
Frankfurt (kath.net/idea) Rettungsschirme, Schuldenberge und kein Ende der Finanzkrise: Wie kann es mit Europa wieder bergauf gehen? Dazu ein Interview mit dem Leiter Kapitalmarktanalyse von Allianz Global Investors, Hans-Jörg Naumer (Frankfurt am Main). Der 45-Jährige ist verheiratet, Vater von drei Kindern und engagierter evangelischer Christ. Mit ihm sprach Karsten Huhn.
idea: Herr Naumer, die Wirtschaftsbücher unserer Zeit heißen „Finanzmafia“, „Die Pleite-Republik“, „Das Gesetz der Krise“, „Der Crash des Kapitalismus“ und „Sind wir noch zu retten?“ Also: Sind wir noch zu retten?
Naumer: Auf jeden Fall! Ich bin seit 20 Jahren an den Kapitalmärkten tätig, habe schon eine Menge Krisen miterlebt und hoffe, dass wir noch viele Krisen vor uns haben ...
idea:... wie bitte? Warum hoffen Sie das?
Naumer: Das klingt sicher sarkastisch, aber ich bin der Überzeugung, dass jede Krise etwas Gutes mit sich bringt.
idea: Was soll an der jetzigen Finanzkrise gut sein?
Naumer: Wie alle Krisen birgt sie eine „schöpferische Zerstörung“ in sich. Krisen sind Ausdruck einer freien Gesellschaft. Gesellschaften, die nicht offen sind, kennen keine Krisen, sondern befinden sich in der Stagnation – denken Sie etwa an die DDR mit ihren Warteschlangen und mehrjährigen Lieferzeiten für einen Trabi. Dagegen gehören Krisen zum Mechanismus der Marktwirtschaft dazu. Sie sind häufig Wendepunkte und Ausgangspunkt einer neuen Welle des Wachstums. Ich behaupte: Das gilt auch für die derzeitige Krise. Wir sollten also auch das Positive in der jetzigen Situation sehen.
Wir stehen vor einer Wachstumswelle
idea: Bisher zeigen sich nur die Zerstörungen der Finanzkrise. Wo bleibt das Schöpferische?
Naumer: Nehmen Sie nur die Umweltbranche: Die Ökologie hat endlich einen Preis bekommen, und es gibt neue Formen, um Energie zu gewinnen, zu verteilen und sie effizienter einzusetzen. Dies wird zu einer Wachstumswelle führen, die den Planeten nicht mehr ausbeutet, sondern im Einklang mit unserer Umwelt liegt. Das Geld für Investitionen ist vorhanden, denn die Ursache der Krisen der letzten Jahre ist vor allem zu viel Liquidität. Liquidität, die jetzt sinnvoll investiert werden kann.
idea: Während der Finanzkrise haben die europäischen Regierungen zahlreiche Rettungsschirme aufgespannt und Rettungspakete geschnürt. Inzwischen summieren sich die Garantien auf mehr als 500 Milliarden Euro.
Naumer: Die Hoffnung ist natürlich, dass diese Bürgschaften nie eingelöst werden müssen. Diese Garantien sind ein Auffangmechanismus, der zu mehr Stabilität beigetragen hat. Die gute Nachricht ist: Die übertriebene Angst, dass der Euro zerbrechen könnte, geht aus den Märkten heraus. Wir sind zwar noch nicht am Ende der Krise, aber ich sehe bereits große Schritte der Gesundung. Die Botschaft der Rettungspakete ist an den Märkten angekommen: Die europäischen Staaten stehen einander bei, und man kann dem Euro vertrauen.
idea: Die Bundesregierung verspricht Geld, das sie gar nicht hat.
Naumer: Das ist wahr. Wenn die Garantien eingelöst werden müssten, wäre der Steuerzahler gefragt. Aber ohne die Regierungszusagen wäre die Krise viel stärker über uns hereingebrochen.
Griechenland rausschmeißen?
idea: Wäre es nicht einfacher, Griechenland aus der Eurozone rauszuschmeißen?
Naumer: Über die Folgekosten dieses Schrittes können wir nur spekulieren. Es hätte ein fatales Signal an die Kapitalmärkte gesandt. Sie hätten sich gefragt: Welches Land ist als nächstes fällig? So wären neben Griechenland weitere Länder wie Spanien oder Portugal in den Abwärtsstrudel geraten. Und: Die politische Konsequenz wäre nicht zu übersehen: Es wäre ein Zeichen gegen den europäischen Einigungsprozess.
idea: Der FDP-Finanzexperte Otto Fricke hat dazu aufgefordert, dass die Deutschen gegenüber den Griechen Nächstenliebe zeigen sollten. Zu Recht?
Naumer: Ja, so lehrt uns das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Nächstenliebe bedeutet aber nicht nur, dem anderen in der Not zu helfen, sondern ihn auch zu lehren, wie er diese Not künftig vermeidet, etwa indem Griechenland seine Wirtschaft reformiert, den Staatshaushalt saniert und Schulden abbaut. Das Prinzip der Eigenverantwortung muss neu verankert werden.
Der deutsche Schuldenberg
idea: Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte mit Blick auf die Finanzkrise: „Man hätte einfach nur die schwäbische Hausfrau fragen sollen. Sie hätte uns eine Lebensweisheit gesagt: Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben.“
Naumer: Ich bin mit einer schwäbischen Hausfrau glücklich verheiratet und kann diese Weisheit nur bestätigen. Deshalb bereitet es mir zunehmend Sorge, dass die Staaten nach wie vor über ihre Verhältnisse leben und die Schulden weiter wachsen.
idea: Deutschland schuldet seinen Gläubigern mehr als zwei Billionen Euro ...
Naumer: ... dabei sind das nur die expliziten Staatsschulden. Tatsächlich sind unsere Schulden jedoch etwa zweieinhalb Mal höher, weil der Staat Verpflichtungen eingegangen ist, die erst in Zukunft fällig sind, etwa für Pensionen und Sozialversicherungen.
Unsere Kinder haben keine Lobby
idea: Warum hat die schwäbische Hausfrau keine Chance, sich in der Politik durchzusetzen?
Naumer: Das frage ich mich auch. Aber es ist für Politiker eben immer einfacher, Schulden zu machen, als Ausgaben zu kürzen oder die Steuern zu erhöhen. Unsere Kinder und die zukünftigen Generationen haben keine Lobby.
idea: Die Deutschen sitzen auf einem Vermögen von 10 Billionen Euro. Warum führen wir die Vermögenssteuer nicht wieder ein?
Naumer: Aus mehreren Gründen:
1. Von dieser Summe müssen sie zunächst die Schulden der Privathaushalte in Höhe von etwa ca. 2,5 Billionen Euro abziehen.
2. Wollen Sie die Leute bestrafen, die etwas Geld zur Seite gelegt haben?
3. Das Privatvermögen ist vielfach in Firmenanteilen gebunden. Wenn sie diese besteuern, gefährden sie den Bestand zahlreicher Unternehmen.
4. Sie besteuern die Substanz, denn das Privatvermögen wurde bereits durch Einkommenssteuer, Kapitalertragssteuer oder Abgeltungssteuer besteuert.
idea: Es täte einem Milliardär doch nicht weh, wenn der Staat ihm ein paar Millionen abknöpft.
Naumer: Aber das löst die Finanzprobleme des Staates nicht – denn so viele Milliardäre haben wir nicht – und ich bin auch dagegen, „die Reichen“ oder „die Banker“ zu stigmatisieren, wie es in letzter Zeit häufig geschieht.
Die Verantwortung der Banker
idea: Immerhin haben die Banker uns die Krise eingebrockt.
Naumer: Darüber sollten wir noch einmal nachdenken. Unbestritten ist, dass die Banken an der Finanzkrise mitgewirkt haben. Der Ursprung der Krise in den USA liegt aber im Hausbauprogramm unter der Regierung von Bill Clinton, das Banken verpflichtete, Kredite zu geringen Zinssätzen an einkommensschwache Haushalte zu vergeben. Dazu kam dann noch die Geldpolitik der Zentralbank, die das Rad erst so richtig ins Rollen brachte. Und die Schuldenkrise in Europa ist klares Staatsversagen durch zu hohe Verschuldung.
idea: Sie wollen die Banker reinwaschen.
Naumer: Nein, ich will unsere Probleme sauber analysieren. Natürlich tragen die Banken an der Finanzkrise eine Mitschuld. Zugleich ist aber die überwiegende Zahl der Bankmitarbeiter für die Krise nicht verantwortlich. Ich wehre mich deshalb gegen die Sündenbock-Mentalität, die sich gegen Banker richtet.
idea: Haben die verantwortlichen Banker inzwischen dazugelernt? Lernen Sie denn aus Krisen?
Naumer: Ich hoffe, doch.
idea: Und für wie lange?
Naumer: Banker sind Menschen wie alle anderen auch: Wir pendeln emotional zwischen Angst und Gier, und wir neigen dazu, unsere Probleme zu vergessen und zu verdrängen.
Finanzielle Massenvernichtungswaffen
idea: Der reichste Mensch der Welt, der US-amerikanische Investor Warren Buffet, sprach mit Blick auf die neumodischen Finanzprodukte, die kaum noch jemand versteht, von „finanziellen Massenvernichtungswaffen“. Warum sind diese nicht längst verboten?
Naumer: Wenn es so einfach wäre! Diese Derivate dienen auch als Versicherungen gegen Kreditausfälle, sie haben also auch ihre guten Seiten. Zudem können sie weltweit gehandelt werden – mit einem Verbot käme man ihnen auch nicht bei. Woran derzeit aber gearbeitet wird, ist, die Bankenaufsicht zu verstärken, etwa dass Banken für ihren Handel mit Wertpapieren mehr Sicherheiten hinterlegen müssen und dass der Derivatehandel insgesamt transparenter wird.
„Gold ist einfach eine Religion“
idea: Was sollte ein Privatanleger tun, der etwas Geld übrig hat? Gold kaufen, Aktien erwerben oder es lieber gleich bei einer Weltreise verjubeln?
Naumer: Eine Weltreise ist immer gut, das erweitert den Horizont. Gold? Gold ist einfach eine Religion. Wir glauben daran, dass Gold einen Wert hat. Dahinter steht aber nichts als ein Metall, das schön glänzt. Genauso gut könnten wir schöne Muscheln kaufen. Angesichts der niedrigen Zinsen scheint es mir daher am sinnvollsten, in Unternehmen zu investieren, indem man Aktien erwirbt.
idea: Nach dem Auf und Ab der letzten Jahre an den Börsen haben die meisten Deutschen von Aktien erst mal die Nase voll.
Naumer: Das bedauere ich sehr. Um mit Aktien Erfolg zu haben, genügen drei einfache Grundsätze: 1. Setze niemals auf eine Aktie, sondern streue dein Vermögen breit.
2. Lege dein Geld langfristig an.
3. Lass dich nicht von kurzfristigen Schwankungen verrückt machen, sondern bleibe gelassen. Wer diese Regeln befolgt, wird am Wirtschaftswachstum teilhaben und übersteht auch Krisen.
Angela Merkel und die Krise
idea: In ihrer Neujahrsansprache am 31. Dezember 2009 sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Wir können mit guten Gründen hoffen, dass Deutschland diese Krise meistern wird; dass unser Land stärker aus ihr hervorgehen wird, als es in sie hineingegangen ist; dass sich eine solche Krise nie mehr wiederholt.”
Naumer: Ich habe großen Respekt vor dem Krisenmanagement von Frau Merkel und ich teile ihre Zuversicht. Derzeit haben wir in Deutschland die geringste Arbeitslosigkeit seit der Wiedervereinigung, und ich glaube auch, dass nicht nur Deutschland, sondern Europa insgesamt stärker aus der Krise hervorgehen wird.
idea: Bei ihrer jüngsten Neujahrsansprache klang die Bundeskanzlerin nicht mehr ganz so optimistisch. Sie sagte: „Die Krise ist noch längst nicht überwunden. Und auch international muss noch mehr getan werden, um die Finanzmärkte besser zu überwachen. Die Welt hat die Lektion der verheerenden Finanzkrise von 2008 noch nicht ausreichend gelernt.“
Naumer: Europa hat den Tiefpunkt hinter sich und die finanzielle Kernschmelze verhindert. Aber die Aufräumarbeiten laufen weiter.
Machen Christen einen Unterschied?
idea: Sie sind als Christ in der Finanzwelt tätig. Machen Christen dort einen Unterschied, oder sind sie nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?
Naumer: Das klingt so, als wäre ich der einzige Goldfisch in einem Haifischbecken – und so ist es sicher nicht. Als Christ versuche ich, die Prinzipien des ehrbaren Kaufmanns – Ehrlichkeit, Wahrheit, Vertrauen – zu leben. Damit bin ich in der Finanzbranche Gott sei Dank nicht alleine. Dass Deutschland wirtschaftlich so gut dasteht, hängt mit Sicherheit damit zusammen, dass unsere Gesellschaft auf christlichen Werten aufbaut.
idea: In den 90er Jahren hatte die Deutsche Bank das Motto: „Vertrauen ist der Anfang von allem“. Dieses Vertrauen hat sie inzwischen verspielt. Zuletzt wurde die Zentrale in Frankfurt am Main wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung durchsucht.
Naumer: Egal, wo Sie arbeiten: Überall gibt es fehlbare Menschen. Natürlich gilt das Strafgesetzbuch, und Verfehlungen müssen bestraft werden. Zugleich gilt aber auch hier: „Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein“ (Johannes 8,7).
Wie verhindere ich Krisen im Privatleben?
idea: Krisen nehmen nicht nur in der Wirtschaftswelt, sondern auch im Privatleben zu: „Scheidung ist für viele Topmanager der Preis der Karriere“, schreibt das „Manager Magazin“. Das „knallharte Zeitregime der Konzerne“ führe zu „verpfuschten Familienleben“.
Naumer: Nicht nur in meiner Branche, auch sonst in meinem Bekanntenkreis erlebe ich, dass die Schnelllebigkeit unheimlich zugenommen hat. Die Versuchung, seinem Beruf komplett zu erliegen und sein Familienleben dafür zu opfern, ist sehr groß. Diesen Preis würde ich auf keinen Fall zahlen wollen. Mein Glück ist, dass mein Beruf auch meine Berufung ist, aber mein inneres Gleichgewicht wäre dahin, wenn meine Kinder und meine Frau sich nicht mehr freuen würden, wenn ich nach Hause komme. Ich brauche einen Ort, an dem ich mich mit völlig anderen Dingen beschäftige als mit meinem Beruf. Das ist zum einen meine Familie und sicher auch meine Kirchengemeinde. Vielleicht muss man eine Weile suchen, aber ich weiß, dass es in ganz Deutschland Gemeinden gibt, die alles andere als langweilig sind. Wenn ich einen „Glücks“-Ratgeber schreiben müsste, wären das meine zwei wichtigsten Tipps:
1. Pflege Deine Familienbeziehungen.
2. Suche Dir eine Gemeinde mit einem guten Gottesdienst. Beides sind die besten Investitionen, die ich mir denken kann.
idea: Vielen Dank für das Gespräch!
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