
Vatikanstadt (kath.net/Osservatore Romano) Der Élysée-Vertrag wurde am 22. Januar 1963 unterzeichnet. Mit dem Vertrag verpflichteten sich Deutschland und Frankreich, durch regelmäßige Konsultationen auf höchster Ebene gemeinsame Konzepte in der Außen- und Verteidigungspolitik sowie der Jugend- und Kulturpolitik zu entwerfen. Er hat die deutsch-französische Freundschaft, die nach dem Krieg entstanden ist, besiegelt und ist die Grundlage geworden für die Europäische Union. Aus Anlaß des 50. Jahrestags dieses historischen Ereignisses fand in der Redaktion unserer Zeitung ein gemeinsames Gespräch mit dem Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl, Reinhard Schweppe, und dem Botschafter der französischen Republik, Bruno Joubert, statt. Beide Diplomaten bekräftigten, daß die Europäische Union jahrhundertealte Spannungen, kriegerische Konflikte, die sich sehr häufig zwischen den beiden Ländern Deutschland und Frankreich ereignet haben, beendet hat. Die Konflikte in Europa seien natürlich nicht verschwunden, es gebe nach wie vor Interessenunterschiede, aber die Methode, Konflikte zu beseitigen, sei jetzt anders, nämlich friedlich auf dem Weg des Kompromisses, des Nachgebens und des Interessenausgleichs. Es gebe keine Dominanz mehr von Großen über Kleine, vom Starken über den Schwachen. Die Themen, die bei dem Treffen mit den Diplomaten angesprochen wurden, waren vielfältig. Wir haben im folgenden die Aussagen von Botschafter Schweppe und Botschafter Joubert für unsere Leser zusammengefaßt.
Auf die Frage, in welchem Ausmaß die vor 50 Jahren in Paris bekräftigte deutsch-französische Freundschaft zum Wandel Europas vom Kriegsschauplatz zum Friedensvermittler beigetragen habe, antwortete Botschafter Schweppe, daß die EU ein beispielloses und erfolgreiches Modell zur Erreichung von Frieden, Stabilität und Wohlstand sei. Aus eigener Erfahrung konnte Botschafter Schweppe, der nunmehr 37 Jahre Diplomat ist, berichten, daß er von Anfang an immer wieder auch mit französischen Kollegen zu tun hatte. »Wenn man mit französischen Kollegen in Verhandlungen eintritt, so liegen die Ausgangspositionen meist sehr weit auseinander. Aber wir gehen beide in diese Gespräche mit dem festen Willen, ein Ergebnis zu produzieren. Und am Ende gibt es ein Ergebnis, was aber nur ein Kompromiß sein kann. Das Geheimnis dieser deutsch-französischen Zusammenarbeit ist, daß das, was Frankreich in einem Kompromiß mit Deutschland akzeptieren kann, auch für Italien oder Spanien sehr häufig akzeptabel ist, d.h. für südliche oder westliche Länder.«
Der französische Botschafter wies darauf hin, daß der Aufbau eines vereinten Europas ein gemeinsames Ziel verfolge, das im Jahr 2003 bei den Feiern des 40. Jahrestag der Unterzeichnung des Abkommens feierlich bekräftigt wurde. Es erinnert daran, daß wir gemeinsam danach streben, eine gemeinsame Zukunft zu schaffen. Der Inhalt des Dokuments sei eine Art Bindemittel gewesen, der die ständigen Beziehungen zusammenhält. Als bedeutende Persönlichkeiten, die zur Einigung beigetragen haben, nannte Botschafter Joubert Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing, weiter die Wahl des europäischen Parlaments sowie die Einführung der einheitlichen europäischen Währung.
Bezüglich der Perspektiven, die sich nach einem halben Jahrhundert für eine Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern öffnen, betonte Botschafter Schweppe, daß die deutsch-französische Zusammenarbeit wie ein Jungbrunnen sei, ein Baum, der immer neue Triebe ausschlägt. Aus eigener Erfahrung könne er sagen, daß zwischen 80 und 90 Prozent der deutsch-französischen Gespräche europäische Fragen betreffen, d.h. man wolle kein Direktorium in der EU haben, sondern gleichberechtigte Partner; man könne nur Ideen einbringen in den europäischen Entscheidungsprozeß.
Die deutsch-französische Freundschaft habe in Europa auch mehrfach als Modell für andere Übereinkünfte in verschiedenen Teilen der Welt gedient. Dabei verwies Botschafter Schweppe insbesondere auf Italien. Deutschland habe heute intensivste freundschaftliche Beziehungen zu Italien. Weiter wäre das Beispiel Polen zu nennen. Auch für andere Kontinente diene die EU als Modell. Der deutsche Botschafter erinnerte an ASEAN in Südostasien und MERCOSUR in Südamerika. Er sagte: »Das Interessante ist, wir selbst in Europa haben manchmal Zweifel, sind skeptisch, aber alle anderen außerhalb sehen uns als Erfolgsmodell und sagen, das müssen wir nachmachen. Also insofern ist Europa, die Europäische Union, ein Exportschlager.«
Botschafter Joubert betonte in seiner Antwort, daß die Intensität und die Vielfalt der deutsch-französischen Zusammenarbeit als einzigartig angesehen werden können, sowohl in politischer, wirtschaftlicher, kommerzieller, industrieller, wissenschaftlicher, bildungsmäßiger und kultureller Hinsicht. Einer der spezifischen Punkte des Vertrags von 1963 sieht eine Annäherung der Zivilgesellschaft und nicht nur der Institutionen vor. In diesem Zusammenhang sei wie nie zuvor ein enges Netz geschaffen worden zwischen Nationen, Vereinigungen sowie Städtepartnerschaften, das diese deutsch-französische Zusammenarbeit animiert und das sich von Jahr zu Jahr immer mehr ausbreitet.
Eines der Ziele des Abkommens war es, vor allem den jungen Menschen eine Vision von der gemeinsamen Geschichte Europas zu vermitteln. Dennoch sieht sich der Kontinent heute mit einer Gesinnung konfrontiert, die einer gemeinsamen Herkunft feindlich gegenübersteht. Auf die Frage, in welcher Weise sich Frankreich und Deutschland bemühen, um den jungen Generationen ein Bewußtsein für Europa zu vermitteln, wie das von den Gründervätern beabsichtigt war und dabei auch die Rückkehr zu den christlichen Wurzeln zu berücksichtigen, antworteten die Diplomaten.
Botschafter Schweppe sagte: »Ich glaube nicht, daß die Mehrheit der Europäer gegenüber der Europäischen Union feindlich eingestellt ist. Wir haben ein gewisses Demokratiedefizit. Gelegentlich werden in Brüssel Entscheidungen gefällt, die sehr fern vom Bürger sind. Deswegen gilt es, das von der katholischen Soziallehre entwickelte Prinzip der Subsidiarität konsequenter anzuwenden: Entscheidungen möglichst nah bei den Betroffenen«. Er glaube auch, daß »diese Europäische Union das Christliche in ihrem DNA hat. Das kommt von Adenauer, das kommt von De Gaulle, das kommt auch von De Gasperi, Bech und wie sie alle heißen – die Gründerväter dieser Europäischen Union, alle gute Katholiken. Und dies ist in den Genen dieser Europäischen Union. Pius XII. hat der Europäischen Idee den Weg gebahnt. Seine Erfahrung mit den schrecklichen Tagen des Zweiten Weltkriegs hat dazu geführt, daß er von Anfang an, seit 1945, im Grunde diese Europäische Union geschützt hat in vielen öffentlichen Reden und Stellungnahmen.«
Der französische Botschafter erinnerte daran, daß trotz der Auseinandersetzungen einige Franzosen und einige Deutsche wie Konrad Adenauer und Robert Schumann, Jean Monnet und General De Gaulle weiterhin an den Frieden und an die Freundschaft zwischen den beiden Völkern geglaubt haben. Aufgrund dieser Tatsache, aber auch aus persönlicher und politischer Überzeugung, haben sie die Entscheidung getroffen, zu handeln.
In Bezug auf den Anti-Europäismus, der einer der Effekte der momentanen Wirtschaftskrise ist, hob Botschafter Schweppe hervor, daß die gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik zwar ein wichtiger, aber nicht der wichtigste Aspekt der Europäischen Union sei. Dankbar erinnerte er in diesem Zusammenhang an die Ansprache von Papst Benedikt XVI. am 7. Januar d.J. beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Korps, in der der Papst wichtige Aussagen zur Wirtschafts- und Finanzpolitik getroffen habe. Das sei in Deutschland mit großem Interesse aufgenommen worden und werde in Zukunft berücksichtigt.
Weiter unterstrich der deutsche Botschafter, daß die Europäische Union eine Wertegemeinschaft sei. Er sagte: »Unsere christlichen Wurzeln, unsere geschichtliche Erfahrung und unsere Einsicht in politische Abläufe bringen uns dazu, gerechte und für alle Mitgliedsstaaten gleichermaßen akzeptable Lösungen anzustreben. Dominanz und Hegemoniestreben sind das Gegenteil von Europapolitik.«
In bezug auf die europäische Wirtschaftsunion machte Botschafter Joubert konkrete Angaben: Deutsche Unternehmen geben 320.000 Menschen Arbeit in Frankreich, französische Unternehmen hingegen beschäftigen 285.000 Menschen in Deutschland.
Am Schluß des Gesprächs mit den beiden Diplomaten wurde das Problem der großen Migrationsströme genannt. Auf die Frage, ob man Deutschland und Frankreich als Vorbilder für die weitreichende Integration ansehen kann, die vor allem den Süden der Welt betrifft, betonte Botschafter Schweppe, daß das Problem der Einwanderung und der Migration nur auf europäischer Ebene gelöst werden könne. »Denken Sie an Italien, ein Hauptland, wo die Einwanderungs- oder Migrationsströme ankommen und sich dann auf ganz Europa verteilen«, so der Botschafter. In diesem Zusammenhang müsse auch die Glaubensfreiheit und die freie Religionsausübung genannt werden. Dies sei auch in der gemeinsamen europäischen Grundrechtecharta verankert, die die EU strikt beachte, sagte Botschafter Schweppe. Er erinnerte zudem an seine jahrelange Arbeit in Genf im Menschenrechtsrat, wo die Zusammenarbeit zwischen der EU und dem dortigen Apostolischen Nuntius sehr eng und vertrauensvoll gewesen sei. Botschafter Joubert sagte, er würde nicht von Vorbild sprechen. Jedes Land habe seine eigenen Methoden, die sich aus verschiedenen Aspekten, Vorschriften usw. zusammensetzten, die jedoch bereits in vielen Fällen erfolgreiche Beispiele bilden für eine gelungene Integration.
Abschließend betonten die beiden Diplomaten, daß Europa seine im großen und ganzen gute Bilanz nirgendwo auf der Welt verstecken müsse.
kathTube-Kurzvideo: Das historische Stichwort - Deutsch französischer Freundschaftsvertrag unterzeichnet (22.01.1963)
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