14 Februar 2013, 09:00
Papstrücktritt – Ein Trauerspiel von ORF und PULS4
 
messintentionen
 
WEITERE ARTIKEL ZUM THEMA 'BenediktXVI'
Nach der Ankündigung des Rücktritts von Papst Benedikt XVI. gab es Fernseh-Diskussionsrunden mit vermeintlichen "Kirchexperten". Deren antirömische Schlagseite ist leider ebenfalls üblich geworden. Ein Kommentar von Johannes Graf.

Wien (kath.net/jg)
Nachdem der erste Schock überwunden ist, den Papst Benedikt XVI. mit seiner überraschenden Rücktrittsankündigung ausgelöst hat, versuchen sich die Nachrichtenredaktionen der österreichischen Fernsehsender in ersten Analysen über das zu Ende gehende Pontifikat. Dabei sind Diskussionsrunden mit verschiedenen Experten besonders beliebt. Leider ist meist schon an der Einladungsliste erkennbar, dass die Kritik am Papst im Vordergrund stehen wird.

ORF

Der Österreichische Rundfunk (ORF) hat dem bevorstehenden Rücktritt Papst Benedikt XVI. noch am Montagabend einen „Runden Tisch“ gewidmet. Die Namen auf der Einladungsliste lassen bereits erahnen, in welche Richtung der ORF das Pontifikat deuten will. Abt Maximilian Heim von Stift Heiligenkreuz soll die „romtreue Fraktion“ vertreten. Immerhin darf er – im Gegensatz zu den anderen Gästen – während der ganzen Sendung am Tisch bleiben. Ihm stehen mit Helmut Schüller, Margit Hauft und Hubert Feichtlbauer gleich drei Personen gegenüber, die den Papst und die Kirche immer wieder heftig kritisieren. Helmut Schüller ist Vorsitzender der Pfarrerinitiative, Margit Hauft Vorsitzende der Laieninitiative. Hubert Feichtlbauer wird vom ORF als „katholischer Publizist“ vorgestellt. Das stimmt zwar, er war aber auch Vorsitzender der romkritischen Plattform „Wir sind Kirche“, was der ORF unterschlägt.

Werbung
irak


Die ersten 15 Minuten der Sendung fallen dann überraschend ausgewogen aus. Sogar Margit Hauft attestiert dem scheidenden Papst Mut, Demut und Konsequenz. Zu seinem Vermächtnis gehöre sicher, dass er das Handeln aus dem Glauben betont habe, sagt die Vorsitzende der Laieninitiative.

Dann stößt Helmut Schüller zu der bisher eher friedlichen Runde und verschärft die Diskussion. Gleich in seiner ersten Wortmeldung mutmaßt er, dass der Papst möglicherweise die wahren Hintergründe für seinen Rücktritt verschwiegen habe. Er spekuliert ernsthaft über einen „Konservativisten-Putsch von rechts“, von Leuten, denen der Papst „zu weich“ gewesen sei, und die „Druck machen“ wollten. Wenn dies stimme, sei es „kein gutes Zeichen für die Zukunft“. Vielleicht hätten aber auch die „Vati-Leaks Affäre“ oder Skandale um die Vatikanbank dem Papst seine Machtlosigkeit vor Augen geführt und ihn resignieren lassen, orakelt der Vorsitzende der Pfarrerinitiative weiter.

Immerhin darf Abt Maximilian Heim an dieser Stelle noch replizieren und Schüllers Spekulationen ins Reich der Fabel verweisen. In seiner Antwort kommt er kurz darauf zu sprechen, wie gut Papst Benedikt die Jugend ansprechen kann. Er habe das selbst beim Weltjugendtag in Köln erlebt, erinnert sich der Abt. Es ist dies einer der wenigen Momente in dieser Phase der Diskussion, in denen noch ein positiver Aspekt des Pontifikates angesprochen werden kann.

Ein eingespielter Beitrag gibt das nächste Thema vor: Die durch Bischofsernennungen ausgelösten Krisen der Kirche in Österreich. Zunächst wird an die Auseinandersetzungen um Bischof Krenn und Erzbischof Groer erinnert, die zwar noch in die Verantwortung von Papst Johannes Paul II. fallen. Auch Benedikt XVI. habe umstrittene Persönlichkeiten ernannt, wie etwa Bischof Elmar Fischer, der wegen seiner Aussagen zur Homosexualität Widerspruch erregt habe und natürlich den „erzkonservative Pfarrer von Windischgarsten“, Gerhard Maria Wagner.

Das nächste Thema ist der Missbrauchsskandal, der „einen Schatten über das Pontifikat“ werfe, wie ORF-Redakteur Christoph Riedl behauptet. Der Papst habe sich zwar entschuldigt und mit Missbrauchsopfern getroffen, aber das Ausmaß der Vorfälle habe den Papst überrollt und überrascht, der auch hier „nicht den Erwartungen aller entsprochen hat“, sagt der Redakteur.

In dieser Tonart geht es weiter. Das Pontifikat Benedikt XVI. wird von den Krisen und „nicht erfüllten Erwartungen“ her analysiert. Jan-Heiner Tück, Dogmatikprofessor an der Universität Wien, hält die Weigerung der Kirche, Frauen zu Priestern zu weihen, für einen Teil des „Modernitätsproblems der Kirche“. Die schnell verändernde Welt überfordere Benedikt XVI., er komme den „Transformationen“ nicht mehr nach, analysiert der Professor.

Der Themenkomplex „interreligiöser Dialog“ wird mit neuen Gästen behandelt. Das Verhältnis zum Judentum wird anhand der Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe der Piusbruderschaft und der Seligsprechung Pius XII. thematisiert, der zum Holocaust geschwiegen habe. Zum Dialog mit dem Islam fällt der ORF-Redaktion natürlich das berühmt gewordene Zitat aus der Regensburger Rede ein. Hier urteilen die Vertreter der genannten Religionen, Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg und Tarafa Baghajati (islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich) ausgewogener über den Papst als der ORF. Auch Abt Maximilian Heim darf hier manches klarstellen.

Als Hubert Feichtlbauer zu Wort kommt, erklärt er gleich einmal, dass ihm die Diskussion zu friedlich verlaufe, er werde deshalb „härter“ formulieren. Im Dialog mit den Orthodoxen sei „nichts weiter gegangen“, die Protestanten habe der Papst „nicht nur zurückgelassen, sondern zurückgestoßen“. Nichts sei zustande gekommen, behauptet der Publizist. Abt Maximilian Heim stellt in seiner Antwort klar, dass es unter Benedikt XVI. doch einen neuen Zugang zu den Orthodoxen gegeben hat und es auch mit den Protestanten Anknüpfungspunkte gab. Der Papst habe immer wieder auf das Wort Gottes verwiesen und beispielsweise in seinen Büchern über Jesus von Nazareth einen auch für Evangelische verständlichen Zugang zu Christus gefunden.

In der Schlussrunde wird das Anforderungsprofil für den neuen Papst diskutiert. Abt Maximilian Heim wünscht sich, dass dieser mit großem Gottvertrauen ausgestattet ist, der weiß, dass „nicht ein Manager oder Machtmensch die Kirche leitet, sondern der Heilige Geist.“ Die Kirche habe „den längeren Atem, den Atem des Heiligen Geistes, und den sollten wir jetzt anrufen, damit wir keine Atemnot bekommen“, sagt er wörtlich. Das wäre eigentlich ein gutes Schlusswort gewesen, doch Hubert Feichtlbauer mischt sich erneut ein: Kardinal Martini habe doch gesagt, die katholische Kirche sei 200 Jahre hinter dem Heiligen Geist. Das ist sogar Dogmatikprofessor Tück zu viel. Diese Aussage sei „konzilsvergessen“, repliziert er. Das II. Vatikanum habe doch die dialogische Öffnung zur Moderne gebracht.

Puls 4

Beim österreichischen Privatsender „Puls 4“, der zur ProSieben/Sat 1 Media AG gehört, ist es noch schlimmer. Unter dem Titel „Pro und Contra: Papst Benedikt XVI. tritt zurück: Fluch oder Segen für die katholische Kirche?“ dreht sich die Diskussion um die üblichen Themen: Ökumene, Frauenordination, Zölibatspflicht, Missbrauchsfälle und warum der Papst nicht endlich das umsetzt, „was unserer Zeit entspricht“. Eine halbwegs sachliche Diskussion über die wesentlichen Themen seines Pontifikates ist offenbar gar nicht vorgesehen. Gleich die Eingangsfrage gibt die Richtung der Diskussion vor: Welche Fehler denn Benedikt XVI. in seinem "krisenhaften" Pontifikat begangen habe, möchte die Diskussionsleiterin wissen.

Erich Leitenberger, der ehemalige Pressesprecher von Kardinal Schönborn und früherer Chefredakteur von kathpress sitzt einem Triumvirat an Papstgegnern gegenüber. Niko Alm, Sprecher der Initiative gegen Kirchenprivilegien und Vorsitzender des Zentralrates der Konfessionsfreien, sieht in der Kirche die Vertuschung allgegenwärtig. Das betreffe sowohl die Missbrauchsfälle als auch beispielsweise die Geldwäscheaktivitäten der Vatikanbank. Von allzu viel Sachverstand sind seine Wortmeldungen meist nicht geprägt. Einmal schlägt er sogar vor, das "Vakuum auszunützen", das durch den Rücktritt des Papstes entstehen werde und "schnell das Konkordat" zu kündigen.

Der homosexuelle ehemalige Priester und Sexualforscher Johannes Wahala kritisiert erwartungsgemäß die Haltung des Papstes zur Homosexualität. Ebenfalls zu Gast ist Margit Hauft, Vorsitzende der Laieninitiative. Etwas verspätet stößt der evangelische Bischof Michael Bünker zur Diskussionsrunde, der aber nur selten zu Wort kommt.

Aus dem Publikum kommt ein Priester zu Wort, der Mitglied von Helmut Schüllers Pfarrerinitiative ist und deren Position vertritt. Auch Dietmar Neuwirth von der Tageszeitung „Die Presse“ wird kurz interviewt. Er konstatiert einen „immensen Reformdruck“, die Situation erinnere an jene kurz vor dem II. Vatikanischen Konzil. Warum die Sendung „Pro und Contra“ heißt, wenn es fast nur gegen den Papst geht, bleibt unbeantwortet.







Lesermeinungen zu diesem Artikel anzeigen und Kommentar schreiben

Sie können nur die Lesermeinungen der letzten sieben Tage einsehen.

 

meist kommentierte Artikel

Extremisten bedrohen Christen in Deutschland (69)

7 Ideen für eine würdige heilige Messe (65)

Deutsche Bischöfe heben Messweinverordnung auf (34)

Sagt es öffentlich: Nicht eure Religion, die dort praktiziert wird! (30)

Britische Hotelkette nimmt Bibeln aus ihren Zimmern (27)

Immer mehr Ältere treten aus der Kirche aus (26)

Kardinal Marx und Kanzlerin Merkel bei Demo gegen Antisemitismus (19)

Steht 'Wir sind Kirche' vor dem Untergang? (17)

Stress im Saarland? (16)

Papst: Wenn Kräfte schwinden, trete ich zurück wie Benedikt XVI. (15)