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Wie ein Jude seine Bibel malte

7. Dezember 2012 in Kommentar, 2 Lesermeinungen
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Chagall war ein Lichtkünstler, einer der wenigen Maler der Moderne, der Helle und Wärme, Liebe und Hoffnung in seine Bilder einzuzeichnen vermochte. Von Karsten Huhn / idea


Münster (kath.net/idea) Kein Maler des 20. Jahrhunderts schuf mehr Bilder über biblische Geschichten als er: Marc Chagall (1887–1985). Der Jude beschäftigte sich sein Leben lang intensiv mit dem Alten und Neuen Testament. Das Picasso Museum in Münster zeigt nun in der Sonderausstellung „Marc Chagall und die Bibel“ 160 seiner Kunstwerke. Karsten Huhn sah und staunte.

Die Chagall-Ausstellung in Münster ist wie ein theologisches Bilderbuch, eine begehbare Bibel, ein Kurzurlaub für die Seele. Und sie ist ein Wiedersehen mit alten Freunden: Zu sehen sind etwa der Prophet Hesekiel und seine wilden Visionen, Jesajas Voraussage des kommenden Friedensreiches und die Söhne Ephraim und Manasse, die kniend den Segen ihres Vaters entgegennehmen. Jakob weint über dem blutigen Gewand seines verloren geglaubten Sohnes Josef. Im Hintergrund: Josefs Geschwister, die ihren verhassten Bruder in die Sklaverei verkauften. Ihnen ist keine Traurigkeit anzusehen. Das alttestamentliche, erotisch aufgeladene Hohelied der Liebe malte Chagall in rot und rosa, voll Fruchtbarkeit und Leidenschaft. Klar, auch die Schöpfung hat Chagall gemalt: ein grünes Paradies, darin Adam und Eva als Liebespaar, umgeben von Engeln und Blumen.


Frieden und Erlösung

Es sind überwiegend fröhliche, leichte, zarte und sanfte Bilder, in denen viel geträumt wird: Der Pharao träumt von fetten und mageren Kühen, Elia wird im Schlaf sanft von einem Engel angetippt und Samson ruht auf dem Schoß seiner Geliebten. Immer wieder schweben Engel durch die Bilder. Es sind tanzende, verspielte, heitere Wesen. Sie erscheinen Salomo im Traum, sie steigen auf der Himmelsleiter auf und ab. Abraham bewirtet sie. Nur Jakob versucht, einen Riesenengel niederzuringen. Was Chagall alles nicht malt: den garstigen Sündenfall, den Brudermord Kains, den größenwahnsinnigen Turmbau zu Babel. Nicht Zerstörung und Verlorenheit sind seine Themen, sondern Frieden und Erlösung. Chagall wurde in Weißrussland geboren, seine Eltern waren Chassiden, eine jüdische Glaubensausprägung, für die Mystik und Moral, Frömmigkeit und die Suche nach Gottesnähe typisch waren. „Meine Kunst kommt von den Büchern, die ich auf den Pulten und in den Schränken der Synagogen gesehen habe“, so Chagall.

Christus als Beschützer

Als Maler war Chagall überall auf der Welt zu Hause. Er gestaltete Wandteppiche für das israelische Parlament, das „Friedensfenster“ für die Vereinten Nationen in New York, ein Deckengemälde für die Pariser Oper und Glasfenster für Kirchen und Kathedralen. Und immer wieder kehrte er zur Bibel zurück: Er malte Jerusalem, den jüdischen Sehnsuchtsort, und den Auszug aus Ägypten: Die Männer tragen Vorräte, die Frauen halten die Kinder im Arm, Schafe und Hunde laufen mit. Voran geht Mose und über allen steht die Wolke des Herrn. Ungewöhnlich für einen jüdischen Maler: Chagall stellte Christus als Beschützer des jüdischen Volkes dar; Moses mit den zwei Steintafeln in der Hand steht nur am Rand. „Ich kann mir Christus nicht denken aus der Sicht einer Konfession, eines Dogmas“, sagte Chagall. „Mein Christusbild soll menschlich sein, voller Liebe und Trauer.“

Ein Maler der Hoffnung

Chagall war ein Lichtkünstler, einer der wenigen Maler der Moderne, der Helle und Wärme, Liebe und Hoffnung in seine Bilder einzuzeichnen vermochte. Nicht fehlen darf deshalb das Bild vom verlorenen, zurückgekehrten, geretteten Sohn. Und König David, im leuchtend roten Gewand, der in die Harfe greift. Eine düstere Ausnahme ist Chagalls Bild von Abraham, der ein gewaltiges Messer gegen seinen gefesselten Sohn Isaak richtet. Doch selbst dieses Bild ist hoffnungsvoll: Fragend schaut Abraham himmelwärts, von wo ein Engel naht. Dieser erlöst Vater und Sohn von dem schrecklichen Auftrag. Und im Hintergrund wartet ein Opferlamm, das anstelle des Sohnes geschlachtet wird. Warum Chagall immer wieder die Geschichten der Bibel malte? Chagall: „Seit meiner frühesten Jugend hat mich die Bibel gefesselt. Es schien mir – und es scheint mir noch heute – die reichste poetische Quelle aller Zeiten zu sein.“


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