21 Dezember 2012, 08:45
O-Antiphone als Initialzündung zu Tolkiens 'Hobbit'
 
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Zum christlichen Hintergrund von Tolkiens Werk: Die Geschichte hinter „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ beginnt mit den adventlichen Sehnsuchtsrufen der römischen Liturgie. Ein Gastbeitrag von Michael Hageböck

Freiburg (kath.net)
1913, in seinem zweiten Studienjahr, J. R. R. Tolkien war gerade volljährig geworden und hatte ins Institut für englische Sprache und Literatur gewechselt, stieß er im vierten Abschnitt des “Crist” von Cynewulf auf einige Verse, die ihn elektrisierten:

104 Éala Éarendel, engla beorhtast,
105 ofer middangeard monnum sended,
106 ond soðfæsta sunnan leoma,
107 torht ofer tunglas, þu tida gehwane
108 of sylfum þe symle inlihtes!
109 Swa þu, god of gode gearo acenned,
110 sunu soþan fæder, swegles in wuldre
111 butan anginne æfre wære,
112 swa þec nu for þearfum þin agen geweorc
113 bideð þurh byldo, þæt þu þa beorhtan us
114 sunnan onsende, ond þe sylf cyme
115 þæt ðu inleohte þa þe longe ær,
116 þrosme beþeahte ond in þeostrum her,
117 sæton sinneahtes; synnum bifealdne
118 deorc deaþes sceadu dreogan sceoldan.

In einer deutschen Übersetzung des “Crist” von 1857 liest sich eine Auswahl dieser Zeilen so:

O du Edelglanz […] (V 104)
du leuchtest von dir selber immerdar (V 107)
du sicher wahrer Sonnenglanz (V 106)
[wir flehen] dass du selber kommst und uns erleuchtest
die wir […] im Düster hier saßen (V115-116)
und die Todesschatten tragen mussten (V 118)

Die angelsächsische Dichtung gab einen Text wider, der Tolkien bekannt vorkam. „Éala Éarendel“ ist eine Referenz an die Antiphon vom 21. Dezember, welche im lateinischen Original lautet:

O Oriens,
splendor lucis aeternae,
et sol justitiae,
veni, et illumina
sedentes in tenebris
et umbra mortis.

Im Deutschen singen wir das Lied üblicherweise so:

O Aufgang,
Glanz des ewigen Lichtes,
du Sonne der Gerechtigkeit,
komm, o Herr, und erleuchte uns,
die wir sitzen in Finsternis
und im Schatten des Todes.

Tatsächlich stellt der “Crist” von Cynewulf eine Nachdichtung der adventlichen O-Antiphonen dar. Seine Abschnitte I bis VI, VIII und IX paraphrasieren die einleitenden Verse zum Magnificat bei der Vesper an den sieben Tagen vor Weihnachten. Es handelt sich hierbei um Titel, unter denen der Messias im Alten Testament geweissagt wurde. Während die Sehnsuchtsrufe "O Sapientia", "O Adonai" und "O Radix Jesse" im “Crist” fehlen, sind die restlichen der ursprünglich zwölf Invokationen erhalten: “O Virgo virginum”, “O Gabriel”, “O Rex pacifice”, “O Mundi Domina”, und “O Hierusalem”.

Cynewulfs Nachdichtung stammt aus dem 9. Jahrhundert, die O-Antiphonen im Stundengebet der Kirche datieren mindestens 200 Jahre früher. J.R.R. Tolkien kannte sie nicht nur aus der Adventszeit, sondern auch aus dem Gebetsbüchlein von Kardinal John Henry Newman, in dem der Selige die Eingangsverse der sieben Anrufungen verschiedenen Wochentage zuordnete, um sie abwechselnd in der Sakramentsandacht zu gebrauchen. Tolkien war als Vollwaise in Newmans Oratorium aufgewachsen. Voller Rührung erinnert er sich, wie er das bekannte Gebet in der frühen Dichtung seiner Vorfahren entdeckte: „Ich fühlte mich auf seltsame Weise beflügelt, als ob sich in mir etwas geregt habe, halb aus dem Schlaf erweckt. Da steckte etwas ungeheuer Fernes, Wundersames und Schönes hinter diesen Worten, weit jenseits des archaischen Englisch.“

Den Studenten interessierte aber nicht nur die Übertragung eines liturgischen Textes in die Landessprache, vielmehr beflügelte der angelsächsische Wortgebrauch so sehr seine Phantasie an, dass daraus die Hintergrundgeschichte von „Der Herr der Ringe“ erwuchs. Insbesondere die Begriffe „Éarendel“, „sæton sinneahtes“ aber auch „middangeard“ beeinflussten sein mythopoetisches Schaffen erheblich. Tolkiens Biograph Humphrey Carpenter sieht ebenso wie Christopher Tolkien (Verschollenen Geschichten II) den „Crist“ als Initialzündung für den Mythos hinter den Hobbit-Abenteuern.

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Éala Éarendel: O Oriens
„Éarendel“ entsprach „Oriens“ und stand für den Morgenstern, den Aufgang, den Edelglanz. Den lateinischen Ausdruck finden wir im Neuen Testament ausschließlich beim Lobgesang des Zacharias: „Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe.“ (Lk 1,78; vgl. Jes 60,1) Hier ist klar, dass von Jesus die Rede ist, dem wahren Licht, das in die Welt kam, um jeden Menschen zu erleuchten (Joh 1,9). Um aber „oriens“ als „stella matutina“ zu verstehen, müssen wir die Geheime Offenbarung bemühen: „Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt als Zeugen für das, was die Gemeinden betrifft. Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der strahlende Morgenstern.“ (Offb 22,16; vgl. Psalm 110,3-4) In diesem Interpretationsrahmen erscheint Christus als der von Bileam geweissagte Stern aus dem Haus Jakob (Num 24,17), zugleich ist er jedoch die Sonne der Gerechtigkeit (Mal 3,20).

Der Kontext des „Crist“ variiert zum biblischen. „Éala Éarendel, engla beorhtast, / ofer middangeard monnum sended“ wird von Humphrey Carpenter übersetzt mit: „Heil Éarendel, strahlendster der Engel, über der mittleren Erde den Menschen gesandt.“ Als Philologe argumentiert Tolkien am Text. Das Wort „Éarendel“ deutet für ihn „stark darauf hin, dass es ursprünglich ein Eigenname und kein gewöhnliches Substantiv ist. Dies wird bestätigt durch die offenbar verwandten Formen in anderen germanischen Sprachen, aus denen bei allen Verwechslungen und Entstellungen späterer Überlieferungen zumindest soviel sicher hervorzugehen scheint, dass es zu einem astronomischen Mythos gehörte und der Name eines Sterns oder einer Sternengruppe war. Nach meiner Auffassung scheinen die angelsächsischen Belege klar zu besagen, dass es ein Stern war, der die Morgendämmerung ankündigte (jedenfalls in der englischen Überlieferung), das heißt der, den wir heute Venus nennen: der Morgenstern.“

Einerseits wird „Éarendel“ von Tolkien für eine Person gehalten, andererseits denkt er an einen Stern. Selbstverständlich sind Menschen keine Himmelskörper und Himmelskörper keine Götter; allerdings weist im Matthäus-Evangeliums ein Stern auf den Gottmenschen hin.

Rätselhaft ist außerdem, welche Formen von „Éarendel“ Tolkien in anderen germanischen Sprachen meint und welche astronomischen Mythen damit verwoben sein sollen. Aus einer nordischen Sage kannte unser Schriftsteller den Helden Aurvandill, dessen Zeh abbricht, nachdem Thor ihn aus einem eisigen Fluss rettet. Kurzerhand schleudert der germanische Gott das Gliedmaß in den Himmel, wo seither der Stern Aurvandils tá leuchtet. Nicht nur der Name, sondern auch der Himmelskörper kann mit Éarendel assoziiert werden. Noch näher an dem angelsächsischen Begriff ist die deutsche Legendenfigur Orendel, im Spätmittelalter „erster der Helden“ genannt, dessen Geschichte mit dem Heiligen Rock Jesu verwoben ist. Der Mediävist Rudolf Simek deutet ihn als Hinweis auf den Morgenstern und als Vorkämpfer des Tages.

Der “Crist” von Cynewulf war für Tolkien ein Text, der zum Nachdenken über Herkunft und Bedeutung einzelner Wörter anregte. Ebenso wie das Wort Hölle der germanischen Unterwelt Hel entlehnt wurde, um den Ort der Verdammnis zu bezeichnen, schwang auch beim angelsächsische „Éarendel“ etwas anderes mit als beim lateinischen „oriens“. Tatsächlich sind Übersetzungen niemals wirklich homosem (also völlig kongruent), sondern lediglich Annäherungen an den zu übertragenden Inhalt. Dies gilt besonders dann, wenn man auf heidnisch geprägte Begriffe zurückgreifen muss, um Inhalte der Offenbarungsreligion auszudrücken.

In einer Fußnote vermerkt der Sprachwissenschaftler zu unserem Thema etwas kryptisch: „Die älteste überlieferte Form ist Eärendil (oer-), später Éarendel, eorendel. Meist in Glossen über jubar = leoma; auch über aurora. Aber auch in Blick[ling] Hom[ilies] 163, se níw éorendel, mit Bezug auf St. Johannes den Täufer; und ganz besonders Crist [Vers] 104; Éala! Éarendel engla beorhtast ofer middangeard monnum sended. Oft angenommen, dass es sich auf Christus (oder Maria) bezieht, aber Vergleich mit Bl. Homs. spricht für Beziehung auf den Täufer. Die Zeilen beziehen sich auf einen Herold und göttlichen Boten, eindeutig nicht auf den soðfæsta sunnan leoma = Christus.“

Im Vergleich der beiden relevanten Stellen kommt Tolkien zu dem Ergebnis, dass Éarendel zwar auf den Gottessohn in Vers 106 hinweise, Eingangsvers 104 selbst aber eher Johannes den Täufer meine. In der kirchlichen Ikonographie deutet der Stern auf den Heiland, hat allerdings seinen Platz auch im Marienbild, wo er attributive Verwendung findet, insbesondere bei der Immaculata als apokalyptische Frau - eine Darstellung, welche (wie meist bei der Gottesmutter) einen direkten christologischen Bezug aufweist. Die Allerseligste Jungfrau ist die stella maris, keineswegs aber stella matutina. Sogar in der Bibel kann die Stern-Metapher nicht durchgängig einer Person zugeordnet werden (vgl. insb. Jes 14,12).


Éarendel wird Eärendil
Tolkien spürte, dass er Cynewulfs „Crist“ nicht näher kam, wenn seine Unschärfe, Vielschichtigkeit und Doppeldeutigkeit in eine wissenschaftliche Analyse umgegossen wurde. Damit verlöre die Dichtung an Dichte. Es charakterisiert Tolkiens Schaffen, dass er sich mit seinen Stoffen im Modus der Schönen Literatur auseinander setzte, fabulierte, selbst in seinen Essays anschauliche Vergleiche oder mitunter sogar allegorische Geschichten einbaute. Statt eines Vorwortes für „The Golden Key“ von George MacDonald schrieb er die Faerie [so korrekt? = fairy tale?] „Der Schmied aus Großholzingen“. Während keine theoretische Auseinandersetzung Tolkiens mit dem Drachentöter Siegfried oder König Arthur überliefert ist, werden posthum Nachdichtungen verlegt, die als interpretatorische Rezeption verstanden werden müssen: „The Legend of Sigurd and Gudrun“ (2009), „The Fall of Arthur“ (2013).

Hinsichtlich seiner schöpferische Auseinandersetzung mit dem „Crist“ verfasste Tolkien folgende Notiz: „Vor 1914 schrieb ich ein ,Gedicht‘ über Éarendel, der mit seinem Schiff wie ein blitzender Funke aus dem Hafen der Sonne auslief.“ Fünf Fassungen sind erhalten, welche „Die Fahrt von Éarendel, dem Abendstern“ zum Inhalt haben. Abendstern deshalb, weil die damit gemeinte Venus bis zu sieben Monaten hinter einander erst ab Sonnenuntergang zu sehen ist, während sie (je nach Position) manchmal unsichtbar bleibt, die längste Zeit hindurch jedoch vor dem Morgengrauen als hell leuchtendes Objekt am Himmel steht. Jedenfalls handelt es sich beim Morgen- und Abendstern um das gleiche Gebilde. Seine ersten Hymnen über Éarendels Schifffahrt durch das Firmament titelte Tolkien mit einem Zitat aus dem „Crist“: „Éalá Éarendel Engla Beorhtast“. Damit ist der direkte Bezug seiner eigenen dichterischen Tätigkeit mit dem angelsächsischen Text nachgewiesen.

Die verschiedenen Versionen belegen, wie intensiv unser Schriftsteller an seinem Thema arbeitete. Schließlich wuchs etwas Selbständiges daraus. Tolkien beschreibt, dass sich Éarendel zu einer Person seines Legendariums ausformte: „Ich adoptierte ihn für meine Mythologie - in der er zum Urbild eines Seefahrers und schließlich zum Botenstern, zum Hoffnungszeichen für die Menschen wurde.“

Die Funktion des Boten kann man sogar aus dem Cynewulf-Text herauslesen, insofern das angelsächsische „engla“ einen Angelos (griech., Boten) meint. Schließlich wuchs Éarendel mit anderen Geschichten Tolkiens zusammen, „aber der Name konnte nicht einfach so übernommen werden: Er musste in die Sprachsituation des Elbischen eingefügt werden, während zugleich in der Sage für diese Person ein Platz gefunden werden musste.“

Unser Schriftsteller erklärt: „Eärendil wurde zu einer Figur in der am frühesten (1916/17) niedergeschriebenen unter den größeren Sagen: The Fall of Gondolin, der größte der Pereldar, der »Halbelben«, der Sohn von Tuor aus dem berühmtesten Haus der Edain und Idril, der Tochter des Königs von Gondolin.“ Die Lautverschiebung von „e“ auf „i“ führt uns gemäß der bereits oben zitierten Ausführung in eine ältere Sprachschicht: „Eärendil“ hielt Tolkien für die ursprüngliche, germanische Form. Diesen Namen trägt auch der Held in Bilbos Ballade, welche der Hobbit in Rivendell (Bruchtal) zu Gehör bringt: „Eärendil hieß ein Schiffer kühn“ erzählt, wie der gleichnamige Abenteurer mit dem letzten Silmaril jenseits von Mond und Sonne durch den küstenlosen Himmel ziehen muss, als „heller Schein, der nie verblasst […] ganz allein, ein heller Stern […] Ein Herold, seinem Auftrag treu, / Das Licht zu tragen durch die Zeit, / Der Flammifer der Westernis.“

Besondere Erwähnung verdient der Umstand, dass Mister Beutlin sein Lied in Elronds Hallen vorträgt. Elrond ist gemäß Tolkiens Genealogie der Sohn Eärendils, von dem wir eben hörten. Hinsichtlich der Stammbäume ist außerdem bemerkenswert, dass der erste Mensch in Tolkiens Mythologie Beor heißt. Er kommt aus dem Osten und man könnte einen Zusammenhang sehen mit Beor, dem Vater des heidnischen Propheten Bileam, dessen Prophezeihung des Sternes aus dem Haus Jakob wir bereits oben erwähnten. Nach Tolkiens Selbstverständnis, wonach seine Erzählungen in einer fiktiven Prähistorie unserer Welt spielen, ist ein solcher Verweis durchaus sinnvoll, zumindest wenn man den biblischen Bericht ernst nimmt, dem zu Folge das Menschengeschlecht beim Turmbau in Mesopotamien noch vereint war, sich aber von dort aus in alle Himmelsrichtungen verstreute. Allmählich begann es im Osten zu dämmern, doch als im Orient der Stern des Heils aufging, herrschte im Norden Europas noch Jahrhunderte lang Nacht. Dass im Plan Gottes aber auch die Nordeuropäer ihren Platz haben, dies deutet Tolkien an, wenn er beispielsweise in der Figur Eardendils die Fäden unterschiedlicher Überlieferungen zusammen laufen lässt.

Breit stellt unser Schriftsteller die Vorgeschichte seiner Erzählungen von der Schöpfung bis zu einem sintflutartigem Ereignis dar. Im „Hobbit“ erfahren wir kaum etwas davon (ausgenommen den beiläufigen Hinweisen auf Gondolin, Elrond und dem Nekromanten Sauron); weitaus häufiger wird in „Der Herr der Ringe“ auf solche Dinge Bezug genommen. Insbesondere die zahlreichen Gedichte, welche man bei der flüchtigen Lektüre gerne überliest, skizzieren jenen Hintergrund, der in den „Anhängen“ zusammenhängend dokumentiert und im „Silmarillion“ ausführlich erzählt wird.

Das „Silmarillion“ beinhaltet den Mythos hinter den Hobbit-Erzählungen und lässt sich auf eine Historie der Elbenvölker herunterbrechen, auf die Wanderung ihrer Stämme und die Geschichte ihrer Sprachen - oder anders gesagt: Der Darstellung der gefallenen Welt, ihrer Brüche und Niedergänge im Spiegel einer fiktiven Ethnie und ihrer Linguistik. Referenzpunkt für die Kategorisierung der Elbenvölker ist ihre Nähe zum Licht. Zwei Lampen erhellten in Tolkiens Mythos einst die Welt; nach deren Zerstörung schien ein Abglanz davon in zwei Bäumen, doch auch diese wurden vernichtet und zuletzt bewahrten drei Edelsteine, die Silmaril, einen Glimmer des ursprünglichen Leuchtens. Den letzten dieser Steine trägt Eärendil mit einer Botschaft ins Segensreich, fleht um Hilfe bei den engelhaften Valar, worauf er als Flammifer der Westernis, als Zeichen der Hoffnung, mit seinem Schiff und dem Stein auf eine Himmelsbahn gesetzt wird.

Was Tolkien hier erzählt hat mehrere Ebenen. Die literarische wurde ebenso wie die theologische bereits angedeutet; kurz skizziert sei an dieser Stelle auch die sprachliche. Während die Gebrüder Grimm nicht in der Lage waren, exakt zwischen Zwergen, Alben und Elben zu unterscheiden, schrieb Tolkien Geschichten von den Lichtelben (Vanyar) und ihrem hochsprachlichen Quenya, von den Grauelben (Sindar) aus dem Stamm der Teleri (den Nachzüglern), ihren vielen Abspaltungen und Sprachen. Jene Elbenvölker, welche nie das Licht der beiden Paradiesbäume erblickten, werden allesamt Moriquendi (Dunkelelben) genannt. Stets geht es unserem Schriftsteller um das Licht als Metapher für das Gute und die Dunkelheit als privatio boni, um eine Welt, die in sich selbst verstrickt ist und lediglich durch das Laubwerk verwachsener Bäume das Funkeln der Sterne schaut. Diese Himmelskörper hoch oben am Firmament sind jedoch, wie Sam im Lande Mordor bemerkt, ein Symbol der Zuversicht, weil sie eine Macht repräsentieren, der kein Feind Schaden zufügen kann. Ihr Licht ist rein und ungebrochen.

Heller als die Sonne
Im „Herrn der Ringe“ überreicht Galadriel Frodo eine Phiole, in der „das Licht von Eärendils Stern eingefangen“ wurde mit den Worten: „Möge es dir ein Licht sein an dunklen Orten, wenn alle anderen Lichter ausgehen.“ Tatsächlich bringt Sam diese Phiole in Kankras Lauer zum Einsatz und rettet (ohne zu wissen, was er da sagt) seinen Herrn mit den Worten: „Aiya Eärendil Elenion Ancalima!“ Tolkiens englische Übersetzung dazu lautet: „Hail Eärendil brightest of stars!“ Fast wörtlich hören wir die Worte aus Cynewulfs “Crist”: „Heil Éarendel, hellster der Sterne!“

Man fragt sich, was die Verse aus der angelsächsischen Adventsdichtung mit den Hobbits zu schaffen haben? Tolkiens Mythos ist in einigen Punkten erstaunlich nah am Wortlaut der Bibel und seiner Exegese durch die römische Liturgie. Papst Benedikt macht in seinem neuen Buch darauf aufmerksam, dass die Heilige Schrift eine klare Entmythologisierung vollzieht, „wenn der Schöpfungsbericht in großartiger Nüchternheit Sonne und Mond - die großen Gottheiten der heidnischen Welten - als Lampen bezeichnet.“ Eben solche Gedanken griff Tolkien auf, wenn auch bei ihm die ursprünglichen Lichter Lampen sind (vgl. Gen 1,15-17). In der Bibel taucht der Begriff Sonne zum ersten Mal im 15. Kapitel der Genesis bei Abraham auf - also längst nach der Sintflut. In dem Legendarium unseres Schriftstellers sind Sonne und Mond Zeichen der gefallenen Welt, deren eigentliches Licht längst verloschen ist. Ihr Licht stammt von den letzten Tautropfen der Paradiesesbäume.

Ferner erinnert der Heilige Vater in seinem Buch über die Kindheitsgeschichten Jesu daran, dass bereits Ignatius von Antiochien „Sonne und Mond einen Reigen um den Stern aufführen sieht“, der biblisch gesehen Christus meint. Selbstverständlich kommt dem Logos, dem Schöpferwort, ein unendlich höherer Rang zu als sämtlichen Himmelskörpern, die ja allesamt von ihm geschaffen wurden. Dies wird im Epiphanie-Hymnus „Qvicumque Christum quæritis“ klar zum Ausdruck gebracht:

Ihr alle, die ihr Christus sucht,
erhebt Eure Augen zum Himmel -
dort könnt ihr sehen
das Zeichen der ewigen Herrlichkeit.

Dieser Stern, der das Rad der Sonne
an Pracht und Leuchtkraft übertrifft,
verkündet, dass auf Erden gekommen ist,
Gott in irdischem Fleisch.

Dieser dient nicht den nächtlichen Gewalten
und folgt nicht dem Wandel des Mondes –
als alleiniger Herr des Himmels
bestimmt er den Gang der Tage.

Mit diesen Strophen ließ Clemens Aurelius Prudentius bereits im vierten Jahrhundert vernehmen, was Papst Benedikt XVI. jetzt so formuliert: „Nicht der Stern bestimmt das Schicksal des Kindes, sondern das Kind lenkt den Stern. Wenn man so will, kann man von einer Art anthropologischer Wende sprechen: Der von Gott angenommene Mensch, so zeigt sich hier an seinem eingeborenen Sohn, ist größer als alle Mächte der materiellen Welt und mehr als das ganze All.“

Im zweiten Jahrhundert erklärte Clemens von Alexandrien, dass der Sohn Gottes mächtiger sei als alle Gezeiten des Mondes: „Sei gegrüßt, o Licht! Uns, die wir in Finsternis begraben lagen und im Schatten des Todes eingekerkert, leuchtet vom Himmel ein Licht auf, reiner als das Licht des Helios und süßer als das Leben hienieden. Dieses Licht heißt: Ewiges Leben.“

Mittelerde im Schatten des Todes
Unversehens entdeckt der aufmerksame Leser weitere Bezüge zu Cynewulf und damit zu Tolkien. Es geht um die „deorc deaþes sceadu“ in Vers 119 des “Crist”, jene „Schatten des Todes“, welche auch der heilige Clemens erwähnt. Im „Silmarillion“ finden wir diesen Ausdruck in der Geschichte von Beren und Luthien, also jener Episode, wo es um die Rückgewinnung der Edelsteine geht, nachdem der Widersacher sie in seinen Besitz gebracht hat: „Unter den Erzählungen von Leid und Verfall, die aus dem Dunkel jener Tage auf uns gekommen sind, finden sich doch manche, wo inmitten der Tränen auch die Freude Raum hat und im Schatten des Todes das Licht brennt, das dauert“.

„Der Schatten des Todes“ ist ein biblischer Ausdruck, etwa in der bereits eben erwähnten Stelle im Lukas-Evangelium: „Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens.“ (Lk 1,78f.) Jenes Licht, von dem uns der Johannes-Prolog erzählt, jener Stern aus dem Haus Jakob, leuchtet nun auf über den Völkern. Deswegen verweist der Heilige Vater auch darauf, dass die Heiden, welche durch den Stern an die Krippe geführt wurden, von allen Enden der Welt kommen: Die „magi ab oriente“ (Mt 2,1) werden „als Könige der drei damals bekannten Kontinente interpretiert: Afrika, Asien, Europa.“ Selbst aus dem äußersten Westen Spaniens, aus Tarschisch (Psalm 72,10), kommen die Weisen, um den im Osten geborenen Erlöser anzubeten. Der Morgenstern ging auf, um über dem Abendland zu leuchten.

Wenn Tolkien auf den Sagenschatz seiner Heimat ebenso zurückgreift wie auf ihre frühen christlichen Texte, dann scheint für ihn selbstverständlich, „dass die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören und an derselben Verheißung in Christus Jesus teilhaben durch das Evangelium.“ (Eph 3,6) In Brief 45 begründet unser Schriftsteller seine Liebe zu den Angelsachsen sogar damit, dass die Europäer außerhalb des Römischen Reichs nirgendwo früher geheiligt und christianisiert worden sind als in England. Von dort aus geschah die Missionierung des Festlandes. Der heilige Wynfreth von Crediton (Bonifatius) berichtet von seiner Aussendung durch Papst Gregor II. „nach der Gegend des Abendlandes (in partibus Esperiarum), zur Erleuchtung des im Schatten des Todes hausenden Volkes von Germanien.“ Fast möchte man Jeremias 31,8 als eine Verheißung für Europa deuten: „Ich bringe sie heim aus dem Nordland und sammle sie von den Enden der Erde.“

In Anlehnung an Tolkien darf auch über den Okzident gesagt werden: „Das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen.“ (Mt 4,16) Die Heldendichtung Beowulf bezieht Tolkien ausdrücklich auf den christlichen Glauben. Diese nordische Sage aus dem 8. Jahrhundert ist gespickt mit biblischer Terminologie. So zeigt Tolkien am Beowulf-Text, dass Grendel und seine Mutter Abkömmlinge Kains sind: Sie personifizieren die gefallene Schöpfung, sind Feinde der Menschheit und stehen für das Böse. Worauf Tolkien nicht explizit verweist: Die Mutter des Monsters wird in Vers 160 mit dem altenglischen „deorc deaþscua“ („Schatten des Todes“) betitelt - dem Pendant zum angelsächsischen „deorc deaþes sceadu“ des „Crist“ (V 118).

Sehnsuchtsrufe aus Mittelerde
Ohne es zu wissen benutzt Sam im Turm von Cirith Ungol den angezeigten Ausdruck, als er einige Zeilen auf elbisch rezitiert, die unten in sinngemäßer Übersetzung angegeben sind:

A Elbereth Gilthoniel
o menel palan-díriel,
le nallon sí di'nguruthos!
A tíro nin, Fanuilos!

O Elbereth, Entfacherin der [zwölf] Sterne,
die Du vom Himmel herab blickst
Dich rufe ich im Schatten des Todes
wende Deinen Blick mir zu, Du Unbefleckte.

Abermals ist von den „Schatten des Todes“ die Rede und zwar in einem entschieden katholischen Kontext. Hier auf die mariologische Dimension im „Herr der Ringe“ einzugehen, würde allerdings den Rahmen des Beitrags sprengen.

Der christliche Glaube lässt sich bei Tolkien jedenfalls durchgängig als Subtext seines Werkes lesen. In Bezug auf den „Crist“ wollte ich zeigen:
- dass unser Schriftsteller hier die entscheidenden Impulse für seine mythopoetische Arbeit bekam
- wie die angelsächsische Evangeliendichtung seine Phantasie als Linguist förderte und er freigesetzte Energien in sein erzählerisches Werk investierte
- dass er die christliche Licht-Metaphorik in seinem Legendarium ebenso zur Anwendung brachte
- wie er „die Schatten des Todes“ als Bezeichnung für das gefallene Äon übernahm, welches wörtlich der O Oriens-Antiphon der Wintersonnenwende entnommen ist: die „umbra mortis“ meint das vergängliche Reich der irdischen Welt ebenso wie Abrahams Schoß (Mt 4,16), in dem die vor Jesus verstorbenen Gerechten auf die Erlösung durch sein Blut warten. Gerade dieser Aspekt ist für Tolkien interessant.

Erinnern wir uns abschließend, dass ich eingangs von drei Begriffen aus Cynewulfs Adventslyrik sprach, über die Tolkien stolperte: „Éarendel“, „sæton sinneahtes“ aber auch „middangeard“. Das letzte Wort ist für das Legendarium unseres Schriftstellers unzweifelhaft von größter Bedeutung, denn von ihm ist der Name seiner Welt „Mittelerde“ abgeleitet. Tolkien griff die topologische Bezeichnung des angelsächsischen Dichters auf, weil er den gleichen Raum wie er im Blick hatte: „Mittelerde ist keine imaginäre Welt.“ Nachdrücklich weist unser Schriftsteller darauf hin, den Begriff entlehnt zu haben: „,Mittelerde‘ ist übrigens nicht der Name für ein Nie-und-Nimmerland ohne Beziehung zu der Welt, in der wir leben. Es ist einfach eine Verwendung von mittelenglisch middelerde (oder erthe)‚ verändert aus altenglisch Middangeard: der Name für die bewohnten Lande der Menschen ,zwischen den Meeren‘. Und obwohl ich nicht versucht habe, die Gestalt der Gebirge und Landmassen dem anzunähern, was Geologen über die nähere Vergangenheit sagen oder vermuten mögen, soll diese ,Geschichte‘ doch der Einbildung nach in einer Periode der tatsächlichen Alten Welt dieses Planeten stattfinden.“

Tolkien insistiert bei schwedischen Nomenklatur des „Herrn der Ringe“, auf „Midgard“ für „Mittelerde“ zurück zu greifen, womit nicht nur die Verwandtschaft zu dem skandinavischen Wort angezeigt ist, sondern auch die Einbeziehung der nordischen Mythologie von erster Instanz autorisiert ist. Gleichzeitig meint Mittelerde für Tolkien auch das orbis terrarum, sprich die gesamte bekannte Welt der Menschen aus Perspektive des Römischen Reichs.

Zusammenfassend lässt sich also „ Éala Éarendel, engla beorhtast, / ofer middangeard monnum sended“ in der tolkienschen Lesart so deuten, dass in der adventlichen Verheißung der strahlende Éarendel nach Mittelerde zu den Menschen herabgestiegen ist. Oder zurück übersetzt ins Christliche: Der Morgenstern ist über dem Abendland aufgegangen.

Die ursprünglich zwölf Sehnsuchtsrufe der vorweihnachtlichen O-Antiphonen aus den Prophezeiungen des Volkes Israel korrespondieren mit den zwölf germanischen Rauhnächten von Weihnachten bis Epiphanie, dem Fest da das göttliche Licht die Heiden erleuchtete und ihm von drei Weisen gehuldigt wurde. Tatsächlich finden wir in der Edda Hinweise auf den dreifaltigen Gott: Auf einem Hochsitz thronen Har (der Hohe), Jafnhar (der Ebenhohe) und Thridi (der Dritte). Im keltischen Book of Leinster sieht ein Druide beim Tod seines Königs in einem Gesicht das Kreuz Christi, welches in eben jener Stunde errichtet wird. Während der Friedensfürst auf Erden wandelte, soll unter dem dänischen König Frodo ebenfalls eine lange Zeit des Friedens geherrscht haben.

Innerhalb von Tolkiens Werk fällt auf, welche Bedeutung dem Weihnachtstermin bei der Überwindung des Bösen beigemessen wird: In „Bauer Giles“ wird zu diesem Fest ein Drachenschwanz aufgetischt, Bilbo feiert mit Beorn an besagtem Datum seine Rückkehr und Frodo startet an jenem Tag von Bruchtal aus sein Abenteuer.

Diese und viele andere Hinweise sind in Tolkiens Erzählungen angedeutet. Unauffällig wie der Morgenstern leuchten sie, werden aber ebenso gerne übersehen wie die Venus, die wir im Dämmerlicht Sitzenden erblicken könnten, würden wir unsere Augen zum Himmel erheben. Wie Johannes der Täufer ein Fingerzeig auf Christus ist, so auch die Geschichten von Mittelerde. Es sind die Geschichten adventlicher Heiden in einer imaginären Prähistorie Nordeuropas.

Möge Tolkien getreu seinem eigenen Verständnis verstanden werden. Mögen die Sehnsuchtsrufe der O-Antiphonen unsere Herzen auf ganz besondere Weise auch im Jahr des Glaubens erreichen. Möge Christus der König im Abendland herrschen und die Schatten des Todes bannen. Éala Éarendel!

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Interview:Wie katholisch ist der Hobbit?

Beitrag: Die Hobbits und das römische Kalendarium

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Der Hobbit (Das Original zum Film
oder: Hin und Zurück)
von John R. R. Tolkien
Übersetzt von Wolfgang Krege
2012 Klett-cotta, 384 Seiten
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