
Allensbach/Bonn (kath.net) „Zeige mir Deine Freunde, und ich sage Dir, wer Du bist“, lautet ein Sprichwort. Man kann es auch auf Vorbilder beziehen, um dem geistigen und moralischen Profil von Menschen und Gesellschaften auf die Spur zu kommen. Zwar bedeutet die Auswahl nicht unbedingt, dass der Auswählende die gleichen Merkmale wie sein Vorbild verkörpert, aber zumindest die kognitiven Voraussetzungen dafür scheinen mit der Auswahl gegeben zu sein. Was ich bewundere, muss in mir selbst in irgendeiner Weise auch schon angelegt sein, ohne dass das Ideal immer hinreichend handlungsleitend wirken muss. In gewissem Sinne gilt also: Jede Gesellschaft hat die Vorbilder, die sie verdient.
Das Allensbacher Institut für Demoskopie fragte jetzt einen repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt bei Vorlage eines Kartenspiels: „Hier sind noch einmal die Karten mit den Persönlichkeiten, von denen Sie schon einmal gehört haben. Welche davon können Ihrer Meinung nach heute ein Vorbild sein? Bitte nennen Sie mir nicht mehr als drei Namen.“ Auf Rang 1 gelangte mit 39 Prozent Mutter Teresa, gefolgt von Nelson Mandela (30%), Helmut Schmidt und Mahatma Gandhi (29%), Albert Schweitzer (26%) und dem Dalai Lama (23%). Es folgen Willy Brandt und Konrad Adenauer (22%), Sophie Scholl (18%), Barack Obama (17%), Martin Luther (16%) und John F. Kennedy (13%). Papst Benedikt XVI. landet mit 9 Prozent deutlich abgeschlagen auf Rang 15 von 20 möglichen Angaben, knapp hinter dem IT-Unternehmer Bill Gates und der Kommunistin Rosa Luxemburg (10%), knapp vor Steffi Graf (8%) und Michael Schumacher (7%).
Betrachtet man nur die 16-29jährigen, so schieben sich Barack Obama (31%) und Nelson Mandela (29%) vor Mutter Teresa (27%), Willy Brandt (15%) vor Konrad Adenauer und Michael Schumacher (11%), Che Guevara (10%) und Steffi Graf (8%) vor den deutschen Papst (7%). Das zeigt die Richtung an, in die es geht: eher nach links, weiter weg von der Kirche – auch Luther sackt durch den Altersfilter von 19 auf 13 Prozent ab – und hin zu medienpräsenten Stars. Das Verhältnis der religiösen Autoritäten ist klar: fast dreimal mehr Stimmen für den Dalai Lama (19%) als für das Oberhaupt der katholischen Kirche.
Wenn das Christentum bei den Jüngeren überhaupt noch punkten kann, dann mit christlich-humanistischen Vorbildern wie Mutter Teresa oder Albert Schweitzer (16%). Vermutlich schon aus Mangel an Bildung landet Sophie Scholl (15%), eine christliche Märtyrerin der Freiheit, hinter zwei SPD-Kanzlern, die die osteuropäischen Freiheitskämpfer oder chinesische Menschenrechtler im Interesse einer Verständigung mit den herrschenden Diktatoren eher gemieden haben. Am dramatischsten ist übrigens die Generationenkluft bei Adenauer, den die Jüngeren nur zu 11 Prozent nennen – während Willy Brandt, so hebt Allensbach in seinem datengestützten Kommentar hervor, posthum mehr Menschen vorbildlich erscheint als zu seinen Lebzeiten.
Benedikt XVI. weit hinter Margot Käßmann, Entertainern und Sportlern
Da in der Allensbacher Umfrage nur die „Top 3“ der Befragten zählen, darf man keineswegs den Schluss ziehen, der Papst erschiene nur 9 Prozent der Deutschen als vorbildlicher Mensch. Offenere Fragen fallen in den Proportionen allerdings nicht viel anders aus: Als Infratest im Juli 2010 für den SPIEGEL fragte: „Wer verkörpert ein Deutschland, wie Sie es sich wünschen?“, nannten 35 Prozent Benedikt XVI., das ist Rang 16 von 23 Persönlichkeiten, knapp vor Wolfgang Joop, Mario Barth und Heidi Klum, hinter Andrea Berg (36%), Alice Schwarzer (41%), Stefan Raab (44%), Günter Grass und Till Schweiger (50%), weit abgeschlagen durch Charakterschwergewichte wie Christian Wulff (61%) und Karl-Theodor zu Guttenberg (66%), Entertainer wie Thomas Gottschalk (59%), Hape Kerkeling (64%) und Günther Jauch (Rang 1 mit 84%) sowie Sportstars wie Mezut Özil (52%), Franz Beckenbauer (65%), Bastian Schweinsteiger (77%) und Joachim Löw (82%). Auch Bischöfin Margot Käßmann, die wenige Monate zuvor schwer angetrunken in geheim gehaltener männlicher Begleitung eine rote Ampel überfahren hatte, ließ als geeignete Verkörperung Deutschlands Papst Benedikt mit 51 Prozent deutlich hinter sich.
Auch bei einer STERN-Umfrage im Januar 2012 zum Vertrauen in Institutionen landete der Papst mit 29 Prozent im unteren Drittel einer 34er-Liste, zwar vertrauenswürdiger als seine katholische Kirche (21%), aber weit hinter der evangelischen (43%), den Krankenkassen (46%) und Unternehmern (48%), der Stadtverwaltung (56%) und den Meinungsforschungsinstituten (62%), dem Radio (65%) und den Umweltschutzorganisationen (69%) sowie den Spitzenreitern Polizei (82%), Universitäten (77%) und Ärzteschaft (75%).
Der in Deutschland verkannte Papst: Ein Déjà-vu
Die Imageschwäche Benedikts XVI. als Vorbild und Vertrauensperson der Deutschen und insbesondere ihrer Jugend ist nicht singulär in der Geschichte der „Papstdemoskopie“, und sie ist auch nicht nur den antikatholischen Medienkampagnen der Jahre 2009 und 2010 zuzuschreiben. Als die Allensbacher Demoskopen im März 1999 die 18-24jährigen Deutschen fragten: „Hier sind einmal einige Personen aufgeschrieben. Bei welchen würden Sie sagen: Das sind echte Vorbilder, Leute, die man bewundern kann?“, landete Papst Johannes Paul II. mit 11 Prozent der Nennungen auf Platz 26, knapp vor Verona Feldbusch und Michael Jackson, weit hinter Lady Di und Bill Gates, Michael Schumacher, Boris Becker, dem Dalai Lama und Steven Spielberg, Thomas Gottschalk und Madonna. Auch Bill Clinton und Joschka Fischer, Gerhard Schröder und Wolfgang Schäuble galten als bewunderungswürdiger.
Der Anteil der Deutschen aller Altersgruppen, denen Johannes Paul II. „ausgezeichnet“ oder „gut“ gefiel, sank laut Allensbach in den ersten elf Jahren seines Pontifikats von 70 auf 30 Prozent – auf das heutige Popularitätsniveau seines Nachfolgers. Nur „einigermaßen“ oder „wenig/gar nicht“ gefiel der polnische Pontifex am Anfang 12 Prozent der Deutschen, 1989 aber 57 Prozent. Die Ursachen des drastischen Sympathieschwundes erhellt ein anderer Befund: Schätzten 1978 noch 60 Prozent Karol Wojtyla als „eher fortschrittlich“ ein, so waren es 1989 nur noch 24 Prozent, während die Einschätzung, dass er „konservativ“ sei, von 22 Prozent auf 55 Prozent stieg. Selbst der Hälfte der Katholiken gefiel ihr posthum als „der Große“ bewunderte Papst 1989 nur „einigermaßen“ (26%) oder „wenig/gar nicht“ (24%); nur jeder dreizehnte deutsche Katholik fand ihn „ausgezeichnet“, bei den unter 30-jährigen sogar nur 2 Prozent. Vom Idol der katholischen Jugend in Deutschland keine Spur.
„Wenn Sie jetzt einmal an Papst Johannes Paul II. denken, und was Sie über ihn als Mensch wissen“, fragte Allensbach im Dezember 1995, „Würden Sie sagen, Papst Johannes Paul II. ist für Sie persönlich in irgendeiner Hinsicht ein Vorbild, oder würden Sie das nicht sagen?“ 64 Prozent aller Deutschen und 51 Prozent der Katholiken meinten: „Würde ich nicht sagen“, obwohl die Formulierung „in irgendeiner Hinsicht“ ein breites Spektrum an vorbildlichen Attributen eröffnete. Nur 18 Prozent aller Deutschen und 33 Prozent der Katholiken sprachen dem Pontifex in diesem weiten Sinne Vorbildcharakter zu. Selbst unter den kirchennahen Katholiken, die regelmäßig den Sonntagsgottesdienst besuchen, fiel 41 Prozent nichts Vorbildliches an ihrem Kirchenoberhaupt ein.
Demoskopische, historische und wahre Größe
Man tut also gut daran, demoskopische Wasserstandsmeldungen nicht mit der tatsächlichen historischen Größe zu verwechseln, auch nicht mit dem letzten Wort der Geschichtsschreibung – und erst recht nicht mit wahrer Größe „sub specie aeternitatis“. In einer Gesellschaft beliebt zu sein, kann unter bestimmten Umständen geradezu beunruhigend erscheinen und fragen lassen, was man wohl falsch gemacht habe.
Die Aussicht, sich einmal vor Gottes Richterstuhl verantworten zu müssen, mag frühere Generationen mit Furcht erfüllt haben. Für heutige Christen tritt angesichts der emotionalen Schnellgerichte moderner Mediengesellschaften eher die trostreiche Dimension einer höheren Gerichtsbarkeit hervor, die frei machen kann von aller Sorge um „Zeitgemäßheit“, „Anschlussfähigkeit“ und „in“ oder „out“-Sein, oder wie die gängigen Konformitätsvokabeln sonst lauten mögen. Der „entweltlichte“ Christ darf sich im Blick auf das maßgebliche Vorbild Jesu unabhängig fühlen vom säkularisierten „Hosianna“ und „Kreuzige ihn“, die historisch ja sehr nahe beieinander liegen können. Ist diese innere Unabhängigkeit von der Gunst der „Welt“ schon überall im deutschen Katholizismus angekommen?
Wenn nicht: Man wird sich daran gewöhnen müssen. Übrigens auch im Blick auf das Reformationsjubiläum 2017. Dann wird ein transzendenzverdünnter Mainstream-Kulturprotestantismus, schon jetzt politisch dominant und personifiziert durch Pastor Gauck, Pastorentochter Merkel und Luther-„Botschafterin“ Käßmann, als „Konfession der Freiheit“ vollends zur inoffiziellen deutschen Staatsreligion avancieren, indes die tief gespaltene „Papstkirche“, unter einem wahrscheinlich nicht mehr deutschen Pontifex vom Tropf des Nationalgefühls getrennt und als ökumenische Spielverderberin verpönt, sich ihrer „aschenputtelhaften Existenz“ (Jan Roß) im Land der Reformation schmerzlicher bewusst werden dürfte als je zuvor.
Deutschlands Gründe, stolz zu sein auf einen großen Pontifex
Beim dritten Deutschlandbesuch Benedikts XVI. sagte ein im Fernsehen interviewter Jugendlicher: „Die Botschaften dieses Papstes sind nicht von gestern, sondern er ist seiner Zeit weit voraus!“ Der 84-Jährige sei in den sechs Jahren seines Pontifikats zwar nun auch sichtlich gealtert, aber: „Er wird immer besser“, meinte ein anderer. So sehr, dass nach dem markantesten der drei Heimatbesuche von „il Papa tedesco“ eine Sorge aus dem April 2005 wiederkehren konnte: Angesichts des eindrucksvollen Pontifikats Johannes Pauls II. und der „subito santo“-Rufe bei seinem Begräbnis hatte man sich damals gefragt, wer überhaupt in seinen großen Schuhen als Nachfolger würde bestehen können. Nach den wunderbaren Büchern, Katechesen und Enzykliken und den grandiosen Auftritten Benedikts XVI. auf so schwierigem Terrain wie in der Türkei, in Frankreich, Großbritannien, Israel oder im Libanon, im Berliner Reichstag und in einem Konzerthaus voller „Memorandums“-seliger Katholiken kommt man ins Grübeln, wie die intellektuelle, geistliche und charakterliche Klasse dieses Papstes eigentlich noch einmal von einem künftigen Pontifex erreicht werden könnte.
Mehr denn je tun Christen – nicht nur katholische – deshalb gut daran, Gott für diesen „einfachen Arbeiter im Weinberg des Herrn“ als Gnadengeschenk zu danken. Deutschland aber hätte Grund, jenseits aller Nationalfolklore („Wir sind Papst“) vor der Welt stolz zu sein auf einen Mann, der wie kein anderer die besten seiner Traditionen verkörpert: wissenschaftliche Exzellenz, Bildung, Sprachkunst, Tapferkeit, Fleiß, Bescheidenheit, Güte, Frömmigkeit – und Besorgnis und Scham zu empfinden über die Indifferenz, Ignoranz und Intoleranz, die ihm aus weiten Teilen seines Heimatlandes, ja sogar als „sprungbereite Feindseligkeit“ aus seiner eigenen Kirche entgegenschlägt.
Papstsong - offizielle Hymne für den Mexikobesuch von Papst Benedikt: ´Mensajero de Paz´ [Friedensbote]
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Die Last des Papstamts. Ein Lied über Papst Benedikt in der ´Kammer der Tränen´ (Room of Tears)
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