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'Wo Glauben Raum gewinnt'

18. Jänner 2013 in Deutschland, 3 Lesermeinungen
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Berliner Kardinal Woelki stellt den Fahrplan für die Neustrukturierung der Erzdiözese Berlin vor


Berlin (kath.net/peb) Im Jahr 2020 wird es im Erzbistum Berlin nurmehr rund 30 Pfarrgemeinden geben. Diese Zielzahl nannte Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki (Foto) im Rahmen einer ersten Auftaktveranstaltung zum Prozess "Wo Glauben Raum gewinnt", den der Erzbischof im Advent mit einem Hirtenbrief angestoßen hatte. Rund 170 Priester und Diakone aus dem ganzen Erzbistum Berlin waren dazu in die Katholische Akademie gekommen; weitere Veranstaltungen für die pastoralen Mitarbeiter, den Diözesanrat und Diözesanpastoralrat sowie für die Verwaltung des Erzbistums sind noch in dieser Woche vorgesehen.

In den ersten vier Jahren sollen sich die bestehenden Pfarrgemeinden, Einrichtungen und sonstigen Orte des Glaubens zu einem pastoralen Raum zusammen finden. Der Zusammenschluss zu großen Pfarreien erfolgt danach.

Generalvikar Prälat Tobias Przytarski machte deutlich, dass die pastoralen Räume möglichst aus den Pfarreien und Einrichtungen heraus entwickelt werden sollen.

Zudem sollen Seelsorge und Verwaltung entkoppelt werden, so dass nicht jeder Pfarrer auch mit Verwaltungsaufgaben befasst ist. Neben den am Ende nur noch 30 Pfarreien wird es aber weiterhin eine Vielzahl von Gemeinden und Gemeinschaften innerhalb der Struktur geben.

Generalvikar Przytarski betonte, dass nicht aus einer akuten Notsituation - weder finanziell noch personell - gehandelt werden muss. Es gehe vielmehr darum, in den kommenden acht Jahren eine Pastoralen Prozess anzustoßen, der am Ende in einer zukunftsfähigen Struktur mündet.

"Wir können auch noch nicht alle Fragen jetzt beantworten, manche Fragen kennen wir noch gar nicht. Wir werden gemeinsam an Antworten arbeiten", so Generalvikar Przytarski.

Die Auftaktveranstaltungen haben dialogischen Charakter: neben der Information durch den Bischof geht es entscheidend auch darum, Rückmeldungen, Erfahrungen, Hoffnungen und Ängste zu erfahren, die mit dem bevorstehenden Prozess verbunden sind.

kath.net dokumentiert das Auftaktpapier „Wo Glauben Raum gewinnt!“ vom Berliner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki in voller Länge:

Die Veränderungen in unserer Kirche und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen fordern uns heraus, die pastorale Situation des Erzbistums erneut in den Blick zu nehmen. Neben zahlreichen Aufbrüchen, neben wenigen wachsenden und sich verjüngenden Gemeinden, gibt es zum weitaus größeren Teil solche, die älter und kleiner werden. In manchen Gegenden unseres Erzbistums werden wir bis zum Jahre 2030 25-30% der Bevölkerung und damit einen beträchtlichen Teil unserer Gläubigen aufgrund des sogenannten demografischen Wandels verlieren. Zudem ist zu erwarten, dass die Anzahl der Pfarrer zurückgeht.


Der Altersdurchschnitt von Priestern und pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nimmt in den kommenden Jahren deutlich zu. Um dennoch unserer Sendung zur Evangelisierung gerecht zu werden, glaube ich, dass die Bildung sogenannter pastoraler Räume für unser Erzbistum eine gute Möglichkeit darstellen kann, christliches Leben noch mehr zu intensivieren und Menschen mit dem Evangelium Jesu Christi in Berührung zu bringen.

Dabei werden viele Fragen entstehen, die im Veränderungsprozess eine Antwort erhalten
werden:
- Wie wird unsere Zukunft aussehen? Wie werde ich dabei in den Dienst genommen?
- - Wie werden die Menschen in Pfarreien und kirchlichen Einrichtungen bei der Bildung neuer pastoraler Räume mit ihren Sorgen, Nöten und Ängsten mitgenommen?
- Was kann ein „Pastoraler Raum“ sein? Wie ist das Verhältnis von Pfarrei, Gemeinde und anderen konkreten Orten kirchlichen Lebens? Wie sieht die Begleitung und Unterstützung aus?
Die grundlegende Frage dabei bleibt: Was will Gott von uns in dieser Zeit?

Das Anliegen: Wie kann Glauben Raum gewinnen?

Der anstehende Veränderungsprozess, der durch keine aktuelle finanzielle Notsituation ausgelöst wird, verfolgt das Ziel, eine neue und nachhaltige Form des Kirche-Seins entstehen zu lassen, die u.a. zur Entlastung und zur Sicherung der Qualität der pastoralen Arbeit führen soll. Er kann nur als ein geistlicher Prozess gelingen, in dem wir danach suchen und fragen, wie wir heute die befreiende Botschaft Jesu Christi verkünden und den Menschen, insbesondere den Benachteiligten, dienen können. Im Vertrauen auf die gemeinsame Verantwortung aller getaufter und gefirmter Christinnen und Christen gerade in den Gemeinden und an den Orten kirchlichen Lebens gilt es, das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen zu stärken und zu einem vertieften Verständnis des priesterlichen und diakonalen Dienstes zu kommen.

Pastorale Räume

Mit dem 1. Advent 2012 hat ein Entwicklungsprozess begonnen, der zum Ziel hat, pastorale Räume zu bilden, die jeweils im Jahr 2020 zu einer Pfarrei geworden sein werden. Die genaue Anzahl steht noch nicht fest, es sollen aber ungefähr 30 pastorale Räume entstehen. Unter einem „Pastoralen Raum“ verstehe ich die Gemeinschaft der Glaubenden, von Christus zusammengerufen und gesendet im Geist der Einheit.

Bei der Entwicklung der pastoralen Räume geht es darum, neue Wege zu gehen: Einerseits kirchliches Leben zu stärken und besonders aber andererseits den Blick zu weiten, und auch die Menschen wahrzunehmen, die am Rande der Kirche stehen oder die Gott nicht kennen.

Der pastorale Raum entwickelt sich durch die Vernetzung aller kirchlichen Einrichtungen wie der bisher selbständigen Pfarreien, Kindertagesstätten, Schulen, Krankenhäusern, Altenheimen, sowie aller Einrichtungen der Caritas. Diese stimmen ihre Arbeit aufeinander ab und sollen sich gegenseitig unterstützen. Die so Beteiligten entwickeln ein gemeinsames Pastoralkonzept, um gemeinsame Ziele und Inhalte der pastoralen Arbeit zu definieren.

Dabei kann stärker in den Blick genommen werden, dass es innerhalb der neu entstehenden, größeren Pfarrei, die für die Verwirklichung aller kirchlichen Grundvollzüge Verantwortung trägt, verschiedene Orte des Kirche-Seins gibt. In den auf dem Gebiet der Pfarrei befindlichen Gemeinden gewinnt Kirche im sozialen Nahraum Gestalt. Hier wird sie für die Menschen vor Ort konkret antreffbar. Kirchliches Leben muss deshalb mit Blick auf die Gegebenheiten vor Ort gestaltet werden. An den Orten kirchlichen Lebens, an denen Leben und Glauben geteilt wird (z.B. in Institutionen, Verbänden und Projekten), wird der Glaube ebenfalls mit bestimmten Profilen und speziellen Angeboten konkret.

Ablauf des Veränderungsprozesses

Auf der Ebene des Erzbistums habe ich einen Steuerkreis und einen Entscheiderkreis gebildet, die die Schritte auf dem Weg des Veränderungsprozesses beraten und gestalten. Die zukünftige pastorale Struktur wird von Anfang an mit den Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen vor Ort entwickelt.

Seit Januar 2013 ist im Erzbischöflichen Ordinariat eine Koordinierungsstelle eingerichtet, die bis zum Sommer 2013 den Prozess der Bildung pastoraler Räume im Erzbistum vorstellen wird und darüber hinaus über die gesamte Zeit des Veränderungsprozesses die zentrale Ansprechstelle sein wird.

Ab Sommer 2013 können Pfarrgemeinden im Rahmen einer Findungsphase mit dem Weg der Neuorientierung beginnen, indem sie zunächst die pastorale Situation der eigenen Gemeinde in den Blick nehmen und schauen, mit welchen benachbarten Gemeinden und weiteren kirchlichen Orten ein pastoraler Raum gebildet werden kann. Die Entscheidung zur Bildung eines Pastoralen Raumes wird nach Beteiligung aller Gremien und Beratung im Steuerkreis durch den Erzbischof im Entscheiderkreis getroffen.

Ist ein Pastoraler Raum entschieden, entwickeln die Pfarreien und kirchlichen Einrichtungen mit Hilfe von Moderatorinnen und Moderatoren innerhalb von drei Jahren ein gemeinsames Pastoralkonzept, das vom Erzbischof in Kraft gesetzt wird und mit dem der Rahmen für das Zusammengehen der bisher selbstständigen Pfarreien beschrieben ist..

Der oben beschriebene Weg will die Verantwortung der pastoralen Gestaltung möglichst in die Hand der vor Ort in den Pfarreien und Einrichtungen Tätigen legen. Für den Fall, das aus unterschiedlichen Gründen eine solcher Weg “von unten“ nicht gegangen werden kann, wird das Ordinariat ab Sommer 2016 bei der Errichtung pastoraler Räume die Verantwortung für eine Neugestaltung übernehmen.

Pastorale Räume können und sollen sich unterschiedlich entwickeln, um den Gegebenheiten
vor Ort Rechnung tragen zu können. Dieser offene und partizipative Prozess wird neue und ungewohnte Wege in der Pastoral aufzeigen. Der Gestaltungsspielraum orientiert sich einerseits an den kirchenrechtlichen Rahmenbedingungen und andererseits an finanziellen und personellen Ressourcen, die noch mit Blick auf die unterschiedlichen Gebiete zu beziffern sind.

Zum 1. Advent 2020 soll das Erzbistum dann gut für die Herausforderungen der Zeit aufgestellt und die neue Pfarreistruktur erreicht sein.

Berlin, 11. Januar 2013
Erzbischof Dr. Rainer Kardinal Woelki

Foto: (c) Erzbistum Berlin


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