenn der Staat versagt, ist die Kirche da. Sie ist der Stützpfeiler unserer Zivilisation und die Grundlage unseres Gemeinwesens.

Kirche in Not: Ist es zu einer Abwanderung von Christen aus dem muslimisch geprägten Norden gekommen?

Stiefenhofer:
Die Stimmung gegenüber Christen ist im Norden schlechter geworden. Daher suchen viele ihr Glück lieber im Süden, obwohl die sudanesische Bischofskonferenz das zu verhindern versucht. Die Bischöfe fürchten ein "Lagerdenken" auf beiden Seiten der Grenze, das sich in einen neuen Krieg hineinsteigern könnte. Als Zeichen der Einheit gibt es darum auch heute nur eine Bischofskonferenz im Sudan. Die Bischöfe wollen damit betonen, dass es keinen "christlichen" Südstaat und einen "muslimischen" Nordstaat geben darf, sondern dass beide Länder bei aller Unabhängigkeit doch friedlich zusammenarbeiten müssen. Politisch erfolgreich war dieses Signal aber bisher leider nicht.

Kirche in Not: Hat der Süden die Zuwanderung von Flüchtlingen verkraftet?

Stiefenhofer:
Nein. Etwa ein Viertel der Südsudanesen litt schon vor der Teilung aufgrund der katastrophalen wirtschaftlichen Lage an Unterernährung und war deshalb auf Hilfe angewiesen. Diese Situation hat sich durch jene, die nun aus dem Norden ins Land strömen, noch verschärft.

Kirche in Not: Ist für die Christen im Norden eine Verschlimmerung ihrer Lage nach der Loslösung des Südens eingetreten?

Stiefenhofer:
Der nordsudanesische Staatschef ist ein mit internationalem Haftbefehl gesuchter Kriegsverbrecher. Unter diesem Regime zu leben ist für keinen leicht – egal, ob Muslim oder Christ. Da die Christen jedoch tendenziell besser ausgebildet und damit wohlhabender sind, hatten sie natürlich eher eine Wahl – und darum fliehen sie. Wir haben auch Meldungen über islamistische Milizen erhalten, die Jagd auf Christen machen. Die meisten wollen damit vor allem Geld erpressen, aber vielen geht es auch um eine "Säuberung" des Nordens von allen Nicht-Muslimen. Die Lage für die Christen hat sich also in der Tat verschärft.

Kirche in Not: Befindet sich der Süden politisch auf einem Weg, damit eine echte Demokratie entstehen kann?

Stiefenhofer:
Politisch ist der Südsudan bereits eine Demokratie und ein föderaler Bundesstaat. Das Problem ist hier nicht die Verfassung, sondern die fehlende politische Diskussionskultur und die Unfähigkeit, tragfähige Koalitionen zu bilden. Auch das ist ein Ergebnis des Bürgerkriegs. Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis sich die Mentalität der Menschen derart gewandelt hat, dass Meinungsverschiedenheiten nicht gleich zu Zerwürfnissen oder sogar blutigen Auseinandersetzungen führen. Wenn man dieses von Stammesinteressen zerrissene und durch Korruption belastete Land betrachtet, wird sofort deutlich, wie unerlässlich die Friedensarbeit der Kirche vor Ort ist. Für "Kirche in Not" ist es unschätzbar wichtig, so verlässliche Partner wie die südsudanesischen Bischöfe zu haben. Nur dank ihnen können wir im Gegensatz zu vielen anderen Hilfswerken versprechen, dass jeder gespendete Cent ohne Abzüge direkt bei den bedürftigen Menschen ankommt.

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Zum zweiten Jahrestag der Unabhängigkeit des Südsudans veranstaltet "Kirche in Not" am 6. Juli einen Begegnungstag mit dem südsudanesischen Bischof Edward Hiiboro Kussala im Kloster Marienrode in Hildesheim. Nähere Informationen zu dieser Veranstaltung und Anmeldung bei:

www.kirche-in-not.de

E-Mail: kontakt@kirche-in-not.de


"Kirche in Not" bittet darüber hinaus um Spenden für die Menschen im Südsudan. Online unter: Kirche in Not: Spenden online

Andre Stiefenhofer - KIRCHE IN NOT

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