27 November 2012, 11:30
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Böhmens Kirchen sind Selbstbedienungsläden für Kunsträuber. Von Hans-Jörg Schmidt (KNA)

Prag (kath.net/KNA) Der Pilsner Bischof Frantisek Radkovsky hofft dieser Tage auf weltliche Gerechtigkeit. Er hat einen Anwalt beauftragt, einen offiziellen Antrag für die Herausgabe einer barocken Engels-Statue zu stellen, die 1991 aus einer Kirche der Diözese gestohlen worden war und jetzt in einem Wiener Auktionshaus versteigert werden sollte. Zu dieser Versteigerung kam es nicht, das Auktionshaus selbst hatte gemeldet, dass es sich bei der Plastik um Diebesgut handelte.

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Das aus dem Jahre 1752 stammende Werk von Ignac Frantisek Platzer, dem bedeutendsten böhmischen Bildhauer des Spätbarock, tauchte bereits 2009 auf einer Auktion in Deutschland auf. Seinerzeit verhinderte Interpol die Versteigerung. Dass das Kunstwerk daraufhin nicht gleich nach Tschechien zurückkam, hing damit zusammen, dass zum Zeitpunkt des Diebstahls noch keine europäische Richtlinie über die Rückgabe ungesetzlich entfernter Kulturgüter gültig war.

Der Diebstahl in tschechischen Gotteshäusern hat abenteuerliche Ausmaße angenommen. Sage und schreibe neun von zehn Kirchen im Land sind seit 1989 ausgeraubt worden. Die Zahl der entwendeten Kunstgegenstände wird von den Experten mit mehr als 100.000 beziffert. Der Konservator des Prager Erzbistums, Vladimir Kelnar, zählt auf: «Wir haben rund die Hälfte der Kunstgegenstände aus der Zeit der Gotik und der Renaissance verloren. Von dem umfangreichen Bestand aus der Epoche des Barock fehlt mittlerweile ein Drittel.»

Kelnar spricht von einem «unersetzlichen Verlust des historischen Gedächtnisses der Nation». Es gebe zahllose Kirchen, in denen man längst nichts mehr stehlen könne, weil alles Wertvolle schon abtransportiert worden sei. Am schlimmsten betroffen sind den Angaben zufolge die böhmischen Diözesen. Statistiken belegen, dass in der Slowakei oder Polen - Ländern mit einem deutlich höheren Anteil von Gläubigen - weit weniger Kirchendiebstähle registriert werden.

Besonders in der ersten Hälfte der 1990er Jahre häuften sich die Diebstähle. Der Fall des Eisernen Vorhangs ließ Dealer wie Sammler in Westeuropa hellhörig werden. Wurden 1989 von der Polizei lediglich 51 Diebstähle registriert, waren es zwei Jahre später schon an die eintausend Fälle. Diese Statistik lässt außer Acht, dass viele kleinere Diebstähle von den Kirchen schon gar nicht mehr gemeldet werden. Die Aussichten, Wertgegenstände zurückzuerhalten seien einfach zu gering, erklärt Vladimir Kelnar.

Den Dieben spielte auch der Beitritt Tschechiens zur EU und zum Schengen-Raum in die Hände. «Der Wegfall der Grenzkontrollen erleichterte ihnen vieles», sagt Polizeirat Jaroslav Zahalka. Fatal sei zudem, dass nur die wenigstens wiederaufgefundenen Kunstgegenstände zurück nach Tschechien kommen. Dies liegt Zahalka zufolge an der unterschiedlichen Gesetzgebung der EU-Mitgliedsstaaten. Es sei schwer, einem Besitzer nachzuweisen, dass er wusste, dass er Diebesgut sein eigen nennt.

Für den Schutz der Kirchen vor Räubern fehlt es an Geld. Jede Diözese verfügt zu diesem Zweck durchschnittlich über eine Summe von etwa einer Million Kronen (40.000 Euro). Das reicht gerade einmal, um vier größere Kirchen gegen Einbrüche und Diebstähle zu sichern. Dies könnte sich nun jedoch ändern, da die Kirchen laut dem Restitutionsgesetz über deutlich mehr eigene Mittel verfügen können. Als Eigentümer sollten sie größtes Interesse daran haben, ihre Gotteshäuser vor weiteren Plünderungen zu schützen.

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