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'Lebensstil neu denken und Wohlstandskriterien prüfen'

22. November 2012 in Aktuelles, 7 Lesermeinungen
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Kardinal Reinhard Marx fordert bei Vollversammlung der EU-Bischöfe angesichts der Krise ein Überdenken des europäischen Wachstumsmodells


Brüssel (kath.net/pem) Ein Überdenken des „europäischen Wachstumsmodells, dessen Tauglichkeit für das 21. Jahrhundert offensichtlich in Frage steht“, hat der Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (ComECE), Kardinal Reinhard Marx (Foto), gefordert. In der gegenwärtigen Krise werde Europa „vielfach als der kranke Kontinent unseres Planeten“ wahrgenommen, so der Erzbischof von München und Freising am Mittwoch, 21. November, auf der ComECE-Herbstvollversammlung in Brüssel. Eine Chance für Europa könne angesichts der „vielen Konflikte, die sich um knappe Ressourcen, um Nahrung, um Wasser, um fruchtbaren Boden, reine Luft entwickeln“, gerade darin bestehen, „Vorreiter für ein Ressourcen schonendes Wachstumsmodell“ zu sein. Hierfür müssten die Europäer allerdings ihren „Lebensstil neu denken“ und auch ihre „Kriterien für Wohlstand überprüfen“, erklärte Kardinal Marx in seinem Vortrag bei einem Diskussionsabend unter dem Titel „Der Friedensnobelpreis: Ein Weckruf für alle Bürger?“.

Zu einem notwendigen Erneuerungsprozess in Europa gehöre vor allem auch, „die Anstrengungen für Bildung, Wissenschaft und Forschung“ zu stärken. Marx regte zur kritischen Diskussion der Frage an, ob „es in Europa heute deshalb so schwierig ist, mehr öffentliche und private Mittel in Wissenschaft und Forschung zu kanalisieren, weil konsumptive Ausgaben in den öffentlichen Haushalten einen höheren politischen Profit in Form von Wahlerfolgen versprechen und kurzfristige Gewinnausschüttungen volatile Aktionäre zufriedener machen als langfristige Innovations- und Investitionsprojekte?“ Darin zeige sich letztlich ein Mangel „an langfristigen und politischen Projekten und Ideen“, stellte Marx fest und unterstrich: „Das Ziel ,Erhaltung des materiellen Wohlstands‘ greift offensichtlich zu kurz.“

Neben den wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen, vor denen Europa heute stehe und die ein Überdenken des überholten Wachstumsmodells und eine auf Leistungsgerechtigkeit und Solidarität ausgerichtete Soziale Marktwirtschaft forderten, ging Marx auf die politischen und moralischen Aspekte der Krise der Europäer ein. Angesichts des Mangels einer starken gemeinsamen Wirtschaftspolitik und einer politischen Union, deren Fehlen letztlich zur gegenwärtigen Schuldenkrise führten, forderte Marx eine „Neujustierung der Zuständigkeiten zwischen nationaler und europäischer Ebene, die dem Subsidiaritätsprinzip entspricht“ und die „das, was auf nationaler Ebene nicht gelöst werden kann, auf die europäische Ebene hebt“. Mit Blick auf die „moralische Krise der Europäer“ rief Kardinal Marx die EU-Bürger auf zu mehr „jugendlicher Zuversicht in das Gelingen der gemeinsamen Zukunft“, zu „Selbstvertrauen“ und mehr „Kraft, ein gegebenes Versprechen einzuhalten“, und schließlich zu einem „echten Interesse“ sowie zur „Neugierde auf den anderen“.

Kardinal Marx erinnerte in diesem Zusammenhang an das Zweite Vatikanische Konzil, das auch heute noch Anregungen zur Lösung aktueller Probleme geben könne. Die Konzilsteilnehmer vor 50 Jahren ließen sich trotz Kubakrise und Krieg in Algerien „von einer positiven und hoffnungsvollen Sicht der Welt“ leiten, und so sei „auch heute zu wünschen, dass die politischen Verantwortungsträger in Europa mit Zuversicht und freudiger Tatkraft die vor ihnen liegenden Herausforderungen gemeinsam annehmen“. Zugleich müssten sie sich wie die Konzilsväter vor 50 Jahren „um eine neue Sprache“ bemühen, „um sich den Menschen besser verständlich zu machen“. Wie sich die Kirche im Zuge des Konzils deutlich ausgesprochen habe für einen Glauben, der nicht einengt, „sondern befreit“, so müsse sich auch Europa verstehen als ein „gastfreundlicher Kontinent“, dessen „politische Form vor allem eines ist: frei und offen gegenüber dem Rest der Welt“. Und schließlich könne das Konzil mit seinen vier mehrmonatigen Sitzungsperioden über vier Jahre hinweg auch beispielgebend dafür sein, dass sich die Europäer zur Bewältigung ihrer Herausforderungen „die nötige Zeit lassen“. So könnte darüber nachgedacht werden, ob „in der Europäischen Union zum Beispiel alle demokratisch gewählten Abgeordneten der nationalen und europäischen Ebene in einem ausführlichen Beratungsprozess das Projekt Europa neu (er)finden?“.

Zu einer solchen Neu-Erfindung Europas wolle auch die Kirche in Form der ComECE ihren Beitrag leisten, versicherte Kardinal Marx. Die ComECE als „ein Gremium, das sich aus dem nationalen Bezugsrahmen gelöst hat“, wolle daran arbeiten, ein „europäisches Selbstverständnis noch weiter zu vertiefen und in einem Perspektivwechsel konsequent den europäischen Blick einzuüben“. In dieser Hinsicht könnte etwa erwogen werden, „wie die caritative Arbeit noch stärker europäisiert werden kann“, mit deutlichen Signalen konkreter innereuropäischer Solidarität, „zum Beispiel mit Menschen, die in Griechenland, Portugal oder Spanien besonders unter der gegenwärtigen Krise zu leiden haben“. Daneben könnte eine Arbeitsgruppe von Bischöfen, Theologen und christlichen Politikern „aus dem Bedenken der christlichen Quelle Europas heraus einen originellen und weiterführenden Beitrag leisten“ und ein solches Dokument noch vor den Wahlen zum nächsten Europaparlament anbieten. Schließlich regte Kardinal Marx mit Verweis auf das von Papst Benedikt XVI. am 11. Oktober eröffnete Jahr des Glaubens ein „Gebetsversprechen“ an, das die ComECE-Bischöfe in ihren jeweiligen Heimatdiözesen einlösen könnten, und warb auch bei den Orden, Kongregationen sowie geistlichen Gemeinschaften „für ein regelmäßiges ,Europagebet‘“.


Foto Kardinal Marx: (c) Erzbistum München und Freising


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