19 Dezember 2012, 09:30
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Nach typischer Renegatenart führt ein ehemaliger Thomist, ehemaliger Traditionalist und ehemaliger Religionslehrer einen Ein-Mann-Feldzug gegen das Milieu, dem er entstammt. Von Alexander Kissler / Vatican Magazin

München (kath.net/Vatican Magazin) Er ist ein Traditionalist durch und durch – der Autor des Buches, das ich gerade lese. Thomas von Aquin und die Päpste Pius X. und Pius XII. sind seine Fixsterne. Auf die alte, die klassische, lateinische Messe lässt er nichts kommen; sie ist ihm Heimat. Er kritisiert Karl Rahner und Johann Baptist Metz scharf. Rein gar nichts auszusetzen hat er hingegen an Joseph Ratzinger, dem er immer und ausschließlich zustimmt. Von dem heutigen Papst stammt das erste, von Gilbert Keith Chesterton das letzte Zitat in dem Buch, das ich gerade lese.

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Der Autor lässt keinen Zweifel an seinem Standpunkt und an jenem der Wahrheit. Beide befinden sich dort, wo die Tradition ist. Tradition ist nachgerade ein anderes Wort für Wahrheit, zumindest im Raum der Kirche. Deshalb dankt der Autor in der Vorbemerkung zur ersten Auflage Kardinal Alfons Maria Stickler für dessen „Einsatz für das Überleben der klassischen römischen Liturgie“ und in der Vorbemerkung zur zweiten Auflage den Rezensenten Walter Hoeres, Brunero Gherardini und Jens Mersch, allesamt Präzeptoren des kirchlichen Traditionalismus. Sodann schilt der Autor das „alle Traditionen über Bord werfende Experimentieren“ innerhalb der katholischen Liturgie.

Damit ist der Duktus gesetzt, der bis zum Schluss, bis zum Chesterton-Zitat über Thomas von Aquin, beibehalten wird. Der Autor freut sich, dass Pius X. mit „klaren und weitsichtigen Äußerungen“ die „Häresie des Modernismus“ in die Schranken wies. Der Autor plädiert dafür, das Zweite Vatikanum „im Kontext der Tradition“ zu deuten. Er lehnt „die Glaubenssätze des Zeitgeistes“ ab und lobt die „Vorgaben des Lehramts“. Er findet sich selbst wieder in der „eucharistischen Frömmigkeit“ des Aquinaten, die ein Heilmittel sei „angesichts des im heiligen Raum seit mehreren Jahrzehnten um sich greifenden Vandalismus“. Der Autor beruft sich auf Martin Mosebachs „treffende“ Aussagen zum liturgischen Niedergang und kritisiert die nachkonziliare Liturgiereform. Den „die Tradition bewahrenden Charakter der Liturgie“ gelte es unbedingt wieder zu entdecken. Die „Entsakralisierungswelle“ müsse gestoppt werden. Nur so könne die „anthropozentrische Wende des Denkens“ überwunden werden. An Thomas von Aquin, dem „engelgleichen Lehrer“, und der klassischen Liturgie sollen Kirche und Welt genesen.

Genug: Der Autor des Buches, das ich gerade lese, ist Traditionalist durch und durch und ist David Berger. Es ist jener David Berger der Jahre 1999/2000, als „Thomas von Aquin und die Liturgie“ erschien. Der David Berger des Jahres 2012 ist ein anderer, ist Renegat. Nach typischer Renegatenart führt der ehemalige Thomist, ehemalige Traditionalist und ehemalige Religionslehrer einen Ein-Mann-Feldzug gegen das Milieu, dem er entstammt. Diesen Feldzug auf alles Kirchliche auszuweiten, im Namen des Zeitgeists und wider das Lehramt, unter Schmähung des Papstes, ist er offenbar fest entschlossen. Nichts soll mehr erinnern an die Bande, die er einst selbst knüpfte. Berger kämpft den Kampf seines Lebens gegen das eigene Vorleben. Es ist ein öffentlicher Exorzismus am Selbst.

Wir wissen, es waren außertheologische, lebensweltliche, ja geschlechtliche Gründe, die David Berger die Tradition hassen lehrten. Er streitet heute wütend, blind und mit einer großen Dosis Vernichtungsenergie gegen sein Herkommen, gegen das Wissen von einst, den Ehrgeiz von einst, gegen die Menschen von einst, die sich in ihm täuschten und in denen vielleicht auch er sich täuschte. Er will es der Kirche nicht durchgehen lassen, dass sie ihm seine Camouflage gestattete, ihm, dem Traditionalisten mit Kalkül. Ein trauriger, ein bezeichnender Fall: Da kann keine Liebe mehr sein, wo der Hass den Flitter liefert für das Ich. Weihnachten aber wird es uns allen.

Foto Alexander Kissler: © Alexander Kissler







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